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Von Laubbläsern, Smartphones, menschlicher Würde und Mitleid im Winter

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Innen- und Gesellschaftspolitik, Wertedebatte
Götz Eisenberg

Der Sozialwissenschaftler, Publizist, Gefängnispsychologe und regelmäßige NachDenkSeiten-Gastautor Götz Eisenberg [*] wagt in diesem Jahr einen „etwas anderen Jahresrückblick“. Heute präsentieren wir Ihnen den zweiten Teil. Gestern erschien bei uns der erste Teil unter der Überschrift „Von Algorithmen, Erinnerung, Pegida, Resilienz und Wölfen“.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Samstag, der 11. Juli 2015

Der Hausmeister des Nachbarhauses geht mit der Zeit. Er hat den guten alten Reisigbesen, mit dem er bislang am Samstagvormittag den Hof kehrte, gegen einen Laubbläser vertauscht. Nun geht er voller Besitzerstolz eine Stunde lang mit diesem Gerät über den Hof. Es bereitet ihm sichtlich Vergnügen, das Gerät in der Hand zu halten und zu sehen, was für ein starker Strahl aus ihm hervorschießt. Er selbst trägt währenddessen einen Ohrenschutz gegen den infernalischen Lärm von 80 bis 100 Dezibel, den das Gerät erzeugt. „Und was ist mit uns, die wir auf dem Balkon beim Frühstück sitzen“, fragt U., nach einer halben Stunde sichtlich genervt, „eigentlich müsste er an die Nachbarn solche Ohrenschützer verteilen.“

„Das gewöhnliche Unglück tritt ein“, heißt es bei Wilhelm Genazino, „wenn ein Mann und eine Maschine zueinander finden“, und er stellt die Gleichung auf: Mann + Motor = Lärm. Das gilt besonders fürs Wochenende, wenn die Zeit der rasenden Heimwerker anbricht. Überall heulen Bohr-, Schleif- und Fräsmaschinen auf, Rasenmäher, elektrische Heckenscheren und Hochdruckreiniger werden angeworfen. Besonders schätze ich es, wenn sich das Gejaule von verschiedenen Laubbläsern in der näheren und ferneren Umgebung zu einer Kakophonie der übelsten Sorte mischt. Oder: Ein Laubbläser stellt nach einer halben Stunde sein Geheul ein, man atmet auf und lehnt sich entspannt zurück, da fängt im übernächsten Hinterhof der nächste an. Die nahezu unablässige Beschallung durch solche Geräte setzt in mir Phantasien frei, die man aus den Höllen von Hieronymus Bosch kennt. Ich spüre das unabweisbare Verlangen, die Erfinder, Hersteller und Käufer von Laubbläsern und anderen Spießerentfesselungsmaschinen aufs Rad zu spannen, sie zu vierteilen, ihnen die Zehennägel mit der Zange rauszureißen, den Dreizack in den Arsch zu rammen und sie in Knochenmühlen zu zermahlen.

Wer sich jetzt aufregt, der sei darauf hingewiesen: Auf der Probebühne der Phantasie ist alles erlaubt. Solche Phantasien sind keine Gewalt, sondern ein Schutz vor ihr. Sie fungieren als seelischer Schadenschnelldienst. Wer sich Gewalt- und Rachephantasien versagt, der droht eines Tages zum Amokläufer oder vom Krebs zerfressen zu werden.

Donnerstag, der 23. Juli 2015

Ich gehe immer öfter mit einem Buch in der Hand durch die Stadt. Manche Menschen verstehen meine kleine Demonstration gegen den Handywahnsinn und geben sich durch ein Lächeln als Bücherfreunde zu erkennen.

Vorn im Park sitzt seit Monaten eine junge Frau auf einer Bank und liest. Einmal habe ich sie sogar bei Regen dort sitzen und lesen sehen. Wann immer ich einen Blick auf den Einband werfen kann, sehe ich, dass sie schlechte Bücher liest. Ich überlege, ob ich ihr mal ein gutes Buch schenken soll, habe es aber bisher noch nicht getan. Die Geste wäre zu aufdringlich und belehrend. Ich hoffe, sie findet irgendwann selbst zu guter Lektüre.

Mittwoch, der 29. Juli 2015

In Holland sah ich neulich, dass die Müllabfuhr auf den Dörfern automatisiert worden ist. Ein Müllwagen fährt durch die Straßen, greift die Tonnen, leert sie und setzt sie wieder ab. Ein einziger Mensch ist noch nötig, um den Wagen zu lenken, die übrigen Müllmänner sind wegrationalisiert worden und verschwunden. Dieser Tage las ich, dass die Produktion von führerlosen LKWs bereits ins Versuchsstadium eingetreten ist. Demnächst werden also auch die LKW-Fahrer ins stetig wachsende Heer der Überzähligen und Arbeitslosen eingehen. Das Kapital emanzipiert sich von der menschlichen Arbeitskraft und vermehrt sich in einer tautologischen Selbstbewegung. Die Null nullt und gebiert noch mehr Nullen.

Matthias Egersdörfer fiel mir ein, der in einer seiner Nummern über eine führerlose U-Bahn am Schluss sagt, eigentlich brüllt:

Da fragt sich: Wenn der Totenreichtraum des Kapitals, das kein variables Kapital, also keinen U-Bahn-Kapitän, keine Bibliothekarin, keine Kassiererin im Schwimmbad, keinen Spaßmacher und keinen Eintrittskartenkäufer mehr braucht, wenn der erfüllt ist; wenn nur noch das Geld und die Maschinen die Welt beherrschen und kein Menschengesindel mehr stört – was macht das Kapital dann? Frisst das Geld selber die Schnitzel? Wofür gibt es sich selber aus? Geht das Geld in die Kneipe, schmeißt eine Runde und säuft sich mit einer lustigen Mannschaft zugedröhnter Drohnen einen an? Ficken sich Geld und Maschinen gegenseitig? Wäre das nicht eine gigantische nekrophile Sauerei?
Oder wichsen die Drohnen einfach so vor sich hin? Und das Geld guckt zu und wird geil dabei?

Sonntag, der 9. August 2015

Dieser Tage begegnete mir vor der Haustür ein junger Mann. Er hatte die Haare kurz geschnitten und einen dieser getrimmten Bärte, wie sie heute viele junge Männer haben. Er trug ein Baby in einem Tragetuch vor seiner Brust. Mit der einen Hand stützte er das Kind etwas ab, in der anderen hielt er sein Smartphone, auf das sein Blick und seine Aufmerksamkeit gerichtet waren. Das Smartphone befand sich direkt neben dem Kopf des Kindes. Das Kind sieht, dass der Vater in seine Richtung schaut, aber sein Blick geht knapp daneben. Das Kind sucht die Augen des Vaters, findet sie aber nicht. Unsicherheit und Angst beschleichen das Kind, die durch den Kontakt zum Körper etwas gemildert werden und ihren Umschlag in Panik verhindern. Noch verstörender ist es, wenn das Kind die Stimmen seiner telefonierenden Eltern hört und gleichzeitig registriert, dass sie nicht ihm gelten. Stets bin ich verwundert, wenn ich solche Szenen beobachte, dass Eltern nicht spüren, was sie ihren Kindern antun, welche Missachtung darin liegt, dass sie in ihrer Gegenwart mit einem Gerät befasst sind, statt sich dem Kind zu widmen. Bestimmte Formen von Grausamkeit werden unter unseren Augen normal, so dass sie als Grausamkeit nicht mehr wahrgenommen werden. Was diese neuen Formen der Missachtung des Kindes in dessen Innerem anrichten, wie sie die sich bildende Identität beschädigen, werden wir erst später erfassen – wenn es für Korrekturen zu spät sein könnte. Was abgestorben ist, ist unwiderruflich dahin und kann nicht auf Befehl von oben wiederbelebt oder synthetisch nachproduziert werden. „Der wirkliche Gegensatz zur Liebe ist Gleichgültigkeit, die jede Liebe unmöglich macht. Gleichgültigkeit gegenüber den wichtigen und bedeutsamen Erlebnissen und Erfahrungen des Kindes auf der ersten Lebensstufe führt zu zerstörerischen Konsequenzen, wenn sie zur kollektiven Haltung einzelner Gruppen oder ganzer Gesellschaften wird, die sich auf diese Weise den eigenen Untergang bereiten“, schrieb Tobias Brocher in seinem Buch Stufen des Lebens.

Sonntag, der 18. Oktober 2015

Vor ein paar Tagen hörte ich während des Frühstücks auf Deutschlandradio-Kultur mit halbem Ohr einen Beitrag über neue Bücher zum Thema Hoffnung. Hoffnung sei „eine wichtige Ressource“, hörte ich die Sprecherin sagen, und ich zuckte zusammen. Hoffnung könne gelernt und dann gezielt eingesetzt werden. Sie sei „der Schlüssel zum Glück“. Ein gesteigertes „Hoffnungsniveau“ könne zum Beispiel Heilungsprozesse bei Schwerkranken befördern und der Bewältigung anderer Lebenskrisen dienlich sein. Es wird nicht mehr lange dauern und Volkshochschulen und Krankenkassen bieten Kurse an unter dem Titel: Hoffen leicht gemacht, Hoffen leicht gemacht oder: Selbstoptimierung durch Entwicklung von Hoffnungspotenzialen.

Jetzt wird auch noch die Hoffnung ökonomisiert und in eine ausbeutbare und jederzeit abrufbare Ressource verwandelt. Gut, dass Ernst Bloch das nicht mehr miterleben muss. Für ihn waren Tagträume und Hoffnung transzendierende Kräfte und Ausdruck der Sehnsucht nach dem ganz anderen. Menschen träumen sich aus ihrem Gefängnis heraus ins Offene, in die Zukunft des Noch-nicht-Gewordenen. Im Prinzip Hoffnung heißt es: „Die Hoffnungslosigkeit ist selber, im zeitlichen wie im sachlichen Sinn, das Unaushaltbarste, das ganz und gar den menschlichen Bedürfnissen Unerträgliche.“ Die Hoffnung macht die Menschen weit, statt sie zu verengen. Die Hoffnung erträgt kein Hundeleben. Der Mensch ist wesenhaft von der Zukunft her bestimmt. Sie ist der Projektionsraum seiner Sehnsüchte und Entwürfe. Ohne Träumen nach vorwärts beginnt das Leben abzusterben. Bei Manès Sperber heißt es ganz gleichsinnig: „Der Mensch kann nicht leben ohne zu hoffen. Der Mensch ist ein prospektives Wesen. Wenn ich jetzt glauben müsste, dass ich in der nächsten Stunde nicht mehr sein werde und es kein Morgen für mich gibt, dann habe ich auch keine Gegenwart mehr. Die Gegenwart stirbt ab, wenn sie nicht gleichsam als Stufe erlebt wird, die zum Morgen führt.“

Nun soll auch die Hoffnung ins Bestehende zurückbetrogen und domestiziert werden. Ihr werden die Flügel gestutzt, damit sie sich nur noch auf dem Boden der sogenannten Tatsachen und im Gehege der etablierten Wirklichkeit bewegen kann. Zu den unumstößlichen Tatsachen des Menschen gehört, dass ihm die sogenannten Tatsachen nicht genügen. Hoffen wir, dass das Projekt der Vereinnahmung der Hoffnung als Schmieröl des herrschenden Betriebs nicht gelingt und sich ihre vagabundierende, anarchische Kraft behauptet.

Mittwoch, der 28. Oktober 2015

In den Zehnuhrnachrichten von Deutschlandradio Kultur höre ich: Die Flüchtlingskrise trübt die Konsumlaune der Deutschen. Zum dritten Mal hintereinander sank der Konsumklimaindex, der die Konsumneigung der deutschen Privathaushalte misst. Eine Beobachtung von Sartre im Warschau der 1950er Jahre fällt mir ein. Er sah dort Plakate in den Stadt hängen, auf denen stand: Die Tuberkulose hemmt die Produktion. Für Sartre war das ein Ausdruck einer Perversion: Die Menschen sind zu bloßen Anhängseln der Warenproduktion geworden, die sie zwar in Gang gesetzt haben, die sich aber im Prozess der kapitalistischen Akkumulation mehr und mehr verselbständigt, bis sie die Menschen als Anhängsel hinter sich her schleift. Im Sinne Kants ist die kapitalistische Produktionsweise zutiefst unmoralisch, denn Moral verbietet es, den Menschen als Rohstoff oder Mittel zum Zweck zu benutzen. Kants Moralphilosophie legt uns die Pflicht zur Revolution auf. Der Mensch als Subjekt der moralisch-praktischen Vernunft ist über allen Preis, über alle Käuflichkeit erhaben. Als Person ist der Mensch um seiner selbst willen zu schätzen, das heißt er besitzt Würde. Der Mensch verdient als Mensch und nicht aufgrund von Leistungen Achtung. Alle Menschen sollten daher so miteinander umgehen, dass sie ihrer aller Würde nicht verletzen. Sie sollten sich nicht als bloße Mittel gebrauchen und auch nicht gebrauchen lassen. Kein Mensch darf einen anderen Menschen instrumentalisieren.

Samstag, der 7. November 2015

Gestern hörte ich auf Deutschlandradio Kultur einen Beitrag aus der Reihe Alltag anders, in der Korrespondenten aus allen möglichen Weltgegenden über Facetten des dortigen Alltagslebens berichten. Gestern ging es um das Thema Smartphone. Das Erschreckende war, dass es aus Peking, London, Singapur und Mexiko-Stadt übereinstimmend hieß: Jeder hat ein Smartphone, führt es überall mit sich und lässt es nicht aus den Augen. In öffentlichen Verkehrsmitteln in Peking gibt es kaum jemand ohne Smartphone, in London sitzen vier Menschen um einen Tisch und speisen und beschäftigen sich nicht miteinander, sondern mit ihren Telefonen. In Singapur gehen die Menschen durch die Stadt und laufen Gefahr, überrollt zu werden oder zusammenzuprallen, weil sie unentwegt auf ihre Smartphones starren. Der Titel der Sendung wird durch den Inhalt widerlegt: Nicht Alltag anders, sondern Alltag homogen müsste es heißen. „Das Schönste in Tokio ist McDonald’s. Das Schönste in Stockholm ist McDonald’s. Das Schönste in Florenz ist McDonald’s. Peking und Moskau haben noch nichts Schönes“, sagte Andy Warhole Mitte der 1970er Jahre. Das ist inzwischen anders: Auch Moskau und Peking sind in die Welteinheitskultur eingemeindet worden, haben ihre McDonald-Filialen und sind online. Es scheint sich um eine planetarische Seuche zu handeln. Die ganze Welt befindet sich im Datenrausch. Die Enthüllungen von Edward Snowden haben daran nichts geändert. Die Leute wissen Bescheid, ändern aber ihr Verhalten nicht. Sie liefern sich freiwillig und begeistert den Überwachungspraktiken aus.

Schon berichten Neurowissenschaftler, dass die Daumenfertigkeit auf dem Smartphone das Gehirn der Nutzer verändert. Es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis das Handy nach innen wandert und die Gehirne ersetzt. Schon jetzt werden große Teile der ursprünglich menschlichen Vermögen in Maschinen ausgelagert. Sie verkümmern in diesem Prozess und werden irgendwann absterben. Die Menschen verwandeln sich in Anhängsel der von ihnen selbst geschaffenen Geräte und Maschinen, bis sie selbst zu Maschinen werden.

Freitag, der 13 November 2015

An oder in der Tür der Innenpforte des Butzbacher Gefängnisses hat der 125 Jahre währende Gebrauch des Schlüssels eine Mulde in die massive, eichene Tür gegraben oder geschabt. Während man die Tür mit einem gewöhnlichen BKS-Schlüssel öffnet und schließt, schabt der Bart des sogenannten Knochens, des großen Gefängnisschlüssels, den man im Inneren des Gefängnisses zum Öffnen der Zellen benötigt, über das Holz. Jede einzelne Berührung zwischen Schlüssel und Holz mag flüchtig und folgenlos erscheinen, als Teil einer endlosen Serie von Schließvorgängen gräbt sie sich langsam in das so unveränderbar wirkende Material ein.

Welche Spuren, denke ich manchmal, hinterlässt der ständige Gebrauch des Schlüssels in der Seele des Schließenden? Wer andere einschließt, schließt sich selbst mit ein, oder mit den Worten Kants: Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir. Jedes Vergehen gegen die Menschenwürde zerstört die Würde in uns selbst. Wie steht es nach dreißig Berufsjahren im Gefängnis und der jahrzehntelangen Teilnahme am Wegsperren anderer Menschen um meine Würde? „Eine der Tragödien des Gefängnislebens liegt darin, dass es das Herz eines Mannes zu Stein macht“, schrieb Oscar Wilde nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Dieser Satz gilt nicht nur für die Häftlinge, denen es mitunter gelingt, dieser Versteinerung durch die Entwicklung von Brüderlichkeit und Solidarität zu entgehen, sondern vor allem für Menschen, die dort arbeiten und die sich im Laufe der Jahre zur bloßen Negation des Gefangenen entwickeln, zum personifizierten Nein. Sie negieren den Gefangenen und indem sie ihn wegschließen, schließen sie immer aufs Neue den Teil der eigenen Person mit ein, der ihnen fremd und bedrohlich geworden ist.

Samstag, der 5. Dezember 2015

U., die als Sozialpädagogin an einer Grundschule in einem sogenannten Problemviertel arbeitet, erzählte mir heute Morgen von zwei Beobachtungen, die sie gestern gemacht hat. Sie unterrichtete in einer ersten Klasse. Ein türkischstämmiger Junge sei derart laut und aggressiv gewesen, dass sie ihn nach mehrfachen erfolglosen Ermahnungen der Klasse verwies und vor die Tür schickte. Nach einer Weile öffnete sie die Tür zum Gang, um nach ihm zu schauen. Er habe auf einem Stapel Matten gesessen und mit einer leeren Plastikflasche „um sich geschossen“. Er habe sie wie ein Profi im Arm gehalten, ständig nachgeladen und geschossen. Dazu habe er entsprechende Geräusche von sich gegeben. Er sei völlig versunken gewesen in seine Ballerei und habe gar nicht bemerkt, dass sie nach ihm geschaut habe.

In der Klasse sei ihr wenig später ein anderer Junge aufgefallen, der wie in Trance auf einem imaginären Joystick herumgedrückt habe. Offenbar sei vor seinem inneren Auge ein Computerspiel abgelaufen. Mit dem Oberkörper habe er Bewegungen mitvollzogen, die ein Auto oder Flugzeug in seinem Inneren vollführten. Sein Verhalten habe sie an Slalomläufer erinnert, die vor dem Start im Geist die Strecke abfahren.

In einem Bildband sah ich neulich Fotos von spielenden Kindern um 1925. Diese Spiele fanden ausnahmslos auf der Straße und in Gruppen statt. Sie ließen einen Kreisel tanzen, jagten einem aus Lumpen selbst hergestellten Fußball nach oder schnickten mit den Fingern Murmeln in ein Loch. Man sah lauter Jungen in kurzen Lederhosen und Unterhemden und fröhliche Kindergesichter. Die Mädchen spielten daneben Hickelhäuschen und hüpften auf einem Bein von Kästchen zu Kästchen.

Wie verarmt und trostlos erscheinen dagegen die Spiele der zeitgenössischen kleinen Autisten. Was soll aus ihnen werden? Was für Erwachsene entstehen da? Und wie wird sich die Gesellschaft auf der Basis solcher Individuen entwickeln? Ist eine Gesellschaft von lauter Autisten überhaupt denkbar und möglich? Welcher emotionale Kitt soll sie zusammenhalten?

Donnerstag, der 10. Dezember 2015

Letzten Sonntag sah ich im Weltspiegel einen Bericht über künstliche Befruchtung und die damit einhergehende genetische Selektion. Blaue Augen auf Bestellung hieß der Film. In der Mediathek stieß ich auf folgenden Begleittext:

Noahs Leben kommt aus einem Tank – 150.000 Dollar haben seine Eltern für ihn bezahlt – nochmal so viel für seinen Bruder Tristan – aufgeweckte, gesunde Kinder. Zusammen mit ihren homosexuellen Eltern David und Georges bewohnen sie mitten in Manhattan ein schickes Townhouse. Ihre Mutter haben sich ihre Eltern im Katalog ausgesucht bei CT Fertility. Zusammen zeigen sie uns, wie das damals funktioniert hat. Per Video stellen sich die Eispenderinnen persönlich vor. 8000 Dollar bekommen sie von CT Fertility für ihre Eier. „Hallo, ich bin die Courtney“, sagt die Spenderin in ihrem Video, „und ihr wollt bestimmt viel über mich wissen, warum ich Eispenderin werden möchte.“

Herkunft, Religion, Bildung, Krankheiten – die Frauen geben alles von sich preis. Der Kunde ist König: „Wir wollten Kinder mit blauen Augen, so wie wir sie haben“, sagt Georges Sylvestre, „und wir wollten eine Mutter, die klug ist, sie sollte großgewachsen sein und kerngesund sein.“

Noah und Tristan sind Wunschkinder – in einer glücklichen sehr wohlhabenden New Yorker Familie. Aber was passiert, wenn sich der so sorgfältig vorgeplante Erfolg für sie nicht einstellt? Medizinethiker Caplan blickt in die Zukunft: „Sie haben das tolle Erbgut einer jungen Studentin eingekauft und das Kind wird Verkäufer im Supermarkt. Klagen sie dann über die minderwertige Ware, oder behandeln sie ihr Kind wie einen Menschen?“ Schon klagen in den USA die ersten unzufriedenen Kunden vor Gericht.

„Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“, heißt es bei Dostojewski. Warum soll in einer Gesellschaft, die alle Stoppregeln und moralischen Begrenzungen außer Kraft gesetzt und sich als Ganze den Imperativen des Marktes unterworfen hat, nicht auch das Kind zur Ware und seine Herstellung zu einem profitablen Industriezweig werden? Reiche Leute kaufen sich zwei kerngesunde, blauäugige Kinder zur Komplettierung ihres mondänen Lebensstils. Sie wachsen in der Obhut bezahlter Dienstboten auf. Arme Frauen aus den Ghettos dienen für rund 30.000 Dollar als Leihmütter. Ihnen werden die befruchteten Eier einer fremden Frau eingesetzt. Vertraglich müssen sie zusichern, die von ihnen ausgetragenen Kinder an die Auftraggeber abzugeben. Die Körper der Armen werden als Ersatzteillager ausgeschlachtet, um durch die Entnahme ihrer Organe das Leben reicher Leute zu verlängern.

Samstag, der 12. Dezember 2015

Im Discounter fiel mir ein Mann mittleren Alters auf, der mit dem Handballen immer wieder heftig auf den Griff seines Einkaufswagens schlug. Wenig später sah ich, wie er eine Packung aus einem Regal riss und in Richtung seines Wagens schleuderte. Die Packung verfehlte ihr Ziel und fiel zu Boden. Er bückte sich, hob sie auf und donnerte sie aus nächster Nähe in den Wagen. Sie prallte von einer Tiefkühlpizza ab und sprang erneut aus dem Wagen. Jetzt geriet er vollends in Wut, packte die Lebensmittelpackung und warf sie mit großer Wucht in den Wagen. Diesmal blieb sie darin liegen. Er ging weiter, wobei er erneut mit großer Wucht auf den Griff des Wagens eindrosch. An der Kasse wäre ich um ein Haar hinter ihm zu stehen gekommen, wenn ich nicht rechtzeitig an die benachbarte Kasse ausgewichen wäre. Ich sah, wie er Cola-Flaschen aus der Plastikhülle riss und einzeln auf das Förderband legte. „Legte“ ist das falsche Wort: er donnerte sie aufs Band, so dass sie beinahe auf der anderen Seite wieder herunterfielen. Sodann riss er Bierdosen aus ihrer Umhüllung und schmiss sie aufs Band. Die Umstehenden wichen vor ihm und seiner überbordenden Aggressivität zurück. Nachdem er bezahlt hatte, sah ich, wie er die erworbenen Dinge in seinem Rucksack verstaute. Wobei wiederum „verstauen“ das falsche Wort ist. Er rammte und stieß die Dinge in den Rucksack. Widerstände überwand er durch besonders grobes Hineinrammen und Schlagen. Er vibrierte vor mühsam unterdrückter Wut. Durch die Scheibe sah ich, wie er den Einkaufswagen in die Reihe der Wagen zurückschon. Wobei „zurückschob“ wieder das falsche Wort ist: Er rammte den Wagen mit solcher Wucht in die Reihe der Wagen, dass er immer wieder ein kleines Stück zurücksprang. Nach drei/vier misslungen Versuchen konnte er schließlich die Pfandmünze entnehmen, entreißen, und wandte sich zum Gehen. „Hoffentlich tut ihm niemand den Gefallen, ihn ‚falsch‘ anzuschauen“, dachte ich. Wobei jedes noch so harmlose, flüchtige Anschauen „falsch“ sein und einen Gewaltausbruch hervorrufen kann.

Sonntag, der 20. Dezember 2015

Am Samstag führte mich mein Weg von der Fußgängerzone, wo die Leute eine menschenverachtende Plörre namens Glühwein trinken und Duschgels kaufen, die sie Weihnachten verschenken wollen, ins Sterbehospiz hinter dem Evangelischen Krankenhaus. Dort wartet ein Bekannter auf den Tod. Ein solcher Besuch ist eine Schule in Demut. Der Bekannte liegt auf dem Bett. Er besteht nur noch aus Haut und Knochen, hat seit zwei Wochen nichts Festes mehr gegessen. Er behält nichts bei sich, sagt er. Er ernährt sich von Astronautennahrung, die in verschiedenen Geschmacksrichtungen auf dem Nachtschränkchen neben dem Bett steht. Eine Schwester kommt und setzt ihm eine Spritze mit Schmerzmitteln. Sie hat Mühe, eine Stelle zu finden, in die sie stechen kann, ohne gleich auf Knochen zu stoßen. Der Bekannte ist gelassen und beinahe heiter. Er zitiert Jochen Busse: „Der Tod steht noch nicht vor der Tür – aber er sucht sich schon mal ’nen Parkplatz.“ Und fügt lachend hinzu: „Und das kann in der Vorweihnachtszeit ´ne Weile dauern.“ Nach so einem Besuch fühlt man sich fremd im Vorweihnachts-Rummel. Es war mir, als wäre ich in Gestalt des Sterbenden meiner eigenen Zukunft begegnet, die unweigerlich der Tod ist. Nachdenklich bahne ich mir einen Weg durch die Kaufwütigen und sehe ich zu, dass ich schnell nach Hause komme. Vor dem Nebenhaus liegt seit Tagen Erbrochenes auf dem Gehweg – eine Mischung aus Glühwein, gebrannten Mandeln und Currywurst. Die Vögel schrecken vor nichts zurück und picken darin herum.

Zwischen den Buden des Weihnachtsmarktes sitzt ein Bettler am Boden. Neben ihm liegt – auf einer Decke zusammengerollt – sein Hund. Ein mit Einkäufen behängtes Paar geht an den beiden vorüber. Als sie ein paar Meter weit weg sind, sagt der Mann in breitestem Hessisch: „Am liebsten würd isch higehe un ihm de Hund wegnemme. Der will doch nur Mitleid erreesche.“

Bei frühlingshaften Temperaturen sitzen die Leute ein paar Tage vor Weihnachten vor den Cafés im Freien. Zwei Frauen unterhalten sich. Als ich vorübergehe, höre ich eine der beiden in breitestem Hessisch sagen: „Mei Tochter is bei mir gewese und hat gefragt, ob ich ihr Geld gebbe kann. Ich hab gesacht: Nix gibt’s. Aber ich bin doch dein Kind, hat se dann gesacht und rumgeflennt. Das is mir doch egal, hab ich gesacht.“

Besonders in der Vorweihnachtszeit, wo viel von Mitgefühl die Rede ist, fällt mir auf, wie verhärtet sich gewisse Menschen gegenüber den Armen und Erfolglosen erweisen. Schnell wird diesen selbst die Schuld an ihrem Elend zugewiesen. Meist handelt es sich um Menschen, die selbst nicht allzu weit vom verachteten Elendsmilieu entfernt sind und insgeheim ihren Absturz befürchten. Der Bettler verkörpert die mögliche eigene Zukunft, die man nicht wahrhaben will und deshalb aggressiv abwehrt. Die hinter uns liegenden eisigen, neoliberalen Jahre mit ihrem Kult des Winners haben dieser Mentalität der Mitleidlosigkeit und der Verachtung des Erfolglosen mächtigen Auftrieb gegeben. Das Credo von Ronald Reagan lautete: „Kein Erbarmen mit den Armen! Wenn wir sie staatlicherseits unterstützen, begünstigen wir nur ihre Faulheit! Wenn man einem Pferd genug Hafer gibt, wird auch auf der Straße etwas ankommen, von dem die Spatzen sich ernähren können.“ Nachdem die Pferde nun seit Jahrzehnten kräftig gefüttert werden, müsste es den Bettlern eigentlich gut gehen. Seltsam, dass die Armut ständig zunimmt, während die Reichen immer reicher werden.


[«*] Dr. Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach. Im Verlag Brandes & Apsel ist Anfang des Jahres sein neues Buch „Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ erschienen. Siehe dazu die Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten.

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