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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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20. Dezember 2014
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Eine spät entdeckte Würdigung der viel geschmähten Goldenen Siebziger.

Verantwortlich:

Normalerweise komme ich aus dem Staunen darüber, wie einvernehmlich heute von Rechts bis Links die siebziger Jahre eher als Sündenfall denn als golden betrachtet werden, nicht mehr heraus. Jetzt werde ich durch einen Hinweis von Gerhard Kilper getröstet. Er berichtet von einem Artikel in Le Monde, in dem eine erst jetzt bekannt gewordene internationale Würdigung der deutschen Wirtschaftspolitik der 1970-er Jahre durch den amerikanischen Ökonomen Sydney Weintraub beschrieben wird. Albrecht Müller.

Eine erst jetzt bekannt gewordene internationale Würdigung der deutschen Wirtschaftspolitik der 1970-er Jahre durch den amerikanischen Ökonomen Sydney Weintraub

Von Gerhard Kilper

Zusammenfassung

Nach der im Jahr 1983 geäußerten Meinung des amerikanischen Ökonomen Sydney Weintraub war die in der Ära Schiller/Schmidt praktizierte Wirtschafts- und Finanzpolitik der „Aufgeklärten Marktwirtschaft“ – unter den vielen praktisch möglichen Kapitalismen und Sozialismen – das Modell einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik.

In der Chronik der Ökonomiebeilage der Pariser Tageszeitung Le Monde referierte der Gast-Kolumnist Jean-Marc Daniel in der Ausgabe vom 13. Juni 2007 über die grundsätzliche Kritik des ehemaligen Professors an der Pennsylvania-Universität, Sydney Weintraub (1914 – 1983; Hauptwerk: „Capitalism’s Inflation and Unemployment Crisis“, Edition Addison-Wesley 1978) am Monetarismus, den er als makroökonomischen Denkfehler einstufte.

Als makroökonomischer Inflations-Theoretiker wandte sich Weintraub sowohl gegen seinen Kollegen Samuelson und dessen unkritische Übernahme der Phillips-Kurve (er wurde deshalb von Samuelson zum „einsamen keynesianischen Wolf“ abgestempelt), als auch gegen den sich verbreitenden Monetarismus der Chicago Boys. Ihrer mechanischen Sicht der Quantitätstheorie bzw. Fisher-Identität, die umlaufende Geldmenge sei einziges Kriterium für inflationäre Preissteigerungen, setzte er seine eigene Gleichung p = kw/A entgegen (p – Preisniveau, k – eine je nach Land ausgeprägte Konstante, w – Lohnniveau und A steht für Arbeitsproduktivität; Weintraubs Erklärung inflationärer Preissteigerungen siehe unten).

Daniel berichtet in einem auf die französischen Verhältnisse bezogenen wirtschaftshistorischen Rückblick, durch andauernde und akute Handels- und Zahlungsbilanzprobleme als Folge der expansiven Wirtschafts- und Finanzpolitik des ersten Mitterand-Regierungsjahres sei für Frankreich im Jahr 1982 die Beherrschung der inflationären Entwicklung zum Hauptproblem seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik geworden.

Zwei ökonomische Denkschulen hätten sich damals schroff gegenübergestanden: auf der einen Seite die neoklassisch-orthodox orientierten Monetaristen, die Preissteigerungen eindimensional als Folge zu hoher Nachfrage sahen, die nach ihrer quantitätstheoretischen Logik nur durch drastische Zinserhöhungen und eine Reduktion des Geldumlaufs eingedämmt werden konnten.

Auf der anderen Seite standen die eher keynesianisch ausgerichteten Ökonomen, die in Preissteigerungen die Folge zu hoher Lohnabschlüsse sahen, die als Kosten in der boomenden Konjunktur von den Unternehmen leicht auf die Preise überwälzt werden konnten. Diese Ökonomen lehnten die monetaristische Geldpolitik als unvereinbar mit dem Ziel der Vollbeschäftigung ab, weil diese Geldpolitik in ihrer undifferenziert wirkenden konjunkturellen Bremswirkung nicht nur die Importe einschränke, sondern auch die Binnennachfrage bzw. den Binnenabsatz „brutal“ treffe, damit völlig unnötig Arbeitslosigkeit schaffe bzw. vorhandene Produktionskapazitäten brach liegen lasse.

Diese Sicht des Inflationsproblems bewegte sich auf der theoretisch von Weintraub durch seine Gleichung entwickelten Argumentationslinie. Für Weintraub ist der Glaube, Inflation sei allein oder hauptsächlich eine Geldmengenproblem eine (makrotheoretische) Selbsttäuschung bzw. ein wirtschaftspolitischer Denkfehler. Für ihn sind inflationäre Preissteigerungen das Ergebnis des permanenten gesellschaftlichen Kampfes zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern um die Verteilung des aktuell erarbeiteten Sozialprodukts bzw. Volkseinkommens (bzw. auch um die Verteilung seiner Wachstumsrate). Eine die Inflation bekämpfende Wirtschaftspolitik ist daher für Weintraub primär eine vielfältig aktiv von der Regierung in Gang zu setzende Einkommensverteilungspolitik mit dem Ziel einer „vernünftigen“ Entwicklung der Lohnabschlüsse durch Orientierung an der erwarteten Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aufgabe der Wirtschaftspolitik sei es, durch aktives Eingreifen in den Verteilungskampf (inklusive regierungsamtlicher Verlautbarungen und Stellungnahmen) diesen zu entschärfen, um zu gesellschaftlich vertretbaren Verteilungsergebnissen zu kommen.

Nur bei dieser Art von Wirtschaftspolitik mache auch eine von der Politik unabhängige Zentralbank Sinn, weil dann der Geldpolitik die Funktion zukommen könne, das Einwirken der Politik auf die Tarifpartner begleitend zu unterstützen.

Nach Daniel lehnte Weintraub eine undifferenziert restriktive Geldpolitik der Zentralbank nach monetaristischem Muster strikt mit dem Argument ab, diese löse einen gesamtwirtschaftlich schädlichen Mechanismus aus: sie bewirke (unnötige) Unternehmenszusammenbrüche und Arbeitslosigkeit und schwäche aus sich heraus die Tarif-Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer.

Vor dem Hintergrund des skizzierten politisch-ökonomischen Denkens Weintraubs wird verständlich, warum er in seinem letzten Lebensjahr ausdrücklich die deutsche Wirtschaftspolitik der 1970-er Jahre (mit Konzertierter Aktion und antizyklischer Globalsteuerung) als Modell einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik lobte und warum er am Ende seines Lebens das auch in Frankreich ab 1983 praktizierte, monetaristische Umsteuern aufs Tiefste bedauerte.

Der Kolumnist Jean-Marc Daniel bemerkt zum Schluss seiner wirtschaftshistorischen Chronik, Sydney Weintraub habe sich in seiner Zeit durch seine theoretische Standhaftigkeit gegenüber dem um sich greifenden Monetarismus sehr viele Feinde gemacht und daher den ihm eigentlich „selbstverständlich“ zustehenden Wirtschafts-Nobelpreis nicht bekommen.

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