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18. Dezember 2014
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Buchbesprechung: Jochen Krautz: Ware Bildung

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Krautz beschreibt treffend und faszinierend die Transformation von Bildung zur Ware. Doch wenn er daraus folgert, dass jede Veränderung des Althergebrachten von Übel ist, dann muss er die Vergangenheit idealisieren und verurteilt sich zum Immobilismus.
Von Karl-Heinz Heinemann.

Wer dieser Tage eine Universität besucht, in der gerade die neuen Studiengänge Bachelor und Master eingeführt wurden, weiß, wovon Jochen Krautz spricht: Auf der einen Seite herrscht das Chaos: überfüllte Hörsäle, Studierende, die gebeten werden zuhause zu bleiben und trotzdem ihre Kreditpunkte bekommen, ein Computersystem, das den Studierenden ihre Veranstaltungen zuteilen soll und noch nicht einmal funktioniert. Das hat alles nichts mehr mit Bildung, gar mit forschendem Lernen zu tun.

Der Bolognaprozess, also die Einführung der angloamerikanischen Studienabschlüsse Bachelor und Master, Leistungspunkte, Evaluationen, das geschieht im Namen internationaler Vergleichbarkeit, und damit Deutschland wieder den Anschluss an die universitäre Weltgemeinschaft findet – tatsächlich ist das alles eine groß angelegte Kampagne von Halbwahrheiten und Lügen, findet Jochen Krautz. Das Treffen der Bildungsminister 1999 in Bologna war rechtlich betrachtet nicht mehr als ein privates Kaffeekränzchen, genauso belanglos wie wenn man mit ein paar Freunden eine „Pforzheimer Erklärung zur europäischen Bildungspolitik“ verkündet hätte, meint der an der Wuppertaler Universität lehrende Kunstpädagoge.

Der große Umbau deutscher Hochschulen und die neuen Studiengänge werden weder zu besserer Anschlussfähigkeit deutscher Abschlüsse führen noch zu einer besseren akademischen Bildung. Das ist nur ein Punkt in Jochen Krautz Generalabrechnung mit der Umgestaltung des deutsche Bildungssystems, für die die Schlagworte Bologna und PISA stehen.

Unter dem Zwang der Effektivierung, des Benchmarking, Ranking und der Outputorientierung ist Bildung verloren gegangen, und deshalb stellt Krautz den Bildungsbegriff an den Beginn seiner Kritik. Als Kunsterzieher leitet er ihn anschaulich und gut verständlich aus der Betrachtung eines Reliefs über dem Tor einer tschechischen Volksschule her. Bildhaft und angenehm lesbar wie der Einstieg ist das ganze Buch geschrieben. Bildung als Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung als ein personaler Prozess zwischen Lehrer und Schüler sind verloren gegangen, stattdessen geht es nur noch um die Ausbildung der eigenen Arbeitskraft und der quasi industriellen Produktion von Kompetenzen, um das Human-Kapital der künftigen Ich-AGs.

Von den Diagnosebögen und den Sprachstandstests im Kindergarten über PISA, die über den Hochschulen ausgegossene Sauce Bolognese bis zur Phrase vom Lebenslangen Lernen – all diese Pseudoreformen im Namen von Wettbewerb, Qualität und Effizienz ordnet Krautz ein in das beängstigende Tableau einer marktförmigen und Profitinteressen unterworfenen Reorganisation von Bildung.

Er unterzieht die Begriffe, im doppelten Sinn „Schlagworte“ des Reformsprech einer gründlichen Kritik: Die „Wissensgesellschaft“ zum Beispiel: was ist wirklich neu? Wissen brauchte schon der Neandertaler für seine Werkzeugproduktion, und auch der kleinste Rechner funktioniert nicht ohne Kunststoffe, Flüssigkristalle und Silicon, ein industriell gefertigtes materielles Substrat also. Neu ist aber die Industrialisierung des Wissens, und damit sind wir bei den Modulen der reformierten Hochschule, den Standrads in der Schule und den computerisierten Lernprogrammen.

Oder „Kompetenz“, der zentrale Begriff bei PISA: Warum sind es nicht mehr Qualifikationen, die heute gefragt sind? Kompetenzen umfassen auch Werthaltungen und Motivationen. Sie sollen gezielt vermittelt und dann abgetestet werden – da wird Lernen zu einem totalitären Formierungsprogramm.

Krautz rückt noch einmal gerade: PISA testet nicht Bildung, denn das geht sowie so nicht. PISA als das Produkt von OECD und den global Players in der Testbranche führt an der Öffentlichkeit und den demokratisch legitimierten staatlichen Institutionen vorbei einen neuen Bildungsbegriff ein, und der ist funktionalistisch, auf die Bedürfnisse der modernen Industrie ausgerichtet. Fragwürdig sind die Reformentscheidungen, die unter Berufung auf PISA getroffen wurden: Frühere Einschulung? Das lässt sich ebenso wenig aus PISA ableiten wie die zentrale Abschlussprüfungen. Nichts wird wirklich besser, aber die Testindustrie gedeiht.

In der Hochschule wird Humboldt beerdigt: Der Freiraum, sich als Student eine Zeit lang mit einer Sache um ihrer selbst willen zu beschäftigen, als Hochschullehrer, junge Leute am Prozess der Suche, nicht nach neuen Patenten und Verwertungsmöglichkeiten, sondern nach Wahrheit teilhaben zu lassen wird der Freiheit des Marktes und dem Ungeist des Wettbewerbs geopfert. An die Stelle staatlicher Finanzierung tritt die so genannte Finanzautonomie – eine neue Stufe der Mängelverwaltung. An die Stelle staatlicher Aufsicht treten Hochschulräte, in denen Unternehmensvertreter den Ton angeben. Die Befehlskette geht von den Konzernvertretern über den Universitätspräsidenten zu den Professoren, denn auch die müssen sich dem Diktat der Effizienz unterwerfen: produzieren sie genug Aufsätze? Genug erfolgreiche Abschlüsse? Wenn nicht, dann müssen sie um ihr Institut fürchten.

Auch, wenn Schulen und Hochschulen noch in öffentlicher Hand sind: Sie werden aus sozialen Einrichtungen zu Dienstleistungsorganisationen, und damit wird ihr Geschäftsfeld dem Markt geöffnet.

Schließlich skizziert Krautz eine Hierarchie der Akteure: Ganz oben in den Wolken schweben die Internationalen Konzerne und Lobbygruppen. Da sind wie immer an erster Stelle Bertelsmann und die dazugehörige Stiftung zu nennen. Die Welthandelsorganisation, die den weltweiten Markt für Bildungsdienstleistungen öffnet, die OECD, die unter anderem mit PISA die Ausrichtung von Bildung auf die Produktion von Humankapital besorgt und die EU mit der Bologna-Reform. Das ergibt für Krautz ein geschlossenes Bild, ein wenig zu geschlossen.

Ist jede Bildung, jedes Wissen, alles Lernen allein schon deshalb von Übel, weil es einem ökonomischen Zweck dient? Oder ist es nicht gerade die Dialektik von Bildung, dass der aufgeklärte, selbstbewusste, kritikfähige Mensch auch der handlungsfähige ist, der kreativ und zweckgerichtet arbeiten kann, der einerseits brauchbar ist für alle möglichen Zwecke, aber weil er diese Zwecke durchschauen kann sich auch nicht ohne weiteres missbrauchen lässt?

Weil Krautz in neuen Methoden des Lernens, in neuen Inhalten, in einer Verbreiterung von Allgemeinbildung nichts Gutes erkennen kann, bleibt seine inhaltlich berechtigte Kritik rückwärtsgewandt. Begonnen hat für ihn das Unglück mit dem Sputnik-Schock, also mit der Ablösung der alten Volksschule durch die Hauptschule und mit dem Ansinnen, mehr Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Denn seitdem sind Schulen und Hochschulen Faktoren eines globalen Wettbewerbs. Und seitdem sind sie einem permanenten Reformprozess unterworfen, der niemanden mehr zur Ruhe kommen lässt, weder Lehrer noch Schüler, und in dieser Atemlosigkeit muss die Bildung untergehen, die ja etwas mit Muße zu tun hat. Von der Gesamtschule bis zu Bologna: Alles ist Reform und deshalb in Krautz Augen schlecht. Schade – andere Unworte seziert er sehr genau, doch den einst kritisch besetzten Begriff der Reform überlässt er umstandslos den neoliberalen Okkupanten.

In Krautz’ Reformkritik treffen wir einige alt bekannte konservative Topoi wieder: Wie kann die Abiturientenquote gesteigert werden, wenn nicht eine wundersame Intelligenzvermehrung stattfindet? barmt er. Das sei nur durch Niveauabsenkung möglich. Ein Komplott von OECD und Alt-68ern. Denn die haben alte Orientierungen zerstört. Beispiel: die reformierte Oberstufe, die einen bewährten Bildungskanon aufgelöst hat. Sie verführt die faulen Schüler, also grundsätzlich alle, zur Wahl des bequemsten Weges. Die Folge: unsere Industrie hat zu wenige Ingenieure, weil alle nur noch Pädagogik und Kunstgeschichte studieren. Und die Gesamtschule: Sie ist gescheitert, weil es eben nicht möglich ist, Menschen unterschiedlicher Begabungsstärke gemeinsam zu unterrichten. Mit überzogenen Bildungsansprüchen schicken Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium. Dort scheitern sie zwangsläufig und landen als Verlierer an der Hauptschule. Warum haben die Eltern nicht auf den Rat der Lehrer gehört und ihr Kind gleich auf die Hauptschule geschickt?

Finger weg von Reformen, rät Krautz, und zwar wörtlich. Er malt die Idylle einer Hauptschule, in der junge Menschen mit volkstümlicher Bildung zu arbeitsamen und kompetenten Facharbeitern herangezogen wurden, mit Rechen- und Lesefähigkeiten bestenfalls auf PISA-Kompetenzstufe II, und ein wenig Religion und Heimatkunde, damit sie ihre unmittelbare Umwelt begreifen können. Wo bleibt da der hehre Humboldtsche Bildungsanspruch?

Krautz beschreibt treffend und faszinierend die Transformation von Bildung zur Ware. Doch wenn er daraus folgert, dass jede Veränderung des Althergebrachten von Übel ist, dann muss er die Vergangenheit idealisieren und verurteilt sich zum Immobilismus. Schade.

Jochen Krautz
Ware Bildung
Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie
Diederichs 2007. 249 S, 19,95 EUR

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