Von 1571 bis 1898 währte die spanische Herrschaft über jenen südostasiatischen Archipel, den sie unter dem Namen „Philippinen“ als Kolonie in Besitz genommen hatten. Doch nur den nördlichen und zentralen Teil des Inselreiches vermochten die Konquistadoren unter ihre Kontrolle zu bringen. Im südlichen Landesteil widersetzten sich die islamisierten Gesellschaften, von den Spaniern abfällig „Moros“ genannt, dem Kolonialjoch. Erst während der sich unmittelbar anschließenden US-amerikanischen Herrschaft über das Land (1898-1946) wurde der Süden in blutigen „Befriedungs“-kampagnen unterworfen. Externer Kolonialismus und interne Kolonisierung sorgten auch in den folgenden acht Jahrzehnten für Gewalt, Vertreibung und teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände, in deren Verlauf etwa 150.000 Menschen ihr Leben verloren. Nach zähen Waffenstillstands- sowie Friedensverhandlungen sollen nunmehr am 14. September fast 2,4 Millionen Wähler in einem historischen Urnengang darüber abstimmen, wer fortan im Rahmen eines 80-köpfigen Parlaments die Politik in der autonomen Bangsamoro Region im Muslimischen Mindanao (BARMM) bestimmt. Bangsamoro (das Volk bzw. die Nation der Moros) ist die einzige autonome Region unter den 18 Regionen des Landes, die einzige Region, die aus einem Friedensabkommen hervorgegangen ist, und die einzige Region mit einer parlamentarischen Struktur im Rahmen eines präsidialen Regierungssystems. Ein kritischer Rück- und Ausblick unseres Südostasienexperten Rainer Werning. Der abschließende 2. Teil erscheint morgen.
Historische Wurzeln des Konflikts
Der fundamentale Konflikt im islamischen Süden der (von der späteren Kolonialmacht Spanien so getauften) Philippinen hat seine Wurzeln in externem Kolonialismus und interner Kolonisierung. Seit etwa 1380 unserer Zeitrechnung setzte eine relativ friedliche Islamisierung des Gebietes der heutigen Südphilippinen ein. Das Ergebnis waren ausgeprägte hierarchische Strukturen dieser islamischen Gesellschaften – einschließlich Sultanaten – vor dem Advent des spanischen Kolonialismus im 16. Jahrhundert. An deren Spitze stand die dominante Klasse der Aristokratie, der Beamten sowie der Geistlichen und Gelehrten. Auf der untersten sozialen Stufenleiter befanden sich die in militärischen Beutezügen eingefangenen Sklaven, denen eigener Besitz verwehrt blieb. Bis in moderne Zeiten bildete deren Arbeit – eine Verschränkung von Elementen der Sklaverei, Fron-/Schuldknechtschaft und Leibeigenschaft – Eckpfeiler des Moro-Militärapparates. [1] Diese feudalen Gesellschaften befanden sich im Prozess der Ausweitung des Handels mit angrenzenden Regionen im indonesisch-malaiischen Archipel, der Schifffahrt und exportorientierter Produktion, was als Basis für eine engere Verzahnung von Landbesitz mit erhöhtem Handelskapital hätte führen können. [2]
Der spanische Kolonialismus intervenierte, bevor tiefgreifende gesellschaftliche Wandlungen einsetzten. Es lässt sich nur darüber spekulieren, was geschehen wäre, hätten sich die Moro-Gesellschaften im Rahmen ihres präkolonialen Systems auswärtiger Handelsbeziehungen autonom weiterzuentwickeln vermocht. Stattdessen kam es zu einem Abblocken ohne Eroberung: Durch kolonialen Druck in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, fiel das Handelskapital auf eine bedeutungslose, lokale Stufe zurück. Schiffsbauer und Navigatoren wurden zu „Piraten“, ständige Kriegshandlungen ließen die landwirtschaftliche Produktion sinken, was zu weiterer Militarisierung beitrug. Größere Bevölkerungsgruppen aus den Ebenen und fruchtbaren Tälern wanderten in abgelegenes, gebirgiges, unwirtliches Terrain ab. Die unmittelbaren Produzenten wurden durch sprunghaft gestiegene Tributzahlungen zum Unterhalt der Militärapparates geschröpft und ruiniert, während die herrschenden Klassen ihre soziale Stellung durch die neugewonnene Führungsrolle im antikolonialen Kampf zu festigen trachteten. National(istisch)e Ideologie entfaltete sich in religiösem Gewand.
Die Errichtung des spanischen Kolonialregimes glückte dort, wo es den durch politische Zersplitterung und geografische Streuung charakterisierten, wesentlich eigenbedarfsorientierten Barangays (Dorfgemeinschaften, wörtlich: Bootsladung) an sozialer Kohäsion mangelte, was unter anderem ihr Unvermögen eines erfolgreichen Widerstandes begründete. Letzterer war wirksam und lebendig dort, wo entwickelte politische Machtverhältnisse als Ausdruck fortgeschrittener, Surplus schaffender Produktionsweisen und -verhältnisse existierten, für deren ideologische Legitimation und funktionale Herrschaftsstabilisierung ein relativ einheitliches kulturell-religiöses Scharnier – der Islam – dienstbar gemacht werden konnte. In diesem Sinne erwiesen sich die Moros als weitaus „resistenter“ als die anderen Bevölkerungsgruppen in den zentralen und nördlichen Teilen der Philippinen.
„Wohlwollende Assimilierung“ und Aufstandsbekämpfung (Counterinsurgency)
Zwar konnten die spanischen Kolonialtruppen den Einfluss auch der Moros eindämmen, aber sie vermochten es nicht, sie zu unterwerfen und dauerhaft unter ihr Kolonialjoch zu pressen. Das gelang erst den waffentechnologisch hoch überlegenen Truppen der Vereinigten Staaten von Amerika, die Spanien 1898 besiegten. Bis 1902 vermochten die USA die „Insurgenten“ im Norden der Philippinen in die Knie zu zwingen. Die Moros indes widersetzten sich den auf „Entwicklung“ bedachten neuen „Zivilisatoren“ bis 1913 (in einigen Gebieten Jolos gar bis 1916) – immer wieder begleitet von Massakern an der Zivilbevölkerung auf den Inseln Mindanao, Basilan und Jolo. [3]
Was die neuen Kolonialherren unter Entwicklung verstanden, verdeutlichten US-Truppenkommandeure auf Mindanao und Sulu im Jahre 1903:
„Es wird notwendig sein, nahezu sämtliche Bräuche auszumerzen, welche bislang das Leben (der Moros) auszeichneten. Sie sind ein grundlegend verschiedenes Volk; von uns unterscheiden sie sich in Gedanken, Worten und Taten, und ihre Religion wird eine ernste Hürde bei unseren Bestrebungen darstellen, sie im Sinne des Christentums zu zivilisieren. Solange der Mohammedanismus vorherrscht, kann der angelsächsischen Zivilisation nur mühsam der Weg geebnet werden.“ [4] (Übersetzung: RW)
Als US-Präsident Theodore Roosevelt die „Insurrektion“ am 4. Juli 1902 offiziell für beendet erklärte, hatte buchstäblich ein Zehntel der damals etwa sechs Millionen Einwohner zählenden philippinischen Bevölkerung gewaltsam den Tod gefunden. Diese erste militärische US-Intervention in Asien und eines der bis dahin größten dokumentierten Kolonialmassaker in der Geschichte – in Washington euphemistisch mal „benevolent assimilation“, mal „pacification“ genannt – sah laut damaligen Untersuchungen des amerikanischen Kongresses knapp 127.000 US-Soldaten im Fronteinsatz, von denen 4.234 Mann fielen.
Die um die vorletzte Jahrhundertwende praktizierten „Befriedungs“-Methoden nahmen vorweg, was später in Malaya unter den Briten (während der sogenannten Emergency von 1948 bis 1960), Korea (1950-53) und Indochina (1965-75) technisch ausgeklügelter zur Anwendung kommen sollte – sogenannte „strategische Wehrdörfer“, Freifeuerzonen, systematische Such-und-Zerstör-Aktionen und Nahrungsmittelblockaden. Flankiert wurde all das von gesetzlichen Auflagen: das Sedition Law (1901) ahndete jedes Eintreten für die Unabhängigkeit mit langjährigen Haftstrafen oder Tod; der Brigandage Act (1902) stufte Widerstandskämpfer als „ladrones“ (Diebe und Banditen) ein, worauf die Todesstrafe und für Helfershelfer eine zehnjährige Haftstrafe stand. Der Reconcentration Act (1903) rechtfertigte „strategic hamletting“.
Dadurch sollten die Außenkontakte von Menschen in bestimmten Regionen genau überwacht beziehungsweise verhindert werden. Zu diesem Zweck wurden entsprechende Gebiete hermetisch abgeriegelt, streng patrouilliert, mit Stacheldraht umzäunt und die Bevölkerung angewiesen, eine Seitenwand ihrer – meist aus Bambus oder Nipa gefertigten – Häuser zu entfernen, um diese „durchsichtig“ zu machen. Ziel war es, die Zivilbevölkerung von potenziellen „Aufrührern“ zu trennen. Später nannte man dies: „der Guerilla das Wasser abgraben“. Das Flag Law (1907) verbot das Hissen der philippinischen Flagge, während das Singen des Jahrzehnte später, in der Endphase der Präsidentschaft von Ferdinand E. Marcos (1965-86), wieder populären antikolonialen Liedes Ang Bayan Ko (Mein geliebtes Heimatland) unter Strafe gestellt wurde.
Scharfe Proteste gegen den Krieg in den Philippinen hagelte es seitens der in den Vereinigten Staaten rührigen Antiimperialistischen Liga der USA. Deren Vizepräsident war von 1901 bis zu seinem Tode 1910 der mittlerweile berühmte Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain. Wiederholt begründete er seine Haltung auf öffentlichen Veranstaltungen mit den Worten:
„Noch vor einem Jahr war ich kein Antiimperialist. Ich dachte, es sei eine großartige Sache, den Filipinos ein großes Stück an Freiheit zu geben. Heute allerdings glaube ich, es ist besser, dass die Filipinos sich selbst darum kümmern.“ [5]
Stets betonte Mark Twain, er sei dagegen, dass der amerikanische Adler seine Krallen auf fremdes Territorium setzt. Anfangs hatte er den Spanisch-Amerikanischen Krieg noch ausdrücklich begrüßt; von ihm versprach er sich Hilfe für die kubanischen Revolutionäre in ihrem Kampf gegen die verhassten Spanier. Später aber fand die US-amerikanische Kriegführung in den Philippinen in Twain einen unerbittlichen Gegner. Mit ätzender Kritik attackierte er diesen Waffengang, der außerhalb der USA jene Werte zerstörte, die in den Staaten selbst als sakrosankt galten. Dass der Autor des Huckleberry Finn so vehement gegen die politische Führung seines Landes opponierte, war seinen – letztlich mächtigeren – Gegnern ein Dorn im Auge. Diese setzten nach dem Tod des streitbaren Schriftstellers und Publizisten alles daran, das letzte Jahrzehnt seines Schaffens im Gedächtnis seiner breiten Leserschaft und Bewunderer zu tilgen. Die meisten Biographien über Mark Twain blenden seine aktive Zeit in der Liga einfach aus, wie dies denn auch in Zeitungsbeiträgen anlässlich seines 100. Todestages am 21. April 2010 der Fall war.
Siedlerkolonialismus und multinationales Agrobusiness
Etliche Jahre blieb die Moro-Provinz unter direkter Verwaltung der US-Armee. Ab 1920 setzte Washington dann gezielt Mitglieder der nordphilippinischen Elite als Beamte im Süden ein. Die von amerikanischen Militärs trainierten Philippine Scouts sowie die Constabulary übernahmen ab den 1930er-Jahren verstärkt „Ordnungsfunktionen“ im Süden. Das Pensionado-Programm tat ein Übriges, um Teile der südlichen Herrschaftseliten, Datus und Rajahs, durch finanzierte Aufenthalte im „zivilisierten“ Manila und kostenlose Studienreisen in die USA sozial zu domestizieren, politisch zu kooptieren und kulturell aufzuweichen.
Auf dieses amerikanische Erbe besann sich nach der Unabhängigkeit der Republik der Philippinen (4. Juli 1946) die – überwiegend christliche – Zentralregierung im fernen Manila. Sie verfolgte eine Doppelstrategie. Zum einen nahm sie zusammen mit dem internationalen Agrobusiness den Süden wegen seiner taifungeschützten Lage und reichen Bodenschätze für die „Entwicklung“ ins Visier. Zum anderen wollte sie durch die Umsiedlung nordphilippinischer Bauern sowie desertierter Guerilleros der Hukbalahap (Antijapanischen Volksarmee; 1950 umbenannt in Volksbefreiungsarmee) die sozialpolitischen Probleme in Nordluzon abfedern, die sich dort aufgrund erdrückender feudaler Pachtverhältnisse aufgestaut hatten. Unter Präsident Ramon Magsaysay fanden Mitte der 1950er-Jahre die ersten größeren systematischen Umsiedlungen nach Mindanao statt. Während der Marcos-Ära (1965-86) verstärkte sich dieser Trend: Fortan flankierten interne Kolonisierungsmaßnahmen die von Manila verfolgte Strategie exportorientierter Entwicklung.
Allein auf der größten südphilippinischen Insel Mindanao wurden etwa 50 Prozent der gesamten Mais- und Kokosnuss-, 20 Prozent der Reis-, 50 Prozent der Fisch-, nahezu 100 Prozent der für die Ausfuhr bestimmten Bananen- und Ananasproduktion des Landes gewonnen. 40 Prozent der Viehzucht waren dort lokalisiert, und fast 90 Prozent der Nickel-, Kobalt- und Eisenerz- sowie nahezu 100 Prozent der Bauxitvorkommen wurden dort abgebaut. Bis auf Erdöl verfügen Mindanao und der Sulu-Archipel über strategische Rohstoffressourcen. [6] Eine Vielzahl natürlicher Häfen und seine Fruchtbarkeit machten Mindanao zum Magneten für ausländisches Kapital. Nach einer verheerenden Kahlschlagpolitik wurden Grund und Boden vom internationalen Agrobusiness unter Beschlag genommen. Dole, Del Monte und weitere Konzerne unterhielten hier ihre weltweit größten Plantagen mit einer Gesamtnutzungsfläche von weit über hunderttausend Hektar Land, die lange Zeit für lediglich umgerechnet 50 US-Cents pro Hektar/Jahr von der regierungseigenen Nationalen Entwicklungsgesellschaft gepachtet worden waren.
Grundlegender demografischer Wandel – Squatters im eigenen Land
Betrug im Süden der muslimische Bevölkerungsanteil 1913 noch 98 Prozent, so war dieser bereits Mitte der 1970er-Jahre auf nur 30 Prozent geschrumpft. Vor der Kolonisierung gehörten der muslimischen Bevölkerung und den Lumad (nicht-muslimischen indigenen Völkern) sämtliches Land. Heute besitzen diese weniger als 15 Prozent, vorwiegend in abgelegenen, unfruchtbaren Gebirgsregionen. Rund 80 Prozent der Moslems sind landlose Pächter. Der Verwaltungsapparat, das Militär sowie der Dienstleistungs- und Handelssektor sind fest in den Händen der aus dem Norden zugewanderten Siedler. Selbst die mächtigsten Vertreter der zahlenmäßig kleinen muslimischen Elite waren ihnen unter Marcos untergeordnet. Zur politischen und wirtschaftlichen Benachteiligung gesellte sich eine von Manila zielstrebig geschürte kulturelle Geringschätzung. In Schulbüchern und Schauspielen figurier(t)en die Moros bestenfalls als Staffage oder bemitleidenswertes Schlusslicht nationaler Entwicklung. [7]
Der Landraub vollzog sich keineswegs friedlich. Auf der einen Seite bildeten die Siedler bewaffnete Formationen – staatlich unterstützte oder geduldete Bürgerwehren und paramilitärische (christliche) Sekten. Auf der anderen Seite organisierten sich (muslimische) Selbstschutzkommandos und bewaffnete Gangs. Dies bildete den Hintergrund einer stetig größer werdenden Gewaltkulisse. Kein Wunder, dass Mindanao während der Marcos-Ära zur mit Abstand höchstmilitarisierten Region des Archipels avancierte. Über 60 Prozent der Kampfeinheiten der Philippinischen Streitkräfte (AFP) waren dort ständig stationiert – vorrangig zum Schutz von Siedlern und ausländischen Wirtschaftsinteressen vor sich neu formierendem Moro-Widerstand. Ein „Religionskrieg“ verhindere die Entwicklung des Südens, hieß es in Manila. Für ein Überleben und die Selbstbestimmung kämpfe man – konterten die Moslems. Dieses „Missverständnis“ kostete seit 1970 etwa 150.000 Menschen das Leben. [8] Ganz zu schweigen von den Hunderttausenden Binnenflüchtlingen und seit der Zeit dauerhaft im benachbarten ostmalaysischen Bundesstaat Sabah im Exil lebenden Moros.
Jahrzehnte sollten vergehen, bis sich die Moros erneut und vehement gegen die Zentralregierung auflehnten. Niemand hatte sie gefragt, ob sie 1946 Teil der unabhängig gewordenen Republik der Philippinen werden wollten. Die in Washington und Manila unterbreiteten Protestresolutionen und Petitionen gegen die Eingliederung des südlichen Teils des Archipels in die neue Republik fanden kein Gehör. Ausgerechnet eine (letztlich fehlgeschlagene) Geheimoperation Manilas wirkte als Katalysator neuerlichen Protests und markierte die Geburtsstunde neu formierten (bewaffneten) Widerstands.
Exkurs: Manilas beschwiegenes Jabidah-Massaker
Am Anfang stand ein Massaker: Am 18. März 1968 wurden mindestens zwei Dutzend junge muslimische Rekruten – andere Quellen sprechen von 64 bis über 100 Toten – von ihren Vorgesetzten auf der Insel Corregidor in der Bucht von Manila exekutiert. Dieses blutige Ereignis war das Fanal des erneuten bewaffneten Moro-Widerstands gegen die Zentralregierung in Manila. Die Konsequenzen des Massakers auf Corregidor wirken bis heute nach – tief verwurzelt im kollektiven Gedächtnis. Für Moros ist der 18. März alljährlich ein besonderer Gedenktag.
Begonnen hatte alles im Jahre 1967 auf der kleinen südphilippinischen Insel Simunul, von der aus man an klaren Tagen Küstenstreifen des ostmalaysischen Bundesstaates Sabah sehen kann. Dort fand unter dem Kommando von Major Eduardo Martelino eine geheime militärische Ausbildung in Sabotage, Infiltration und Sprengstoffattacken von etwa 180 Rekruten statt, die im Januar 1968 nach Corregidor verlegt worden waren. Der Drill soll hart und das Essen miserabel gewesen sein. Auch der versprochene Monatssold von 50 Peso (umgerechnet entsprach das damals zirka 50 DM) soll den Rekruten letztlich vorenthalten worden sein. Es kam daraufhin zu einer Revolte, die von den Vorgesetzten am 18. März 1968 blutig unterdrückt wurde. So jedenfalls lautete später die Version der Regierung in Manila.
Der einzige Überlebende des Massakers, Jibin Arula, gab hingegen zu Protokoll, seine Kameraden seien niedergemetzelt worden, weil sie sich geweigert hätten, auf Befehl von oben in Sabah einzumarschieren. „Warum”, so Arula, „sollten wir die Malaysier angreifen, wo sie doch unsere Brüder sind und wir mit ihnen nicht in Streit liegen?” Dass Arula überhaupt überlebte, indem er schwimmend und mit Hilfe eines Fischers auf das Festland entkommen konnte, wertete man später in Manila als Wunder. [9] Eine andere Version der Ereignisse sprach von einer Meuterei, die von den Offizieren drakonisch niedergeschlagen und wobei eine gesamte Kompanie massakriert worden sei, um zu vermeiden, dass Überlebende Zeugen der unhaltbaren Zustände auf Corregidor werden konnten. Die Leichen der Ermordeten habe man von Hubschraubern aus ins Meer geworfen.
War Major Martelino der Hauptakteur in diesem Drama, so war der damalige Präsident und gleichzeitige Oberbefehlshaber der philippinischen Streitkräfte, Ferdinand E. Marcos, zweifellos der Kopf des gesamten „Operationsplans Merdeka” (Freiheit), wie der Codename dieses abenteuerlichen Unternehmens lautete. Wie Marcos stammte auch Martelino aus der Ilocos-Region im Norden des Landes. Der Major soll zum Islam konvertiert sein und sich, nachdem er eine Muslima namens Safiyah geheiratet hatte, fortan den Namen „Abdulatif” zugelegt haben. Ob Martelino tatsächlich Muslim geworden oder dies nur ein Propagandamanöver war, um in der Region Unterstützung für den Operationsplan Merdeka zu bekommen, blieb – wie so vieles in dieser Affäre – im Dunkeln. Jedenfalls soll der Major zuvor als Militärattaché in Washington ein Verfechter des Maphilindo-Plans gewesen sein, der seinerzeit eine malaysisch-philippinisch-indonesische Föderation als Einheitsprojekt aller Malaien vorsah.
Hintergrund des Operationsplans Merdeka war der 1962 erhobene (und seitdem schwelende) Anspruch Manilas auf Sabah, den der damalige philippinische Präsident Diosdado Macapagal (1961-65) geltend gemacht hatte. [10] Macapagal berief sich darauf, dass einst das Sultanat von Sulu Souverän des nördlichen Teil Borneos gewesen und dieser zwischenzeitlich integraler Bestandteil der Republik der Philippinen geworden sei. Während Macapagal indes eine friedliche und diplomatische Konfliktlösung favorisiert hatte, wollte Marcos die Sabah-Frage offensichtlich politisch instrumentalisieren und schreckte dabei selbst vor illegalen Methoden nicht zurück. Auf einer nationalistischen Welle reitend, wollte er wiedergewählt werden, was ihm – einmalig in der Geschichte des Landes – auch 1969 glückte.
Die wahre Geschichte dieses als Jabidah-Massaker [11] in die Geschichte eingegangenen Operationsplans Merdeka wurde nie enthüllt. Alle Hebel sind seitens der Regierung in Bewegung gesetzt worden, um Spuren zu verwischen. Selbst vom Senat und Repräsentantenhaus eingesetzte Untersuchungskommissionen stießen ins Leere. Den vor ein Militärgericht gestellten Offizieren und Soldaten wurde kein Haar gekrümmt. Keiner wollte es gewesen sein, und 1971 – der Bürgerkrieg im Süden war voll entbrannt – waren sämtliche Angeklagten auf freiem Fuß. Lange kursierten Gerüchte über das Schicksal von Major Martelino – mal galt er als vermisst, mal als in einem malaysischen Gefängnis einsitzend. Unbestritten ist indes, dass die Supervision dieses klandestinen Projekts dem Marcos direkt unterstellten Civil Affairs Office oblag.
Verständlicherweise sackten die Beziehungen zwischen Malaysia und den Philippinen rasch auf einen Tiefpunkt. Kuala Lumpur zog sein Botschaftspersonal aus Manila ab, und die Polizei in Sabah schickte scharenweise illegal ins Land gereiste Filipinos wieder zurück, die man zuvor stillschweigend geduldet hatte. Später sollte sich Malaysia an Manila rächen, indem es Mitgliedern der im Zuge dieser Ereignisse entstandenen Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) in Sabah Unterschlupf gewährte und zuließ, dass sie dort militärisch ausgebildet und mit Waffen versorgt wurden. In diesem Sinne markierten die Ereignisse vom 18. März 1968 die Geburtsstunde der MNLF und den neuerlichen Beginn des bewaffneten Moro-Widerstands in den Südphilippinen. Erst 1915/16 war es Einheiten der Kolonialmacht USA nach Jahren blutiger Auseinandersetzungen gelungen, diese Region, welche die frühere Kolonialmacht Spanien nie zu unterjochen vermochte, endgültig militärisch zu „befrieden“.
Neu formierter Widerstand
Am 1. Mai 1968 unterzeichnete der frühere Gouverneur von Cotabato, Datu Udtog Matalam, ein Manifest, das die Errichtung eines islamischen Staates – der Republik von Mindanao und Sulu – vorsah. Dies signalisierte den Beginn der Muslim Independence Movement – später in Mindanao Independence Movement (MIM) umbenannt –, die die traditionelle muslimische Elite gründete. Diese präsentierte sich, wollte sie ihren Rückhalt in der Bevölkerung nicht gänzlich verlieren, nach außen hin antikolonial. Allein aus materiellen Erwägungen war ihr jedoch daran gelegen, antiimperiale und antikoloniale Inhalte zu verschleiern oder sie zum späteren Zeitpunkt, in einem neu zu gründenden Staat, aufgehoben zu wissen. Die religiös gewendete Anti-Marcos-Kritik sicherte der MIM-Führung beträchtliche finanzielle Zuwendungen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Ob und in welchem Umfang sie auch aus den Anrainerstaaten Malaysia und Indonesien Schützenhilfe bezog, ist ungewiss.
In Abgrenzung zur MIM entstand 1968/69 der Nukleus der Moro National Liberation Front (MNLF) unter der Ägide des südlich von Jolo stammenden Nur Misuari. Misuaris Politisierung erfolgte Mitte der 1960er-Jahre in der linken Studenten- und Jugendbewegung Manilas, wo er Politik studiert und zeitweilig gelehrt hatte. Anfang der 1970er-Jahre setzte er sich ins Ausland ab und verbrachte die Jahre bis 1986/87 vorwiegend in Libyen und anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Politisch-diplomatisch unterstützt wurde die MNLF von der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) mit Sekretariatssitz im saudi-arabischen Dschidda. Bis Mitte der 1970er-Jahre hielt die MNLF am Konzept der Sezession MINSUPALAs (Mindanaos, des Sulu-Archipels und Palawans) und an der Schaffung einer auf diesem Territorium unabhängigen Bangsa Moro Republik (Republik der Moro-Nation) fest.
Titelbild: Titelbild: em_concepts/shuttestock.com
Rainer Werning ist u.a. Co-Herausgeber der Bücher Voices From Moro Land. Perspectives from Stakeholders and Observers on the Conflict in the Southern Philippines (zusammen mit Peter Kreuzer) Petaling Jaya, Selangor, Malaysia, 2007: Strategic Information and Research Development Centre & Conflict in Moro Land – Prospects for Peace? (zusammen mit Arndt Graf & Peter Kreuzer), Pulau Pinang, Malaysia 2009: Universiti Sains Malaysia Press.
[«1] In Anlehnung an die „Mauren“/„Mohren“ Nordafrikas bezeichneten die spanischen Kolonialherren in höchst pejorativem Sinne all jene Personen im Süden der Philippinen als „Moros“, die sich zum Islam bekannten. Ende der 1960er-Jahre interpretierte der damalige Führungskern der Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) den Begriff neu, maß ihm fortan eine positive Bedeutung bei und entschloss sich, „Moro“ explizit als Teil ihres Organisationsnamens zu verwenden.
[«2] Gross, Max L. (2007): A Muslim Archipelago: Islam and Politics in Southeast Asia. Washington, DC: National Defense Intelligence College, pp. 171-232 – hier: S. 177.
[«3] Bacevich, Andrew J. (2006): What happened at Bud Dajo: A forgotten massacre – and its lessons, in: The Boston Globe. March 12; Jubair, Salah (1999): Bangsamoro: A Nation under endless Tyranny. Kuala Lumpur: IQ Marin; Vitug, Marites Danguilan/Gloria, Glenda M. (2000): Under the Crescent Moon: Rebellion in Mindanao. Quezon City: Ateneo Center for Social Policy & Public Affairs/Institute for Popular Democracy sowie Tuazon, Bobby M. (ed./2008): The Moro Reader: History and Contemporary Struggles of the Bangsamoro People. Preface by Prof. Oscar Evangelista. Quezon City: PSPA/CenPEG.
[«4] Zit. nach: George W. Davis (1903) Annual Report of Major General George W. Davis, U.S. Army, Commanding Division of the Philippines, October 1, 1903 to July 28, 1903, p. 261. Manila.
[«5] Zwick, Jim (ed.) (1992): Mark Twain’s Weapons of Satire: Anti-Imperialist Writings on the Philippine-American War. Syracuse: Syracuse University Press.
[«6] Werning, Rainer (2009): Bitter Legacies of a long-lasting War, in: Graf, Arndt/Kreuzer, Peter/Werning, Rainer (eds.): Conflict in Moro Land – Prospects for Peace? Penang: Penerbit Universiti Sains Malaysia – hier S. 6 ff.
[«7] Siehe dazu u.a.: Latiph, Atty. Algamar A. (2007): The Root Cause of Electoral Fraud, Violence and Vote Vending in the Autonomous Region in Muslim Mindanao, in: Bulatlat (online-magazine = www.bulatlat.org) Vol. VII, No. 18. Quezon City. June 10-16; Asani, Abdurasad (1980): Moros – Not Filipinos, published by A. Asani/Bangsa Moro Research Centre. o.O. sowie Silva, Rad D. (1979): Two Hills of the Same Land: Truth Behind the Mindanao Problem, o.O., Mindanao-Sulu Critical Studies & Research Group. (rev. ed.)
[«8] Philippines: Mindanao | UCDP – Uppsala Conflict Data Program
[«9] Erst im Februar 2011 meldeten philippinische Medien, dass Arula im Herbst des Vorjahres bei einem Verkehrsunfall in Trece Martires (Provinz Cavite) ums Leben gekommen war.
[«10] Werning, Rainer (2026): Zankapfel Sabah: Ein alter Konflikt aus Kolonialzeiten sorgt erneut für Missstimmung zwischen Manila und Kuala Lumpur
[«11] In der südphilippinischen Folklore ist Jabidah der Name einer ebenso wagemutigen wie anmutig-schönen Frau. – Siehe: https://bangsamoro.gov.ph/news/latest-news/remembering-jabidah-and-the-seeds-of-the-struggle/; On the Fluidity and Stability of Personal Memory: Jibin Arula and the Jabidah Massacre in the Philippines sowie https://opinion.inquirer.net/161843/jabidah-massacre-and-transitional-justice.






