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4. Dezember 2016
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Spiegel Online wird immer unerträglicher. Flach , flacher, flachester Kampagnenjournalismus

Veröffentlicht in: Fachkräftemangel, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medien und Medienanalyse

Gestern erschien um 18:02 Uhr ein Beitrag von Frau El Sharif mit dem Titel „Warum Deutschland sofort mehr Zuwanderer braucht“. Vorher, um 10:41 Uhr ein anderer Artikel mit dem Dauerbrenner „Konjunkturexperten -Deutschland lässt ganz Europa boomen“. Das ist nur eine kleine Auswahl der täglich verbreiteten Kampagnenartikel. Bei beiden kann man davon ausgehen, dass sie der Ausfluss von Public Relations-Aktionen sind. Beide sind inhaltlich so dürftig, dass es die meisten Leser eigentlich als Zumutung erkennen müssten. Nutzen Sie diese Beispiele bitte wieder einmal, um die Spiegel- und Spiegel Online-Leser in ihrem Umfeld aufzuklären. Albrecht Müller

Zum ersten Beitrag ein paar Anmerkungen:

  • Der Artikel soll offensichtlich dem Ziel dienen, die Reservearmee an Arbeitslosen partout nicht schrumpfen zu lassen. Dieses Ziel hat übrigens auch der zweite Artikel, wo suggeriert wird, dass es bei uns rundum boomt. Mit den Fakten, der immer noch hohen Zahl von Arbeitslosen und 9 Millionen Menschen, die gerne mehr arbeiten würden, hat dies nichts zu tun. Siehe dazu die Hinweise von gestern „Rund 9 Millionen wünschen sich mehr Arbeit“.
  • Mit Berufung auf eine PrognosStudie über die geschrumpfte Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter im Jahr 2035 (!) wird behauptet, Deutschland brauche schleunigst (!) mehr Anreize für ausländische Fachkräfte. Den demographischen Wandel mit Prognosen für das Jahr 2035 auch noch dafür zu bemühen, um sofort mehr Fachkräfte von außerhalb zu verlangen, ist der typische Fall einer nicht reflektierten angelernten Meinung.
  • Vom Sinn der besseren Ausbildung und Pflege des vorhandenen Arbeitskräftepotentials hat die Autorin wohl noch nichts gehört.
  • Sie plappert nach, was sie bei arbeitgebernahen Einrichtungen wie Prognos, dem Institut der deutschen Wirtschaft, dem VDI und Meinhard Miegel vorgesagt bekommt.
  • Die Autorin hat offenbar kein Problem durchdacht, auch nicht den Sinn oder Unsinn ihres Begehrens, dass alle potentiellen Industrieländer wie die USA, Kanada und dann auch Deutschland in einen Konkurrenzkampf um gut ausgebildete Fachkräfte eintreten. Dass es gesamtwirtschaftliche, entwicklungspolitische oder einfach nur Vernunftgründe gibt, einen solchen Wettbewerb für falsch zu halten, ist diesem Medium offenbar fremd.
  • Die Autorin hat Politik studiert und ist in der Spiegel Online-Wirtschaftsredaktion tätig. Das Ergebnis ist entsprechend. Sie weiß möglicherweise schon deshalb nicht, dass man rein logisch nicht sagen kann, es gebe einen Bedarf an X-1000 Fachkräften. Wie hoch der Bedarf ist und wie viele Personen sich anbieten, ist auch eine Folge des Preises, genauer des gezahlten Lohns und Gehalts. Wenn zum Beispiel für gut ausgebildete Pflegekräfte mehr bezahlt würde, dann würden sich mehr Menschen, die ausgebildet sind, bereit finden, wieder zu arbeiten, und andere würden sich fort- beziehungsweise ausbilden lassen. So arbeitet der Markt. Die Damen und Herren Journalisten führen dieses Wort ständig im Mund, vergessen aber die so genannten Marktgesetze, wenn sie über Fachkräftemangel und die angeblich notwendige Zuwanderung schwadronieren.
  • Der Bedarf an Ingenieuren und anderen Industriefachkräften hängt auch wesentlich von der Orientierung der deutschen Wirtschaft ab. Wenn die Linie der herrschenden Kreise und der Bundesregierung gelten soll, dass wir unser Glück und Wohlergehen von einer weiteren Steigerung des Exports erwarten, dann wird man mehr Ingenieure und andere Fachkräfte für die exportorientierten Wirtschaftszweige brauchen als dann, wenn die deutsche Volkswirtschaft sich tendenziell stärker an den Bedürfnissen des Binnenmarktes orientiert, wenn also das getan wird, was auch im Interesse des Abbaus der Leistungsbilanzdifferenzen im Euroraum ist.
  • Dass der Bedarf an so genannten Fachkräften etwas mit der sektoralem Orientierung einer Volkswirtschaft zu tun hat, konnte man im Vorfeld und Umfeld der Einführung der Greencard beobachten. Damals wurde gejammert über den Mangel an I+T-Fachleuten. Der angebliche Mangel hatte vermutlich viel damit zu tun, dass solche Leute von der Finanzwirtschaft für das Management des damaligen Booms der Börsen, der Börsengänge und der Spekulation insgesamt gebraucht wurden. Der Betrieb eines „Spielcasinos“ verlangt Fachkräfte. Als diese Blase dann beginnend mit dem Jahr 2000 platzte, war auch der Bedarf an solchen Fachkräften geringer. Das ist vermutlich einer der Gründe für die Nutzlosigkeit des damals erfundenen Instruments Greencard, über deren Bedeutung man übrigens im Vorfeld der Einführung eine so breite öffentliche Debatte führte, als würde Deutschlands Zukunft davon abhängen. Untersucht wurde die These zum besonderen Bedarf der Finanzwirtschaft im Aktienboom meines Wissens nie. Deshalb kann ich sie auch nur als Vermutung äußern, allerdings als plausible Vermutung.

Anmerkungen zum zweiten Beitrag „Konjunkturexperten – Deutschland lässt ganz Europa boomen“

  • Auch dies ist ein typisches PR Stück. Offenbar versuchen interessierte Kreise um das Bundeswirtschaftsministerium und die Wirtschaft unbedingt zu suggerieren, dass es in Deutschland einen Boom gäbe.
  • Überschrift und Tenor des Artikels zeigen deutlich die Methode der Meinungsmache, die hier erprobt wird, und die in „Meinungsmache“ beschrieben ist: Man nimmt eine Botschaft B (Deutschland lässt Europa boomen), um die Botschaft A zu transportieren (in Deutschland gibt es einen Boom). Siehe dazu die Ziffer 3, einen Auszug aus „Meinungsmache“ zu den häufig verwandten Methoden.
  • Im Artikel werden Zahlen über Auftragseingänge und anderes genannt, die beeindruckend hoch erscheinen. Aber dafür, wie sehr die Aufträge abgestürzt waren, gibt es keine Zahlen. Die Leser müssen über diese Lücke hinweg lesen, um beeindruckt zu sein. Dass die Auftragseingänge im Jahr 2009 massiv abgestürzt sind, haben vermutlich nur wenige präsent.
  • Typisch ist wie in vielen anderen Fällen die Berufung auf so genannte Experten. Meist sind es irgendwelche Bankanalysten oder Interessenvertreter. Achten Sie einmal darauf, wie viele Artikel bei Spiegel Online – aber nicht nur da – mit der Berufung auf Experten arbeiten und wie oft solche Experten eindeutig Interessen verbunden sind.

Das war nur eine kleine Auswahl von möglichen kritischen Anmerkungen. Sie werden auf noch viel mehr stoßen, wenn Sie die Texte sorgfältig lesen. Das lohnt aber ehrlicherweise gesagt nur dann, wenn Sie die beiden oder einen der Artikel verwenden wollen, um Ihre immer noch spiegelgläubige Verwandtschaft oder Freunde vom Nichtsnutz dieses Mediums zu überzeugen.

Anlage:

Ausländische Arbeitskräfte
Warum Deutschland sofort mehr Zuwanderer braucht

Von Yasmin El-Sharif
Wirtschaftsminister Brüderle fordert mehr Zuwanderung, um die Wirtschaft zu stützen. CSU-Chef Seehofer keilt dagegen, Kanzlerin Merkel würgt die Debatte ab – ein schwerer Fehler. Denn so wird weiter ignoriert: Deutschland braucht schleunigst mehr Anreize für ausländische Fachkräfte.
(…)
Quelle: SPIEGEL Online

Konjunkturexperten
Deutschland lässt ganz Europa boomen

Europa kämpft sich aus der Krise – vor allem weil die deutsche Wirtschaft boomt. Die hiesige Konjunktur entwickelt sich laut Experten deutlich besser als im Rest des Kontinents, deutsche Maschinenbauer verbuchen erneut ein sattes Plus bei den Aufträgen.
(…)
Quelle: SPIEGEL Online

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