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8. Dezember 2016
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Ein persönlicher Zustandsbericht eines Irritierten, aber dafür aus der Praxis.

Veröffentlicht in: Erosion der Demokratie, Neoliberalismus und Monetarismus, Steuern und Abgaben

Ein NachDenkSeiten-Leser, Wirtschaftsprüfer, Steuer- und Unternehmensberater hat uns folgenden Bericht über die Lage im Land geschickt. Er wohnt und arbeitet in einer Region, die als verhältnismäßig florierend gilt. Er hat den Eindruck, dass die Führungsschicht in Politik und Wirtschaft in einer abgehobenen Parallelgesellschaft lebt und nicht weiß oder verdrängt, wie die Wirklichkeit aussieht. Albrecht Müller.

Hier seine Mail:

Wenn ich Ihre NDS lese und andere Medien, die über die Berliner Rocky-horror-show berichten, dann frage ich mich: In welcher Parallelgesellschaft leben die Damen und Herren Politiker und die KonzernBosse eigentlich?

Merken die nicht, dass unten im Volk die Basis völlig wegbricht, sich alles beginnt aufzulösen?

Als WP/StB, Unternehmensberater und Seminarleiter habe ich u.a. auch sehr viel  mit Gewerbetreibenden, Freiberuflern und anderen Steuerpflichtigen zu tun, aber auch mit Menschen, die noch nicht der Steuerpflicht unterliegen wie im wesentlichen Kinder und Jugendliche. Alle, aber auch alle haben die größten Probleme und auf deutsch gesagt: Die Nase voll von diesen Politikern.

Schüler und Studenten klagen über den unsäglichen Schulstress, diese völlig bescheuerten Bachelor und Master Studiengänge tun ihr Übriges. Überforderte Lehrer (Lehrermangel), denen zunehmend die Mittel fehlen und ein Schulsystem aus dem Mittelalter lassen auch unser Bildungssystem verrotten.

Die Krankenhäuser mutieren zu Marketing-Hochburgen, die von durchgeknallten Managern geführt werden, die von Medizin keine Ahnung haben. Unikliniken werden von den Politikern heruntergewirtschaftet, ihnen werden die Mittel vorenthalten. Offenbar vor dem Hintergrund einer großangelegten Privatisierungsoffensive unseres Gesundheitssystems. Ärzte die diese Systematik nicht durchschauen, wenden sich frustriert ab. Gehen ins Ausland, müssen aber erfahren, dass dort ein ebensolcher fataler Wandel durchgezogen wird…

Bei Versicherungsmaklern werden in großem Umfang Versicherungsverträge gekündigt, die Stornoquote ist für den Versicherungstandler existenzbedrohend und hat viele bereits in den Konkurs getrieben. Was ich persönlich, bei manchen sogenannten Finanzdienstleistern nun nicht unbedingt bedaure…

Viele Mandanten, Bekannte und Freunde in Industrie, Handel, Gewerbe und  Gastronomie können ihre Geschäftsmieten nicht mehr bezahlen. Die Kosten steigen immens, jeder versucht noch mitzunehmen, was mitzunehmen ist.

Die  Umsätze brechen dramatisch ein. Der Forderungsbestand der Genannten wächst, die Zahlungsziele werden konsequent von den Kunden ausgenutzt und überzogen. So finanziert jeder über jeden. Der Forderungsbestand ist nicht mehr finanzierbar, gleichwohl ist es mit Investitionen, weil sie von den Banken keine Kredite mehr bekommen.

Geht der Umsatz zurück, und steigt der Forderungsbestand, werden die Kreditlinien von den Hausbanken, reihenweise gekündigt. Bestehende Sicherheiten für die Banken, für langfristige Finanzierungen der Betriebe, in Form von Hypothekarbelastungen, werden mittlerweile auch von den Sparkassen an Heuschrecken verkauft oder an eigene gegründete Bad Banks ausgegliedert. Diese machen den Unternehmern zusätzlich das Leben schwer. Die Zwangsversteigerungen nehmen zu!

Die so genannten Verbraucher haben einfach kein Geld mehr.

Auffallend ist gleichwohl, dass einige Gewerbetreibende, als letztes  Mittel, ihr Heil im Lotto, Spielbanken oder sogar im Grenzbereich, sich mit sehr dubiosen Kreditvermittlern und Beratern, sogenannten „ehem. Bankdirektoren“, einlassen, um an Geld zu kommen. Die Inkassobüros tun ihr übriges.

Breischultrige, männliche Besucher mit sehr schlechten Deutschkenntnissen, aber mit deutlichem Verweis, in Deutsch, auf ein Kreditorenmanagement per Hand, werden zunehmend Gast in diesen Unternehmen.

Finanzämter erlassen zweifelhafte Einkommensteuer-, Körperschaftsteuer-, Gewerbesteuer- und Umsatzsteuerbescheide, in der Regel zu ungunsten der Steuerpflichtigen. Steuerberater sind mit ihrer Preisgestaltung auch nicht gerade eine Hilfe für den Steuerpflichtigen. Zumal viele Steuerberater ihre Mandanten in unsägliche Finanzmarktmodelle (Derivate), Investmentfonds, Schifffonds, Immobilienfonds und vieles mehr gedrängt haben…diese Modelle entwickeln sich alle zu einem großen flop, wie sie sich stets zu flops entwickeln, weil an diesen Modellen kassiert nur einer, das ist der Investor und sein Vertrieb…für den Steuerpflichtigen sind diese Modelle, nachweislich, (insbesondere für viele Ärzte) der letzte Sargnagel für ein unrühmliches Ende.

Sie vollstrecken brutalst, die Finanzämter, da sie eigene Vollstreckungsstellen unterhalten und da es sich um öffentliche Forderungen handelt, unterliegen sie nicht dem sonstigen Rechtsweg, um ihre Forderungen einzutreiben. Sie pfänden Geschäftskonten, schließen Betriebe usw.

Sie ruinieren unzählige Gewerbetreibende, die überleben könnten, gäbe man ihnen eine  Chance. Rechtsanwälte (ein ganz eigenes Thema…) kennen kein Pardon und treiben Schuldner in die Insolvenz ohne Nachsicht. In diesem Zusammenhang wäre auch das Insolvenzrecht zu nennen, das einem Insolvenzler keinerlei Chance mehr bietet, auf dem Markt Fuß zu fassen. Denn Schufa und Creditreform mit ihren unsäglichen Einträgen, die zu Hauf auch noch falsch und/oder überholt sind, brandmarken einen Schuldner als UnPerson, für alle Zeiten. Er bekommt keinen Unternehmerischen Fuß mehr auf den Boden.

Arbeitslose I und II, haben wenn sie über 40 sind, insbesondere Frauen, überhaupt keine Chance mehr. Ich kenne persönlich viele Personalchefs, die stellen nur noch junge Mitarbeiter ein. Bei denen liegt die Schmerzgrenze bereits bei 30 Jahren. Es werden nur noch Leute von „Sklavenhändlern“ (Vermittlungsagenturen) eingestellt und nach kurzer Zeit, wenn die Arbeitsamtförderung ausgelaufen ist, wieder rausgeschmissen. Nur noch Zeitarbeitsverträge werden abgeschlossen.
Gewiefte Unternehmer nehmen alles mit, was der Staat ihnen bietet…

Diese Arbeitsagenturen schicken die Arbeitslosen in ein Netz von „Weiterbildungsmaßnahmen“ von Seminarfirmen und eigenartige externe Gründungsberater, die sich eine goldene Nase an den hoffnungslosen Fällen verdienen. Geholfen wird denen aber nicht. Sie sind und bleiben auch nach diesen Maßnahmen arbeitslos.

Die, die in die Selbständigkeit, mit Überbrückungsgeldern vom Arbeitsamt gehen, sind nach spätestens 1 oder 2 Jahren wieder pleite. Tagtäglich erlebe ich diese Existenzgründer.

Das sind nur ein paar kleine Geschichten aus dem Volke. So wie die es da oben nicht sehen, nicht sehen können oder viel schlimmer, nicht sehen wollen. Ich könnte stundenlang darüber berichten, wie es hier unten, in der richtigen Welt zugeht…

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