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Das Terror-Ritual

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Medien und Medienanalyse, Strategien der Meinungsmache, Terrorismus

Die öffentliche Reaktion auf Terroranschläge bleibt reflexhaft und ermöglicht es, dass Massenmorde an Zivilisten weiterhin politisch benutzt werden können – selbst dann, wenn sie unaufgeklärt sind. Vermeintliche Bekennerschreiben erscheinen fraglich. Derweil sind einige Verbreiter islamistischer Propaganda im Netz offenbar mit westlichen Geheimdiensten verbandelt. Von Paul Schreyer.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wenn Bomben in europäischen Metropolen explodieren und dort wahllos Bürger töten, dann ist die mediale Öffentlichkeit stets aufs Neue zutiefst erschrocken. Dieser nur zu verständliche Schock über einen solchen unvermittelten Gewalteinbruch in den normalen Alltag wird von Politikern und Medien mit einer Art Pawlowschem Reflex beantwortet, einem festen Verhaltensmuster, das seit den Attacken von 9/11 fest „eingeübt“ ist. So heißt es in öffentlichen Erklärungen und Kommentaren dann meist, die jeweiligen Angriffe würden „uns allen“ gelten, sich gegen „die westliche Freiheit“ und „unsere Werte“ richten. Problematisch daran ist zunächst, dass man die Intention von Attentätern schwerlich ergründen kann, bevor sie und ihre Hintermänner überhaupt erst einmal ermittelt wurden – durch Polizeiarbeit und Gerichtsverfahren.

Diese Stufe in der Aufklärung wird nach Terroranschlägen aber in der Regel von Medien und Politik übersprungen. Kaum sind die Bomben explodiert, glaubt fast jeder auch schon, die Planer der Massenmorde zu kennen. Zu diesem verbreiteten Eindruck tragen nicht zuletzt die regelmäßig nach solchen Angriffen veröffentlichten Bekennerschreiben bei. Doch genau da liegt schon das nächste Problem: Wie lässt sich die Authentizität solcher Schreiben seriös ermitteln?

Eine wichtige Quelle für die Medien ist in diesem Zusammenhang das in den USA ansässige Unternehmen SITE, das regelmäßig islamistische Propaganda im Internet analysiert und entsprechende Videos den großen Medien kommerziell anbietet – inklusive einer eigenen professionellen Einordnung. Dieser Service ist bequem für die Medien und wird dankbar angenommen. So ist es der Firma seit 9/11 gelungen, erheblichen Einfluss auf die internationale Medienberichterstattung rund um das Thema „islamistischer Terrorismus“ zu nehmen.

Auch nach den Brüsseler Anschlägen berichtete SITE vom IS-Bekennerschreiben, ebenso nach den Pariser Anschlägen vom vergangenen November. Immer wieder kommen allerdings Zweifel an der Authentizität solcher Bekennerschreiben auf, da exklusives Täterwissen darin oft nicht enthalten ist und die sich selbst bezichtigenden vermeintlichen Hintermänner gelegentlich auch bloß (falsche) Medienberichte zitieren. So heißt es im aktuellen IS-Bekennerschreiben vom 22. März zu den Brüsseler Anschlägen (veröffentlicht von der sogenannten „Amaq Agency“, einer „Agentur“ die kaum mehr ist als ein WordPress-Internet-Blog), die Selbstmordattentäter am Flughafen hätten vor Zündung des Sprengstoffes zunächst um sich gefeuert. Medien hatten entsprechendes zuvor berichtet. Einen Tag später jedoch erklärte der ermittelnde Staatsanwalt, Feuerwaffen seien am Flughafen gar nicht im Spiel gewesen. Offenbar hatten die Verfasser des „Bekennerschreibens“ – das bloß eine sechszeilige Meldung ohne Hintergründe und weitere Erklärungen oder politische Ziele ist – also lediglich bereits veröffentlichte Meldungen aus den Medien zusammen geklaubt.

Solche Zusammenhänge gehen in der allgemeinen „Breaking News“-Hysterie und den unvermeidlichen „Live-Tickern“ rasch unter. Taucht dann noch die Meldung auf, dass Polizisten bei Hausdurchsuchungen in Brüssel bereits am Tattag eine „IS-Flagge“ gefunden hätten, scheint alles klar: natürlich, der IS war´s. Nach 9/11 hatten Fahnder bekanntlich in ähnlicher Weise einen Koran im Mietwagen der vermuteten Flugzeugentführer gefunden … Solche „Argumente“, die man in jedem Spielfilm als wenig originelle Klischees bemängeln würde, dienen offenkundig weniger den Ermittlern bei ihrer Aufklärungsarbeit, als vor allem der raschen Überzeugung einer Medienöffentlichkeit.

Eine dubiose Rolle bei diesem „Terror-Ritual“ spielt ohne Frage die erwähnte Firma SITE. Die NachDenkSeiten wiesen schon nach den Pariser Anschlägen vom vergangenen November darauf hin. Vor einigen Jahren hatte auch der SPIEGEL einmal einen Blick auf die Firma geworfen. Dort hieß es:

„Praktisch jede im Internet veröffentlichte Ansprache von Osama Bin Laden, um nur ein Beispiel zu nennen, wird zuerst von Site und IntelCenter öffentlich gemacht. Sie finden sie im Gewirr der Qaida-nahen Web-Sites, senden in Sekunden erste Screenshots an ihre Abonnenten, fassen die Reden innerhalb von Minuten zusammen und verschicken innerhalb von Stunden die Übersetzung, schließlich Analysen. Da kaum Nachrichtenagenturen, Zeitungen oder Magazine in der Lage sind, diese Informationen selbst zu beschaffen oder zu prüfen, landen die Übersetzungen oft eins zu eins in den Medien. Und nicht nur dort, sondern auch auf den Schreibtischen von Analysten bei Geheimdiensten in den USA und Europa: Bin Laden frei Haus, aber aus zweiter Hand.“

Die Geheimdienste sind allerdings nicht nur Empfänger des Unternehmens, sondern offenbar selbst Lieferanten. So steuerte nach Recherchen des ZDF – selbst ein Kunde von SITE – der Verfassungsschutz über einen V-Mann die deutsche Sektion der sogenannten „Globalen Islamischen Medienfront“ (GIMF), die islamistische Propaganda im Netz verbreitete, welche dort dann von SITE aufgesammelt und an die Medien weitergeleitet wurde. Bis heute listet SITE die GIMF offiziell als eine ihrer Quellen. Auch US-Geheimdienste spielen im SITE-Umfeld eine Rolle. Wäre es nicht so ernst und tödlich, könnte man das Ganze als bizarren Zirkus belächeln. Doch noch immer wird mit diesen Netzwerken offenbar erfolgreich manipulative Propaganda betrieben und letztlich Politik gemacht.

Die Linksfraktion stellte kürzlich im Bundestag eine parlamentarische Anfrage zu diesem Klüngel und wollte unter anderem Folgendes wissen: „Welche Beziehungen im Einzelnen unterhielten oder unterhalten Bundesbehörden zur Firma Site Intelligence Group, etwaigen Firmenablegern und Tochterfirmen oder einzelnen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?“ In ihrer Reaktion teilte die Bundesregierung im Januar diesen Jahres mit, der BND sei Kunde von SITE, eine „weitere offene Beantwortung“ aber leider „nicht möglich“. Die Geheimhaltung in dieser Frage sei nötig „im Hinblick auf das Staatswohl“.

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