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8. Dezember 2016
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Medialer Zynismus à la FAZ

Veröffentlicht in: Gesundheitspolitik, Ideologiekritik, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik

Die FAZ macht sich in ihrer Sonntagsausgabe über Leute lustig, die den Kapitalismus für die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die reißerische Überschrift Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten würde. Götz Eisenberg hat den Artikel gelesen und kommentiert.

Medialer Zynismus à la FAZ

„Otto Gross hatte das Dilemma seines Berufs begriffen, dass nämlich auch die psychiatrische Heilmethode auf ein Normalisieren hinauslief, auf ein der Gesellschaft angepasstes Leben, als sei diese zeitlos und nicht in Frage zu stellen. Gerade dagegen aber hatte er sein Leben lang aufbegehrt, und daran war er zerbrochen.“
(Gerhard Roth)

Die Frankfurter Allgemeine macht sich in ihrer Sonntagsausgabe über Leute lustig, die den Kapitalismus für die Ursache psychischer Erkrankungen halten. Schon das Layout der Seite und die reißerische Überschrift Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld erinnern an die BILD-Zeitung, in der man einen derartigen Artikel denn auch eher vermuten würde. „Stress, Erschöpfung, Burnout: Die psychischen Krankheiten seien heutzutage so schlimm wie noch nie, heißt es. Auch ein Schuldiger ist längst gefunden – der ach so böse Kapitalismus. Selten wurde soviel Quatsch geredet. Seelisches Leid gab es immer schon. Doch die Welt ist heute viel schöner als früher.“

So beginnt die Philippika von Bettina Weiguny, die „das Gejammere satt hat“. Es herrsche ein allgemeines Wehklagen und die Schuldigen seien schnell gefunden. „Im Zweifel ist es die Arbeit, dieses Monstrum, das uns Unmenschliches abverlangt“, geht die Schmährede weiter. Dann räumt die Autorin unvermittelt ein, dass die Burnout-Fälle in den letzten zehn Jahren nach oben geschnellt seien und sich die Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen im gleichen Zeitraum verdoppelt hätten. Sogleich fährt sie allerdings fort: „Dabei wird völlig übersehen, dass 99 Prozent aller Deutschen nicht ausgebrannt sind.“ „Nur 0,3 Prozent haben Burnout“, zitiert sie den Soziologen Martin Dornes, der in einem Aufsatz nachgewiesen haben will, dass es keine Belege dafür gebe, dass eine wachsende Anzahl von Menschen von den Anforderungen der Gegenwart überfordert wäre.

Die Logik dieser Argumentation ist derart einfältig und suggestiv, dass man es kaum für möglich hält und darauf reinzufallen geneigt ist. Dabei verfährt sie nach dem Motto: „Die Mordquote soll sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. Nun, bedauerlich, aber denken Sie daran, dass 99,9 Prozent ihrer Mitmenschen keineswegs ermordet worden sind und sich bester Gesundheit erfreuen!“ Frau Weiguny fährt fort, die Ärzte hätten die heute unter Burnout gefassten Symptome früher anders genannt.

Die Burnout-Epidemie sei eine Folge der gestiegenen Zahl von Fachärzten: „Je mehr Fachärzte, desto mehr Diagnosen, desto mehr Kranke.“ Dornes wiegelt weiter ab, indem er behauptet, zu allen Zeiten und in jeder Generation hätten sich 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft erschöpft und müde gefühlt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts habe man das Neurasthenie genannt. Erst der Zweite Weltkrieg habe dieses Epidemie gestoppt, assistiert ihm mit kaum überbietbarem Zynismus der Leipziger Medizinsoziologe Elmar Brähler: „Die Menschen hatten plötzlich andere Sorgen.“ Schon im Ersten Weltkrieg betrachteten die Psychiater den Krieg als „Willenstherapie“. Die ihm vorausgegangene lange Friedensperiode habe psychologisch zersetzend gewirkt, die Menschen träge und willensschwach werden lassen und sie melancholisch auf Untergang gestimmt. Der Krieg wirke hier wie ein großer Therapeut am Volkskörper: Die Menschen reißen sich plötzlich am Riemen und nehmen ihre Friedens-Zipperlein nicht mehr so ernst. Seelische Leiden gelten dieser Art von Psychiatrie als Indikator, dass es den Menschen zu gut geht. Ab und zu braucht man einen Krieg, damit die Menschen sich auf’s Wesentlich besinnen und sich und ihre vermeintlichen Leiden nicht mehr so ernst nehmen.

Man fragt sich, wo die Autorin lebt, wenn sie weiter schreibt: „Die Zahlen der Frühverrentungen sinken seit vielen Jahren. Wir haben mehr Urlaub, interessantere Tätigkeiten und viel mehr Freiheiten als früher. Trotzdem wird die neue Freiheit als Übel schlechthin gegeißelt. Weil sie uns Entscheidungen abverlangt. Eigeninitiative. Ja, sogar Leistung.“

In gewissen Regionen der Gesellschaft, weit oberhalb der Welt der kleinen Leute und ihres Elends, ist es leicht, sich solchen Illusionen hinzugeben und sich in Herren- und Damen-Zynismen dieser Art zu ergehen. Der Artikel gipfelt in der Behauptung, das Buch des französischen Soziologen Alain Ehrenberg Das erschöpfte Selbst und die durch sein Erscheinen ausgelöste Berichterstattung in der Presse hätten die Burnout-Epidemie ausgelöst. Nach alter Manier wird der Bote für die schlechte Nachricht bestraft, die er überbringt. So einfach ist das oder macht man es sich bei der FAZ.

„Medienberichte können eine Welle einer modernen Krankheit auslösen, weil die Leser oder Zuschauer sich in der Erkrankung wiedererkennen“, assistiert Brähler und fährt fort: „Gelitten haben sie schon vorher. Sie hatten nur keinen Namen für ihr Leiden und deshalb nicht den Mut, damit zum Arzt zu gehen.“ Brähler ist sich sicher: „In 50 Jahren wird man über viele der heutigen Erkrankungen lächeln – und an anderen Krankheiten leiden.“ Wieso gehört Mut dazu, zum Arzt zu gehen und sich mit Tabletten abspeisen zu lassen? Mut bewiese man, wenn man sein Leiden streitbar gegen die Verhältnisse wenden würde, die es hervorgebracht haben.

Natürlich kann und muss in einer Gesellschaft darüber geredet werden, wie mit den von ihr produzierten sozialen Leiden umgegangen werden soll, ob man sie zum Anlass einer Diskussion über Sinn und Zweck des ökonomischen Systems nehmen oder sie psychiatrisieren und medizinisieren will. Das ist aber etwas ganz anderes, als diese Leidenserfahrungen schlicht in Abrede zu stellen oder zum Gegenstand von Hohn und Spott zu machen. Wir haben uns für die Medizinisierung entschieden, um die herrschenden Verhältnisse aus der Schusslinie zu nehmen und sie gegen Kritik und Infragestellung zu immunisieren. ADHS, Burnout, Depression, Stress sind im Kern soziale Leidenserfahrungen, die zu individualpsychologischen oder medizinischen Problemen umetikettiert werden. Als solche erscheinen sie ungefährlich und handhabbar. In diesem Prozess der Umcodierung sozialer Leidenserfahrungen in medizinisch-psychiatrische Krankheiten spielen in der Tat die Medien eine große Rolle. Sie liefern den Menschen Schablonen des Krankseins und propagieren die jeweiligen Krankheiten der Saison. Edward Shorter hat diese Mechanismen in seinem Buch Moderne Leiden schon Anfang der 1990er Jahre detailliert beschrieben.

Unsere Gesellschaft lässt es sich etwas kosten, die Ursachen vieler Erkrankungen und menschlichen Leiden bestehen zu lassen und ihre Folgen medizinisch-psychiatrisch zu bekämpfen. Vernünftig und im Sinne einer Ökonomie des ganzen Hauses letztlich auch rentabler wäre es, das aberwitzige Tempo des Alltagslebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenförmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihr Leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression fristen zu müssen. Dann bräuchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht.

Viel schlimmer als der finanzielle Aufwand im Gesundheitswesen wäre es für die kapitalistische Gesellschaft, wenn jene angeblich ehernen Marktgesetze, deren perfekte Grausamkeit man uns gegenüber als ein Naturfaktum darstellt, an das wir uns auf Gedeih und Verderb anzupassen haben, den Menschen plötzlich gestehen würden, dass sie sie ja selbst gemacht haben und also auch verändern können. Der Klassenkampf findet auch auf dem Feld der Wissenschaft statt und gewisse Psychologen haben sich offenbar entschieden, auf der Seite der herrschenden Kapitalordnung in diesen Kampf einzugreifen. Statt ihr Wissen in den Dienst der Befreiung von entfremdeter Arbeit und blinden ökonomischen Mechanismen zu stellen, haben sie beschlossen, es in den Dienst von Unterdrückung und Betrug zu stellen und sich zu Normalisierungsagenten zu machen. Gerhard Roth hat in seinem Buch Orkus (Frankfurt/Main 2011) daran erinnert, dass es durchaus Psychologen und Psychiater gab und vielleicht noch immer gibt, die sich mit dieser ihnen zugewiesenen Rolle schwer taten: „Otto Gross hatte das Dilemma seines Berufs begriffen, dass nämlich auch die psychiatrische Heilmethode auf ein Normalisieren hinauslief, auf ein der Gesellschaft angepasstes Leben, als sei diese zeitlos und nicht in Frage zu stellen. Gerade dagegen aber hatte er sein Leben lang aufbegehrt, und daran war er zerbrochen.“

Im Verlag Brandes & Apsel ist gerade Eisenbergs neues Buch Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie es entfesselten Kapitalismus erschienen.
Siehe dazu die Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten.

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