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Lässt sich die soziale Einstellung der Menschen in einer Gesellschaft verändern? Und einige Anmerkungen zu einem Interview von Rifkin.

Verantwortlich:

Gibt es Veränderungen im sozialen Bewusstsein, im Umgang miteinander? Sind Menschen von Natur aus egoistisch oder eher empathisch und auf Zusammenhalt angelegt? Wird die soziale Einstellung geprägt? Zum guten, zum schlechten und wie? Diese Fragen bewegen einen – insbesondere angesichts der zurzeit sehr aggressiven Töne gegen die Schwächeren unter uns. In einem Interview mit dem Tagesspiegel äußert sich auch der amerikanische Soziologe Rifkin zum Thema. Albrecht Müller

Das Interview ist lesenswert. Ich weise darauf hin, obwohl mich wie oft bei Rifkin, einiges irritiert. (Auf einiges Irritierendes wird im folgenden auch jenseits der Fragestellung meines Beitrags eingegangen.)

Rifkin bezieht sich auf die Hirnforschung und stellt zum Beispiel fest:

  1. „Ist es der menschliche Trieb, aggressiv, gewalttätig und konkurrenzorientiert zu sein? Oder ist er nicht vielmehr sozial und hilfsbereit, eben empathisch? … Entscheidend ist …, was dominiert. Die Ergebnisse der Hirnforschung belegen: Menschen sind darauf ausgelegt, empathisch zu sein und einen starken Sinn für Zusammenhalt zu entwickeln. Nur wenn diese Triebe von Eltern, Schule und Kultur blockiert werden, nehmen Aggression und Gewalttätigkeit überhand. …
  2. „Der primäre Trieb, das belegen inzwischen viele Experimente mit Kleinkindern und sogar Babys, ist der soziale.“
  3. (Diese Erkenntnis) … „zeigt, wie unser Bewusstsein und damit unser Handeln sich ändern könnten. Und wir wissen, dass es das früher auch schon getan hat.“
  4. Rifkin zeigt sich enttäuscht von Obama und beschreibt, dass sich dort beim Klimaschutz und bei der Energiepolitik brutale Interessen durchgesetzt haben. Und er interpretiert diese Entwicklung so: „Wenn Ideen und Ideologien sich durchsetzen, dann hat das Konsequenzen. Wenn alle denken, der Mensch ist von Natur aus selbstsüchtig und egoistisch, dann bekommen wir eben die Politiker, die so sind. Bei uns (in den USA, d.Verf.) setzen sich die Leute durch, die krankhaft gierig sind. Sie sind Ausdruck des physischen und moralischen Bankrotts in unserem Land. Aber wir können das ändern, und das hat mit der modernen Pädagogik auch längst begonnen. Wenn es gelingt, dass die Menschheit besser über sich selbst denkt, dann kann sie auch tatsächlich besser werden.“

Rifkins Enttäuschung über Obama ist gepaart mit Bewunderung für Angela Merkel und in den EU-Kommissionspräsidenten Barroso, die er nach eigener Auskunft berät. Rifkin hat offensichtlich ein ziemlich groteskes Bild von der sozialen Orientierung dieser Personen. Mein Eindruck ist, dass Rifkin nicht realisiert hat, wie sehr gerade diese beiden Politikerinnen und Politiker mit ihrer praktischen Politik sich von dem auch von Rifkin bewunderten europäischen Sozialstaat entfernen. Der Lissabon-Prozess und Angela Merkels schwarz-gelbe Reformpolitik, ihre Zurückhaltung gegenüber Westerwelle und anderer Aggressionen gegen die Schwächeren sind beredte Zeugen einer Entwicklung, die Rifkin mit den in d) zitierten Äußerungen beschreibt. Bei uns hat sich eben auch genau diese egoistische Ideologie der neoliberalen Bewegung durchgesetzt; wenn Rifkin meint, unsere so genannten Eliten seien nicht moralisch bankrott, dann hat er nicht verstanden, was bei uns abgegangen ist und abgeht, und wenn er die genannten Personen berät und sich dessen rühmt, dann hat er nicht einmal verstanden, dass er – bekannt als Bewunderer der Europäischen Sozialstaatlichkeit – der Imagepflege von Angela Merkel, dem windowdressing, dient. Es ist vorauszusehen, dass er dann auch als Beleg für die Sozialdemokratisierung von Angela Merkel und der Union hergenommen werden wird.
Ich persönlich traue trotz vieler Enttäuschungen Barack Obama immer noch eine sehr viel höhere soziale Kompetenz und auch mehr Fähigkeit zur Empathie zu als Angela Merkel und in jedem Fall eine höhere als Barroso und der Mehrheit der Europäischen Kommission.

Rifkin spricht von großen Sprüngen im sozialen Bewusstsein der Menschen und er verbindet diese dann mit revolutionären Veränderungen bei der Energiegewinnung und der Kommunikation. Das ist der Rifkin, der mit seinen großen Erklärungsmustern viele Menschen beeindruckt. Nichtsdestotrotz halte ich gerade diesen Rifkin für ziemlich uninteressant, eigentlich für irreführend und verdummend. Zum ersten Mal fiel mir das bei seinem Buch über das Ende der Arbeit auf. An diese These glauben schrecklich viele Leute. Sie erscheint nur mithilfe von assoziativen Verknüpfungen als begründet. Mir gingen seine Ableitungen so auf den Nerv, dass ich diese Urlaubslektüre abbrach.

Auch die Chancen zur Veränderung des sozialen Verhaltens verknüpft Rifkin mit einem großen Wurf. Er verbindet sie mit einer „dritten industriellen Revolution“. Es scheint mir besser zu sein, nüchtern zu bleiben und die Gründe der Demoralisierung zu analysieren, die wir heute auch in Europa erleben, und dann an diesen Erkenntnissen anzusetzen und zu überlegen, was zu tun wäre, um soziales Verhalten wieder nach vorne zu bringen.

Wir haben in unserem Land erlebt, dass sich Sozialverhalten und soziale Einstellung unter dem Eindruck von Ideologien und der damit verbundenen Praxis und Propaganda auch in relativ kurzen Zeiträumen wie etwa den letzten drei Jahrzehnten verändern können. Auf eine kurze Zeitspanne, in der Sozialstaatlichkeit und soziale Sicherheit öffentlich als große Errungenschaften gelobt und in der Praxis ausgebaut wurden, und in der auch die Erziehung in den Familien und Schulen menschenfreundlichere Ansätze zeigte, folgte die Verhöhnung des sozialeren Miteinanders als Sozialklimbim und soziale Hängematte und der ideologische Bannstrahl für menschenfreundlichere Formen der Erziehung.
Nicht total aber immerhin merkbar wurden die Akzente verschoben: jeder ist seines Glückes Schmied, Du musst dich wehren, Du musst stark sein, das Boot ist voll – das und einiges mehr waren und sind bis heute die Sprüche der herrschenden Ideologie. Und das prägt natürlich.
Von Bedeutung war zudem die Kommerzialisierung der elektronischen Medien und die massive Ausweitung von Gewaltdarstellungen.
Von Bedeutung war auch die massive Propaganda und die daraus folgenden Taten gegen alle gemeinschaftlichen Einrichtungen und für Entstaatlichung. Wir haben drei Jahrzehnte der Propaganda und Prägung gegen öffentliche Güter und Dienstleistungen hinter uns. Auch das prägt soziales Verhalten.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Verunsicherung der Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft. „Erst das Fressen, dann die Moral.“ Vermutlich immer noch keine falsche Diagnose, selbst wenn da und dort gelten mag, dass Not zusammenschweißt.

Aus der Diagnose folgen auch die therapeutischen Ansätze: Veränderung der Erziehung (ein mühsamer Weg); Entzauberung der herrschenden Ideologie und selbstbewusstes Werben für die humanere Form des Zusammenlebens, für solidarisches Verhalten, soziale Sicherheit, Sozialstaatlichkeit, Ausweitung der öffentlichen Versorgung und öffentlicher Güter, gesicherte Arbeitsverhältnisse, Kampf gegen Leiharbeit und Niedriglöhne, Entkommerzialisierung wichtiger Bereiche des Zusammenlebens, usw. – Das wird vermutlich ein langer Weg. Aber es bedarf dafür keiner neuen industriellen Revolution, so schick das auch klingen mag. Es bedarf allerdings der Erkenntnis, welche Bedeutung der Meinungsmache zukommt. So oder so.

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