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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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19. Dezember 2014
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Der systematische Missbrauch des schönen Wortes Freiheit

Verantwortlich:

Bush redet unentwegt von Freiheit, auch Westerwelle, auch Angela Merkel, auch Barack Obama. Sie reden alle von Freiheit. Und wenn man genau hinhört, dann entdeckten man, dass dieses schöne Wort nur noch eine Hülse ist. Man kann darin verstecken, was man will: Bush seine Kriege, Angela Merkel ihr Nichtstun gegen die Arbeitslosigkeit, Guido Westerwelle sein mangelndes Profil und manche Journalisten ihre Unfähigkeit zu kritischen Fragen mit Substanz. Ein Musterbeispiel dafür ist der Einstieg zu einem Interview mit Gregor Gysi im Berliner Tagesspiegel vom Sonntag “Gysi, du hast schon einen Knall“, siehe Anhang. Dass Freiheit formal wenig nutzt, wenn man sie kaum leben kann, weil die ökonomische und soziale Lage dies nicht zulässt, haben wir alle irgendwann gelernt. Die drei Interviewer fragen trotzdem ziemlich ahnungslos.

Als der Artikel im Tagesspiegel auf meinen Tisch kam, ging gerade auch eine Mail eines Freundes der NachDenkSeiten und gelegentlichen Lieferanten von Hinweisen auf interessante Artikel ein. Der Absender ist ein Bürger Thüringens, gut ausgebildet, gezeichnet vom Arbeitsplatzverlust in seiner Heimat. Er fährt heute wöchentlich von Thüringen nach München. Ich gebe wieder, was er mir geschrieben hat und frage, was er nicht gefragt hat: Was ist das für eine Freiheit, wenn ich auskommen muss ohne Arbeitsplatz in meiner heimischen Umgebung, wenn ich bis zur Aufopferung flexibel und mobil sein muss. Flexibilität, Mobilität, soziale Unsicherheit werden von den Agitatoren der Freiheit als besonders symbiotisch zur Freiheit dargestellt. Das ist wohl eher eine nicht erfahrene Propagandaversion. Die Realität sieht anders aus. Ich zitiere:

Ja, wie geht es mir?

Nun, montags früh auf die Autobahn, wo alles nach Süden fährt – bei uns vorrangig nach Bayern – und am Wochenende retour. 400 km einfache Fahrt nach München. Froh, wenn alles ohne Unfall und ohne Stau abgeht. Ein Bekannter von mir, auch über 50, fährt nach Zürich auf Arbeit. Die Zeit zu Hause nennt er “Schadensbegrenzung”. In meiner Umgebung sind das sehr viele, die solch ein Leben führen. Aber unnütz zu Hause sitzen (abgesehen vom Geld), das geht viel mehr an die Substanz. Dies habe ich zur Genüge kennen lernen müssen.

Naja, es ist nicht nur wichtig, Arbeit zu haben, es ist ebenfalls ein großes Los auch seinen Beruf ausüben zu dürfen. Nach dem wirtschaftlichen Ergebnis darf man aber nicht fragen, 2/3 meines Nettolohnes gehen für Übernachtung und Fahrt drauf. Da ist es schon eng, die entsprechenden Kosten für`s Auto (Werkstatt, Wiederbeschaffung etc.) zu schultern. Solche Dinge, wie mit dem Spritpreisen, kommen da sehr schmerzhaft an.

Ich habe glücklicherweise eine Familie, (…) und einen Bekanntenkreis, welcher nicht “Bild, Bier und Glotze” zur Meinungsbildung braucht, sich gegen so etwas verwahrt. Über diesen bin ich seinerzeit auch auf die Nachdenkseiten gestoßen. Wichtig ist für mich hierbei zu wissen, daß es doch eine ganze Menge Gleichgesinnter gibt; daß es viele kluge Köpfe gibt, welche hier was bewegen können und wollen. Es gibt zum Glück noch viele, die sich einen Kopf machen. (…)

Ihm wie allen früheren Bürgerinnen und Bürgern der DDR haben wir die Wende als Gewinn an Freiheit verkauft. Wenn wir das ernst nehmen wollen und wenn wir wollen, dass es ernst genommen wird, dann müssen wir mehr tun für ihre soziale Sicherheit und für ihre Chance und Möglichkeit, einen Arbeitsplatz in der Nähe ihrer Heimat zu finden. Aber nichts entscheidendes geschieht. Dafür viele viele Worte. Freiheit Freiheit Freiheit. Sie gebrauchen das Wort wie eine Schablone, auch wie ein Paravent, hinter dem sie ihre a-sozialen und zugleich freiheitsfeindlichen Aktivitäten verstecken.

Für empirische Sozialforscher und Politikwissenschaftler müsste es reizvoll sein, der Frage nachzugehen, wie es die um die tatsächlich gewonnene Freiheit der ehemaligen Bürgerinnen und Bürger der DDR steht. Eine solche Bilanz wäre nach bald 20 Jahren fällig und übrigens ein Gebot der Fairness.

Anhang:

“Gysi, du hast schon einen Knall“

Der Fraktionschef der Linkspartei, Gregor Gysi, spricht mit dem Tagesspiegel über Freiheit, Gleichheit – und Eitelkeit. Zudem warnt er vor Kältetoten in Deutschland, wenn die Konzerne künftig keine Sozialtarife anbieten.

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