Leserbriefe zu „Der Osten lässt sich nicht länger erklären – er erklärt sich selbst“
In diesem Beitrag berichtet Éva Péli über die Veranstaltung „Der Osten redet Tacheles“, die am 8. Januar 2026 im Berliner Pfefferberg-Theater stattgefunden hat. Sie habe mehr als 36 Jahre Jahre nach dem Mauerfall ein klares Zeichen gesetzt, dass die Rückeroberung der eigenen Geschichte kein Akt der Nostalgie sei, sondern eine politische Notwendigkeit – von der Kritik an einer „missionarischen“ West-Mentalität bis hin zur Analyse des politischen Vakuums, das heute die AfD fülle. Gerade in der aktuellen Krise der Bundesrepublik biete diese Krisenerfahrung eine wertvolle Ressource. Denn in der gegenwärtigen Instabilität liege für den Osten die Chance, die Defensive endgültig zu verlassen. Wir danken für die interessanten E-Mails dazu. Hier folgt nun eine Auswahl der Leserbriefe. Für Sie zusammengestellt von Christian Reimann.
1. Leserbrief
Sehr geehrte Frau Peli,
vielen Dank für diesen Bericht über ein Ereignis das Mut macht.
1985 stand ich an der Westseite des Grenzzauns und dachte darüber nach, was wohl werden würde. Ich war fest davon überzeugt, dass diese Grenze auf ewig Bestand hat. 1989/90 bin ich dann sofort rüber, aus Neugier, nicht um den Ossies irgendwas erklären zu wollen. Das Essen im Gasthaus in Halberstadt war besser als im Westen. Auch das Bier. Aber das wusste ich schon vorher, Wernesgrüner wurde für Kenner importiert.
Seit über 30 Jahren bin ich mit einer “Ossie” verheiratet, nicht aus der DDR, noch weiter weg. Der kritische Abgleich unserer politischen Anschauungen dauert bis heute an. Aber über eines sind wir uns einig: Eine kritische, ehrliche Verarbeitung der Vergangenheit vor 1945 hat es im Westen nie gegeben. Ich vermute das ist der Hauptgrund dafür, dass sich die westliche Weltsicht, ideologisch mit einer moralisierenden Überheblichkeit, so verzweifelt behaupten will. Sie steht auf tönernen Füßen!
An demokratische Organisation glaube ich nach wie vor. Aber vielleicht so wie in der Schweiz, gegründet auf dezentrale, lokale Strukturen. Die BRD war nie eine Demokratie, das wird jetzt langsam klar. AfD? Rechtsausleger der CDU, das geht für einen “Sozi” in der 4. Generation gar nicht. Nur, mit der SPD hat schon Tucholsky, lange vor meiner Zeit, Schluss gemacht. Bei den Grünen durfte ich das 1989 selbst erledigen. Die Parteiendemokratie funktioniert nicht mehr. Sind alle korrupt oder auf dem Weg es zu werden.
Aber Obacht, liebe Wessies! Wenn ihr die Schnauze voll habt von den derzeitigen Verhältnissen. Es genügt nicht, dass ihr den Ossies um den Hals fallt. Ihr müsst Eure eigene Sch…e schon selbst bearbeiten. Und das geht zurück bis 1945, 1933, 1871. Schon Bismarck waren seine Untertanen egal, ganz zu schweigen von Willi Zwo. Und der Untertan hat’s mitgemacht. Werde ich es noch erleben, dass ich seelig einschlafen kann, “wenn ich an Deutschland denke in der Nacht”?
Viele Grüße,
Rolf Henze
2. Leserbrief
Meine nachstehenden Texte stammen aus den vor mehr als 25 Jahren entstandenen drei „Spurensicherung“s Büchern“ unserer (insgesamt rd. 100 Mitwirkende zählenden) „Unabhängigen Autorengemeinschaft“ gleichen Namens. Zwar startete zunächst nur ich (mittels Zeitungsannonce) diese Aktion zur Sammlung von Zeitzeugenberichten und sorgte danach für Organisation, Koordinierung sowie Veröffentlich. Doch uns alle verband der Wille zum Widerstand gegen die ungeheuerliche Verfälschung und Diskriminierung der ostdeutschen bzw. DDR-Vergangenheit.
Seit einigen Jahren sind nun sämtliche Beiträge auch im Internet frei zugänglich. (s.u.) .
Ursula Münch (Jg. 1929)
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- Dresden-Hamburg und zurück (noch unter Pseudonym geschrieben)
- Wo auch immer wir wohnen
- Den Panzer sehen und schreien war eins
- Wir haben einen Plan gemacht
Wenn ich als nunmehr 97Jährige auf mein Leben zurückblicke, waren die vier DDR-Jahrzehnte sowohl die wichtigsten als – trotz allerhand Problemen – auch die schönsten. Meine vier Kinder hatten in ihr ebenfalls eine wahre Heimat.
Sofern man sie heute überhaupt noch erwähnt, dann heißt es bestenfalls „Die DDR war grundsätzlich schlecht, aber es war natürlich nicht alles schlecht“.
Dagegen behaupte ich „Die DDR war grundsätzlich gut, aber es war natürlich nicht alles gut“.
Ursula Münch
3. Leserbrief
Hallo NDS,
einen Teilnehmer der Veranstaltung habe ich vermisst: Die Macher des Projekts “Ostdeutsche Allgemeine Zeitung”. Wie Sie der Selbstdarstellung und den Aussagen auf X entnehmen können, liegt hier eine hohe Übereinstimmung vor. Wurden Vertreter des Ostdeutschen Verlags eingeladen?
Unabhängig von der Veranstaltung könnte ich mir auch einen NDS-Beitrag über das Zeitungsprojekt (spätestens zum Start) gut vorstellen.
Beste Grüße
W. Dettmer
4. Leserbrief
Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten,
die “Rückeroberung der eigenen Geschichte“ war die Motivation für mich, meine eigene Lebensgeschichte bis 1990 zu reflektieren und sie zu für mich relevanten Ereignissen der DDR-Geschichte in Bezug zu setzen. Daraus entwickelte sich die Idee für einen Blog, den man hier einsehen kann: ilkahaydam.de “Mein Leben in der DDR”. Noch bin ich nicht fertig damit, aber die ersten längeren Einträge halfen mir über einige wütende Verstimmungen hinweg, die sich im Laufe der letzten 35 Jahre aufgrund der politischen Entwicklung im geeinten Deutschland, aufgrund von erfahrener Diskriminierung und aus Unverständnis über die klischeehaften Narrative zur DDR-Geschichte aufgestaut hatten. Das Schreiben ist eine gute Therapie der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung. Vielleicht will ja der eine oder andere mal nachlesen.
Herzliche Grüße. Ilka Müller
5. Leserbrief
Werte Frau Peli, wertes Team der Nachdenkseiten!
Schon beim Lesen des Beitrags hatte ich das Gefühl, dass sich hier erneut einige Personen versammelt haben, um ein Thema zu diskutieren, wobei sie auf einer distanzierten Ebene miteinander kommunizieren. Ich frage mich, ob überhaupt eine Lösung gefunden werden soll oder ob es nach dem bewährten Motto verläuft: Schön, dass wir uns getroffen und darüber gesprochen haben.
Kurz zu meiner Person! Ich bin 61 Jahre alt, wurde in der DDR geboren und bin dort aufgewachsen. Ich habe ein funktionierendes Schulsystem durchlaufen und zwei Berufsausbildungen erfolgreich abgeschlossen. Während meiner Zeit in der DDR habe ich stets meine Meinung zu Missständen geäußert. Aufgrund eines Ausreiseantrags kam es zu Kontakten mit der Stasi. Im September 1989, da ich nicht mehr an eine Reform des Systems glaubte, siedelte ich über Ungarn und Österreich in die damalige Bundesrepublik Deutschland über. Ich arbeite derzeit im westlichen Teil Deutschlands, wohne jedoch wieder im Osten. Ein Grund war, dass ich häufig Schwierigkeiten mit der Mentalität einiger Westdeutscher hatte, die belehrend und besserwisserisch auftraten. Hinzu kam das fehlende Gefühl der aus der DDR gewohnten Intimität in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Meiner Ansicht nach besteht genau an dieser Stelle bereits ein Fehler in der vorliegenden Diskussionsrunde. Themen werden auf einer hohen Ebene von Personen diskutiert, zu denen der Durchschnittsbürger wenig Bezug hat. Tino Eisbrenner ist der Einzige aus der Gruppe, den ich besser kenne. Ich habe ihn schon zur Zeit der DDR durch seine Musik wahrgenommen und auch nach 1989 weiterhin verfolgt. Tobias Morgenstern sagt mir ebenfalls etwas, und vom Cicero habe ich ebenfalls schon gehört. Erinnert hat mich die Zusammensetzung des Podiums an die größte Demo am 04. November 89′ in Ostberlin, wo Personen (vor allem) aus der Kultur und Opposition auftraten und als Helden des Umsturzes gefeiert wurden. Die eigentlichen Helden waren die Bürger, die bereits zuvor auf der Straße präsent waren, zu einer Zeit, in der der Widerstand seitens des Staates und seiner Institutionen noch erheblich war.
Ähnlich wie die friedliche Revolution, die ursprünglich auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse in der DDR abzielte und sich von dem Motto „Wir sind das Volk“ hin zu „Wir sind ein Volk!“ entwickelte, wird gegenwärtig versucht, die ablehnende Haltung der Ostdeutschen in nachvollziehbare Kategorien einzuordnen. Die Bandbreite reicht von Bürgern, die von rechtsgerichteten Überzeugungen geprägt sind, bis hin zu undankbaren Protestierenden, die grundsätzlich gegen alles und somit auch gegen “unsere” Form der Demokratie sind.
Abgesehen davon, dass wir in der DDR aufgewachsen sind und eine andere Sozialisierung durchlaufen haben als die Bürger der BRD, erscheint mir eine gewisse Empathielosigkeit verbunden mit einer dominanten Haltung des Westens immer wieder bemerkenswert. Diese, zusammen mit den Maßnahmen und Abwicklungen der Treuhand, hat die tiefsten Gräben geschaffen. Hinzu kommt die kontinuierliche mediale Berichterstattung über die Mängel des Systems in der DDR, verbunden mit den wiederholten Darstellungen Hitlers und des “Dritten Reichs”. Dadurch entsteht der Eindruck, die deutsche Geschichte bestehe ausschließlich aus diesen beiden Themenbereichen. Über die Unzulänglichkeiten und ebenso negativen Seiten des Systems der alten BRD wird, wenn überhaupt, mit einer gewissen Nonchalance berichtet.
Kaum einer unserer “Volsvertreter” denkt darüber nach, dass wir mehr oder weniger mit wachen Augen durchs Leben gehen. Trotz der anhaltenden medialen Propaganda, welche uns ein Weltbild und eine Realität vermittelt, die mit dem alltäglichen Erleben nicht mehr übereinstimmen, sowie der Politik, die – ähnlich einem Déjà-vu von 1989 – erneut in einem Paralleluniversum agiert, das ebenfalls wenig mit der tatsächlichen Realität gemein hat, sind wir weiterhin befähigt, zwischen dem Wahrhaftigen, dem Vergangenen und dem Realen zu differenzieren und darauf angemessen zu reagieren.
Nun man kann es mit Ostalgie oder wie Herr Grau es formulierte: „Wir sind das überlegene, sozialistische Deutschland – vielleicht ärmer, aber solidarischer und mit mehr Gemeinschaftsgefühl” erklären. Ein Gefühl, das ich persönlich überhaupt nicht hatte! Abgesehen von der Solidarität und dem Gemeinschaftsgefühl untereinander, die wiederum auf den Mangel an bestimmten Produkten zurückzuführen waren. Man kann es auch mit Minderwertigkeitskomplexen, Undankbarkeit und Ähnlichem in div. Gesprächsrunden erklären. Solange es keine gründliche Aufarbeitung beider Systeme gibt und die Diskussion auf einem Niveau geführt wird, das viele Menschen ausschließt, weil es zu abstrakt und zu theoretisch ist, wird sich nichts ändern.
Zum Schluss möchte ich noch eine kurze Anmerkung zum Aufstieg der AfD insbesondere im Osten Deutschlands machen. Ich betrachte die AfD nicht als die Lösung für die Probleme der Ostdeutschen. Sie ist eine neoliberale Partei, die auf hoher Ebene stark von angloamerikanischen Einflüssen geprägt ist. Im Osten wird das momentan eher kritisch gesehen. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum geben die Menschen dort ihr ihre Stimme? Man fühlt sich komplett entwurzelt, als Fremder im eigenen Land, nicht mehr von den sogenannten “etablierten Volksparteien” vertreten und muss hilflos zusehen, wie gesteuerte Politiker unser Land sehenden Auges gegen die Wand fahren.
Mit frdl. Grüßen Ralf Matthias
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