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8. Dezember 2016
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Die Spekulation brechen und verbannen. Das ist entscheidend. (Finanzkrise E)

Veröffentlicht in: Banken, Börse, Spekulation, Finanzkrise, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medien und Medienanalyse

Gehört Spekulation notwendigerweise zum marktwirtschaftlichen Geschehen? Manche Ökonomen versuchen das zu begründen. Das ist angesichts der Schäden, die Spekulanten anrichten, nicht mehr zu akzeptieren. Es gab einmal eine klare Ächtung der Spekulation. Grundstücksspekulanten und Währungsspekulanten zum Beispiel waren noch vor 30 Jahren nicht gut angesehen. Das Bild hat sich gewandelt. Spekulanten und ihre Helfer unter den Investmentbankern werden bewundert wegen ihrer hohen Einkommen. Finanzminister von Eichel über Steinbrück bis Schäuble haben ihnen rote Teppiche ausgelegt. Wir Steuerzahler haben auf Geheiß der politisch Entscheidenden ihre Wettschulden übernommen – konkret mit einem Bankenrettungsschirm über 480 Milliarden € und mit der Rettung mehrerer Banken. Albrecht Müller.

Die miese Rolle der Spekulation wird heute nicht mehr erkannt und noch weniger beim Namen genannt. Das lenkt ab von der zentralen Aufgabe, den Spekulanten das Handwerk zu legen…

Die Schäden der Spekulation
Unter der Spekulation mit Grundstücken haben in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts unsere Städte massiv gelitten. Das war der Grund dafür, dass Oberbürgermeister wie zum Beispiel der Münchner Hans Jochen Vogel die Spekulation gegeißelt haben und Vorschläge zur Reform des Bodenrechts entwickelt haben.
Wenn jetzt Banken und Investmentbanker mit Rohstoffen spekulieren, dann rührt sich kaum jemand unter den verantwortlichen Politikern. Obwohl im konkreten Fall klar ist, dass wir alle und vor allem die Ärmsten unter den steigenden Rohstoffpreisen leiden mussten und müssen. Die Spekulationsgewinne der Spekulanten fallen ja nicht vom Himmel. Sie werden über steigende Preise bezahlt. So wie auch die Gewinne der Bodenspekulation im Weichbild unserer Städte von den betroffenen Menschen, von den Mietern der auf den Grundstücken gebauten Häusern bezahlt werden mussten.
Die geläufige Spekulation führt auch zu völlig falschen Signalen auf den Märkten. Durch Spekulation getriebene steigende Preise sind nicht der Beweis für die Knappheit eines Gutes, sondern der Beweis für den Herdentrieb der Spekulanten. Mit Marktwirtschaft und ihren Steuerungsvorteilen hat dies nichts mehr zu tun. Und dennoch wird die Spekulation als Ursache von Preis- und Kursveränderungen großen Ausmaßes oft nicht gesehen.

Die verheerende Rolle der Spekulation wird oft nicht beim Namen genannt.
Aktuelle Musterbeispiele dafür sind wieder einmal zwei Beiträge in Spiegel Online. Sie sind beispielhaft und mit Sicherheit nicht einzigartig. Ähnlich wird in anderen Medien berichtet und kommentiert:
Am 05. Mai 2011 berichtete Spiegel online unter der Überschrift „Gold, Silber, Öl – Anlegerflucht lässt Rohstoffpreise abstürzen“ über den Abwärtstrend der Preise auf den Rohstoffmärkten. Typische Einlassungen dabei sind:

  • „Experten begründen den Einbruch unter anderem mit Sorgen um die Weltkonjunktur.“
  • Der starke Anstieg des Dollar zum Euro belastete die Ölpreise, sagten Anleger.
  • Der Euro sank um fast drei Cent auf rund 1,46 Dollar. Grund für den Absturz ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Die EZB hatte für den Juni einen unveränderten Leitzins signalisiert. …
  • Börsianer begründeten den Kursverfall mit einer zunehmenden Furcht vor einer Abkühlung der Weltkonjunktur. …

Nach dem gleichen Muster dann auch noch einmal am 06. Mai 2011 um 11:34 Uhr:

„Sorge um US-Wirtschaft – Ölpreis im Abwärtsstrudel. Es ist eine Trendwende. Noch vor kurzem stieg der Ölpreis von Rekord zu Rekord – nun sackt er immer weiter ab. Vor allem die Sorge um die US-Konjunktur drückt die Stimmung an den Märkten….“

Hier werden alle möglichen Experten bemüht und die Konjunktur und die Sorge um die US-Wirtschaft und die Politik der Europäischen Zentralbank und der Anstieg des Dollarpreises verantwortlich gemacht. Erst am Ende des zweiten Artikels kann man dann lesen, eine wichtige Rolle am Markt spielten auch spekulativ orientierte Investoren, die nach dem Boom der Rohstoffe in den vergangenen Wochen nun Kasse machten.
Kein Wort davon, dass sich professionelle Spekulanten den Rohstoffmärkten zugewandt haben, nachdem sie vorher mit Aktien, mit Währungen und mit so genannten innovativen Finanzprodukten spekuliert hatten. Kein Wort davon, dass diese Spekulation von einsichtigen Ökonomen wie etwa Heiner Flassbeck seit Anfang an kritisiert werden. Es wird so getan, als sei es ein normales Marktgeschehen, was hier abgeht.
Die Damen und Herren Redakteure von Spiegel Online bräuchten nur bei ihren Kolleginnen und Kollegen vom Managermagazin vorbeischauen, wenn sie klarer blicken wollten. In der Online Ausgabe des Managermagazins wie auch in der April Ausgabe des Magazins selbst war am 27. April unter der Überschrift „Schattenbanken – Geldhäuser verschieben erneut Milliardenrisiken“ zu lesen, wie die Spekulanten ihre Risiken abzuschieben versuchen.

Wie Spekulation wirkt, kann man an den deutschen Aktienmärkten der letzten drei Jahrzehnte studieren. Ich habe das in einem Beitrag für die NachDenkSeiten vom 7. Januar 2009 beschrieben. Dort ist eine Abbildung zu finden, die zeigt, wie zweimal die Aktienkurse auf das vierfache gestiegen und wieder eingebrochen sind.

Der Dax 30 Oktober 1959 bis heute

Die Kurve geht bis 2008. Inzwischen geht es wieder aufwärts. Und jeden Werktag Abend werden die Folgen der Spekulation in einer bekannten Börsensendung bejubelt, wenn die Kurse steigen, und beweint, wenn sie sinken.

Diese Spekulation ist volkswirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich betrachtet völlig nutzlos. Und sie ist schädlich. Die Spekulation führt zu erhöhten Risiken und im Extremfall zur Krise von großen Banken und wegen deren Macht zur Beteiligung der Steuerzahler an ihren Verlusten.

Die Schonung der Spekulanten

Immer wieder trifft man wie bei den zitierten Texten von Spiegel Online auf Versuche, die riskanten Preis- und Kursbewegungen anders als durch Spekulation erzeugt zu erklären. So wird oft – gerade in progressiven Kreisen – darüber spekuliert, die krisenhaften Preis- und Kursbewegungen seien die Folge schwadronierender Geldvermögen und damit auch die Folge der ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung. Oder es wird auf die Geldpolitik der Zentralbanken verwiesen. Ein solcher Versuch ist in der „jungen Welt“ vom 30.4.2011 gemacht worden. dort wird die Politik der US-Notenbank für das Steigen der Rohstoffpreise und den sich ausbreitenden Hunger in der Welt verantwortlich gemacht. Ich zitiere:

„Der zweite Grund für den sich ausbreitenden Hunger in der Welt ist die Politik der US-Notenbank Fed. Deren Ausweitung der Geldmenge und die Finanzierung der Staatsdefizite durch die Notenpresse haben weltweit nicht nur Inflationsängste geschürt, sondern diese auch tatsächlich herbeigeführt. Zugleich hat die Fed mit ihrer Politik der fast unbegrenzten, zinslosen Kredite für heimische Großbanken eine weitere gigantische Finanzspekulation begünstigt. Diesmal flossen die Zockermilliarden in Wetten mit Rohstoffen und insbesondere mit landwirtschaftlichen Produkten. Enorme Mengen spekulativer Dollars haben die Rohstoffmärkte überflutet und destabilisiert. Einst sicherte sich beispielsweise die Lebensmittelindustrie mit Kontrakten die Lieferungen bestimmter Rohstoffe zu festgelegten Terminen und Preisen. Diese Terminkontrakte sind inzwischen zum Spielball der Finanzspekulanten geworden, die die Preise in die Höhe treiben, was derzeit weltweit beim Lebensmitteleinkauf für Wut und Ärger sorgt. Eine derart großangelegte Finanzspekulation mit Lebensmitteln ist ein perfekter Auslöser für einen globalen Tsunami aus Instabilität und Aufruhr.“

Der Autor Rainer Rupp beschreibt den Schaden, den die Spekulation auf den Rohstoffmärkten anrichtet, richtig und es ist gut, dass er dies tut. Aber bei allem berechtigten Antiamerikanismus ist es wirklich abwegig, der US-Notenbank Fed die Spekulation und ihre Folgen in die Schuhe zu schieben. Spekuliert wird nicht, weil Geld da ist. Spekuliert wird nicht, weil die Zinsen niedrig sind. Wenn die Spekulationsgewinne 30 % und mehr betragen, dann ist es ziemlich unerheblich, ob die Zentralbanken 4 % Zinsen oder 0 % verlangen. Aus diesem Grund bin ich persönlich auch sehr skeptisch, ob eine Transaktionssteuer wirklich die Wunder gegen die Spekulanten und gegen die Spekulation bewirkt, die man ihr in manchen Kreisen zuordnet.

Auf den Beitrag von Rupp und andere Beiträge ähnlicher Art weise ich hin, weil sie aus meiner Sicht von wichtigen therapeutischen Schritten ablenken und übrigens auch in die Irre leiten. Was soll die amerikanische Zentralbank anderes tun? Soll sie die ohnehin schwierige Konjunktur weiter abwürgen? Soll die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöhen und eine restriktive Geldpolitik beginnen? Das kann doch wohl nicht ernst gemeint sein.

Nahe liegende Schritte gegen Spekulation wird nicht getan und wirksame Konzepte auch nicht diskutiert

Es wäre zum Beispiel nahe liegend, endlich die Steuerbefreiung der Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen aufzuheben, die zum 1.1.2002 eingeführt wurde.
Es wäre wichtig und richtig, Spekulationsgewinne abzuschöpfen.
Es wäre wichtig, den deutschen Finanzmarkt für Hedgefonds und andere Spekulanten wieder zu schließen.
Es wäre wichtig, an Konzepten zu arbeiten, die das Verbot von Spekulation möglich machen. Das scheint mir entscheidend zu sein. Die Art meiner Formulierung lässt darauf schließen, dass mir dafür noch kein Patentrezept vorliegt. Aber man muss beginnen, darüber mit dem Ziel der Untersagung von Spekulation zu beraten.
Der Anfang wäre die Ächtung der Spekulanten. Die Ackermanns, die Steinbrücks, die Spekulanten von Goldman Sachs und ihre Berater vom Schlage Ottmar Issings. Sie gehören nicht an die Spitze einer von Frau Merkel eingerichteten Kommission zur Reform der internationalen Finanzmärkte sondern auf die Anklagebank. Zumindest moralisch.

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