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Leserbriefe zu „Kompakte Aufklärung gegen den Kriegseinsatz …“ mit Hinweis auf Orwell und Huxley. Und ein Verweis auf Horst E. Richter.

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech

Der erste Leserbrief: Zunächst besten Dank für den Hinweis auf den erfreulich guten Artikel im Stern. In der zweiten Spalte heißt es dort am Ende des ersten Absatzes: „Ewiger Krieg für den ewigen Frieden.“ Als ich diesen Satz las, musste ich sofort an das Buch „1984“ von George Orwell denken. Während die meisten Menschen dieses Werk hauptsächlich mit der Überwachung sowie der Aussage „Big Brother is watching you“ in Verbindung bringen, finden sich die meisten Kernaussagen in direkter Weise in dem Buch im Buch, „Die Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“ von Emmanuel Goldstein, aus dem der Protagonist Winston Smith im zweiten Teil des Romans von Orwell liest. Albrecht Müller.

Nach vielen Jahren habe ich Orwells „1984“ vor einiger Zeit erneut gelesen und gerade in Teil 2 viele Mechanismen angetroffen, die sich im aktuellen Weltgeschehen beobachten lassen. Nicht zuletzt auch den „ewigen Krieg“, seine Hintergründe und Implikationen sowie die immense Bedeutung der Kontrolle über die Geschichtsschreibung und über die mediale Berichterstattung. Jedem kritischen Menschen, dem diese Ausführungen nicht (mehr) präsent sind, möchte ich ans Herz legen, den Roman von Orwell zu lesen und mit seiner Wahrnehmung unserer Welt abzugleichen.

Der oft vorgebrachte Verweis darauf, dass es sich dabei „nur“ um eine Schilderung eines totalitären Systems im Stile der Sowjetunion unter Josef Stalin handele, ist gefährlich reduktionistisch. Denn einerseits finden sich wesentliche totalitäre Elemente auch in den westlichen Gesellschaften, das sogar in zunehmendem Maße in einer Ausprägung, die an die ehemalige Sowjetunion erinnert. Und andererseits funktioniert die Unterdrückung im Westen subtiler, haben wir es mit einem Hybridsystem zu tun, angereichert mit jenen letztlich noch perfideren Unterdrückungsmechanismen, wie sie in „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley aufgezeigt werden – ein Gefängnis, welches nicht als solches wahrgenommen wird, was systematische, großflächige Repression überflüssig macht. Mechanismen, die bei Orwell in der Unterschicht wirken, was er aber nicht im Detail ausführt. Und die bei Huxley auf die Mittel- und auch Oberschicht ausgedehnt anzutreffen sind.

Schließlich, wenn ich schon zur kritischen Lektüre von „1984“ anrege, so bleibt mir gar nichts Anderes übrig, als auch auf den Essayband „Wiedersehen mit der schönen neuen Welt“ von Huxley zu verweisen. Darin greift Huxley die Hauptthemen seines Romans knapp 30 Jahre später auf, misst sie am Weltgeschehen und kommt zum Schluss, dass sich ein ähnliches System wie von ihm in seinem Roman beschrieben, eventuell schon wesentlich schneller etablieren könnte als dies im Roman der Fall ist. Ein Werk, das wenig Beachtung fand – zu Unrecht. Leider gibt es die deutsche Ausgabe nicht mehr neu zu kaufen. Man kann auf ein gebrauchtes Buch zurückgreifen, darunter etwa auch eine Ausgabe von Piper, die Roman und Essay in einem Band vereint. Oder auf das Original, das es auch neu gibt, sogar in mehreren Ausgaben: „Brave New World Revisited“.

Mit freundlichen Grüßen
G.L., Hamburg

Der Zweite Leserbrief:

Sehr geehrtes Nachdenk-Team

Ich bin, wie wir alle betroffen von dem was gerade in unserem Land vor sich geht. Auf der Suche nach Erklärungen habe ich noch einmal Horst E. Richter “Der Gottes-Komplex“ von 1979 gelesen und möchte in der Folge einen Ausschnitt zitieren, der unsere aktuelle Situation, im Kapitel “Verwandlung des Leids in projektiven Hass. Mittelalterliche und moderne Phänomene magischer Austreibung von Hexen, Rassenfeinden, “erblich Minderwertigen”, Extremisten, Parasiten, “Risikofaktoren”, recht treffend beschreibt.

“….In der politischen Dimension gehören hierzu alle emotional fixierten kollektiven Vorurteilsbildungen gegen Gruppen, Gewohnheiten oder Ideologien, von deren Bekämpfung sich diejenigen eine entscheidende Entlastung von eigenen Schwierigkeiten versprechen, die diesen Vorurteilen unterliegen. Die Betreffenden vernachlässigen eine konstruktive Selbsthilfe, weil sie stereotyp eine Erlösung von ihren Problemen durch Unschädlichmachung der bösen äußeren Einflüsse erwarten. Der Slogan: “Macht kaputt, was Euch kaputt macht” hilft, das eigene Kaputt-Sein oder das drohende Kaputt-Gehen nicht innerlich verarbeiten zu müssen. Je mehr diese projektive Entlastung unentbehrlich wird, um so größer ist die Anfälligkeit für eine beständige Feindsuche und für kritiklose Übernahme von Feindtheorien, auf denen die Eigenwerbung mancher politischer Gruppierungen hauptsächlich beruht. Politische “Erfolge” in der Zurückdrängung des jeweiligen Feindes nützen indessen denjenigen gar nichts, die ohne die Projektion zusammenzubrechen fürchten. Sie dürfen also eigentlich gar nicht das kaputtmachen, was sie angeblich kaputtmacht, denn das wäre das sicherste Mittel für sie, wirklich kaputtzugehen. Man müsste sonst hinter den bestraften “Hexen” immer wieder neue finden oder erfinden, damit das schlimme Spiel ad infinitum fortgesetzt werden kann.

Das in Deutschland eine besondere Neigung zur Leidensabwehr durch Projektion besteht, zeigt unsere jüngste Geschichte zur Genüge. Diese Tendenz kommt darin zum Ausdruck, daß politische Spannungen hier immer wieder leicht zu manifesten oder verschleierten Glaubenskriegen ausarten. Nirgends sonst in der westlichen Welt färben sich die Ideen des Nationalismus so stark mit Phantasien von der eigenen heiligen Berufung zur Erlösung der Welt – gegen das Böse. Diese bereits von Fichte geschürten Vorstellungen erwiesen sich wieder und wieder als taugliches Zündmittel zur Aufstachelung von Kriegsbegeisterung oder zumindest zur Aufhetzung gegen Minderheiten. Die Menschheit werde endlich in Frieden und Freiheit erblühen, wenn Siegfried oder Georg den bösen Drache töte.

Das ist das stereotype Grundkonzept, das sich lediglich in der inhaltlichen Ausfüllung wandelt. Nach dem “Weltjudentum” ist seit längerem der “Weltkommunismus” der große Drachen, in dessen Ausmerzung viele insgeheim das Rezept zur möglichen schlagartigen Beseitigung allen Elends auf der Erde erblicken. Es wäre sicherlich interessant und ergiebig, einmal gründlich sozialpsychologisch die in unserem Land verbreitete Antikommunismusstimmung auf die ihr beigemischten Anteile von archaisch-magischen Phantasien zu überprüfen. Allerdings liegen einige klassische Symptome offen zutage, die eindeutig auf die Wirksamkeit des erläuterten Projektionsmechanismus schließen lassen:

Dazu gehören unter anderem projektierte Wahrnehmungseinengungen und -verzerrungen: Man sieht Aggression, Imperialismus, Menschenrechtsverletzungen nur auf einer Seite der Welt. Fernerhin gehört dazu eine Bereitschaft zu einer generalisierenden Entwertung: Man bezieht die im kommunistischen Machtbereich lebenden Völker in allgemeine Klischeevorstellungen von Unkultiviertheit, Primitivität, Aggressivität ein.

Auf der gleichen Linie liegt die ins Paranoide gesteigerte Befürchtung, im eigenen Lager von Feinden unterwandert, verführt, angesteckt und verdorben zu werden: Wo sich im eigenen Kreis Kritik meldet, wo Arbeiter und Gewerkschaften unbequeme Forderungen stellen, wo die Frauen gegen Sexismus, die Studenten gegen Hochschulmißstände, die Schüler gegen Mängel des Schulwesens, wo die Bürgerinitiativen gegen Kernkraftwerke protestieren, wittern viele sogleich stereotyp östliche Fernsteuerung. Oder sie unterstellen zumindest “Infizierung” durch das sozialistische Gift. Ein typisches Merkmal der Verteufelungsstrategie ist die dem Feind zugetrauten Fähigkeiten, sich auf allen erdenklichen dunklen und geheimnisvollen Wegen der Seelen zu bemächtigen und überall Verderbnis zusäen. Dieser magische Hintergrund erklärt die hektische Fahndung nach “Sympathisanten” und vielleicht schon vom Bösen Besessenen. Die für das Ausland ganz unverständliche, hierzulande mit größtem administrativen Aufwand betriebene Observierung, Durchleuchtung, Registrierung und berufliche Behinderung von Linken bis hin zu schlichten Radikaldemokraten rechtfertigt sich eben durch diese magische Dämonisierung des Feindes. Damit die Kinder in den Schulen, die Studenten in den Universitäten, die Beamten in den Behörden als den viralen Zentralorganen des Staates vor Ansteckung bewahrt werden, muss man sie konsequent von den Agenten fernhalten, die nur darauf warten, allmählich unsere sämtlichen Institutionen mit ihrem Gift zu infiltrieren und zu zersetzen. Die panische Berührungsangst hat ausgeprägt symptomatischen Charakter.

Ein letztes Symptom des archaischen Projektionsmechanismus zeigt sich darin, daß die ihm Unterliegenden, wie intelligent sie auch sein mögen, keinerlei logischen Belegen mehr zugänglich sind, die sie an sich dazu zwingen müssten, falsche Vermutungen und Generalisierungen zu revidieren. Weil sie es aus emotionalen Gründen nicht wollen, können viele gar nicht mehr Unterschiede zwischen demokratischen Sozialismus und östlichem Staatskommunismus, ja nicht einmal zwischen linksliberalen Positionen und Marxismus machen. Der Terrorismus ist für sie nur eine logische Fortsetzung von Links, usw … ”

Mit solidarischen Grüßen

Anke Z.

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