Die Machttechniken der modernen Spießer

Die Machttechniken der modernen Spießer

Die Machttechniken der modernen Spießer

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes

Sie kennen sicher auch die Redewendung „den Spieß umdrehen“. Gemeint ist damit, jemanden mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Genau dies hat die Journalistin Pauline Voss in ihrem Buch „Generation Krokodilstränen. Über die Machttechniken der Wokeness“ gemacht: Sie nutzt die Theorien des französischen Philosophen Michel Foucault – der zugleich der Säulenheilige der woken Bewegung ist – und wendet diese analytisch gegen ebendiese, um deren totalitären Charakter zu entlarven. Aber keine Angst, so meint unser Rezensent Udo Brandes, auch wenn die Autorin mit Foucaults Thesen arbeitet: Ihr Buch ist klar und verständlich geschrieben.

Der französische Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984) lehrte am Collège de France in Paris. Er beschäftigte sich intensiv mit den Mechanismen gesellschaftlicher Machtausübung und dem Thema Sexualität. Ein berühmtes Werk von ihm hat den Titel „Überwachen und Strafen“. Zwei weitere bekannte Bücher von ihm heißen „Wahnsinn und Gesellschaft“ und „Sexualität und Wahrheit“. Viele Prediger der Politischen Korrektheit berufen sich auf die Theorien von Michel Foucault. Und das ist nicht verwunderlich, denn, wie Voss schreibt:

„Der französische Philosoph Michel Foucault untersuchte den Einfluss von Normen auf jene Sphären, in die Gesetze nicht hineinreichen. Er entschlüsselte die versteckten Formen dieser normierenden Macht, die den Diskurs lenkt, wo keine übergeordnete Autorität ihn regelt.“ (S. 19)

Es ist also gut nachvollziehbar, warum die woken oder politisch korrekten Aktivisten sich gerne des Theorie-Werkzeugkastens bedienen, den Michel Foucault hinterlassen hat. Und genau daran stört sich Pauline Voss:

„Doch obwohl die Denkschule der Wokeness sich auf diese Analysen stützt, blenden ihre Verfechter den repressiven Charakter der Normierung aus, sobald es um ihre eigenen woken Normen geht.“ (S. 19)

Voss geht in ihrer Kritik gegenüber der woken Bewegung aber noch weiter. Sie sieht in deren Verhalten nicht nur ein Ausblenden des repressiven Charakters der woken Ideologie, sondern darüber hinaus einen geradezu anti-Foucault‘schen Gebrauch der Theorien Foucaults:

„Die woken Aktivisten machen sich die Werkzeuge Foucaults in einer Weise zunutze, die seine Theorien entstellt: Anstatt seine Untersuchung totalitärer Machtmechanismen als Analyse zu verstehen, verwenden sie sie als Anleitung zu totalitärem Denken.“ (S. 19)

Foucaults Werkzeugkasten zurückerobern

Das Anliegen Voss‘ ist es, „Foucaults Werkzeugkasten“ zurückzuerobern. Und das tut sie, indem sie mit kurzen Zitaten aus dem Werk Foucaults dessen Theorie erläutert und dann anwendet auf die woken Theorien. Hier ein Beispiel:

„Wenn Foucault schildert, wie die Mechanismen der Disziplin die Gesellschaft durchwirken, erscheint es mitunter, als hätte er beim Schreiben unsere Gegenwart vor Augen gehabt.“

Und dann zitiert sie Foucault:

„Die Überwachung beruht zwar auf Individuen‚ doch wirkt sie wie ein Beziehungsnetz von oben nach unten und bis zu einem gewissen Grade auch von unten nach oben und nach den Seiten. Dieses Netz ‚hält‘ das Ganze und durchwirkt es mit Machtwirkungen, die sich gegenseitig stützen: pausenlos überwachte Überwacher.“

Voss kommentiert das Zitat sehr treffend wie folgt:

„Die regulierende Wirkung dieses Beziehungsnetzes erleben wir im Alltag: etwa, wenn wir uns schämen, weil wir ein Wort verwendet haben, das nicht dem neuesten Stand der politischen Korrektheit entspricht. (…) Fast jeder wird in solchen Situationen schon einmal irritierte oder missbilligende Blicke und Kommentare auf sich gezogen haben von Menschen, denen er eigentlich gar nicht nahe genug steht, um sich in Privatangelegenheiten ihrem Urteil unterziehen zu müssen.“ (alle Zitate aus S. 23)

Warum Esken und Kühnert sich schämen

Ein prominentes Beispiel dafür ist der SPD-Politiker und ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Er hatte sich im Deutschlandfunk kritisch über Identitätspolitik geäußert und in diesem Zusammenhang von „normalen Menschen“ gesprochen (Quelle: deutschlandfunk.de). Die Folge: ein riesiger Shitstorm, auch seitens seiner eigenen Partei. Die NZZ berichtete damals:

„Saskia Esken und Kevin Kühnert, die Parteichefin und einer ihrer Stellvertreter, erklärten daraufhin in einem internen Schreiben, sie schämten sich für das ‚rückwärtsgewandte Bild der SPD‘, das manche Parteimitglieder zeichneten.“
(Quelle: nzz.ch)

Mit „manchen Parteimitgliedern“ waren Wolfgang Thierse und Gesine Schwan gemeint. Letztere hatte sich ebenfalls kritisch zur Identitätspolitik geäußert. Thierse bot daraufhin sogar seinen Austritt aus der SPD an, wozu es aber nicht mehr kam. Aber dieses Beispiel untermauert, was Pauline Voss über den Mechanismus der Disziplinierung schreibt:

„Dieses normierende Beziehungsnetz wirkt, wie von Foucault beschrieben, in alle Richtungen: nach den Seiten, wenn sich Freunde, Kollegen, Nachbarn belehren. Nach oben, wenn prominente Politiker, Wissenschaftler oder Amtsträger durch öffentliche Kritik, mitunter gar Ächtung, ihren Posten oder ihren guten Ruf verlieren. Nach unten, indem Institutionen und Behörden auf direktem oder indirektem Wege Verhalten und Sprache der Bevölkerung normieren.“ (S. 23)

Gendern – ein Baustein der ideologischen Disziplinierung

So gesehen ist der Streit ums Gendern keineswegs ein unwichtiger Nebenschauplatz, sondern ein nicht zu unterschätzender Baustein der ideologischen Disziplinierung. Wenn es sich wirklich nur um eine modische Marotte gehandelt hätte, dann hätten die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender angesichts der Tatsache, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung dies ablehnen, es schon längst wieder abgeschafft. Aber es ist eben mehr als eine modische Zeitgeistmarotte wie manche Wortschöpfungen. Das ist auch der Grund, warum die Politisch Korrekten das Gendern noch bis in die provinziellste und spießigste Sparkassenfiliale durchsetzen konnten. Pauline Voss schreibt, dass mit der Zeit Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen entstehen würden:

„So setzt das Publikum bisweilen Veranstalter unter Druck, Auftritte von Musikern oder Gesprächsgästen abzusagen, weil diese gegen die Regeln der politischen Korrektheit verstoßen haben. Beugen sich die Veranstalter, geht dies meist mit einer öffentlichen Beschämung der vormals eingeladenen Gäste einher: Diesen wird dann von Veranstaltern Transphobie oder kulturelle Aneignung und damit Rassismus unterstellt.“ (S. 24)

Die disziplinierende Macht funktioniere über verschlungene Wege:

„Zunächst werden die Regeln der politischen Korrektheit von institutioneller Ebene (etwa durch Universitäten oder Behörden) nach ‚unten‘ durchgereicht. Dort werden sie, zum Beispiel von Studenten, aufgegriffen und nach ‚oben‘, also gegen Veranstalter oder Institutionen gerichtet. Diese wenden die Regeln nun wieder nach ‚unten‘ gegen ihre Gäste, was eine Breitenwirkung nach sich zieht und jenem Teil des Publikums, dem die Regeln bisher unbekannt waren, die Grenzen des Erlaubten aufzeigt.“ (S. 24)

Die Folge sei dann, dass es auf Dauer gar keine Missbilligungen mehr brauche, um die Gesellschaft auf politisch korrektem Kurs zu halten.

„Manche würden das wohl einfach als ‚Leben‘ bezeichnen“

Jens Berger schrieb kürzlich wegen der heftigen Reaktionen zu seiner Kritik am pinkfarbenen neuen Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, dass die Gesellschaft in seiner Jugendzeit auch „bunt“ gewesen war und es durchaus normal war, auch als Hetero-Mann oder Heterofrau in Schwulenkneipen zu gehen. Nur dass eben damals nicht so ein Theater um sexuelle Identitäten gemacht wurde wie heute (siehe hier). Das passt sehr gut zu dem, was Pauline Voss in ihrem Buch beschreibt. Sie erläutert zunächst Foucaults Schilderung der „Sexualarchivare“ (gemeint waren u. a. Psychiater), die im 19. Jahrhundert penibel die verschiedenen Spielarten von Sexualität „wie Insekten aufreihen und auf seltsame Namen taufen“. Man könnte nun meinen, das war das verklemmte 19. Jahrhundert, diese Zeiten sind passé. Weit gefehlt: Sie zitiert aus der Süddeutschen Zeitung, die anlässlich des Christopher Street Days 2023 in München ein LGBTQI-Glossar veröffentlichte, in dem penibelst nach den verschiedenen sexuellen Identitäten unterschieden wird. Hier einige Beispiele (ich erspare mir die Erläuterungen): Greysexuell, Asexuell, Allosexuell, Demigender, Pansexuell, Omnisexuell, Demiromantik usw. usf. Voss kommentiert dies lakonisch:

„Mal monogam, mal polygam, mal keine Lust auf Sex – manche würden das wohl einfach als ‚Leben‘ bezeichnen.“ (S. 53)

Sehe ich genauso!

Resümee

Ich stimme längst nicht mit allen Thesen von Pauline Voss überein. Manches sieht sie meines Erachtens schlicht falsch, so etwa, wenn sie in einer kurzen Bemerkung auf Seite 132 die Bundesregierung dafür kritisiert, dass diese daran scheitere, „vernünftig“ zu haushalten. Sie erklärt dieses Scheitern wie folgt:

„Wer an die unbegrenzte Verfügbarkeit metaphysischer Güter gewöhnt ist (also z. B. die „korrekte“ Moral; Anm. UB), der empfindet die Begrenztheit physischer Ressourcen als Unverschämtheit.“

Sie verliert an dieser Stelle kein einziges Wort über die sogenannte „Schuldenbremse“, eine neoliberale Idee, die in Wirklichkeit eine Wohlstands- und Zukunftsbremse ist. Dies zeugt meines Erachtens von einer neoliberalen Sichtweise à la Friedrich Merz. Und da fehlt es aus meiner Perspektive an „vernünftiger“ Ideologiekritik. Ich bin aber auch über einen Satz wie diesen gestolpert:

„Der Westen fällt dieser Tage angesichts der zahlreichen geopolitischen Rivalen, die mit ihren Muskeln spielen, ohne sich dabei vor toxischer Männlichkeit zu fürchten, aus allen Wolken: Glücklicherweise entdeckt er im Vorratsschuppen doch noch einige Atombomben.“ (S. 137)

In diesem Zusammenhang ein kurzer Hinweis: 1983, also rund zehn Jahre vor der Geburt von Pauline Voss, hätte es um ein Haar einen Atomkrieg gegeben. Die russische Technik spielte damals verrückt und meldete einen atomaren Raketenangriff. Nur die äußerst besonnene Reaktion des damals zuständigen russischen Offiziers verhinderte, dass die russische Seite ihre Raketen zündete, was natürlich sofort einen Gegenangriff mit NATO-Raketen zur Folge gehabt hätte. Hätte dieser russische Offizier nicht hellwach und klug reagiert, gäbe es uns heute nicht mehr. Angesichts der international eskalierenden Konflikte und der gefährlichen Militarisierung der Politik sind solche Bemerkungen von Pauline Voss schlicht geschmacklos und befremdend. Aber das ist nur ein kleiner Schnipsel aus ihrem Buch, der meines Erachtens nicht das ganze Buch entwertet.

Trotz solcher Stolpersteine empfehle ich deshalb die Lektüre des Buches von Pauline Voss. Es zeigt mit einer Fülle von Beispielen und guten Analysen, dass viele Institutionen bereits antidemokratische Verhaltensweisen praktizieren. Und die Ursache dafür ist die ideologische Dominanz der völlig unwissenschaftlichen, gegenaufklärerischen woken Ideologie, die im Kern antidemokratisch, totalitär und übergriffig ist – und deshalb eine Ideologie, die dringend bekämpft gehört.

Und sage bitte keiner, das sei übertrieben. Selbst in der biedersten Bank oder öffentlichen Verwaltungen müssen Mitarbeiter erzieherische Projekte ertragen, deren Quelle die woke Ideologie ist. Um ein kleines Beispiel zu nennen: In der Oldenburger Stadtverwaltung wurde den Mitarbeitern nahegelegt, ein Poster gegen Sexismus in ihren Büros aufzuhängen, das schlicht eine Zumutung ist, aber auch zeigt, dass sich die woke Bewegung inzwischen jeden noch so offensichtlichen Schwachsinn und jede noch so offensichtliche Übergriffigkeit erlauben kann. Wer sich dieses Plakat der Gleichstellungsstelle der Stadt Oldenburg einmal ansehen möchte, kann es hier finden.

Ich hoffe jedenfalls, dass es mit Büchern wie diesem von Pauline Voss gelingt, die Politische Korrektheit, wie man die Wokeness auch bezeichnet, wieder zurückzudrängen und wieder die Prinzipien der Aufklärung zum gesellschaftlichen Leitwert zu machen.

Pauline Voss: Generation Krokodilstränen. Über die Machttechniken der Wokeness, Europa Verlag 2024, 200 Seiten, 22,- Euro.

Udo Brandes ist Diplom-Politologe, Journalist und Buchautor. Im Juli 2023 erschien sein Buch „Wenn die Jagd nach Erfolg das Leben zur Hölle macht“, das über Amazon bestellt werden kann. Zurzeit arbeitet Udo Brandes an einem Buch über das Thema „Macht“.

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