Philippinen: Manila als Hort der Achsenmächte und Zufluchtsstätte verfolgter europäischer Juden (Teil IV)

Philippinen: Manila als Hort der Achsenmächte und Zufluchtsstätte verfolgter europäischer Juden (Teil IV)

Philippinen: Manila als Hort der Achsenmächte und Zufluchtsstätte verfolgter europäischer Juden (Teil IV)

Rainer Werning
Ein Artikel von Rainer Werning

Die Philippinen sind das einzige Land in Asien, das nach einem westeuropäischen Herrscher, Philipp II., benannt ist. Zudem war der südostasiatische Inselstaat die einstige und einzige Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika in Asien, was den bekannten, in mehrere Sprachen übersetzten und im Januar 2022 97-jährig verstorbenen philippinischen Schriftsteller und Autor Francisco Sionil José einst zu der trefflichen Bemerkung veranlasste: „Unsere Landsleute hatten das historische Pech, etwa 350 Jahre im spanischen Konventsmief und ein halbes Jahrhundert unter Hollywood-Herrschaft leben zu müssen, von einem dreijährigen Intermezzo unter japanischer Knute einmal abgesehen.“ Jahrhunderte kolonialer Herrschaft haben in den Philippinen tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute auf Schritt und Tritt spürbar sind. Diese fünfteilige Serie aus der Feder unseres Südost- und Ostasienexperten Rainer Werning versteht sich als Spurensuche in einem Land, das während der Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main im Jahre 2025 Gastland sein wird. Den 1., 2. & 3. Teil können Sie auf den NachDenkSeiten nachlesen.

Francos langer Schatten

Um Spaniens geopolitischen Einfluss im imperialistischen Kalkül der Nazis zu nutzen, wandte sich das Dritte Reich an General Wilhelm Faupel und setzte ihn als neuen Leiter des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin ein. Faupel hatte wie sein Zeitgenosse General Pershing an mehreren Kriegsschauplätzen gedient. Für das deutsche Kaiserreich kämpfte er in Afrika und China. Später wurde er ein erbitterter Gegner der Weimarer Republik, der bereitwillig die Nazis als „Gegengift“ zur deutschen Demokratie akzeptierte. Faupel war allgemein bekannt als „I.G.-General“ – das bezog sich auf den deutschen Chemiekonzern I.G. Farben, der zu einem der großen finanziellen Förderer Adolf Hitlers und der Nazipartei avanciert war. Auch hatte er bereits wichtige Erfahrungen in Ibero-Amerika gesammelt. 1911 schloss er sich dem Lehrkörper der Argentinischen Militärakademie in Buenos Aires an. 1921, nach dem Ersten Weltkrieg, war er Militärberater des Generalinspekteurs der argentinischen Armee, 1926 bekleidete er einen hohen Posten in der brasilianischen Armee, danach wurde er Generalinspekteur der peruanischen Armee. [1]

Faupel und die Nazis wiesen die sektiererischen, königstreuen und katholischen Rechtsparteien zurück und entschieden sich für die Falange als Instrument zur Gewinnung der Vorherrschaft über Spanien. Faupel machte sich dann an den Aufbau der „Falange Exterior“ als faschistische Fünfte Kolonne in der Spanisch sprechenden Welt – einschließlich der Philippinen. Spanische Faschisten wurden von der Gestapo ausgebildet, um für die Achsenmächte zu arbeiten. Es gab Schulen für Spanier in Hamburg, Bremen, Hannover und Wien. Die Absolventen erhielten ein Offizierspatent im Nachrichtendienst der spanischen Armee, dem SIM. Im Vorfeld der japanischen Angriffe auf Pearl Harbor und die Philippinen Ende 1941 hatten die Nazis bereits verabredet, dass die spanische Falange den Weg für die japanische Übernahme der Philippinen ebnen sollte. General Faupel setzte José del Castaño als Regionalleiter der Falange Exterior für die Philippinen ein, und Spanien ernannte ihn zum Generalkonsul in der philippinischen Hauptstadt, wo er unter anderem mit zwei der reichsten Geschäftsleute Manilas, Enrique Zobel und Andres Soriano, zusammenarbeitete. Zobel, der den Posten eines „Konsuls“ des Franco-Regimes innehielt, behauptete, er sei persönlicher Vertreter Francos in Manila.

Manila, wohin José del Castaño per Schiff im Winter 1940 reiste, war in vielerlei Hinsicht leidenschaftlicher falangistisch eingestellt, als man es in Madrid selber war“,

schrieb Allan Chase in seinem Buch „Falange – The Axis Secret Army in the Americas“ (1943), und er fuhr fort:

Zur absoluten Verblüffung des neuen Generalkonsuls und neuen Regionalleiters veranstalten die fünf Unterabteilungen der philippinischen Falange Exterior ein Schauspiel für ihn, dessen pure Größe im Madrid von 1936 kaum hätte übertroffen werden können. Das Ereignis fand statt im Dezember 1940 in einem Stadion in Manila – gemietet zu einem nominellen Preis von dem Besitzer, einem spanischen Geschäftsmann. Um die Feierlichkeiten zu eröffnen, marschierten uniformierte Fünf- und Sechsjährige in militärischer Formation übers Feld, begleitet von der Musik einer Blaskapelle. Die kleinen Jungs trugen Uniformen – blaue Hemden und kurze Hosen sowie Koppel mit Schulterriemen wie die Exploradores (Pfadfinder). Aber sie waren keine Exploradores, sondern Jovenes Flechas (Junge Pfeile) de Falange.

Anfänglich waren die Uniformen mehr oder weniger gleich. Zunächst wurde den Jovenes Flechas beigebracht, wie man marschiert, wie man Cara al Sol, die Falange-Hymne, singt und wie man brazo en alto (mit hocherhobenem Arm) grüßt, wenn man ‚Franco! Franco! Franco!’ ruft. Später würden sie wie die Älteren lernen, wie man schießt.

Nach den kleinen Kerlen kam die Seccion Femenina de la Falange de Manila. Diese weibliche Truppe war eine absolute Überraschung für del Castaño. Sie umfasste die Bandbreite von fünfjährigen Vorschulmädchen bis zu Krankenschwestern im Teenageralter und Matronen wie Sturmpanzer – alle marschierten in makellosen blauen Uniformen hinter den Fahnen der Falange und des königlichen Spanien, salutierten zackig mit dem vorgeschriebenen steifen Arm und betrugen sich wie Frauen, die würdig sind, die Betten und Küchen der neuen Konquistadoren zu zieren.

Als die Falange ihre fünf Pfeile über den Horizont stieß, sahen die reichen Spanier in den Philippinen in ihnen die Wegweiser zu der Art von spanischem Weltreich, das ihre Väter wirklich gekannt hatten.“ [2]

Die Politik, die del Castaño verfolgte, ließ sich am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen:

Unsere faschistischen Brüder in Japan sind mit uns im gemeinsamen Kampf vereint. Wenn sie zuschlagen, müssen wir ihnen helfen. Wenn wir zuschlagen, werden sie uns helfen.“

Konfrontation & Kollaboration

Und das taten beide denn auch. Die wirkungsvollste Methode, den Weg für die Japaner zu ebnen und ihnen zu helfen, bestand darin, die philippinische Civilian Emergency Administration (C.E.A., Zivilschutzbehörde) – zumindest wesentliche Teile davon – zu unterwandern und letztlich lahmzulegen. Der Erfinder dieses Plans war niemand anders als der kriegserfahrene und verschlagene General Faupel, der nur allzu gut wusste, dass der „moderne totale Krieg“ der Krieg der organisierten Heimatfront ist.

A. Chase merkte dazu an:

Zivilverteidigungsorganisationen mögen nicht so entscheidend sein wie Armeen, aber sie sind eine Notwendigkeit. Manila lehrte die Welt, was für eine Gefahr die Zivilverteidigungsorganisation einer Stadt darstellt, wenn sie dem Feind in die Hände fällt. Dank der Falange und deren Regionalleiter, dem spanischen Generalkonsul José del Castaño, war die Heimatfront vollkommen desorganisiert.

Die Zivilverteidigungsorganisationen, eigentlich geschaffen, um die Moral der Zivilbevölkerung zu stärken und feindlichen Luftangriffen standzuhalten, erreichten genau das Gegenteil. Um 15 Uhr am Nachmittag des 2. Januar 1942 marschierten die Japaner in Manila ein; ihre militärischen Aufgaben wurden tausendfach erleichtert durch die wirkungsvolle Arbeit der Fünften Kolonne in der Stadt selbst. (…) Die Gesamtzahl der Falange-Mitglieder in den Philippinen ist nur sehr wenigen Leuten bekannt – vertrauenswürdige Quellen schätzen ihre Zahl auf knapp zehntausend. Wäre nur die Hälfte der auf zehntausend geschätzten, gerissenen Falangistas gegen die Zivilverteidigungsorganisation so vorgegangen, wäre der Zweck der Achsenmächte auch erfüllt gewesen. Alle Falangistas, die sich in der Zivilverteidigung engagierten, erhielten eine besondere Ausbildung durch eng mit del Castaño verbundene hochrangige Falangisten. (…)

Die Falangistas in der philippinischen zivilen Notstandsbehörde waren eine ausgebildete Armee der Fünften Kolonne der Achse. Sie wurden auf ihre Posten gehievt von dem Nazigeneral, der als Gauleiter in Spanien saß, und sie berichteten direkt an den Hauptverbindungsmann für die gesamte Spionageorganisation der Achse auf dem Archipel.“ [3]

Ungeachtet der Tatsache, dass die US-Regierung bereits Mitte Juni 1941 die Regierungen von Deutschland, Italien und Japan aufgefordert hatte, alle ihre Konsulate auf dem Boden der Vereinigten Staaten und deren Territorien bis zum 10. Juli zu schließen, übernahm José del Castaño provisorisch die Konsularaufgaben aller drei in Manila zu schließenden Konsulate.

Nicht öffentlich bekannt gegeben, aber trotzdem genauso amtlich“, bemerkte A. Chase, „war die Bestellung José del Castaños auf den wichtigsten Spionageposten der Achsenmächte in den Philippinen nach dem 18. Juli 1941. Der Falangechef wurde oberster Verbindungsmann für die gesamte verdeckte Arbeit der Achsenmächte auf den Inseln. Die Büros seines Generalkonsulats wurden Hauptquartier, Postamt und Clearingstelle für das gesamte Spionagenetz der Achse. (…) In New York, London und Moskau beklagten freie Männer und Frauen die Tragödie, die sich in Manila zugetragen hatte. Aber in Granada, Spanien, fand am 5. Januar 1942 eine Freudenfeier der Falange statt. Pilar Primo de Rivera, die psychopathische Schwester des jungen Primo und Chefin der weiblichen Abteilung der Falange, riss die Menge schreiend von ihren Sitzen.

Im Namen der philippinischen Sektion der Falange Española (…) nahm Pilar Primo de Rivera einen offiziellen Orden der japanischen Regierung entgegen – einen Orden, der der philippinischen Falange als Anerkennung für ihre unschätzbare verdeckte Hilfe für die Kaiserliche japanische Regierung bei der Einnahme von Manila und für eine Menge anderer Dienste verliehen wurde.

Zu den anderen Diensten zählte die Bereitstellung von Kolonnen von Lastwagen und Bussen für die japanischen Invasionstruppen in Lingayen, Lamon und anderen Orten. Kaum waren die Hurrarufe in Granada verhallt, da gab der Erzbischof von Manila einen Hirtenbrief heraus, der alle Katholiken der Philippinen dazu aufrief, ihre antijapanischen Aktivitäten einzustellen und mit den Japanern zusammenzuarbeiten bei ihren edlen Bemühungen, den Archipel zu befrieden.“ [4]

Tatsächlich gipfelte diese Mitwirkung in der Schaffung von Armeen philippinischer Freiwilliger wie der Makapili (Makabayang Katipunan ng mga Pilipino – Patriotische Liga der Filipinos), der „Friedensarmee“ und der Bisig-Bakal ng Tagala (Eiserne Arme der Tagalog-Frauen). Um dabei zu helfen, die Unterstützung der christlichen Mehrheit der Bevölkerung und der Beamtenelite zu gewinnen, schuf der Generalstab der japanischen Armee sogar eine eigene Religionsabteilung, die aus christlichen Geistlichen und Laien aus Japan bestand. Die Mitglieder dieser Abteilung zogen durchs Land, lasen Messen und hielten Gottesdienste in den örtlichen Kirchen ab und erleichterten die Freilassung verhafteter Religionsvertreter. Der Bischof von Osaka Taguchi schloss sich später dieser Abteilung an und führte aktiv die Beschwichtigungskampagne gegenüber der Katholischen Kirche der Philippinen. Aufgrund der politischen Empfehlungen von Bischof Taguchi versuchte die japanische Militärverwaltung, eine umfassende Vereinbarung (Konkordat) mit dem Vatikan abzuschließen, die strittige Forderungen behandelt hätte wie zum Beispiel die nach der Filipinisierung des höheren Klerus der Katholischen Kirche und der Regelung von Kircheneigentumsfragen und Lehrplänen für den Schulunterricht. [5]

Hartnäckiges Erbe

Die damals in Manila ansässige spanische Gemeinde war keineswegs homogen, sondern aufgrund des Spanischen Bürgerkrieges zerstritten. Mehrere Lager standen sich gegenüber: linke Republikaner, baskische Hacienderos sowie Falangisten, die die Franco-Regierung blindlings unterstützten. Was die reichen Familien betraf, deren Denken zumeist sehr konservativ war (daher wohlwollend Franco gesinnt), so waren ihre Loyalitäten kurz nach Kriegsbeginn geteilt. Obwohl in der spanischen Gemeinde keine scharfen Konflikte entstanden, die zu Gewalttätigkeiten führten, unterblieb dennoch ein einheitliches Handeln seitens dieser Bevölkerungsgruppe. Sich für die philippinische Staatsbürgerschaft zu entscheiden, war eine Methode, seinen Besitz zu schützen. Dies stand auch im Einklang mit dem Plan des seit 1935 amtierenden Präsidenten der US-Commonwealth-Regierung, Manuel L. Quezon, zur Förderung einer philippinischen Oberschicht. [6]

Militarismus, Faschismus und Ideologien, die den Rassismus und rassische Überlegenheit verherrlichten, waren Markenzeichen der Achsenmächte und wurden von diesen auch brutal umgesetzt. Deutschland und Japan gemein war das Konzept des „geborenen Führers“ und der „Herrenrasse“. Und es waren die Philippinen, wo die Nazis sowie die Falangistas behilflich waren, den Faschismus zu verpflanzen, der sich nach dem japanischen Einmarsch kongenial in Tokios eigenem Konzept einer „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“ einbetten sollte.

Das Vermächtnis dieses dunklen Kapitels der Geschichte war Jahrzehnte später noch zu spüren. In den Philippinen wurden Filipinos, die in verschiedene projapanische Freiwilligenverbände eingetreten waren, sowie Kollaborateuren unter der nationalen Elite nach dem Krieg kein Haar gekrümmt, und sie kamen in den Genuss einer Amnestie. Diejenigen jedoch, die mutig die Japaner bekämpft hatten und denen gleichzeitig jedwede ausländische Intervention verhasst war – wie beispielsweise den Partisanen der Antijapanischen Befreiungsarmee (Hukbalahap) und späteren Volksbefreiungsarmee –, wurden stigmatisiert, als „Banditen“ und „Terroristen“ geächtet und bekämpft.

Und im Nachkriegseuropa wurde kein ernster Versuch unternommen, die Iberische Halbinsel zu „entfalangisieren“. Im Gegenteil: Franco und seine Kumpane blieben in Spanien bis 1975 an der Macht. Ebenso befand sich Portugal noch Jahrzehnte nach Kriegsende im Würgegriff des faschistischen Diktators Salazar. Schließlich ist der dominante Einfluss lateinamerikanischer Faschisten in den Nachkriegsdekaden (einschließlich ihrer Kollaboration mit Elementen der US-Geheimdienste) allgemein bekannt.

Musik trotz allem“

Die ausgesprochen antisemitische Politik Nazideutschlands hatte u.a. zur Folge, dass Juden aus dem Land flohen und anderswo sichere Häfen aufsuchten. Zahlreiche jüdische Intellektuelle, Schriftsteller – wie der eingangs erwähnte Stefan Zweig, der Autor von Magellan: Der Mann und seine Tat –, Wissenschaftler und Künstler emigrierten nach Amerika und Schanghai – Orte, an denen zu jener Zeit eine vergleichsweise liberale Immigrationspolitik vorherrschte. Neben Alaska, Madagaskar, Mexiko, der Dominikanischen Republik und Palästina gehörten auch die Philippinen zu den weltweit für jüdische Gemeinden als neue Heimat in Betracht gezogenen Ansiedlungsgebieten. Präsident Quezon und die Autoritäten des Commonwealth waren im Jahre 1939 darauf vorbereitet, im Zuge der weiteren Kolonisierung der südphilippinischen Insel Mindanao etwa 2.000 jüdische Familien einreisen zu lassen – weiterhin jährlich etwa 5.000 Familien bis zu einer Obergrenze von 30.000. Mindanao – insbesondere die Ebene von Bukidnon im Norden – rangierte ganz oben auf der Liste Erfolg verheißender und potenziell sicherer Zufluchtsstätten für die Ansiedlung von Flüchtlingen aus nah und fern. Gesetzliche Verzögerungen, aber auch die japanische Invasion und Eroberung der Philippinen vereitelten jedoch die Ansiedlungspläne. Bereits vor dem Krieg existierte auf Mindanao eine der weltweit größten japanischen Kolonien. Mindanao diente wegen seines Ressourcenreichtums quasi als Magnet für japanische Großunternehmen.

Den Philippinen war es möglich, eine eigene Einwanderungspolitik – frei von Beschränkungen, etwa bei der Festlegung entsprechender Quoten – zu betreiben. Nachdem die erste Welle von Flüchtlingen im September 1938 angekommen war, wuchs die jüdische Community zahlenmäßig weiter an. Sie erreichte mit etwa 2.500 Mitgliedern Ende 1942 ihren Höchststand.

Anfang April 2005 meldete der philippinische Botschafter in Israel, Antonio C. Modena, seinem Außenministerium, dass man an der gebührenden Anerkennung der Rolle arbeite, die dem philippinischen Volk im Hinblick auf die Hilfestellungen zukomme, die man jüdischen Flüchtlingen bei ihrer Flucht aus dem von Nazis besetzten Europa gewährt hatte. Er führte aus:

Das philippinische Volk begrüßte die jüdischen Flüchtlinge zu einer Zeit auf den Philippinen, als der Rest der Welt einem Volk die Türen zuschlug, das eine sichere Zuflucht vor der Tyrannei der Nazis suchte. Man sollte dem philippinischen Volk sicherlich dafür Anerkennung zollen, dass es an einem hohen moralischen Standard festhielt und Humanität zeigte.“

Tatsächlich organisierten Filipinos am 19. November 1938 eine Protestrally, um die Unmenschlichkeit der Reichskristallnacht zu brandmarken. Es ward diese jene Nacht, in der die Nazis in Deutschland randalierten, jüdische Häuser und Geschäfte zerstörten, Synagogen in Brand steckten und Kinder aus dem Fenster warfen. Der Botschafter wies darauf hin, dass es die amerikanische Regierung (in Miami) ablehnte, 900 Juden aufzunehmen, die sich an Bord des Schiffes „St. Louis“ befanden. Das Schiff war von Nazideutschland gechartert worden, um zu beweisen, dass kein anderes Land die Juden wollte. Zur gleichen Zeit bereitete Präsident Manuel L. Quezon eine Wohnsiedlung für jüdische Flüchtlinge in Manilas Stadtbezirk Marikina vor und plante die Errichtung eines Farmkomplexes für Juden auf Mindanao. [7]

Solidarische Netzwerke

Mit Emil Bachrach und Morton I. Netzorg tauchten zwei bedeutsame Namen zur Jahrhundertwende in der jüdischen Community in Manila auf. Emil Bachrach erreichte 1901 Manila und hatte bald „ein Wirtschaftsimperium von beträchtlichem Ausmaß“ aufgebaut. Weil er als erster amerikanischer Jude angesehen wird, der sich auf den Philippinen dauerhaft niederließ, trugen die Synagoge und ein Kulturgebäude seinen Namen: Temple Emil und Bachrach Hall. Die Familie hatte diese beiden Einrichtungen über Jahrzehnte finanziert.

Sein wirtschaftlicher Erfolg erlaubte es Bachrach, sowohl jüdische als auch christliche Anliegen zu unterstützen. Zur jüdischen Community in Manila zählten der Gründer der Börse in Manila, der Dirigent des Manila Symphony Orchestra sowie Angehörige anderer Berufe wie Ärzte und Architekten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Temple Emil von den Japanern zerstört. [8]

Als die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen und die Welt jüdischen Flüchtlingen den Rücken zukehrte, bemühten sich vier Brüder, die eine Zigarrenfabrik in den Philippinen betrieben, in aller Ruhe darum, etwa 1.200 nach Manila geflohenen Juden Hilfestellungen zu geben. Die Frieder-Brüder – Alex, Philip, Herbert und Morris – „waren ganz normale jüdische Geschäftsleute, aber sie scheuten keine Umwege, um Leben zu retten“, sagte Frank Ephraim. Dieser war acht Jahre alt, als seine Familie 1939 von Deutschland nach Manila floh. Unter dem Titel „Escape to Manila: From Nazi Tyranny to Japanese Terror“ beschrieb er später die Geschichte ihrer Rettung. [9]

Während der 1920er- und 1930er-Jahre kamen die Frieder-Brüder aus Cincinnati immer wieder für zwei Jahre nach Manila, um die Helena Cigar Factory zu leiten, die ihr Vater 1918 aufgebaut hatte. Während sie im Lande weilten, gründeten sie ein jüdisches Flüchtlingskomitee und arbeiteten mit Freunden in höheren Stellen zusammen, um den meist aus Deutschland und Österreich stammenden Flüchtlingen bei der Pass-, Visa-, Arbeits- und Wohnraumbeschaffung behilflich zu sein. [10] Es war ein im besten Sinne funktionierendes Reziprozitätsprinzip; die Philippinen halfen auf unterschiedliche Weise, das Leben vieler Juden zu retten, und diese brachten ihre jeweiligen Talente in ihr Wirken im Gastland ein.

Kulturelle Bereicherung

Auf dem Höhepunkt der Immigrationsjahre war die Ankunft bekannter Persönlichkeiten wie Dr. Herbert Zipper für die Philippinen sicherlich von Nutzen. Er wurde Leiter des Manila Symphony Orchestra, seine Frau Trudl Zipper unterrichtete viele philippinische Tänzer in den modernen Stilrichtungen. Dr. Eugene Stransky, ein Spezialist für Bluterkrankungen, und Ernest Kornfeld, ein Architekt, trugen mit ihrem Schaffen zur Bereicherung des Lebens in den Philippinen bei.

Die dramatische Flucht des Kantors Joseph Cysner von Polen über Deutschland nach Manila wurde in Bonnie M. Harris’ Dissertation aus dem Jahre 2009 „From Zbaszyn to Manila: The Creation of an American Holocaust Haven” anschaulich beschrieben. [11] Cysner wurde später als Musikprofessor am De La Salle College in Manila verpflichtet. Seine Lehrveranstaltungen zur klassischen Musik genossen einen exzellenten Ruf. Die unter der Leitung von Philip Frieder stehende Manila Jewish Community und das Jewish Refugee Committee of Manila (JRC) umfassten einflussreiche und wohlhabende amerikanische Mitglieder der Jüdischen Community und wurden auch mit der Zielsetzung gegründet, deutsche Mitglieder der jüdischen Community in Schanghai zu retten. [12]

Eine herausragende Figur unter den jüdischen Flüchtlingen war zweifellos der am 24. April 1904 in Wien geborene Herbert Zipper. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Dr. Zipper klassischer Musiker, Komponist und Dirigent. Er kannte die damaligen Koryphäen der Musikszene – unter ihnen Igor Strawinski, Paul Hindemith, Sergej Prokofjew und Kurt Weill. Während des Krieges wurden er und seine Brüder wie so viele andere Juden von den Nazis verhaftet und in das Konzentrationslager in Dachau eingewiesen. Dort baute er ein geheimes Orchester auf, das mit selbst gebauten Instrumenten auf einer verlassenen Latrine spielte. 1938 komponierte er das Dachau-Lied, für das sein Freund und Mitgefangener Jura Soyfer den Text schrieb. [13]

Soyfer war weniger Glück beschieden als seinem Kollegen Zipper. Er wurde nach Buchenwald transportiert und verstarb dort an Typhus. Das Tor zum Lager trug die Aufschrift: Arbeit macht frei. Diese Parole erscheint im Text des Liedes, dessen erster Vers wie folgt lautet:

Stacheldraht, mit Tod geladen,
ist um unsere Welt gespannt.

Drauf ein Himmel ohne Gnaden
sendet Frost und Sonnenbrand.

Fern von uns sind alle Freuden,
fern die Heimat, fern die Frau’n,
wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengrau’n.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt
und wurden stahlhart dabei:
Sei ein Mann, Kamerad,
bleib ein Mensch, Kamerad,
mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad,
denn Arbeit, Arbeit macht frei!“

Das Lied wurde zu einer Hymne des Widerstandes und von Lager zu Lager weitergereicht. Die Nazis gründeten in jedem der fünf Vernichtungslager Orchester, die sich aus inhaftierten Häftlingen zusammensetzten. Sie wurden gezwungen, Musik zu spielen, während ihre Mitgefangenen in die Gaskammern getrieben wurden. Obwohl diese Musiker saubere Kleidung und andere Vergünstigungen erhielten, war unter ihnen die Selbstmordrate höher als unter den meisten anderen versklavten Lagerarbeitern. Eine Ausnahme hiervon bildeten die, die in die Tötungsmaschinerie eingebunden waren oder Bestattungen durchführen mussten. [14]

In späteren Kriegsjahren wurde Zipper von Dachau nach Buchenwald verlegt. Mit Hilfe seiner Familie konnte seine Freilassung bewirkt werden. Zipper reiste dann auf die Philippinen und leitete dort das Manila Symphony Orchestra. Als die Japaner einmarschierten, wurde er abermals interniert. Während der Besetzung Manilas war Zipper Mitglied der im Untergrund operierenden Widerstandsbewegung und funkte unter anderem Schiffsinformationen an die US-Flotte. Als die Amerikaner 1945 Manila wieder zurückeroberten, organisierte er ein Konzert für die US-Truppen. Das Konzert erwies sich als so erfolgreich, dass das US-Militär Zipper und das Manila Symphony Orchestra mit der Fortführung der Konzerte beauftragte. Einmal spielten sie vor über 200.000 Militärangehörigen. Nach dem Krieg siedelten Zipper und seine Frau Trudl in die Vereinigten Staaten über, wo Zipper seine Kompositions-, Dirigenten- und Unterrichtstätigkeit fortsetzte. [15]

Kriegswirren & Flucht

Die zuvor von Amerikanern dominierte jüdische Community, die das Leben von weit über 1.000 europäischen Juden vor der möglichen Auslöschung sicherte, sah sich selbst einer unerwarteten Verfolgung ausgesetzt. Als die japanischen Truppen Anfang 1942 ins Land eindrangen, wurden innerhalb weniger Tage jeder Amerikaner, Brite, Commonwealth-Angehörige, Holländer, Pole, Belgier oder Angehörige eines Staates, der sich mit Japan oder Deutschland im Krieg befand, mit dem Bus zur Santo Tomas University verbracht und dort interniert. Der Januar 1943 brachte eine neue und dennoch alte Bedrohung für die jüdische Community von Manila. Antisemitische Verfolgungen zielten auf die nicht internierten deutschen Juden ab.

Im Zuge der deutschen Allianz mit dem japanischen Kaiser hatten nazistische Schmähreden die Philippinen erreicht. Im Januar 1944 beförderte der deutsche Botschafter in Japan, Heinrich Stahmer, mit Franz Josef Spahn die Berufung eines neuen nationalsozialistischen Parteiaufsehers für die German Community in Manila. Gerüchte kamen auf, nach denen die deutschen Juden in ein Ghetto verbracht werden sollten. Spahn verlangte die sofortige Internierung von Fremden, die sich „feindlicher, gegen den Frieden, die Sicherheit und Interessen der philippinischen Republik gerichteter Aktionen schuldig“ gemacht hatten. [16]

Die Nazi-Partei auf den Philippinen fälschte zudem Tatsachen in Bezug auf das mittlerweile aufgegebene Mindanao-Ansiedlungsprojekt und behauptete, die Juden selbst sabotierten dieses. Sie verfolgten angeblich das Ziel, die städtische philippinische Wirtschaft zu dominieren. Der Vorwurf galt der jüdischen Community. Mit anhaltendem Krieg verschlechterte sich die Lage in Manila dramatisch. Alle Zivilpersonen galten nunmehr als subversiv, und viele flohen aus der Stadt in die Berge, um möglichen Vergeltungen zu entgehen. Die „Schlacht um Manila“, die offiziell am 3. Februar 1945 begann, dauerte einen Monat lang. Zurück blieb eine Ruinenstadt. Über 1.000 Juden entkamen dem Holocaust in Manila, indem sie den Pasig River in Richtung Norden überquerten. Sie mussten 67 tote und mehr als 200 verwundete Mitglieder zurücklassen. Viele verließen schließlich Manila in Richtung Vereinigte Staaten, um sich dort dauerhaft niederzulassen. [17]

Titelbild: hyotographics/shutterstock.com


[«1] Reinhard Liehr/Günther Maihold/Günther Vollmer (Hrsg.): Ein Institut und sein General – Wilhelm Faupel und das Iberoamerikanische Institut in der Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main: Vervuert, 2003.

[«2] Allan Chase: Falange – The Axis Secret Army in the Americas. New York: G. P. Putnam’s Sons, 1943, S. 38, 39. (Eigene Übersetzung: RW)

[«3] Ebd. – insbesondere Kapitel 2: Falange es España, or What Really Happened in Manila, S. 32-50.

[«4] Ebd. – In diesem Zusammenhang erwähnte der Autor, dass sogar die akademische Welt von der Ideologie der Falangisten nicht verschont blieb. Father Silvestre Sancho, Rektor der altehrwürdigen (dominikanischen) University of Santo Tomas in Manila, begab sich nach Madrid und suchte dort nach einem qualifizierten Vertreter für den neu geschaffenen Lehrbereich „Hispanidad“. Seine Wahl fiel auf niemand Geringeren als auf Generalissimo Franco. Dieser hegte die Vision eines wiederbelebten spanischen Imperiums, das auch Manila einschließen und mit den Achsenmächten koexistieren sollte.

[«5] Ikehata Setsuho/Ricardo Trota José (eds.): The Philippines Under Japan: Occupation Policy and Reaction, Quezon City: Ateneo de Manila University Press, 1999 & Rheinisches JournalistInnenbüro/Recherche International e.V. (Hrsg.): „‚Unsere Opfer zählen nicht’” – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg”, Berlin/Hamburg: Assoziation A – insbesondere das Kapitel über Asien.

[«6] Florentino Rodao, Ph. D. (Universidad de Tokio): Falange en Extremo Oriente, 1936-1945, in: Revista Española del Pacífico [Publicaciones periódicas]. Nº 3, Año 1993; Florentino Rodao: Spanish Falange in the Philippines, 1936-1945, in: Philippine Studies Vol. 43 (1): 3-26.

[«7] Philippine Ambassador to Israel Pushes for Recognition of Filipinos’ Role in Saving Jews, Department of Foreign Affairs, Pressemitteilung (SFA-AGR-186-05), Jerusalem, Israel, April 01, 2005. – Siehe ferner: Ambeth Ocampo: Quezon saved Jews from the Holocaust, in: Philippine Daily Inquirer, March 01, 2011.

[«8] Die einzige heute existente Synagoge im Land ist die 1983 gebaute Makati’s Beth Ya’acov Synagoge. – Lee Saunders: The Philippines: A small Jewish community with a giant heart, in: The Jerusalem Post, March 20, 2023 * jpost.com/opinion/article-734911 sowie worldjewishcongress.org/en/about/communities/ph

[«9] Siehe Fußnote 6.

[«10] Joseph Berger: A Filipino-American Effort to Harbor Jews Is Honored, in: The New York Times, February 14, 2005.

[«11] Bonnie M. Harris: From Zbaszyn to Manila: The Holocaust Odyssey of Joseph Cysner and Refugee Rescue in the Philippines. / Bonnie M. Harris: The Memoirs of Cantor Joseph Cysner. A rare testimonial of the Polenaktion, in: Key Documents of German-Jewish History, October 25, 2017 * dx.doi.org/10.23691/jgo:article-94.en.v1 & keydocuments.net/article/harris-cysner.pdf

[«12] Ebd.

[«13] Das Dachau-Lied endet mit den Worten:
Denn wir haben die Losung von Dachau gelernt
und wurden stahlhart dabei:
Sei ein Mann, Kamerad,
bleib ein Mensch, Kamerad,
mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad,
denn Arbeit, Arbeit macht frei!“

[«14] Ein anderes Lied – Die Moorsoldaten – wurde weltberühmt. Es ist zuerst im Börgermoorer Konzentrationslager aufgeführt worden. Börgermoor liegt im Nordwesten Deutschlands nahe der niederländischen Grenze. Das Lied geht auf das tägliche Leben und die in den Lagern verrichtete Zwangsarbeit ein. In einer Revue-Aufführung im Lager marschierten 16 Gefangene mit dem Spaten auf der Schulter singend auf die Bühne. Der Komponist leitete den Chor mit einem gebrochenen Spatenschaft. Das Lied wurde zwei Tage nach seinem Debüt verboten, gelangte aber auch in andere Lager.

[«15] Paul Cummins: Musik trotz allem – Herbert Zipper: Von Dachau um die Welt. Wien: Lafite-Verlag, 1993.

[«16] Bonnie M. Harris: From Zbaszyn to Manila (…) – siehe Fußnote 11.

[«17] Ebd.