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4. Dezember 2016
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Leserbrief zur Debatte um die Kapitalismus-Kritik zwischen Götz Eisenberg und Jens Berger

Veröffentlicht in: Ideologiekritik, Leserbriefe, Wichtige Debatten

Die Debatte um die Kapitalismus-Kritik zwischen Götz Eisenberg und Jens Berger ist ausdrücklich zu begrüßen; sie regt zur Beteiligung an der Diskussion an.
In beiden Beiträgen werden wichtige Kritikaspekte erwähnt, und doch lassen sie den Leser einigermaßen ratlos zurück. Allzu eindimensional werden die jeweiligen Argumentationslinien gezeichnet; Positives und Negatives fein säuberlich voneinander getrennt. Dabei käme es doch darauf an, die Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung als Ganzes zu verstehen, schreibt Joke Frerichs.

Um es an einem Beispiel zu demonstrieren: Jens Berger schreibt sinngemäß, Robert Kurz habe viele seiner Kritikpunkte dem Kapitalismus als solchem zugeschrieben, dabei handele es sich in Wirklichkeit um dessen Auswüchse!

Was bitte sind denn „Auswüchse“ des Kapitalismus? Ist die gegenwärtige Bankenkrise ein Auswuchs des Kapitalismus oder nicht vielmehr der legalisierte – wenn auch moralisch bedenkliche – Ausdruck kapitalistischer Profitlogik? Bis zu welchem Punkt ist die Ausbeutung „normal“ und ab wann handelt es sich um einen Auswuchs?

Auch hinsichtlich der Gestaltungsmacht des Politischen bin ich skeptisch; die Politik ist längst ein Getriebener und Verbündeter der Entwicklung und mitnichten willens oder in der Lage, dieser Einhalt zu gebieten. Der Hinweis auf die soziale Marktwirtschaft hilft da nicht weiter; sie war m.E. Ausdruck eines historischen Kompromisses der Nachkriegszeit, als die Kumpanei der großen Unternehmen mit dem Faschismus noch stark im allgemeinen Bewusstsein vorhanden war und sogar die CDU in ihrem Ahlener Programm die Überwindung des Kapitalismus forderte.

Natürlich ist es ebenso wenig hilfreich, die vorkapitalistische Produktionsweise in irgendeiner Weise zu idealisieren; dazu hat Jens Berger viel Richtiges gesagt. Allerdings bleibt er m.E. zu sehr einem gewissem Wachstumsdenken verpflichtet, das längst kritisch zu hinterfragen wäre (vgl. diverse Beiträge von K.G. Zinn in letzter Zeit).

Zum Verhältnis von vorkapitalistischer und kapitalistischer Produktionsweise hat der Dialektiker Brecht im „Dreigroschen-Roman“ in der ihm eigentümlichen, plastischen Weise wunderbare Formulierungen gefunden:
Macheath, der Repräsentant des modernen Kapitalisten, erteilt dem Einbrecher Grooch, der als Vertreter eines überholten, vorkapitalistischen Produktionstyps Raub angesehen werden kann, eine Lektion besonderer Art: „Grooch, Sie sind ein alter Einbrecher. Ihr Beruf ist Einbrechen. Ich denke nicht daran, zu sagen, daß er seinem inneren Wesen nach veraltet wäre. Das wäre zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zurückgeblieben. Sie sind kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? Sehen Sie, noch vor ein paar Jahren haben wir eine ganze Straße gestohlen, sie bestand aus Holzwürfeln, wir haben sie ausgestochen, aufgeladen und weggeführt. Wir meinten wunder, was wir geleistet hatten. In Wirklichkeit hatten wir uns unnötige Arbeit gemacht und uns in Gefahr begeben. Kurz darauf hörte ich, daß man sich nur als Stadtrat etwas um die Auftragsverteilung kümmern muß. Dann bekommt man eine solche Straße in Auftrag und hat mit dem Verdienst dabei, für eine zeitlang ausgesorgt, ohne etwas riskiert zu haben. Ein anderes Mal verkaufte ich ein Haus, das mir nicht gehörte; es stand gerade leer. Ich brachte ein Schild an: Zu verkaufen, Erkundigungen bei XX. Das war ich. Kinkerlitzchen! Wirkliche Unmoral, nämlich unnötige Bevorzugung ungesetzlicher Wege und Mittel! Man braucht doch nur mit irgendwelchem Geld eine Serie baufälliger Einfamilienhäuser aufzurichten, sie auf Abzahlung zu verkaufen und zu warten, bis den Käufern das Geld ausgeht! Dann hat man die Häuser doch auch, und das kann man mehrere Male machen. Und ohne daß es die Polizei etwas angeht!… Man muß legal arbeiten… Man benutzt heute friedlichere Methoden. Die grobe Gewalt hat ausgespielt.“

Brecht war sich natürlich im klaren darüber, dass Gewaltlosigkeit nur die Normalität kapitalistischer Umgangsformen darstellt und dass, wenn es sein muss, auch brutalere Mittel bis hin zum Krieg angewandt werden müssen, um die Interessen des Kapitals durchzusetzen. Immerhin hatte Brecht, als er den Roman schrieb, den Faschismus vor Augen.

Worauf es ankommt ist, dass mit dem Aufkommen bürgerlicher Verkehrsformen (Gesetze; Verträge; Tausch) die Ausbeutungsverhältnisse nicht enden; im Gegenteil. Sie werden schwerer durchschaubar, weil sie legitimiert und staatlich sanktioniert sind.

Die alten, vorkapitalistischen Verhältnisse waren dagegen einfacher, transparenter, das weiß auch Macheath: „Sie warten nur darauf, Verträge machen zu können, dachte Macheath angewidert. Dabei ekelt mich, den einstigen Straßenräuber, dieses Gefeilsche wirklich an! Da sitze ich dann und schlage mich um Prozente herum….Was für eine unwürdige Art, so an den Zigarren zu ziehen und Verträge aufzusetzen! Sätzchen soll ich einschmuggeln und Andeutungen soll ich fallen lassen! Warum dann nicht gleich lieber: das Geld her oder ich schieße? Immer dieses unwürdige Sichverschanzen hinter Richtern…. Freilich ist mit der einfachen, schlichten und natürlichen Straßenräuberei heute nichts mehr zu machen…. Der alte, ehrliche Großgrundbesitz! Wie ist der heruntergekommen! Früher schlug der Großgrundbesitzer dem Pächter in die Fresse und warf ihn in den Schuldturm, heute muß er sich vor ein Gericht hinstellen und den Sohn eines Pächters, der dort als Richter sitzt, mit dem Gesetzbuch in der Hand zwingen, ihm einen Zettel Papier vollzuschmieren, mit dem er seinen Pächter auf die Straße jagen kann. Früher hat ein Unternehmer seine Arbeiter und Angestellten einfach hinausgeworfen, wenn ihnen der Lohn oder ihm der Profit nicht ausreichte. Er wirft sie auch heute noch hinaus, natürlich, er macht auch heute noch Profit, vielleicht macht er sogar mehr Profit heute als früher, aber unter welchen entwürdigenden Umständen! Er muß den Gewerkschaftsführern erst die Zigarren in die ungewaschenen Mäuler stecken und ihnen eintrichtern, was sie den Herren Arbeitern sagen sollen, damit sie gnädigst in seinen Profit einwilligen…. Einen anständigen Menschen würde unter solchen Umständen sein Profit überhaupt nicht mehr freuen, und wenn er noch so groß wäre!…. Natürlich werden auch heute die Massen angehalten zu einem arbeitsamen und opferfreudigen Leben, aber unter welch jämmerlichen Begleitumständen! Man schämt sich nicht, sie erst zu bitten, selber mit Stimmzetteln in der Hand die Polizei zu wählen, die sie niederhalten soll. Der allgemeine Mangel an Haltung macht sich auch hier bemerkbar.“
(Siehe dazu Bertolt Brechts Dreigroschenroman oder: Kapitalismus als Roman)

Brecht bedient sich hier der Satire als Stilmitteln, um die Unterschiede zwischen vorkapitalistischen und modernen Produktionsverhältnissen aufzuzeigen. Manchem wird dieses Denken zu plump erscheinen, zu wenig differenziert. Er verkennt, dass die herrschende Ideologie (Freiheit; Gerechtigkeit; Gleichheit) sich genau dieses Denkens bedient, um ihre Interessen durchzusetzen.

Dazu hat Walter Benjamin das Entsprechende gesagt: „Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilitäten verstehen. Da ist es ungemein nützlich, dass Brecht auf das plumpe Denken den Finger legt… Plumpe Gedanken gehören gerade in den Haushalt des dialektischen Denken, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis.“ Oder anders gesagt: das plumpe Denken formuliert die Interessen in der abstraktesten Form; nur deshalb ist die bürgerliche Ideologie überhaupt so wirksam, wenn sie im Gewande von Freiheit usw. daher kommt. Und deshalb ist es so schwierig, diese Verhältnisse zu kritisieren, da die Medien in unserer Gesellschaft genau dieses Denken transportieren.

Auch dazu ein letztes Zitat von Brecht: „Der Kapitalismus ist in der Praxis konsequent, weil er muß. Ist er aber konsequent in der Praxis, dann ist er inkonsequent in der Ideologie. Die Wirklichkeit kommt dann an den Punkt, wo das einzige Hindernis für den Fortschritt des Kapitalismus der Kapitalismus ist.“ Könnte es sein, dass wir uns an dieser historischen Schwelle befinden?

Mit freundlichen Grüßen
Joke Frerichs

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