Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Anette Sorg
Ein Artikel von Anette Sorg

Der Mann, der sich auf 226 Seiten Gedanken über den Zustand des ÖRR (öffentlich-rechtlicher Rundfunk) macht, schaut nicht von außen auf diese Konstruktion. Tilo Bernhardt war rund 20 Jahre selbst Teil des Systems. Seine Intention ist es, nicht bei der Darstellung der „Ist-Situation“ und deren kritikwürdiger Zustände zu verharren, sondern konstruktiv zu sein. Während seiner aktiven Zeit als Journalist bei diversen Formaten von Phönix, ZDF und SWR seien ihm Kritik und konstruktive Vorschläge nicht „erlaubt“ worden. Er holt dies nun in seinem Buch „Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ nach. Eine Rezension von Anette Sorg.

Im Medienstaatsvertrag lesen wir: „Der öffentlich-rechtliche Programmauftrag ist der gesetzlich verankerte Auftrag der Rundfunkanstalten (wie ARD, ZDF und Deutschlandradio), durch ihre Angebote zur freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung beizutragen. Er verpflichtet die Sender, ein umfassendes Gesamtangebot an Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung bereitzustellen.“

Es überrascht nicht, dass bei seiner Analyse der amerikanische Journalist Walter Lippman zitiert wird (1922): „Zwischen der Welt und den Menschen stehen die Medien.“ Die Selbstzensur der Journalisten untermauert der Autor mit Noam Chomskys Propagandamodell, in welchem der US-amerikanische Linguist die Filter beschreibt, die seiner Ansicht nach zu einem Nicht-Funktionieren der Massenmedien führten.

Seine sieben Vorschläge, die zu einem besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk führen sollen, werden im Folgenden skizziert:

  1. Aufsichtsgremien ohne Parteien: Rundfunk- und Verwaltungsräte sollen unabhängiger werden und nicht länger primär durch Parteipolitiker und Verbandsvertreter besetzt sein. Bestenfalls sollten die Aufsichtsgremien einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden.
  2. Transparenz und Regeln bei politischer Nähe: Der Drehtüreffekt zwischen Sendeanstalten und Politik sollte dringend eingedämmt werden. Parteimitgliedschaften in Führungspositionen und politischen Redaktionen sollten entweder verboten oder mindestens bekannt sein.
  3. Inhalt statt Quote: Der Autor wünscht sich zunächst eine Diskussion darüber, wie aussagekräftig die Quote überhaupt sein kann, um dann zu fordern, dass sich der ÖRR von der Quote emanzipieren solle.
  4. Objektivität: Hier wird die Sozialisation der Journalisten thematisiert, das Schwarz-Weiß-Denken und die sogenannten „Faktenchecker“, die überwiegend keine Fakten checken, sondern Meinungen transportieren. Als Beispiele dienen die Corona-Berichterstattung wie auch die zum Ukraine-Krieg und zum Nahost-Krieg sowie der Umgang mit der AfD.
  5. Mehr Ausprobieren: Hier wird z.B. das Talkshow-Format kritisiert und die X-te Quizsendung sowie der fehlende Mut, sich z.B. aus Unterhaltungsformaten weitestgehend zurückzuziehen und diese den kommerziellen Sendern zu überlassen. Die Zuschauer aus dem Osten könnten zurückgewonnen werden, wenn man sich von Klischees über diesen Landesteil verabschieden würde. Bernhardt schlägt vor, mehr junge Redakteure einzustellen. Diese sollten mit ihren kreativen Ideen dann der Garant dafür sein, wieder mehr jüngeres Publikum zu erreichen. Bei der Bespielung der Social-Media-Kanäle und den Inhalten der Mediatheken sieht er ebenfalls viel Luft nach oben.
  6. Mehr konstruktiver Journalismus: Zitat: „Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die zeigen, dass sich Menschen mehr positive Berichterstattung wünschen, bzw. eine, die mehr Lösungen präsentiert. (…) 73 % der Zuschauer wollten mehr Nachrichten sehen, die Mut machen. (…) Diese Befragungen liegen teilweise schon zehn Jahre zurück, aber seither hat sich die Berichterstattung nur wenig verändert.“
  7. Unabhängigkeit: „Wenn eine Person sagt, dass es regnet, und eine andere sagt, dass es trocken ist, ist es nicht ihre Aufgabe, beide zu zitieren. Es ist ihre Aufgabe, aus dem Fenster zu schauen und herauszufinden, was wahr ist.“ Mit diesem Zitat begründet der Autor, dass das Selbstdenken ein unabänderlicher Leitspruch im Journalismus sein müsste. Die Kontrolle der Regierenden durch den Journalismus bezeichnet er als elementar. Er stellt fest, dass guter Journalismus Zeit, Recherche und den persönlichen Kontakt braucht. Weiter plädiert er für eine von den großen Konzernen unabhängige (europäische) Videoplattform.

Die Kritik, die andere Rezensenten von Bernhardts Buch geäußert haben, teile ich: Produktionsgesellschaften, undurchsichtige Kostenstrukturen oder die häufig kritisierten enormen Gehälter und Pensionszahlungen werden zu oberflächlich abgehandelt. Eine Reform des ÖRR darf diese Themen nicht ignorieren.

Trotzdem sind Tilo Bernhardts Reformvorschläge empfehlenswert, weil er sie mit vielen Beispielen aus seiner aktiven Tätigkeit beim ÖRR bereichert und weil sie wirklich konstruktiv sind. Seine Quellenangaben finden sich als Fußnoten und müssen nicht mühsam am Ende des Buches gesucht werden.

Unter seinem siebten Reformvorschlag zitiert der Autor den Soziologen Hartmut Rosa. Das Zitat eignet sich hier wunderbar als Schlussakkord:

Dem Öffentlich Rechtlichen Rundfunk sollte es darum gehen, Geschichten zu erzählen, die verbinden und die nicht weiter fragmentieren. Die Sender könnten ein Ort sein, wo sich Menschen unterschiedlichster Couleur begegnen, wo sie miteinander sprechen und sich zuhören, wo Argumente sachlich ausgetragen werden.“

Ergänzende Informationen zur Kritik am ÖRR:

  • Ähnlich wie Bernhardt kritisieren auch andere den Zustand des ÖRR. Sie haben deshalb die Zahlung des Rundfunkbeitrags verweigert. Die Berliner Zeitung hat hier darüber berichtet. Auszug:

    „… Die ehemaligen NDR-Mitarbeiter Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer haben seit 2014 mehr als 400 Programmbeschwerden eingereicht, die insbesondere die Berichterstattung der „Tagesschau“ betrafen. Alle wurden abgelehnt. Auch der Verein Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien unter Leitung von Maren Müller führt auf seiner Webseite die eigenen sowie eine Sammlung von Beschwerden externer Beschwerdeführer auf. Es ist die absolute Ausnahme, wenn einer Programmbeschwerde recht gegeben wird. Und selbst dann erfolgt nicht zwangsläufig eine Korrektur im Programm …“

  • Die oben genannte anonyme Klägerin war dem Rat der Bürgerinitiative Leuchtturm ARD gefolgt, den Klageweg zu beschreiten. Die Bürgerinitiative beschäftigt sich ebenfalls schon länger mit der Programmgestaltung des ÖRR und reklamiert wie Bernhardt Multipolarität, Ausgewogenheit und Staatsferne. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes vom Oktober 2025 und die Zurückverweisung an den Bayrischen VGH werden dort als Etappensieg gewertet.
  • Alexander Teske, Ole Nymoen, Frank Schweikert, Andreas Halbach, Katrin Seibold, Annekatrin Mücke und Wolfgang Herles seien hier beispielhaft genannt für weitere (ehemalige) Insider, die sich ebenfalls kritisch zum ÖRR äußern.
  • Für manche Kämpfer um einen unabhängigeren ÖRR und mehr Meinungspluralität scheint es indes ein „No-Go“ zu sein, dass auch Vertreter der AfD ähnliche Kritik üben und gar die Rundfunkstaatsverträge kippen möchten. Der MDR berichtet hier darüber.
  • Ergänzend soll an dieser Stelle auf ein Pleisweiler Gespräch mit dem Elitenforscher Prof. Michael Hartmann hingewiesen werden. Hartmann hat in diesem Vortrag sehr schön herausgestellt, wie die „Blase“ der Journalisten quasi unter sich bleibt und aus welchen Bevölkerungsschichten sich diese fast ausschließlich rekrutiert.

Tilo Bernhardt: Sieben Vorschläge für einen besseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Marburg an der Lahn 2026, Schüren Verlag GmbH, Taschenbuch, 226 Seiten, ISBN 978-37410-03042, 20 Euro.

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