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8. Dezember 2016
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Perlen im Internet: von Münkler bis Freital

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Erosion der Demokratie, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus

Das Projekt Münklerwatch, von Studierenden des Professors der Humboldt-Universität Berlin ins Leben gerufen, hat medial für Aufmerksamkeit für ein Phänomen gesorgt, das sich seit geraumer Zeit im Internet breitmacht. Die Namen wechseln und die Plattformen auch. Manche sogenannte Watchblogs sind online für alle einsehbar, andere existieren nur als Facebook- oder gar „geschlossene“ Facebook-Seite.

NSU-Watch, AfD-Watch und auch Endstation Rechts widmen sich etwa dem sogenannten Rechtsextremismus. Nürnberg 2.0 ist hingegen ein Beispiel aus dem Bereich rechtsextremer Projekte, das Wissenschaftler und Zeitkritiker diffamiert und deren persönliche Daten zu veröffentlichen sucht – ein Erkennungsmerkmal vor allem rechtsgesinnter Blogs bzw. sogenannter „Pranger“. Und auch eine sogenannte Nachdenkseiten-Watch überprüft stets und ständig – im Sinne einer Art Gesinnungs- oder Gedankenpolizei, wie Albrecht Müller derlei Agieren seit einiger Zeit benennt – die politische Ausrichtung der auf NachDenkSeiten.de verbreiteten linkssozialdemokratischen Gesellschaftskritik. Eine Kolumne von Sabine Schiffer.

Ferner gehört auch der Bildblog hier genannt, der allerdings ganz klar Medienlügen aufdeckt und zunächst als reiner Watchblog für die BILD fungierte, dessen Engagement inzwischen jedoch auf die Beobachtung verschiedener Boulevardblätter ausgedehnt worden ist. Solche „Mediawatches“ scheinen eine Ohnmacht zu korrigieren, erfreuen sich steigender Beliebtheit, schießen jedoch auch schon einmal über das Ziel hinaus.

Gerade unbequeme Protagonisten oder Publikationen sehen sich dabei häufig mit einer Denunziationsseite konfrontiert, wie eben auch die wirtschafts- und medienkritischen NachDenkSeiten, die in der Tat zum Nachdenken in einer ansonsten medial doch sehr einhelligen Welt anregen. Soll genau das hier wohl unterbunden werden? Das kritische Nachdenken? Das Anbieten von alternativen Sichtweisen zu einer allumfassenden „There-is-no-alternative“-Suggestion? Und müssen die sogenannten Watchblogs eigentlich anonym agieren, weil ihnen sonst Unbill widerfährt?

Watchblog oder Internetpranger?

Für letzteres sprechen die Morddrohungen gegen die Plattform „Perlen aus Freital“, die rassistische Postings von Internetnutzern veröffentlicht. Im Tagesspiegel wird die Seite fälschlicherweise als „Internetpranger“ bezeichnet, wie sie sich offensichtlich selbst sieht. Dabei dokumentiert sie doch nur öffentlich zugängliche Äußerungen anderer Stellen im Netz – mit den Namen oder Nicks, unter denen dort die Einträge gepostet und also bereits veröffentlicht worden sind. Erfüllt der Tumblr-Blog damit nicht die Kriterien für einen Watchblog? Hier ist angesichts der Morddrohungen gegen die Betreiber klar, warum so ein Portal anonym geführt wird. Oftmals handelt es sich bei anonym geführten Websites aber um eine Art Freifahrschein für Verdrehungen, Lügen und Verleumdungen. Nicht jede Anonymität ist also Ausdruck eines Schutzbedürfnisses für notwendige Kritik; oftmals ist gar das Gegenteil der Fall.

Eventuell ließen sich gar Beurteilungsportale für Arztpraxen oder Lehrer zu diesen Watchblogs zählen, wenn sie von offizieller Stelle eingerichtet worden sind. Hingegen sorgte einst die Beurteilungsplattform Spickmich für Lehrkräfte für Aufsehen. Natürlich kann man dort seriöse Kritik eintragen, jedoch eben auch unkontrollierbar diffamieren – ein generelles Problem anonymer Äußerungsmöglichkeiten im Internet. Inzwischen ist Spickmich zu einer „Nette-Tierbildchen-Posting-Seite“ degeneriert. Und auch aus dem US-amerikanischen Netz schwappt so mancher Trend zu uns herüber, wie etwa die Behauptungen von Djihad-Watch, einer von Robert Spencer betriebenen islamophoben Plattform, die die Vielzahl deutscher Hetzportale in diesem Bereich inspiriert und nicht zuletzt die sogenannte PEGIDA-Bewegung ideologisch flankiert.

Der ansonsten kluge Kommentar zu Münklerwatch vom US-Korrespondenten der FAZ, Patrick Bahners, greift leider genau an dieser Stelle zu kurz: Bahners bescheinigt dem anonymen Posting an sich das Befördern von Ehrlichkeit. Das trifft jedoch nicht automatisch zu: Auch ungerechtfertigte Beschuldigungen können durch Anonymität erleichtert werden. Ob jedoch Münklers Denunziation des Watchblog-Projekts als „asymmetrische Kriegsführung“ übertrieben oder vielmehr seiner Mitgliedschaft in der Clausewitz-Gesellschaft geschuldet ist, verbleibt ungeklärt. In gewisser Weise hat er sogar recht: Es handelt sich wirklich um asymmetrische Kommunikation. Mutige oder feige Anonyme setzen etwas in die Welt, worauf der namentlich Genannte gezwungen wird zu reagieren.

Übrigens kennen dieses Phänomen – und das ist selten genug Medienthema – vor allem politisch aktive Frauen, wie die Boell-Stiftung dank verschiedener Veranstaltungen ergründet hat. Und auch die Autorin dieser Zeilen ist von Verleumdungen im Netz betroffen und immer wieder erstaunt, dass sich so manches ergoogelte Gerücht hält – denn es wäre ein Leichtes, die Behauptungen durch das Lesen von Primärtexten – also tatsächlich von der Autorin verfassten Texten – zu überprüfen. Dazu scheinen selbst im wissenschaftlichen Bereich jedoch nicht alle in der Lage zu sein. Von Medienkompetenz wollen wir gar nicht erst reden.

Wissenschaft 3.0

Aber in der Tat hat Patrick Bahners recht, wenn er im konkreten Fall von Münklerwatch darauf hinweist, dass die Anonymität auch ein Machtgefälle korrigieren kann – denn die Studierenden sind in Bezug auf Ihre Zukunftsplanung dem Professor schlicht ausgeliefert. Umgekehrt wäre es für den Beschuldigten ein Leichtes, durch Livestream seine Vorlesungen öffentlich zu machen und somit für einen Primärtext sowie Transparenz zu sorgen. Dann könnte sich jeder selbst ein Urteil bilden, und vielleicht hätte so die Öffentlichkeit sogar zähmenden Charakter.

Denn interessant ist, dass sich Herfried Münkler, der definitiv elitären Kreisen zuzuordnen ist, nun ausgerechnet durch einen NAZI-Vergleich zu wehren versucht: Die aktuellen Geschehnisse erinnerten ihn an „hochschulpolitische Vorgänge des Jahres 1933„.

Dieser geschichtsrelativierende Ausfall, der den studentischen Bloggern umgehend einen Antisemitismus-Vorwurf in zutiefst antideutscher Manier beschert hat, weist faktisch jedoch wohl mehr auf fehlende inhaltliche Argumente denn auf Nazi-Parallelen der Münkler-Kritik hin.

Was bleibt, ist die Frage, wie man als thematisch vielleicht wenig betrauter User derlei Blogs auf ihre Seriosität oder Unseriosität hin zu prüfen vermag. Denn immer mehr und immer schneller scheint man geneigt, sich dem internetgestützten Hörensagen hinzugeben, wo Google-Algorithmen Recherche und Nachdenken zu ersetzen drohen. Und die Facebookisierung der Kommunikation, die von Verkürzung und Zuspitzung lebt, mag das echte Erkenntnisinteresse wohl kaum vorantreiben.

Dies alles ist einer aufgeklärten Demokratie unwürdig – aber da steht der Verfall der Diskurssitten ja nicht als Ausnahme dar.

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