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SWR führt maßlos in die Irre – auf der Basis von dpa und der „Studie“ des Berlin-Instituts

Veröffentlicht in: Demografische Entwicklung, Manipulation des Monats, Medienkritik

Am 16.3. lief bei SWR 1 eine 2-Stündige (!) Sendung zum Dauerthema: Der Abend: Die Deutschen und die Angst vorm Kind. Das ist ein eindeutiger Fall für die „Rubrik Manipulation des Monats“. Zur „Ehre“ von SWR, meinem Haussender, kann man nur sagen: der Sender ist nicht allein, in nahezu allen Medien wird diese Manipulation betrieben, und nahezu nirgends eine kritische Stimme. Das ist schon erstaunlich, denn so schwer wäre es ja nicht gewesen, die Recherchen zu machen, deren Ergebnisse ich im folgenden präsentiere.

Ich habe im folgenden meine Anmerkungen fett im Text des Originals des SWR vermerkt. Siehe auch die Pressemitteilung von eurostat vom 25.10.2005 mit den notwendigen Tabellen. Ich verweise auch auf „Die Reformlüge“, Denkfehler 5 mit vielem einschlägigen Material.

Nun also zum kommentierten Text des SWR:

Quelle: SWR.de – Der Abend: Die Deutschen und die Angst vorm Kind »

Donnerstag, 16.3.2006, 20.00 bis 22.00 Uhr

Den Deutschen fehlen die Kinder: wir haben inzwischen die weltweit niedrigste Geburtenrate. (1) Statistisch gesehen bringt jede Frau hierzulande nur noch 1,36 Kinder zur Welt, so das Ergebnis der gestern veröffentlichten Studie „Die demografische Lage der Nation. Wie zukunftsfähig ist Deutschland?“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

AM:(1) Glatt die Unwahrheit, wie die 3. Tabelle der Pressemitteilung von Eurostat [PDF – 48 KB] zeigt. 10 der 25 EU-Länder haben eine niedrigere Geburtenrate als wir, 5 Länder haben eine ähnliche Geburtenrate wie Deutschland 2004 mit 1,37 Kindern je Frau. Von allen 34 in der Tabelle aufgeführten Länder liegt die Geburtenrate von 14 Ländern unter der von Deutschland.

Damit hat die aktuelle Geburtenrate inzwischen den Tiefststand des letzten Kriegsjahres 1945 erreicht. (2) Eine dramatische Entwicklung mit fatalen Folgen, so der Direktor des Instituts, Dr. Reiner Klingholz in SWR1 Der Abend. Denn für eine zumindest stabile Bevölkerungszahl wäre wenigstens eine Rate von 2,1 Kindern notwendig.

AM: (2) Auch das ist falsch. Sie lag 1983 bis 1986 (auch ohne den Effekt des mangelhaften Vereinigungsprozesses mit seinen Folgen für die Geburtenrate in den neuen Bundesländern) schon niedriger als 2004. 1985 lag sie in Westdeutschland bei 1,28 und in den neuen Bundesländern (=DDR) bei 1,73. Was lernen wir denn daraus? Dem hätte die SWR-Redaktion ja mal nachgehen können. Ich will etwas nachhelfen: offenbar fanden die jungen Paare der alten Bundesrepublik den Beginn der neoliberalen Reformen von Kohl und Lambsdorff ab 1982 so schockierend, dass ihnen die Lust zum Zeugen und Gebähren verging. Immerhin gab es 1980 noch 1,44 Kinder pro Frau. Siehe Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 17.3.2006.

Stattdessen wird sie weitersinken: bis 2050 rechnen Demoskopen mit einer Geburtenrate von nur noch 0,7 Kindern pro Frau. (3) Wir sind, so Klingholz, zu einer kinderfeindlichen Gesellschaft geworden, deren Genuss-Generation sich durch Nachwuchs nur noch gestört und behindert fühlt.

AM: (3) Eine solche Prognose ist absolut abenteuerlich. Die Schwankungen und die Veränderung der Geburtenraten in den Neuen Bundesländern seit 1990 und die Veränderungen der Geburtenrate in Frankreich z.B. zeigen, dass eine Prognose zu wagen abenteuerlich ist. Offenbare gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Geburtenrate und Berufsperspektive junger Leute zum einen und ihrer Möglichkeit, Beruf und Familie zu verbinden andererseits. In Frankreich stieg die Geburtenrate innerhalb von 7 Jahren von 1,65 auf 1,88 an.

Damit aber ist Deutschland nicht zukunftsfähig; die „Kindermüdigkeit“ zu beheben ist also eine der dringendsten Aufgaben von Politik und Gesellschaft. Das aber heißt: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Weg vom tradierten Mutterbild und Wieder-Erlernen des Umgangs mit Kindern.

Die fatale Angst vorm Kind – warum wollen wir keinen Nachwuchs mehr? In SWR1 Der Abend vertritt Dr. Reiner Klingholz seine Thesen und er diskutiert mit den SWR1-HörerInnen.

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