Oft sind es nicht die offensichtlich politischen Entscheidungen, die unabhängige Medien vor Herausforderungen stellen, sondern scheinbar „technische“ Vorgänge im Hintergrund. Nachdem die als „De-Banking“ bekannte Praxis, kritischen Stimmen Bankkonten zu kündigen, bereits traurige Bekanntheit erlangt hat, geraten inzwischen auch technische Dienstleister zunehmend in den Fokus. Kündigungen von Verträgen können im Einzelfall existenzbedrohende Folgen haben. Die NachDenkSeiten sind aktuell mit einer Entwicklung konfrontiert, die genau dies verdeutlicht. Dank unseres großartigen Teams und unserer fantastischen Leser und Unterstützer konnten wir die Krise jedoch als Chance ergreifen und uns dadurch unabhängiger machen.
Liebe Leserinnen und Leser,
wir wenden uns heute mit einer wichtigen Mitteilung an Sie – und zugleich mit einem Einblick in eine Entwicklung, die über unseren konkreten Fall hinausweist.
Seit einigen Jahren nutzten die NachDenkSeiten die Dienste der Firma FundraisingBox zur Verwaltung der Spenden und Fördermitgliedschaften. Da die Zusammenarbeit stets problemlos verlief, traf uns ein Schreiben dieses Unternehmens im März dieses Jahres auch wie ein Schlag – man kündigte uns die Geschäftsbeziehungen unter Verweis auf den Wertekanon gemäß der AGB auf.
Diese Entscheidung kam für uns unerwartet. Sie ist nicht aus unserem eigenen Handeln heraus entstanden, sondern das Ergebnis externer Vorgänge. Die konkrete Entscheidung und deren Hintergründe sind für uns bis heute nicht nachvollziehbar.
Der Vorgang macht vor allem deutlich, wie verwundbar auch unabhängige Medienprojekte sind, wenn zentrale technische Prozesse von Dritten abhängen. Ein Großteil der Spenden und Unterstützungsleistungen unserer Leser und Unterstützer erhalten wir über regelmäßige Förderbeiträge. Für uns war dies eine unbequeme Erkenntnis: Redaktionelle Unabhängigkeit allein genügt nicht. Auch die technische und finanzielle Infrastruktur eines Mediums muss möglichst unabhängig organisiert sein.
Worin genau bestand das Problem, das mit der Kündigung verbunden ist? Als Leser und Unterstützer sehen Sie nur ein Spendenformular, wenn Sie uns einmalig unterstützen oder dauerhaft fördern wollen. Dahinter steht jedoch ein komplexes System, bei dem die SEPA-Mandate – also die rechtlichen und technischen Bedingungen für einen Konteneinzug –, die Schnittstellen mit unserer Buchhaltung, ein System für Rücklastschriften und ein System für die konkrete Zahlungsabwicklung integriert sind. Datenschutzvorgaben müssen auch noch gewährleistet sein und natürlich braucht es auf technischer Ebene noch die Schnittstellen zu verschiedenen Zahlungsdienstleistern bis hin zu unserer Hausbank. Diese Aufgaben erfüllen in der Regel Dienstleister wie Fundraisingbox und sie lassen sich diese Arbeit auch gut bezahlen.
Wir standen vor dem Problem, dass nach Ablauf der Kündigungsfrist ein erheblicher Teil unserer laufenden Finanzierung gefährdet gewesen wäre. Förder-Abos per Kreditkarte, PayPal-Daueraufträge und SEPA-Lastschrifteinzüge wären nicht mehr durchführbar gewesen und das betraf – was besonders dramatisch ist – nicht nur neue Spenden, sondern unseren gesamten Bestand an dauerhaften Förderern. Sicher, man hätte sich einfach einen neuen Dienstleister suchen können und alle bisherigen Förderer – von denen wir aber meist auch aus Datenschutzgründen gar keine Kontaktdaten haben – informieren können, dass sie ihre Förderung umstellen. Viele Förderer hätten wir so aber gar nicht erreichen können und am Ende wären wir dann auf Gedeih und Verderb von diesem neuen Dienstleister abhängig. Nebenbei sei auch noch erwähnt, dass es gar nicht viele Anbieter gibt, die genau die Dienstleistungen anbieten, die wir benötigen. Für uns war diese Situation überlebensbedrohend. Ohne tragfähige Lösung wären bei den NachDenkSeiten – zumindest zum Teil – bald die Lichter ausgegangen.
Wir haben daher die Entscheidung getroffen, die Krise als Chance zu begreifen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Für uns war dies eine unbequeme Erkenntnis: Redaktionelle Unabhängigkeit allein genügt nicht. Auch die technische und finanzielle Infrastruktur eines Mediums muss möglichst unabhängig organisiert sein. Unser Administrator Lars Bauer und sein Team haben gemeinsam mit unserem langjährigen Unterstützer und IT-Berater Carsten Weikamp in kürzester Zeit eine Alternative entwickelt. Ein eigenes Spendenverwaltungssystem auf Basis einer Open-Source-Technologie sollte her. Das klingt für Außenstehende vielleicht profan. Die damit verbundene Arbeit war jedoch immens. Sämtliche Datenbestände aus dem alten System mussten gesichert und exportiert werden – das waren 700.000 Datensätze. Eine neue Datenbank musste aufgebaut, die Daten und Kontakte der Förderer mussten migriert werden. Und last but not least mussten dann noch sämtliche Zahlungsprozesse neu aufgebaut werden – und das alles im Rahmen der geltenden Datenschutzgesetze und im Einklang mit der streng regulierten und sehr speziellen Welt der Finanzsoftware.
An dieser Stelle sei auch unserer Hausbank gedankt, die uns bei diesem Prozess großartig unterstützt hat. Ohne sie wäre unsere alternative Lösung so wohl nicht möglich gewesen.
Nach ganzen drei Monaten Arbeit ist der Übergangsprozess beendet und unser eigenes Spendenabwicklungssystem steht in seinen Grundzügen. Nun haben wir die für uns optimale Lösung gefunden und sind dabei für die Zukunft strukturell besser aufgestellt als zuvor. Wir haben die volle Kontrolle und Transparenz über unsere Spenden und Fördergelder und sind nun so unabhängig von externen Dienstleistern, wie man es in einem vernetzten System nur sein kann.
Am 1. Juni nahm hinter den Kulissen unser neues System den Dienst offiziell auf. SEPA-Einzüge werden wieder verarbeitet – ohne FundraisingBox, ohne externe Fundraising-Plattform und erstmals direkt über unsere eigene Infrastruktur in Zusammenarbeit mit unserer Hausbank.
Auch das Spendenformular auf unserer Website wird voraussichtlich Ende dieser Woche wieder zur Verfügung stehen. Zum Start werden wir Lastschriften und Online-Überweisungen unterstützen. Weitere Zahlungsarten folgen in den kommenden Wochen. Damit kehren die NachDenkSeiten Schritt für Schritt zu einem vollständigen und zugleich deutlich unabhängigeren Spenden- und Fördersystem zurück.
Wichtiger Hinweis an unsere Unterstützer
Aufgrund der Umstellung unserer Zahlungsinfrastruktur konnten im gesamten April sowie in den ersten drei Mai-Wochen keine regulären SEPA-Lastschriften eingezogen werden. Mit der Wiederaufnahme des Lastschriftverfahrens Anfang Juni wurden zunächst die Förderbeiträge verarbeitet, deren Ausführungsdatum ursprünglich in die letzte Mai-Woche gefallen wäre. Dadurch kann es bei einzelnen Förderern Ende Juni zu zwei Abbuchungen in kurzem zeitlichen Abstand kommen. Dies ist kein Fehler, sondern eine Folge der technischen Umstellung. Sollten Sie Fragen dazu haben, wenden Sie sich bitte an [email protected].
An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei unseren tollen Lesern und Unterstützern bedanken! Mit vielen von ihnen standen wir wegen der genannten Probleme in Kontakt. Wir haben hunderte meist sehr produktive und motivierende Zuschriften erhalten. Menschen stellten manuell auf Dauerauftrag um, viele erhöhten dabei sogar den Unterstützungsbeitrag. Danke! Alle angesprochenen Leser und Förderer zeigten dabei volles Verständnis. Das zeigt: Ein Projekt wie NachDenkSeiten ist nicht „nur“ ein normales Medium oder gar ein technisches System. Es sind die Menschen, die dieses Projekt tragen – die Macher, die Leser und die Unterstützer.
Nur technische Souveränität kann die Meinungsfreiheit bewahren
Die NachDenkSeiten hatten wohl viel Glück im Unglück – Glück, dass wir sowohl tolle Mitarbeiter auf technischer Ebene haben und mit unserer Hausbank einen treuen, kompetenten Partner haben. Wir schreiben dies alles aber nicht nur, um Sie zu informieren. Wir wollen ausdrücklich hiermit auf dieses Problem aufmerksam machen und Kollegen warnen.
Die Geschichte – und damit das Problem – ist größer als ein Spendenformular.
Sie zeigt:
- wie abhängig Medien von Plattformen geworden sind.
- wie schnell Infrastruktur entzogen werden kann.
- wie verletzlich digitale Geschäftsmodelle sind.
- wie wichtig eigene technische Souveränität ist.
Die vergangenen Wochen haben uns viel Arbeit und Nerven gekostet und die Unsicherheit nagte an uns. Sie haben uns aber auch gezeigt, dass Unabhängigkeit nicht nur eine Frage redaktioneller Inhalte ist. Sie beginnt bereits bei den technischen und finanziellen Grundlagen, auf denen ein Medium steht. Genau diese Grundlagen haben wir in den vergangenen Monaten neu aufgebaut.
Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass Meinungsfreiheit nicht erst bei der Veröffentlichung eines Artikels beginnt. Sie beginnt bereits bei den technischen und finanziellen Grundlagen eines Mediums. Wer diese Grundlagen vollständig an Dritte auslagert, macht sich verwundbar. Genau deshalb haben wir die vergangenen Monate genutzt, um unsere Infrastruktur neu aufzubauen und unsere Unabhängigkeit auch technisch ein Stück weiter zu stärken.
Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung: [email protected].
Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen, Ihre Unterstützung und Ihre Solidarität.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie wichtig eine engagierte Leserschaft ist.
Herzliche Grüße
Ihre NachDenkSeiten





