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Professor Thomas Meyer zur Moderation des ‚Kanzlerduells‘: „Das war eine ungenügende Leistung“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Interviews, Medienkritik, Wahlen
Thomas Meyer

„Ein Journalismus, der sich als Anwalt der Öffentlichkeit versteht, zeigt sich jedenfalls anders als das, was uns vorgesetzt wurde“, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Meyer, der im NachDenkSeiten-Interview auf die journalistische Leistung der Moderatoren des „TV-Duells“ vom vergangenen Sonntag fokussiert. Auch wenn die NachDenkSeiten sich bereits mit dem „Kanzlerduell“ auseinandergesetzt haben, wollen wir Ihnen dieses Interview, das Marcus Klöckner mit Meyer geführt hat, nicht vorenthalten. Für Meyer, der vor zwei Jahren das medienkritische Buch „Die Unbelangbaren“ publizierte und dafür bei einigen Journalisten Verstimmung auslöste, war die Moderation der Sendung so ausgelegt, dass ein Gespräch zwischen den Politikern unterbunden werden sollte. „Wir konnten im Grunde genommen eine systematische ‚Gesprächsverhinderungskonstruktion‘ beobachten“, so der emeritierte Professor.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Meyer, wie beurteilen Sie die Leistung der Moderatoren im TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz?

Als Lehrer würde ich sagen: Das war eine ungenügende Leistung. Sie haben das, was man als Bürger erwarten durfte, nicht geliefert.

Was hat aus journalistischer Sicht nicht gestimmt?

Die Moderatoren haben oft Fragen gestellt, in die sie viele ihrer eigenen Vorurteile und Ansichten reingelegt haben. Das waren Fragen, die außerdem sehr viel Raum für allgemeine Antworten ließen, ohne dass spezifisch und kritisch nachgefragt wurde, also genau das, was eigentlich bei so einer Sendung nicht vorkommen sollte. Ein Tiefpunkt war, als Herr Kloeppel in einer selbstherrlichen und willkürlichen Art sich narzisstisch in Szene setzte und versuchte, Schulz zu komplizierten Kopfrechnungen zu zwingen. Kurzum: Die eigentlich interessanten Fragen, die für die Bundesrepublik entscheidend sind, sind nur zu einem kleinen Teil thematisiert worden. Das Wichtigste hat gefehlt.

Welche Fragen hätten denn gestellt werden müssen?

Wie kann die Spaltung, die diese Gesellschaft prägt und beherrscht, überwunden werden?
Wie kann ein Maß an Gleichheit hergestellt werden, das diese Demokratie sichert und den Anspruch dieser Gesellschaft erfüllt? Dann das Thema Bildung. Wie kann das Klassensystem im Bildungswesen überwunden werden? Wir wissen: Wer aus armen Familien kommt, hat kaum Chancen aufzusteigen. Was kann getan werden, um die Chancengleichheit zu erhöhen?
Aber auch über die marode Infrastruktur und die Gefährdung vieler öffentlicher Güter in der Bundesrepublik wurde nicht gesprochen. Genauso die Frage: Was wird denn nun mit dem Diesel-Skandal? Was genau sind die Lösungen für Umwelt und Bürger? Diese Fragen wurden einfach nicht gestellt – so wie viele weitere wichtige Fragen ebenfalls nicht.

Alle vier Moderatoren, also Sandra Maischberger, Peter Kloeppel, Claus Strunz und Maybritt Illner, sind nicht einfach nur Moderatoren, sondern Journalisten.
Wie kommt es, dass sie so eine Leistung abliefern?

Ja, die Damen und die Herren sind Journalisten – unter anderem. Aber wenn man die alle zusammen in einem Format agieren lässt, dann kommt genau das zum Vorschein, was wir gesehen haben: Sie verhalten sich selbstherrlich und geltungssüchtig im ungetrübten Bewusstsein ihrer Unbelangbarkeit. Zu sehen sind dann vier Journalisten, die sich in einem Wettbewerb befinden, wer der Beste ist, wer für das Medium arbeitet, welches das größte Renommee für sich beanspruchen kann. Deutlich wurde: Alleine schon diese Struktur schlägt den angemessenen, kritischen Journalismus tot. Meine Beobachtung ist: Die vier Journalisten, die die Sendung moderiert haben, haben diesen Kräften nicht widerstanden. Sie haben sich von den angesprochenen Einflüssen treiben lassen. Sie haben es versäumt, so zu moderieren, dass ein wirkliches Gespräch – das sehr erhellend hätte sein können – zwischen Merkel und Schulz stattgefunden hat.
Der Aufbau der Moderation war so ausgelegt, Gesprächsansätze zwischen den Politikern zu verhindern.Wir konnten im Grunde genommen eine systematische ‚Gesprächsverhinderungskonstruktion‘ beobachten.

Also eine Sendung der Qualitätsmedien, die von vielen Eitelkeiten geprägt war?

Auf jeden Fall. Eitelkeiten der Journalisten haben die Sendung dominiert.

Journalisten sind doch eigentlich Anwälte der Öffentlichkeit. Wie war das beim „TV-Duell“?

In dieser Sendung wären die moderierenden Journalisten prima als Anwälte der Öffentlichkeit aufgetreten, wenn sie zu einer Gesprächssituation zwischen Merkel und Schulz beigetragen hätten. Dann hätte die Öffentlichkeit sehen können, wo die Konflikte zwischen den beiden liegen.
Aber, die zentrale Frage ist doch: Wie verstehen überhaupt diese Journalisten ihre Rolle als Anwälte der Öffentlichkeit? Zu beobachten war, dass ihr Rollenverständnis ausschließlich ihrem eigenen Geschmack überlassen war. Sie waren bestrebt, den selbstreferentiellen, inneren Beziehungen und Konkurrenzverhältnissen zwischen Journalist-Stars zu entsprechen –sozusagen, als stünden sie selbst zur Wahl und nicht die Politiker. Das Resultat: Die Themen, die ohnehin in der Medienöffentlichkeit breit verankert und gerne mal marktschreierisch bedient werden, waren auch in der Sendung omnipräsent. Wir haben eine Moderation erlebt, die ein Musterbeispiel dafür ist, wie es aussieht, wenn Journalismus sich viel zu stark an dem Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie und seinem eigenen Renommee orientiert. Ein Journalismus, der sich als Anwalt der Öffentlichkeit versteht, zeigt sich jedenfalls anders als das, was uns vorgesetzt wurde.

Wie ist es um den kritischen politischen Journalismus in Deutschland bestellt?

Er weist eine soziale und eine unterhaltungsorientierte Schieflage auf.
Er greift die politischen Interessen der Allgemeinheit und der unteren Schichten nicht ausreichend auf, dafür setzt er sich mit Vorliebe mit jenen Themen auseinander, die im Interessenfeld der sozialen Schicht liegen, aus denen die Journalisten selbst kommen. Außerdem setzt der politische Journalismus viel zu oft auf die Maßstäbe der Unterhaltung – was nicht gerade zu einer Anhebung seines Niveaus beiträgt.

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