Forderung: Wehrdienst bis 70 – ist das „Wehrkraftzersetzung“ aus dem Innern?

Forderung: Wehrdienst bis 70 – ist das „Wehrkraftzersetzung“ aus dem Innern?

Forderung: Wehrdienst bis 70 – ist das „Wehrkraftzersetzung“ aus dem Innern?

Marcus Klöckner
Ein Artikel von: Marcus Klöckner

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages hat es getan. Nein, nicht hingeschmissen und der Politik den Rücken gekehrt. Er hat getan, was man als Politiker eben tut: Fordern! Das heißt: Nicht von sich selbst, sondern von anderen. Seine Forderung lautet: Das Höchstalter für den Wehrdienst auf 70 Jahre erhöhen, so berichtet es die FAZ. Das Motto wird deutlich: Wer noch mit dem Löffel den Milch im Kaffee umrühren kann, kann auch noch sein Gebiss nach dem Feind werfen. Eine nicht ganz unwichtige Frage drängt sich auf: Ist diese Forderung schon „Wehrkraftzersetzung“ aus dem Innern? Eine Glosse von Marcus Klöckner.

Das Wichtigste vorab: Man darf es wieder sagen. „Wehrkraftzersetzung“. Weil: Man darf ja auch wieder „Kriegstüchtigkeit“ sagen. Das alte Goebbels-Wort steht hoch im Kurs. Wobei natürlich Heute gewiss nicht Gestern ist und heute sowieso alles besser ist. Dennoch soll die ganze Republik kriegstüchtig werden – was die politische Wehr-Gemeinde sehr erfreut. Nur: Was nutzt die strammste Absicht, wenn’s an Kämpfern fehlt? Deshalb lautet das Kommando: Aufwuchs! Die Bundeswehr braucht Soldaten. Je mehr, je schneller, desto besser. Also: Her damit! Was kümmert da das Alter!

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages ist der politische Mann für die Truppe. Einmal im Jahr liefert er seinen – irgendwas mit „Wehr“ – Bericht ab. Darin das Übliche. Die Truppe braucht: Mehr! Einfach mehr. Am besten mehr von allem. Das ist verständlich. Große Zeiten verlangen große Ausgaben. Das Phrasenschwein quietscht. Fast so wie die Räder des Rollators von Opa Kalle. Wer Opa Kalle ist, ist eigentlich egal. Nicht egal ist hingegen, dass die Bundeswehr bei „einer realen und steigenden Bedrohung“ ihre Aufgaben erfülle, so der Wehrbeauftragte.

Eine „reale“ und dazu auch noch „steigende Bedrohung“?

Oma Erna fragt schon, wo sie sich melden darf, schließlich: Das Reihenhäuslein mit Gartenzwerg Kuno und seinen kleinen Kameraden will verteidigt werden. Und passend ist da: Er, der Henning, der Otte, mit einer Forderung.

Könnte man nicht …, also könnte Deutschland nicht …, also könnte die Politik nicht … das Höchstalter für den Wehrdienst auf 70 hochschrauben?

Nun, dass die Politik das „könnte“, daran sollte kein Zweifel bestehen. Sie kann ja auch 1 Billion Euro für ihr Steckenpferdchen Kriegstüchtigkeit locker machen. Dann wird sie doch auch, mit ein, zwei Federstrichen, die Zahlen 7 und 0 auf ein Papier kritzeln können.

Andererseits: Warum nicht gleich in die Vollen gehen? Reden wir offen.

In Zeiten – ja, ja, diese „Zeiten“ – „realer“ und „steigender Bedrohung“, ist Einsatz gefragt. Warum soll ein 71-Jähriger keinen Wehrdienst mehr leisten können, wenn ein 70-Jähriger doch noch dazu in der Lage sein darf? Ist es nicht so, dass auch noch 80-, 90- und 100-Jährige könnten, wenn sie wollten? Und: Ist es nicht so, dass alle etwas leisten müssen? Kämpft ein braver, gehorsamer Soldat nicht bis zum Tode? Und muss der vaterlandsliebende gute, anständige Bürger nicht auch noch im hohen Alter bereit zur Verteidigung von BlackRock, Verzeihung, „unseren Werten“ sein?

Ja, ja, ja und ja!

Lasst doch Oma und Opa, egal wie alt sie sind, ihren Benz kriegstauglich machen – die Politik gibt ihnen sogar Rückendeckung. Sollen sie eben ihren Wackeldackel auf der Hutablage durch einen Gebirgsjägerhut ersetzen, ihre Gehstöcke aufs Dach spannen und losfahren. Wohin? Egal! Losfahren ist immer gut. Am besten vorsorglich Richtung „Ostfront“ – die Politiker gerade ganz gerne mal erwähnen. Vorher kann die Kirche ja noch mit ihrem ganz arg feinen Positionspapier zum Krieg unterm Arm die künstlichen Hüftgelenke segnen. Die Gesamtmischung macht es. Da wird jede Atommacht zittern.

Da drüben im Osten 5.000+ Atomsprengköpfe, hier die Bundeswehr mit 70-, 80-, 90-, 100-Jährigen in ihren Reihen? Mit einem lauten „Hurra!“ wird das ein Sieg auf ganzer Linie. Fragt sich nur, für wen.

Ja, ja, es geht doch „nur“ darum, das Alter der bereits „dienenden“ Soldaten hochzuschrauben – vorerst. Auf 5.000 Helme für die Wertepartner im Osten folgten zig Milliarden, Panzer und Waffen. Auf „helfen“ folgte Kriegstüchtigkeit und auf das Friedensgebot des Grundgesetzes folgte Merz’ „Frieden gibt es auf jedem Friedhof“. Die Jungen werden bereits zum „neuen Wehrdienst“ geschoben und an den Alten ist der Staat auch schon dran.

Wehrfähigkeit mit den Großvätern? Das klingt schon jetzt wie das letzte Aufgebot zur letzten Schlacht.

Bei Lichte betrachtet drängen sich gewisse Fragen auf: Ist das vielleicht eine ganz linke Nummer? Ist das Vorhaben nicht „Wehrkraftzersetzung“? Gibt der Henning, der Otte, vielleicht nur vor, die Bundeswehr stärken zu wollen, während sie durch die Infiltration der Alten eigentlich-uneigentlich geschwächt wird?

Um Himmelswillen, nein, nein. Logik verbietet sich hier. Geht es um Unsinn, ist auf die Politik Verlass. Da gibt es Leute, die glauben tatsächlich, dass ein solcher Schritt die Bundeswehr stärkt. Da gibt es Akteure, die ernsthaft die Absicht vertreten, dass die Erhöhung des Wehrdienstalters die Lösung für ein Problem ist, das in der Realität nicht existiert.

Schmankerl zum Schluss: Die FAZ hat die Überschrift „Wehrbeauftragter Henning Otte fordert Wehrdienst bis 70“ umgeändert. Jetzt heißt es: „Wehrbeauftragter Otte fordert flexiblere Altersgrenze für Soldaten“.

Flexibel – das klingt schon so schön politisch verlogen. Ob sie nun von „flexibleren Altersgrenzen für Soldaten“ sprechen oder wie auch immer die Formulierung lautet: Am Ende sollen wohl die Alten von heute die Soldaten von morgen sein. Der Blick in die Zukunft wird zum Blick in die Vergangenheit. Kann der Letzte dann bitte das Licht ausmachen? Wobei: Wenn die Knallchargen an den Kriegsknöpfen es dieses Mal knallen lassen, dann wird’s keine Schalter und keine Lampen mehr geben. Wie wäre es in Anbetracht der besten Politik, die wir je hatten, mal mit etwas ganz Ungewöhnlichem? Nämlich: Guten Morgen, aufwachen!

Titelbild: DesignRage / Shutterstock

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