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Stinkefinger-Gate – wie sich Günther Jauch und BILD bis auf die Knochen blamierten

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Wie sich nun herausstellt, hat Jan Böhmermann die Öffentlichkeit gleich doppelt genarrt. Lesen Sie dazu bitte unseren Artikel „Stinkefinger-Gate II – Wie Jan Böhmermann uns allen eine Lektion erteilt

Wer am letzten Sonntag die Sendung von Günther Jauch gesehen hat, kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Wichtigster Gast war per Fernschalte aus Athen der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. In einem Einspieler präsentierte das Team von Günther Jauch dem Publikum dann (Minute 26:00) eine Szene, die wohl deutsche Pressegeschichte schreiben wird. Im Video zeigt Varoufakis Deutschland den Stinkefinger. Varoufakis verteidigte sich gleich nach der Einspielung mit der Erklärung, das Video sei manipuliert. Dies prallte jedoch am Talkmaster Jauch ab und verleitete den mitdiskutierenden BILD-Kolumnisten Ernst Elitz sogleich zur Unterstellung, Varoufakis würde es mit der Wahrheit halt nicht so genau nehmen – „ich kann mir nicht vorstellen, dass ich hier in dieser Sendung ein getürktes Bild gezeigt wird“. Die Qualitätspresse hielt zusammen und überschüttete Varoufakis am Wochenbeginn mit Hohn und Spott. So weit, so schlecht – doch nun meldet sich der Urheber des Videos zu Wort: Jan Böhmermann, seines Zeichens Satiriker beim ZDF, gibt zu, dass er den Stinkefinger in das Video montiert hat. Nun stehen Jauch, BILD und die versammelten Qualitätsmedien wie begossene Pudel da. Das geschieht ihnen Recht. Von Jens Berger.

Zur Vorgeschichte: Jan Böhmermann ist für seinen subversiven Humor bekannt. Seine Sendung „Neo Magazin Royale“ hat sich den Ruf einer ganz hervorragenden Satire- und Kulturshow weit abseits des Mainstreams zu sein erarbeitet. In seiner Sendung vom 25. Februar veröffentlichte Böhmermann in seiner Sendung das köstlich satirische Musikvideo „V for Varoufakis“, das gegen Ende (3:43) die mittlerweile berühmte Szene enthält, in der Yanis Varoufakis Deutschland den Stinkefinger zeigt.

Wer sich an die Recherche zur Authentizität dieser Szene macht, landet nach ausgiebiger Suche bei der Videoaufzeichnung eines Vortrags den Yanis Varoufakis am 15. Mai 2013 beim kapitalismuskritischen „Subversive Festival“ in Zagbreb/Kroatien gehalten hat. Dort ist die Szene aus dem Böhmermann-Video (Minute 40:32) exakt wiedergegeben. Demnach ist die Szene authentisch? Nun, zumindest ein kleines Indiz hätte auch den Qualitätsmedien ins Auge fallen sollen. Obgleich das Video im Mai 2013 aufgezeichnet wurde, wurde es erst am 12. Februar 2015, also wenige Tage vor der Böhmermann-Sendung, in dieser Version auf YouTube veröffentlich. Alle anderen Videos der Konferenz wurden indes im Mai 2013 veröffentlicht. Aber warum sollte man zweifeln, wenn die Story so schön ins Bild passt und man damit nebenbei auch noch die Glaubwürdigkeit des griechischen Finanzministers desavouieren kann?

Für die meisten Medien war die Sache klar. Für BILD „verliert [Varoufakis] gerade den letzten Rest Vertrauen in Deutschland, indem er der Lüge vor einem Millionen-Publikum überführt wird“ und BILD-Mann „Prof. Ernst Elitz“ (BILD) legt auch gleich nach:

„Ich hatte schon in der Sendung größte Zweifel, ob Varoufakis zu der Stinke-Finger-Geste die Wahrheit sagt. Der Stinkefinger ist in allen Medien gezeigt worden. Dass ist auch Herrn Varoufakis sicherlich nicht verborgen geblieben. Die Geste hat ihm ja ab dem Moment, wo sie bekannt wurde, geschadet. Aber er hat nicht reagiert und nicht dementiert. Erst jetzt, in der Jauch-Sendung, behauptet er, das Video sei falsch, diesen Finger habe er nie gezeigt. Das ist nicht sehr glaubwürdig. Mein Eindruck war: Herr Varoufakis fühlte sich überrumpelt und hat dann einfach mal bestritten, was ihm nicht gefiel.“

Ernst Elitz in der BILD

Es waren jedoch nicht nur BILD und andere Medien, die schnell mit dem Vorwurf der Lüge dabei waren. Allen voran Springers „Chef- Feuilletonist“ Matthias Matussek der via B.Z. nicht nur Varoufakis der Lüge bezichtigt, sondern auch alle Zweifler mit einem Rundumschlag beleidigt: „[Die] gesamte Linke [geht] bei uns an die Decke und versucht, ihren Posterboy mit allerlei Sophismen rauszupauken“, um daraufhin selbst Sophismen zur Lüge in der Politik abzusondern. Auch die so sehr auf Seriosität achtende FAZ weiß genau bescheid: „Griechenlands Finanzminister ist nicht glaubwürdig. Mal leugnet er die Geste mit dem Mittelfinger, dann riesige Finanzlöcher. Dabei ist beides unbestreitbar.“ Und diese sind nur einige Beispiele von vielen. Natürlich wussten auch einige deutsche Politiker sehr schnell bescheid. CDU-Enfant terrible Volker Kauder fand es beispielsweise „nicht akzeptabel, dass ein Regierungsmitglied im deutschen Fernsehen so lügt“.

Der Vorwurf der Lüge wiegt schwer – zumal dann, wenn er sich im Nachhinein als unrichtig herausstellt. In seiner gestrigen Sendung ließ ZDF-Satiriker Jan Böhmermann die Katze aus dem Sack: Sein Team hat die „Stinkefingerszene“ bei der Erstellung seines Musikvideo manipuliert:

Die betreffende Szene wurde dabei im Studio nachgedreht und mittels moderner Techniken wie Motion-Capturing, die eigentlich eher aus Hollywood-Blockbustern wie Herr der Ringe bekannt sind, bearbeitet. Man sorgte sogar dafür, dass das manipulierte Video auf die YouTube-Seite des kroatischen „Subversive Festivals“ hochgeladen wurde. Mit anderen Worten: Yanis Varoufakis hat Recht, Günther Jauch ist auf eine Manipulation der ZDF-Satiriker hereingefallen und die gesamte Medienschar hat sich bis auf die Knochen blamiert.

Vollkommen in Vergessenheit scheint derweil zu geraten, dass das Team von Günther Jauch nicht nur mit gefälschtem Bildmaterial gearbeitet hat, sondern zudem das Zitat zum Einspieler komplett aus dem Zusammenhang gerissen hat. Yanis Varoufakis nimmt die Sache übrigens locker und bescheinigte Jan Böhmermann heute Nacht via Twitter, wie wichtig Satire zur Offenlegung von blinden Nationalismus ist … ob das ein Seitenhieb Richtung Jauch und BILD war?

Natürlich könnte es auch sein, dass Jan Böhmermanns Scoop in eine ganz andere Richtung geht und sein „Making of“ seinerseits eine Manipulation ist. Dann wird das Ganze jedoch ebenfalls in die Mediengeschichte eingehen: Als geniale Lektion, dass man Bildmaterial grundsätzlich skeptisch betrachten sollte. Mit der heutigen Technik ist alles manipulierbar. Wenn das die Lektion aus „Stinkefinger-Gate“ ist, dann sollte sie Gehör finden.


Nachtrag: Die BILD-Zeitung ist selbstverständlich keiner Schuld bewusst und macht sich nun ihrerseits „Sorgen“ um das Image der Medien …

(Julian Reichelt ist Chef von Bild.de)

Wäre es nicht so tragikomisch, man könnte herzhaft lachen.

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