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Die manipulative Interpretation von Wirtschaftsdaten hat zur Zeit mal wieder Hochkonjunktur

Veröffentlicht in: Manipulation des Monats, Wichtige Wirtschaftsdaten, Wirtschaftspolitik und Konjunktur

Wie schon bei der letzten kleinen Wirtschaftsbelebung von 2006 bis 2008 wird auch heute wieder eine kleine Aufwärtsbewegung euphorisch interpretiert; damals wurden Wachstumsraten von kaum über 2 % „Boom“ genannt; heute schaltet der Bundesfinanzminister bei 2 % realem Wachstum auf „Konjunktur-Euphorie“ um. Und wenn die Exporte im Vergleich zum letzten Jahr kräftig steigen, dann macht das Statistische Bundesamt und mit ihm die Mehrheit der Medien daraus ein halbes Wunder, obwohl der kurze Blick auf die Veränderung im Jahr davor zeigt, dass jetzt nur aufgeholt wird, was zwischen 2008 und 2009 eingebrochen war. Dass Schäuble versucht zu manipulieren, dass das Statistische Bundesamt leider keine neutrale Institution ist, das wissen wir. Dass aber die Medien einvernehmlich nicht nur die Fakten wiedergeben, sondern die euphorische Interpretation übernehmen, zeugt vom totalen Niedergang der Medien als kritischer Instanz des Geschehens. Albrecht Müller.

Dabei sind die Tricks der Manipulation äußerst einfach. Sie müssten von Journalisten durchschaut werden. Vermutlich ist das auch so. Vermutlich sind die maßgeblichen Journalisten nahezu komplett unter dem Einfluss von Spindoktoren.

Zur Konjunktureuphorie bei 2 % Wachstum:
Der Trick beim Wachstum der Volkswirtschaft ist einer der billigsten Tricks: man macht eine Prognose unterhalb des möglichen Potenzials, im konkreten Fall lag die Prognose für das reale Wachstum 2010 bisher bei 1,4 %. Wenn dann die Prognose nach oben korrigiert wird, und sei es nur um 0,6 % auf ein niedriges Wachstum von 2 %, dann wird diese Veränderung zur Basis der Euphorie erklärt. Und alle, nahezu alle Medien, machen diese Stimmungsänderung mit. Dabei könnte man mit einem Blick auf Wachstumsraten in anderen Ländern und bei früheren Wirtschaftsbelebungen sowie mit einem Blick auf den Einbruch in Deutschland zwischen 2008 und 2009 und außerdem mit einem Blick auf die Produktivitätszuwächse sehr gut wissen, das 2 % eine minimale positive Veränderung sind. Damit ist Deutschland noch lange nicht heraus aus dem Loch.

Wie die Manipulation funktioniert, sehen Sie zunächst einmal an einem Beitrag von Spiegel Online vom 8. Juli. Hier die ersten Zeilen:

08. Juli 2010, 19:46 Uhr
„Zwei Prozent Wachstum“
Schäuble schaltet auf Konjunktur-Euphorie um
Optimismus eines Berufspessimisten: Finanzminister Schäuble geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um stolze zwei Prozent wächst. Bislang rechnet die Regierung mit einem deutlich geringeren Konjunkturplus. Zumindest offiziell.
Berlin – Es wäre ein entscheidender Schritt aus der Krise: Die deutsche Wirtschaft könnte in diesem Jahr nach Einschätzung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) weit stärker zulegen als angenommen. „Wir haben in diesem Jahr die reale Chance, dass es zwei Prozent Wachstum werden“, sagte Schäuble am Donnerstagabend in Berlin.

Diese Interpretation wurde nicht nur vom Spiegel so gemacht. Wenn Sie bei Google News am 9.7-13:30 „Wachstum“ eingeben, dann erhalten Sie folgende Meldung:

„Zwei Prozent Wachstum“: Schäuble setzt voll auf Konjunktur-Überraschung Spiegel Online – ‎Vor 17 Stunden‎
„Wir haben in diesem Jahr die reale Chance, dass es zwei Prozent Wachstum werden“, sagte Schäuble am Donnerstagabend in Berlin. Es wird schon seit längerem …

Schäuble: Chance für Wachstum von 2 Prozent sueddeutsche.de

UPDATE: Schäuble sieht reale Chance auf 2% Wachstum 2010 Märkische Allgemeine

Schäuble: Deutschland kann 2010 zwei Prozent Wachstum erreichen Nachrichten-Magazin | Internetzeitung | OPEN-REPORT.de

Handelszeitung Online

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Der Trick, mit Schlimmerem zu rechnen und dann das weniger Schlimme zu feiern, funktioniert bei deutschen Journalisten und anderen Meinungsführern ausgesprochen gut. Wir haben dies gerade in den letzten Tagen auch am Fall der Nettokreditaufnahme studieren können. Hier wurde die erwartete höhere Zahl auf 57,5 Milliarden reduziert und dies dann gebührend gefeiert.

Der Trick zur manipulativen Interpretation der Exportziffern: Einfach vergessen, was die Ausgangsbasis war.
Vorweg ist hier anzumerken, dass Export-Überschuss-Erfolge aus unserer Sicht angesichts der Leistungsbilanzungleichgewichte kein Grund zum Feiern sind. Dieser Einwand ist jetzt nicht das Thema. Thema ist die dreiste Interpretation der Exportzuwächse. Die gefeierten 28,8 % Plus von Mai 2009 auf Mai 2010 entsprechen fast genau dem Einbruch der Ausfuhren zwischen Mai 2008 auf Mai 2009. Damals gingen die Ausfuhren um 24,5 % zurück. Und die manipulative Interpretation durch das Statistische Bundesamt zu merken, hätten die Damen und Herren Journalisten nur die neue Pressemitteilung vom 8.7.2010 mit jener vom 9.7.2009 vergleichen müssen. Schon das ist offenbar zu viel verlangt. Hier die beiden Überschriften und Aufmacher der beiden Pressemitteilungen:

Pressemitteilung Nr.237 vom 08.07.2010
Deutsche Ausfuhren im Mai 2010: + 28,8% zum Mai 2009

WIESBADEN – Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilt, wurden im Mai 2010 von Deutschland Waren im Wert von 77,5 Milliarden Euro ausgeführt und Waren im Wert von 67,7 Milliarden Euro eingeführt. Die deutschen Ausfuhren waren damit im Mai 2010 um 28,8% und die Einfuhren um 34,3% höher als im Mai 2009. Ausfuhrseitig war das der höchste Anstieg eines Monats gegenüber dem Vorjahresmonat seit Mai 2000 (+ 30,7%), einfuhrseitig seit Januar 1989 (+ 38,9%).

Quelle: destatis

Pressemitteilung Nr.255 vom 09.07.2009
Deutsche Ausfuhren im Mai 2009: – 24,5% zum Mai 2008

WIESBADEN – Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilt, wurden im Mai 2009 von Deutschland Waren im Wert von 60,7 Milliarden Euro ausgeführt und Waren im Wert von 51,1 Milliarden Euro eingeführt. Die deutschen Ausfuhren waren damit im Mai 2009 um 24,5% und die Einfuhren um 22,6% niedriger als im Mai 2008.

Quelle: destatis

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