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Alles mitreißen in den Untergang

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medien und Medienanalyse, Wertedebatte

Die nach dem 11. September 2001 entstandene, weltweit verbreitete schizoide Stimmungslage begünstigt kollektive und individuelle Amokläufe. Wir leben seither zunehmend in einem Klima von Gewalt und Krieg. Nach dem – was wir bisher nur vermuten – mutwillig herbeigeführten Absturz eines Airbus‘ mit vielen deutschen Opfern befindet sich Deutschland im Ausnahmezustand. Götz Eisenberg unternimmt den Versuch einer Annäherung an die Ereignisse.

„Von dem Vulkan, der in mir brütet und kocht, hat kein Mensch eine Ahnung.“
(Aus den Memoiren des Amokläufers Ernst August Wagner)

Medialer Vampirismus

Seit am Dienstag vergangener Woche ein Airbus der Fluglinie Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abgestürzt ist, kennt Deutschland kein anderes Thema mehr. Griechenland, Ukraine, Eurokrise, die saudi-arabischen Luftangriffe im Jemen, all das verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die letzte Trauer- und Empörungswelle nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo war gerade abgeebbt, da sehen wir Angela Merkel und François Hollande am nächsten Unglücksort stehen und betroffen in die Kameras schauen. Die Medien berichten rund um die Uhr über die Folgen des Absturzes und überschreiten in ihrer Jagd nach Auflagenhöhe und Einschaltquoten teilweise die Grenzen des guten Geschmacks und journalistischer Sorgfaltspflicht und Rücksichtnahme. Der Boulevard und auch ein Großteil der sog. Qualitätsmedien nährt sich vampiristisch vom Unglück und Leid anderer Menschen. Das ganze Land befindet sich im Ausnahmezustand. Die Fahnen hängen auf Halbmast und allenthalben werden Schweigeminuten und Gedenkveranstaltungen abgehalten. Der Bundespräsident brach eine Südamerikareise ab und reiste nach Haltern am See, um an einer Trauerfeier für 16 Schüler und zwei Lehrerinnen teilzunehmen, die bei dem Absturz ums Leben gekommen sind. Es entstehe ein „Band des Mitleidens und Mittrauerns“, sagte er nach dem Besuch des ökumenischen Gottesdienstes, und fuhr pastoral fort: „In solchen Notsituationen spürt man, dass wir in einer Gesellschaft von Menschen leben und nicht nur von funktionierenden Wesen“.

Homogenisierende Paniken

Die Nachricht über eine solche Katastrophe und die medial groß in Szene gesetzte Suche nach den Opfern und Ursachen vereinen die ganze Nation auf einer affektiven Ebene wie sonst nichts mehr. Die durch die Konkurrenz isolierten und durch den Konsum individualisierten Gesellschaftsmitglieder erleben sich offenbar nur noch in Augenblicken großen Unglücks oder bei Sportevents als zusammengehörig. „Moderne Nationen“, heißt es bei Peter Sloterdijk, „sind Erregungs-Gemeinschaften, die sich durch telekommunikativ (…) erzeugten Synchron-Stress in Form halten.“ Mit Hilfe synchronisierender Hysterien und homogenisierender Paniken versetzen sie sich selbst fortwährend in jene Mindestspannung, die nötig ist, um von Krisen zerrissene Gesellschaften zusammenzuhalten. Alles ist, wie Brecht sagte, „in die Funktionale gerutscht“, und wir benötigen gelegentliche Katastrophen wie das Elbehochwasser, Amokläufe und andere spektakuläre Verbrechen, um uns vorübergehend als Gemeinschaft zu erleben, die sich gegen die Gefahr zusammenschließt. Wie Schopenhauers frierende Stachelschweine drängen sich die zeitgenössischen Elementarteilchen aneinander und laufen Gefahr, sich dabei zu verletzen, was sie schnell wieder auseinandertreibt – zurück in die Kälte ihrer Indifferenz und Isolation.

Obwohl die Untersuchungen der Flugzeugkatastrophe längst noch nicht abgeschlossen sind, scheint inzwischen erwiesen, dass der Kopilot Andreas L., der den Absturz des Airbus mutwillig herbeigeführt haben soll, psychische Probleme hatte und wohl unter Depressionen litt. Er soll sich deswegen in psychiatrischer Behandlung befunden haben. Außerdem soll er, wie die FAZ in ihrer Sonntagsausgabe meldet, Probleme mit den Augen gehabt haben, dem vielleicht wichtigsten Organ eines Piloten.
Depressionen können in schweren Fällen zu so etwas wie einer Versteinerung führen, einen Menschen handlungsunfähig machen und seine Antriebskräfte lähmen. Das berufliche Image eines Piloten zeigt in allen Punkten das genaue Gegenteil: einen aktiven, hellwachen, entschlusskräftigen, zupackenden Menschen, der jederzeit Herr der Lage ist und selbst in Momenten der Gefahr den Überblick behält. In Werbebroschüren sieht man kräftige Männer in gut sitzenden Uniformen, mit blendend weißen Zähnen und einem vertrauenserweckenden Lächeln. Wer möchte schon sein Leben einem depressiven Trauerkloß und Zauderer anvertrauen?

Depression und Aggression

Die Depression ist die am häufigsten diagnostizierte psychische Störung. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass in Deutschland vier Millionen Menschen unter einer Depression leiden und dass gut zehn Millionen Menschen bis zum 65. Lebensjahr irgendwann einmal eine Depression durchleben.

Die Masse dieser Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung und nimmt brav die verordneten Antidepressiva ein. Das Leben Depressiver ist häufig eine ständige Vertagung des Selbstmordes, der für viele von ihnen eine Option ist. Langzeitstudien haben ergeben, dass etwa 15 Prozent aller depressiven Patienten schließlich Suizid begehen. Bekannt ist auch, dass Depressionen gelegentlich eine gehörige Portion Aggressivität beigemischt ist. Diese kann in verschiedene Richtungen gehen. Wendet sie sich gegen die eigene Person, mündet es in den Suizid oder andere strafende und selbstschädigende Handlungen gegen den eigenen Körper. Wendet sie sich nach außen, kann die Amalgamierung von Aggression und Depression sich zu einem explosiven Gemisch verdichten, das man einen „erweiterten Selbstmord“ nennt. Depressive Rückzüge im Vorfeld eines Amoklaufs gelten fast allen Beschreibern als typisch. Man spricht von der Phase des „Brütens“, die dem „Raptus“, dem blutigen Wüten, vorausgeht. In der Folge von Enttäuschungen und Misserfolgen zieht sich der zukünftige Amokläufer von der Außenwelt mehr und mehr zurück in seine seelischen Innenräume, die für das Austragen solcher Energien ungeeignet sind. Sie sind zu eng. Unglückserfahrungen sind dann am explosivsten, wenn ihnen gesellschaftliche Berührung fehlt und sie nur noch in sich rotieren. Seine Wahrnehmungsweise verzerrt und verengt sich und Handlungsalternativen schwinden. Zorn und Wut verwandeln sich in reinen Hass, der auf Entladung drängt.

Bei den Amokläufen der jüngsten Zeit lässt sich eine Dynamik beobachten, die man „medialen Narzissmus“ genannt hat. Der Täter wird von dem Wunsch angetrieben, bekannt und berühmt zu werden. Er genießt im Vorfeld der Tat seinen vorphantasierten posthumen Ruhm, will seinen Abgang grandios in Szene setzen und in seinen eigenen Untergang möglichst viele andere, am liebsten die ganze Welt mitreißen. Der Täter begibt sich sodann ins Epizentrum seiner Kränkungen und verwandelt die Stätte seiner Traumatisierungen in den Ort seines Triumphes. Er lässt sein geschundenes und verkanntes Selbst in einem gigantischen finalen Feuerwerk verglühen.

Die Lufthansa hatte, so war erklärte sie, von akuten Erkrankungen und psychischen Problemen des Kopiloten Andreas L. keine Kenntnis. Das wäre aber sicher nicht mehr lange so geblieben. Irgendwann hätte Herr L. seinem Chef unter die Augen treten und ihn über seine Erkrankung informieren müssen oder andere hätten das an seiner statt getan.

Das Motiv des Verschweigens von wichtigen und dem späteren Täter peinlichen Informationen ist nicht untypisch und spielte auch beim Amoklauf von Erfurt eine zentrale Rolle. Robert S. hatte zu Hause verschwiegen, dass er seit einem halben Jahr nicht mehr zur Schule ging. Das Gutenberg-Gymnasium hatte sich seiner Anfang Oktober 2001 durch einen Akt bürokratischer Exklusion entledigt, nachdem er geschwänzt und Atteste gefälscht hatte. Da Robert S. volljährig war, brauchte die Schule seine Eltern nicht zu informieren. Der Schulverweis entzog seinem Lebensentwurf die Grundlagen und stürzte ihn wegen einer Besonderheit des damaligen thüringischen Schulgesetzes ins Nichts. Ohne jeden Bildungsnachweis drohte er zu dem zu werden, was man im sozialdarwinistischen Jargon der Gegenwart einen „Loser“ nennt. Indem Robert S. den Schulverweis zu Hause verschwieg und so tat, als wäre alles in Ordnung, begann er, wie der Gerichtsberichterstatter Gerhard Mauz einmal gesagt hat, mit seiner Umgebung „Federball mit Dynamit“ zu spielen. Denn zwangsläufig musste der Tag kommen, an dem seine Lügen auffliegen würden, und er seinen Eltern mit dem Geständnis seines Scheiterns unter die Augen treten müsste. Der letzte Tag der schriftlichen Abiturprüfungen wurde so zum Tag der Entscheidung und er beschloss, die Widersprüche, in die er sich heillos verstrickt hatte, gewaltsam zu „lösen“.

Die tödliche Dynamik des Verschweigens

Was bei Robert S. der verschwiegene Schulverweis gewesen ist, könnte bei Andreas L. seine geheim gehaltene Erkrankung gewesen sein. Er wusste, dass er diese dauerhaft nicht würde für sich behalten können und er in der Folge der Aufdeckung seines Geheimnisses Gefahr lief, seine Fluglizenz und damit seinen Traumberuf zu verlieren. Wenn der Beruf verloren geht, geht häufig viel mehr verloren als die Arbeit. Die Berufsrolle ist in unserer Kultur eine zentrale Stütze des Selbstgefühls und fungiert für viele Menschen geradezu als Selbstwertprothese. Der Beruf des Piloten, der ja als Traum von zahllosen kleinen Jungen gilt und von einem gewissen Glamour umgeben ist, versorgt denjenigen, der ihn ausübt, mit narzisstischen Gratifikationen mannigfacher Art und kann seine Vorstellungen der eigenen Grandiosität stützen.

Wenn das für den Kopiloten Andreas L. zutreffen sollte, bekommen wir eine Ahnung von der Dramatik der Situation. Bevor es dazu kommen konnte, die Fluglizenz zu verlieren, könnte er beschlossen haben, seinem Leben ein Ende zu setzen und sich die Schmach der Enthüllung seiner Erkrankung zu ersparen. Der Kollaps des Selbstgefühls und der narzisstische Zusammenbruch gehören zu den bedrohlichsten seelischen Ereignissen. Um sie zu vermeiden, nimmt man mitunter den eigenen Untergang in Kauf.

Das einzige, was in einer solchen Lage helfen könnte und den drohenden Fall aus der Welt hätte auffangen können, wäre ein Netz von emotionalen Bindungen an Freunde oder Verwandte. Wer das Glück hat, in einem solchen Netz von Beziehungen zu leben, die er als bestätigend empfindet und notfalls aktivieren kann, der ist viel besser gegen massive Einbrüche geschützt als jemand, der auf sich allein gestellt ist.

Gefahr droht immer dann, wenn jemand in einer kritischen Lebenssituation nicht den Kontakt und das Gespräch sucht oder findet, sondern sich in ein Lügengebäude und ins Verschweigen zurückzieht. Es gibt ja durchaus so etwas wie ein heilsames Sich-Aussprechen von verdrängten pathogenen Geheimnissen – ein Aussprechen, das einen instand setzt, es irgendwann selbst mit den schlimmsten Wahrheiten und den peinlichsten Kränkungen aufnehmen zu können. Was ausgesprochen werden kann, muss nicht länger ausagiert werden, fatale Handlungen lassen sich durch schmerzhafte Geständnisse ersetzen. Hat Andreas L. möglicherweise den Weg zu ihm nahe stehenden Menschen nicht gefunden? Bei Robert S. war es ein sehr stark auf Leistung zentriertes familiäres Klima, das ihm das Eingeständnis seines schulischen Scheiterns vermeintlich erschwerte oder verunmöglichte.

Ein Klima des Vertrauens

Ein weiterer schützender Faktor wäre in Fällen wie dem des Andreas L. ein von Vertrauen geprägtes Betriebsklima, das psychische Probleme von Mitarbeitern nicht nur als Störung und Leistungsminderung wahrnimmt. Nur, wer nicht von Kündigung und beruflicher Abstufung oder gar Absturz bedroht ist, wird in einer Notlage den Weg zu Kollegen und Vorgesetzten finden.

Psychologen, Psychiater und ein Flugkapitän zeichnen gegenüber SPIEGEL ONLINE ein besorgniserregendes Bild vom Umgang mit psychischen Problemen in der Luftfahrtbranche. Depressionen, Alkoholsucht, chronische Müdigkeit und Überarbeitung werden demnach oft totgeschwiegen. Einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen gebe es nicht, stattdessen herrsche ein Klima von Verdrängung und Karriereangst. „Der Druck vom Management nimmt immer weiter zu“, sagt ein Flugkapitän, der seit 20 Jahren in der Branche tätig ist. „Die Krankschreibungen wegen chronischer Ermüdung und psychischen Problemen haben drastisch zugenommen.“ Mitunter würden deshalb sogar Flüge gestrichen.
Nicht alle betroffenen Kollegen würden sich krankschreiben lassen, so der Flugkapitän, der aus Angst vor beruflichen Nachteilen anonym bleiben möchte. „Die Leute funktionieren trotzdem. Manche schaffen das mit Alkohol oder Medikamenten.“

Nach dem, nach bisherigen Indizien, mutwillig herbeigeführten Absturz wird nun gefordert, die Piloten nicht nur regelmäßig medizinisch, sondern auch psychiatrisch untersuchen zu lassen, gerade so als ließen sich psychische Störungen messen wie Bluthochdruck oder Harnsäure. Von einigen Politikern wird zusätzlich die Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht gefordert – als würde damit eine psychische Störung nicht auch noch vor den Ärzten verborgen.
All die Programme, von denen auf der Suche nach präventiven Möglichkeiten nun die Rede ist, sind durch einen Bindestrich mit dem Begriff „Management“ verknüpft und geben sich schon dadurch als Sozial- und Psychotechniken und als Teil der herrschenden ökonomischen Vernunft zu erkennen. Aus neurowissenschaftlicher Perspektive setzt man auf die Entwicklung von Gehirnscannern, mit deren Hilfe sich potentielle Terroristen und Amokläufer erkennen ließen. Auf dem Weg vom Rechts- zum Sicherheits- und Präventionsstaat werden grundrechtliche Skrupel über Bord geworfen. Es läge durchaus im Interesse der Gesellschaft, sagte der Mainzer Neuro- und Kognitionswissenschaftler Metzinger in einem Interview, „ihre Mitglieder in jungen Jahren zu screenen“, um Dispositionen zu abweichendem Verhalten und späterer Gewalttätigkeit rechtzeitig diagnostizieren und erfolgreich therapieren zu können. Der italienische Arzt Cesare Lombroso, der schon im 19. Jahrhundert behauptete, dass man den „geborenen Verbrecher“ an gewissen anatomisch-physiognomischen Stigmata identifizieren könne, feiert seine Auferstehung in Gestalt einer neurowissenschaftlich aufgeputzten Gedankenpolizei, die sich anheischig macht, Verbrechens-Vorhersagen direkt aus den Gehirnen auffälliger Personen ablesen zu können.

Der Kult des „Winners“

Bevor wir uns der Frage zuwenden, warum manche Suizidanten andere Menschen in ihren Tod mitreißen, muss man sich mit der Frage beschäftigen, warum das Offenbaren einer depressiven Erkrankung als Schande und Kränkung empfunden wird.

„Prominente und Wohlhabende bekommen einen Burnout attestiert, arme Schlucker und normale Leute eine Depression“, sagte mir dieser Tage ein befreundeter Arzt. Während das Burn-out-Syndrom als Veteranenmedaille der Leistungsgesellschaft gilt: „Ich habe alles gegeben und mich dabei übernommen, ich brauche jetzt mal eine Auszeit“, klingt Depression nach Psychiatrie und Versagertum. Wer dem Leitbild des „Winners“, des aktiv handelnden, allzeit fitten, gut gelaunten und erfolgreichen Tatmenschen nicht entspricht, empfindet sich als „Loser“, schämt sich und zieht sich zurück. Er scheidet aus dem Rennen um Erfolg, Karriere und Geld aus, das schon im Kindergarten beginnt, sich in den Schulen fortsetzt und in den Kampf um beruflichen Aufstieg und Erfolg mündet.

Das Problem ist nicht so sehr die Depression, sondern die damit verbundene Stigmatisierung und soziale Ächtung. Der Depressive wird von der Leistungsgesellschaft behandelt wie ein Deserteur, der sich unerlaubt von der „Arbeitsbrigade“ entfernt hat. In einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich über Leistung definiert und Anerkennung an Leistung bindet, hat Depression eine schlechte Presse und Depressive einen schweren Stand. Das kann dazu führen, dass man Zuflucht nimmt zur Lüge und zum Versteckspiel.

Der Pariser Soziologe Alain Ehrenberg deutete schon Mitte der neunziger Jahre die Depression als symptomatische Krankheit unserer Tage. Er arbeitete in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ heraus, wie sich seit den siebziger Jahren das freiheitliche Versprechen der Selbstverwirklichung hinter dem Rücken der so wunderbar Selbstverwirklichten schleichend in einen dämonischen Zwang verwandelte. Indem das authentische Selbst umfunktioniert wurde zum produktiven Motor all unseres Handelns, ist die Erschöpfung vorprogrammiert. Erschöpfung als Dauerzustand aber mündet in Depression, die bei Ehrenberg definiert wird als „Krankheit der Verantwortlichkeit, in der ein Gefühl der Minderwertigkeit vorherrscht. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ Depression, der steigende Konsum von Alkohol und Antidepressiva sind für Ehrenberg Reaktionen auf die Strapazen der den Individuen aufgebürdeten Eigenverantwortlichkeit. („Jeder ist seines Glückes Schmied!“)

Damit hat das Projekt der Moderne – die Befreiung des Subjekts aus überkommenen Bindungen und Traditionen – eine paradoxe Verkehrung erfahren. War die Neurose das Produkt einer repressiven, die Triebe unterdrückenden Gesellschaftsform, so ist die Depression die Kehrseite einer Wettbewerbsgesellschaft, die das authentische Selbst zur Produktivkraft macht und seine Kreativität bis zur Erschöpfung fordert.

Die Depression hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor, in dem wir uns erkennen könnten. Weil wir das nicht riskieren wollen, zerbrechen wir den Spiegel, machen aus der Depression einen genetischen Defekt oder eine hirnorganische Erkrankung und verbannen die Depressiven in Krankenhäuser.

„Going postal“

Als man in den 80er Jahren in den USA im Zuge der Reaganomics dazu überging, die Post zu privatisieren und zu verschlanken, kehrten zahlreiche ehemalige Angestellte bewaffnet an ihren Arbeitsplatz zurück und schossen dort um sich. „Going postal“, aufs Postamt gehen, ist seither in den USA ein Synonym für Amoklaufen. In Frankreich hat die seit einigen Jahren betriebene Privatisierung des Telekommunikationskonzerns France Telecom eine Selbstmordwelle ausgelöst: Innerhalb von nur 18 Monaten haben sich 25 Angestellte das Leben genommen. (Süddeutsche Zeitung vom 30.10.2009) In Europa scheinen noch immer ein eher depressiver Modus der Reaktion auf biographische Brüche und der Modus einer Reprivatisierung gesellschaftlicher Konflikte vorzuherrschen. Die Menschen geben sich selbst die Schuld und versinken in Resignation und stiller Verzweiflung. Wie wir jetzt sehen, muss das nicht unbedingt so bleiben. Wie wir es auch drehen und wenden, am Ende unserer Überlegungen finden wir uns unter den giftigen Bäumen unseres neoliberalen Dschungels vor.

Erweiterter Suizid

„Eine unausweichlich scheinende Katastrophe muss man beschleunigen“, hat Ernst Jünger einmal gesagt, und uns damit einen Fingerzeig geliefert zur Lösung des Rätsels des erweiterten Suizids. Statt passiv zuzusehen, wie dem eigenen Lebensentwurf die Grundlagen entzogen werden, nimmt man die Zerstörung in eigene Regie. Warum aber entschließt sich der Suizidant, in seinen eigenen Untergang andere mitzureißen? Warum geht er nicht auf den Dachboden und hängt sich dort still und leise auf? Warum fährt er nicht mit dem Auto in den Wald und leitet die Abgase nach innen? Entweder ist seine Wut auf die wirklichen und vermeintlichen Verursacher seines Unglücks zu groß oder er ist so narzisstisch, dass ihm der einfache Suizid zu unspektakulär vorkommt. Ein solcher erweiterter Suizid drückt eine ins Negative gewendete Größen- und Allmachtphantasie aus. Der Täter hält sich für Gott oder einen Übermenschen – er schwingt sich zum Herrscher über Leben und Tod anderer auf. Dahinter steht eine spezifische Form von narzisstischer Wut.

Manche Menschen können mit Kränkungen gelassen umgehen. Sie prallen an ihrem intakten Selbstwertgefühl ab, während andere bei vergleichsweise harmlosen und banal wirkenden Kränkungen buchstäblich um ihre Existenz fürchten. Der Rückschlag auf eine erfahrene Kränkung kann dann über die Maßen heftig ausfallen, weil sie so erlebt werden, dass sie auf keinen Fall hätte passieren dürfen.

Im „Zeitalter des Narzissmus“ kommt noch etwas anderes ins Spiel. Wer es nicht schafft, auf gesellschaftlich üblichem Weg Anerkennung zu finden, kann als Negativheld in die Annalen der Geschichte eingehen. Pointiert ausgedrückt: Wer bei „Deutschland sucht den Superstar“ nicht landen kann, kann sich für die bösartige Variante des medialen Narzissmus entscheiden und als Amokläufer Berühmtheit erlangen.
Seit dem Massaker an der Colombine-High-School in Littleton/Colorado im Jahr 1999 spielt dieses Motiv bei einigen spektakulären Amoktaten junger Männer eine dominierende Rolle. „Ich möchte, dass mich eines Tages alle kennen“, hat Robert S. im Vorfeld der Tat einer Mitschülerin anvertraut. Auch den Namenlosen und aus der Welt Herausgefallenen wird auf diese Weise Beachtung gesichert und Bedeutung verliehen. Anerkennungsverluste und -defizite machen Menschen anfällig für das, was Florian Rötzer „Aufmerksamkeitsterror“ genannt hat: Du musst etwas großes Böses tun, um aus dem Nichts der Bedeutungslosigkeit herauszutreten und ein Gefühl des Existierens zu erzeugen. „Rampage killing“ nennt man in den USA einen Typus öffentlichen Mordens, bei dem sich eine private Wut mit der zeitgenössischen Sehnsucht nach medialer Spiegelung zu einer explosiven Mischung verbindet. Diesem Typus des Mordens wird man, wenn die bisherigen Vermutungen und Aussagen aus seinem persönlichen Umfeld zutreffen, auch die Tat des Andreas L. zuordnen müssen.

Das Streben nach perfekter Sicherheit

Noch eine letzte Bemerkung: Die Katastrophe in den französischen Alpen offenbart das vor allem seit 9/11 um sich greifenden Bestreben, jede nur denkbare Sicherheitslücke zu schließen, ein Bestreben, das jedoch gleichzeitig neue Unsicherheiten hervorbringt. Früher durften z.B. Kinder in Begleitung der Stewardess den Piloten in der Pilotenkanzel besuchen, heute hat man das Cockpit derart gegen unerwünschte Eindringlinge gesichert, dass selbst das rettende Eindringen nicht mehr möglich ist. Die nun erwogene und von einigen Fluggesellschaften umgehend eingeführte Zwei-Personen-Regel wird ebenfalls keine perfekte, lückenlose Sicherheit bringen.

Diese Gesellschaft setzt nach Katastrophen, wie der gerade erlebten, auf den Ausbau technisch-instrumenteller Sicherheit, auf Überwachungs- und Kontrolltechniken, an denen gewisse Industrien gut verdienen. Dabei böte allein soziale Sicherheit langfristig erheblich mehr Schutz. Soziale Sicherheit ist ein dynamischer Faktor, der im Wesentlichen durch das in einer Gesellschaft herrschende Klima bestimmt wird, das zwischenmenschliche Akzeptanz und Vertrauen erzeugt oder eben eher unterbindet. Der vom Wettbewerbswahn entfesselte Sozialdarwinismus erzeugt eher ein Klima des Misstrauen und der gegenseitigen Verfeindung.

Aber auch in einer freieren, weniger repressiven Gesellschaft werden wir mit gewissen Risiken leben müssen. Wer nach perfekter, lückenloser Sicherheit strebt, kommt darin um.

Schlussbemerkung

Zu Vorsicht und zur Skepsis auch den eigenen Gedanken und vermeintlichen theoretischen Gewissheiten gegenüber neigend, möchte ich die Möglichkeit nicht unerwähnt lassen, dass mein Versuch, mir und anderen den Flugzeug-Amok verstehbar werden zu lassen, letztlich etwas von einer „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing) haben mag. Vielleicht gibt es ihn doch, den „acte gratuit“, vom dem bei André Gide die Rede ist, also eine letztlich absurde, gewalttätige und zerstörerische Handlung ohne Sinn und nachvollziehbares Motiv. Als jene kleinen überspannten Säugetiere, über die die Katastrophe des Bewusstseins hereingebrochen ist, können wir uns mit quälender Ungewissheit und allzu vielen Schwebezuständen nur schwer abfinden und befriedigen unser Kausalitätsbedürfnis, indem wir Unbekannt-Bedrohliches auf leidlich Bekanntes reduzieren, das sich unserer Verarbeitungsroutine fügt. Alles oder fast alles, was zu Täter und Tat gesagt wird, muss einstweilen im Konjunktiv formuliert werden, und auch da, wo ich ihn nicht verwendet habe, sollte er mitgedacht werden. Aber auch, wenn die Umstände der Tat eines Tages geklärt sein werden, bewahren Gewalttaten wie die, von denen hier die Rede war, letztlich immer etwas Rätselhaftes, zu dem wir mit unseren Erklärungsversuchen nur annähernd vordringen.

Im Verlag Brandes & Apsel ist gerade Götz Eisenbergs neues Buch Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus erschienen. Siehe dazu die Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten.

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