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„Niemals aufgeben. Immer für Recht und Gerechtigkeit kämpfen, auch gegen Bürgermeister und Oberbürgermeister.“

Veröffentlicht in: Antisemitismus, Audio-Podcast, Interviews, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Strategien der Meinungsmache
Abraham Melzer

Ist der Begriff Antisemitismus ein Kampfbegriff? Eindeutig ja, sagt Abraham Melzer im Interview mit den NachDenkSeiten. Melzer, dessen jüdische Eltern vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, geht davon aus, dass bestimmte Personengruppen gezielt den Begriff Antisemitismus einsetzen, um Kritik an Israel zu verhindern. Wie Melzer, der als Verleger seit vielen Jahren jüdische Themen der Öffentlichkeit zugänglich macht, im Interview erklärt, ist er selbst aufgrund seiner Israelkritik dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt. „Das ist doch absurd“, sagt Melzer.
Das Interview führte Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Melzer, Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Die Antisemiten-Macher“ veröffentlicht. Warum dieser Titel? Schließlich lässt sich sagen: Es gibt doch reale Antisemiten. Warum soll es Menschen geben, die Antisemiten „machen“?

Ich weiß, das klingt erstmal merkwürdig, aber so ist es. Es gibt Leute, die haben ein Interesse daran, jeden, der die Politik Israels kritisiert, als Antisemiten zu brandmarken. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kritik an Israel nun berechtigt oder unberechtigt ist – nebenbei bemerkt: Kritik darf auch unberechtigt sein. Es geht immer darum, die Israel-Kritiker in die antisemitische Ecke zu stellen. Gegen diese Form, einen kritischen Diskurs niederzumachen, kämpfe ich seit 20 Jahren.

Was sind denn die Kennzeichen der „Antisemiten-Macher“?

Dazu eine kleine Anekdote. Der berühmte israelische Journalist und Publizist Amos Elon, der leider vor einigen Jahren verstorben ist, hat in seinen Memoiren etwas Interessantes geschrieben.

Elon fragte einen israelischen Botschafter in Washington, der sein Amt beendet hat und nach Israel zurückgekommen ist, was sein größter Erfolg in den USA war. Er sagte, sein größter Erfolg sei es gewesen, dafür zu sorgen, dass Antizionismus und Antisemitismus gleichgesetzt werden.

Antizionismus ist eine Ideologie. Also wie Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, Faschismus.
Man kann für diese Ideologien oder gegen sie sein. Aber diese Ideologien dürfen Gegenstand von Diskussionen sein. Antisemitismus ist Rassismus. Mit Rassisten kann und braucht man nicht zu diskutieren. Das ist des Pudels Kern.

Ich aber, der aus einem jüdischen Haus kommt, der in Israel aufgewachsen ist, der in der israelischen Armee gedient hat, der als Verleger seit Jahren jüdische Themen verlegt und aus dem Hebräischen übersetzt, werde als Antisemit bezeichnet, weil ich die israelische Politik kritisiere. Das ist doch absurd.

Warum werden Sie auf diese Weise kritisiert?

Es geht darum, Leute wie mich zu diskreditieren, mundtot zu machen.

Ich wurde von unterschiedlichen Veranstaltern angerufen und man hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Man sagte mir, dass aber auch Herr Broder daran teilnehmen werde. Ich habe natürlich zugesagt, schließlich bin ich bereit, auch mit Henryk Broder zu diskutieren. Aber dann heißt es zwei Tage später: Herr Melzer, es tut uns leid, aber Herr Broder verweigert die Diskussion mit Ihnen.

Was wollen Sie damit sagen?

Das war nur ein Beispiel, um aufzuzeigen: Wer mit dem Begriff Antisemitismus um sich wirft, verweigert sich einer sachlichen Diskussion.

Ist Antisemitismus mittlerweile ein Kampfbegriff?

Zweifelsfrei, das ist er. Leider haben die Medien mit zu dieser Entwicklung beigetragen. Um nur ein Beispiel anzuführen: Als Günter Grass sein Gedicht über Israel veröffentlichte, das in meinen Augen völlig harmlos war, hat doch die gesamte Presse Antisemitismus geschrien.

Warum geht die Presse nicht differenzierter mit dem Begriff Antisemitismus um?

Sie ist feige. Absolut feige.

Wenn der Begriff auf eine fast schon inflationäre Weise verwendet wird, was bedeutet dies denn für den realen Antisemitismus? Reale Antisemiten gibt es doch leider viele.

Die real existierenden Antisemiten freuen sich. Sie rücken aus dem Fokus der kritischen Öffentlichkeit. Wenn Leute wie Günter Grass, Jakob Augstein, Dieter Hallervorden, also wenn schon die Crème de la Crème der kulturellen Elite bisweilen als Antisemiten bezeichnet wird, dann führt dies dazu, dass man den Begriff und den schlimmen Vorwurf, der mit ihm verbunden ist, nicht mehr ernst nehmen kann.

Nun gab es vor kurzem auch Probleme bei einer Veranstaltung, die Sie in Frankfurt zu Ihrem neuen Buch halten wollten. Was ist da passiert?

Die Stadt Frankfurt hat versucht, meine Buchvorstellung zu verhindern, weil sie mir unterstellt, dass ich ein Aktivist der BDS-Bewegung bin. Der Magistrat hat zwar beschlossen, dass er BDS-Aktivisten als Antisemiten klassifiziert und ihnen deshalb keine Räume vermieten wird. Dieser Beschluss ist aber nur ein dämlicher und absurder Beschluss eines Stadtparlaments und nicht geltendes Recht. Ich habe dagegen eine Einstweilige Verfügung erwirkt und konnte meine Buchvorstellung in den gemieteten Räumen durchführen.

Und dann?

Die Stadt schäumte vor Wut und hat der Presse gesagt, dass man die Satzung der Saalbau GmbH, die für die Vermietung von Räumen zuständig ist, ändern wolle. Dann kann der Bürgermeister Uwe Becker gleich auch versuchen, das Grundgesetz zu ändern. Damit war aber nichts zu Ende, denn in München ist mir dasselbe passiert. Mein Vortrag, der für den 24.10.2017 gebucht war, wurde wenige Tage davor gekündigt. Jetzt versuchen wir, einen Raum im Gasteig in München zu buchen. Falls die Stadt sich weigert, dann werden wir klagen.

Welche Lehre ziehen Sie aus diesem Erlebnis?

Niemals aufgeben. Immer für Recht und Gerechtigkeit kämpfen, auch gegen Bürgermeister und Oberbürgermeister.

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