Leserbriefe zu „SchnurzPISAegal – Wenn Profit allemal wichtiger ist als Zukunft …“
Ralf Wurzbacher kommentiert in diesem Beitrag die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie. Allen „Reformen“ zum Trotz würden viele nur noch Bahnhof verstehen – auch in der Politik. Irgendwann in den 1990er-Jahren habe die zu Macht und Kontrolle gelangte neoliberale Clique in Deutschland verfügt, der Wirtschaft den Vorrang über alles zu geben. PISA sei Teil des Problems. Die Testeritis selbst sei nur „die Ausgeburt des neoliberalen Effizienz- und Wachstumsdogmas, das Mensch zum Homo oeconomicus“ degradiere und auf das veritable Kindeswohl keinen Wert lege, der sich nicht in Euro oder Dollar beziffern lasse. Fast zum Abschluss fragt unser Autor, wie viele Beweise eigentlich noch benötigt würden, „um zu begreifen, dass der Neoliberalismus der großen Mehrheit der Menschen Nöte, Ängste und Elend bringt – und Verblödung“. Abgedruckte Leserbriefe geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Kürzungen aus redaktionellen Gründen bleiben vorbehalten. Wir haben hierzu interessante Leserbriefe bekommen und bedanken uns dafür sehr herzlich. Die nun folgende Auswahl hat Christian Reimann für Sie zusammengestellt.
1. Leserbrief
Liebe Mannschaft der NachDenkSeiten,
Bereits 2001 zeigte die PISA-Studie: „in Deutschland [ist] die Kopplung von sozialer Lage und dem Kompetenzerwerb der nachwachsenden Generation ungewöhnlich straff.“ Bezüglich der Chancen, das Gymnasium zu besuchen, verläuft in der BRD eine regelrechte „Trennungslinie zwischen der Arbeiterschicht und den übrigen Sozialschichten.“ Und: „Die Entwicklung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und schulischen Ergebnissen [ist] ein kumulativer Prozess, der lange vor der Grundschule beginnt und an Nahtstellen des Bildungssystems [bei der Entscheidung für Gymnasium, Regelschule oder Hauptschule] verstärkt wird.“
Die zweite PISA-Studie lieferte 2004 ähnliche Ergebnisse: in der BRD haben – sogar bei Kontrolle der kognitiven Grundfähigkeiten und mathematischen Kompetenz – Jugendliche des obersten Viertels des sozialen Status eine 8-mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen als Jugendliche des untersten Viertels.
Seitdem wird mittels dieser Unsitte der Privatschulen die Spaltung immer weiter vergrößert. Und angesichts der schlechten Lesefähigkeiten sollten unsere Gender-Fanatiker mal selbstkritisch überlegen, ob in dieser Situation die Gendersprache wirklich eine so gute Sache ist.
Mit freundlichen Grüßen
Jörg Fauser
2. Leserbrief
Sehr geehrter Herr Wurzbacher,
die Bildungspolitik der Bundesrepublik war seit Anfang an eine Fehlgeburt. Bildung als Ländersache war schon der falsche Ansatz. Geprügelt durfte noch jahrelang, wie zu Kaisers Zeiten. Der Lehrplan Wirrwarr eine Katastrophe, wenn man in ein anderes Bundesland umziehen mußte.
Standen die Kinder jemals im Mittelpunkt, frage ich mich?
Das ganze Schulsystem ist wie die meisten Schulen marode. Nur Eltern mit viel Geld können ihre Sprösslinge auf Privatschulen schicken. Das wird dann die zukünftige „Elite “, während die Anderen verdummen dürfen und vielleicht auch sollen. Ein Kobold wer da böses denkt.
Hauptsache heute ist, dass genug Geld in die neue Wehrmacht fließt.
Der Zahlenvergleich für das nächste Jahr ist erschreckend. Umgekehrt wäre es von Nutzen für die Kinder, die Gesellschaft, den Frieden, aber das wird in diesem Notfallkapitalismus nicht passieren.
Mit freundlichen Grüßen
R.Jahn
3. Leserbrief
Zu Ralf Wurzbachers „SchnurzPISAegal“ Folgendes:
Es ist zu kurz gesprungen und zu einfach gedacht, die PISA-Ergebnisse der BRD-Schüler ursächlich auf mangelnde finanzielle Ausstattung Schulwesens im Zusammenhang mit der Umsetzung des ökonomischen Neoliberalismus zurückzuführen.
Die Misere offenbarte sich schon in den 90er-Jahren.
Darauf habe ich in meinem Aufsatz „Bildungsmisere in Deutschland“ 2006 publiziert in „Bildungsgeschichten“ (Aachen) und verfügbar im Netz yumpu.com aufmerksam gemacht. Demnach zeigten sich schon damals 3 Defizitbereiche:
(1) die unter- oder abgebrochene und deshalb misslungene Bildungsreform 1965-1975,
(2) die zunächst ausschließlich Kapital orientierte und später ungeregelte und chaotische Zuwanderungspolitik,
(3) das Vordrängen irrationaler und relativistischer (heute eher technokratischer) Ideologien im öffentlichen Sektor, das auch stark die allgemeine und Fachdidaktik prägte.
Diese Einsicht beruhte auf immerhin 20 Jahre schulischer Berufserfahrung in den 70er und 90er Jahren und einer Ausbildung in Ba-Wü.
Dr. Wilma R. Albrecht
4. Leserbrief
Alles richtig, was Ralf Wurzbacher zum Thema Schulbildung schreibt. Jedoch unterschlägt er einen der wesentlichen Gründe für den Absturz Deutschlands bei PISA nach 2015 und das ist nun mal die massenhafte Zuwanderung durch Merkels Grenzöffnung 2015. Oder genauer gesagt eine Flüchtlingspolitik, die sich darauf beschränkte die Grenzen zu öffnen und die daraufhin ins Land Strömenden mit dem zum nackten Überleben Notwendigen zu versorgen. Alles, was an Notwendigkeiten für eine gelingende Integration darüber hinausging, wie z. B. die Anpassung der Infrastruktur, der Ausbau des Wohnungssektors und v. a. die schulische Förderung der zumeist Sprachunkundigen wurde von der Politik zumeist links liegen gelassen. Was dazu führte, dass der Anteil der sprachunkundigen Schüler massiv angestiegen ist. Unter solchen Bedingungen ist ein Nachlassen der Schulleistungen die zwangsläufige Folge. Nicht nur seitens derer, die dem Unterricht mangels Sonderbetreuung kaum folgen können, sondern allgemein, da dadurch der Unterrichtsfortschritt insgesamt aufgehalten wird.
Von unserem Leser M.B.
5. Leserbrief
Es wird Zeit, dass ich meine Kollegenschelte etwas deutlicher fasse. Gäbe es eine PISA Studie für Lehrerinnen und Lehrer, so würde sich ein herrlicher Gleichklang in den Ergebnissen mit den Resultaten der Schüler ergeben. Die Bildungskatastrophe drückt sich nicht nur durch den ungenügenden Wissensstand der Schülerinnen und Schüler aus, sondern auch durch miese Qualität der Lehrenden. Die engagierten Kolleginnen und Kollegen leiden unter der verbeamteten Feigheit, die in den Lehrerkollegien, Schulleitungen und Ausbildungsseminaren vorherrscht. Im zuletzt genannten Seminar findet die praktische Ausbildung der „Referendare“ statt, bevor sie nach bestandener unterrichtspraktischer Prüfung (UPP oder 2. Staatsexamen) als vollwertige Lehrer auf die Kinder und Jugendlichen losgelassen werden. Wer sich unterordnet, kriecht und Vorgesetzte am lautesten preist, dem winkt die Verbeamtung. Das heißt, er muss nur noch sehen, wie er den lästigen Unterricht geschickt auf ein Minimum beschränkt und eine Strategie entwickelt, die ihm am Ende eine fette Pension beschert. Gezielte Schwangerschaften sind für männliche Pädagogen wohl nur nach dem Spahn-Modell machbar. Aber es gibt Pöstchen mit Unterrichtsentlastung, Fortbildungen und langwierige Krankheiten, die den Stress mindern und ein angenehmes Leben bei üppigem Gehalt garantieren. Voraussetzung ist jedoch, dass man sich im Seminar mit freudiger Erregung und starker Motivation zum Untertan sich das Rückgrat brechen lässt. Wer die Klappe aufmacht, der erlebt die Hölle. Spätestens in der UPP wird dann die Revoluzzerin oder der Revoluzzer abgekocht, im schlimmsten Fall mit Note 4,5 aussortiert. Nun sagt dazu der Volksmund: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.
Es ist darum kein Wunder, dass dieser Beruf von jungen Menschen angestrebt wird, die besondere Charaktereigenschaften aufweisen, die risikoscheu sind, auf Bequemlichkeit achten, aus der oberen Mittelschicht stammen und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nur unter pädagogischen Schönwetterbedingungen erledigen wollen. So kommt es, dass nach der berühmten Studie der Uni Potsdam für 30% der Pädagogen eine Verbotszone von 1 km um jede Schule gelten müsste, weitere 30% besser einen anderen Beruf ergreifen sollten und lediglich der Rest diesen aufregenden Beruf ausüben sollte. Das ist nur eine Ursache für die mickrigen Ergebnisse deutscher Schulbildung.
Die ewige Leier von einer Bildungsreform fasste ein Kollege kurz zusammen: Er sei seit über 30 Jahren im Schuldienst und ständig werde über Reformen geredet und Konzepte dafür erstellt. Doch in dieser langen Zeit hätte er nie eine solche Reform erlebt. Das hat Methode. Denn wenn sich ein Verteidigungsminister hinstellt und herum trompetet: „Mit Bildung und Sozialpolitik könne man keinen Krieg gewinnen“, dann zeigt es nur zu deutlich, was Politiker, gleich welcher Partei, von Bildung halten. Es ist nicht nur die AfD, die ein Volk von Analphabeten schaffen und nur der deutschen Edelrasse eine Bildung genehmigen will – es ist allgemein eine Übereinstimmung in allen Parteien zu finden, dass über Bildung geredet werden muss, es sich aber keinesfalls etwas ändern darf. Kein Wunder, ein Blick in das Panoptikum mit Namen „Bundesregierung“ zeigt eine bunte Reihe von Marionetten mit einem Bildungsgrad, der unter Pädagogen freundlich als „geistig retardiert“ angegeben wird. Es ist nur zu verständlich, dass diese Herrscher keine intelligenten Bürger gebrauchen können, die ihnen ständig beweisen, dass sie den Absolutisten geistig überlegen sind. Auf diese Art und Weise kann also unbesorgt immer mehr gekürzt und das Geld in die Rüstung gestopft werden. Im Schützengraben zählt Intelligenz nicht. Dieser ideologische Hintergrund gilt seit 1949 mit Ausnahme eines kleinen Fensters in der Zeit zwischen 1969 – 1982 bis heute.
Die politische Steuerung der Lehrinhalte bewirkte, dass der Lehrer in Wirklichkeit als Wahlkampfhelfer des regierenden Kultus- bzw. Bildungsministers gilt. Deshalb wurden die Lehrinhalte zerstückelt, abgeschafft und tabuisiert. Im Fach Mathematik gilt Mengenlehre als „russische Desinformation“, Beweise gibt es nur in der Strafprozessordnung. Was an Schulen als Mathematik gilt, ist kaufmännisches Rechnen und Bedienung des Taschenrechners. In den anderen Naturwissenschaften sind es eben solche löcherigen Inhalte. Die Folge: Kein Abiturient ist heute mehr in der Lage ein naturwissenschaftliches Studium mehr aufzunehmen. Die Hochschulen müssen heute Sonderkurse abhalten, um im Expresstempo die fehlenden Kenntnisse nachzuholen. Das ist Irrsinn, denn so wird keine Grundlagenkenntnis erworben. Proteste seitens der Lehrerschaft gibt es nicht. Die Verbeamtung bewirkt bei den Kollegen das Absinken der Intelligenz ins Hinterteil. Niemand will seinen Job gefährden. „Alles gut, alles gut, bis das Hirn im Hintern ruht…“ (Wiglaf Droste). Ein weiterer Punkt ist die Reform der Lehrerausbildung. Es hat sich gezeigt, dass die Kollegen, welche neben dem Studium einen Beruf erlernten, viel eher den Blick für das unbedingt Wichtige im Unterrichtsstoff, der vermittelt werden muss, besitzen. Es ist auch diese akademische Inzucht, dass Lustprodukte von Lehrereltern wiederum diesen Beruf ergreifen. Die Lebenserfahrung sieht dann bei Jenen so aus: Schule-Hochschule-Schule. Was für eine Vielfalt – so unterrichten sie auch.
Wer diesen Beruf ergreifen will, muss wirklich dies aus dem Willen heraus, „mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten“, tun. Wegen der Vielfalt der Schüler ist ein breites Wissen und Lebenserfahrung nötig. Wer also schon zuvor in einem anderen Beruf gearbeitet hat, erhält auch einen weiten Horizont und ist dann nicht erstaunt, wenn im Studienseminar über Kinder von alkoholkranken Eltern gesprochen wird und darauf hin Frau Dr. X erstaunt sich äußert: „Also, so etwas kenne ich gar nicht. Na gut, ich habe ja auch nur einen Freundes- und Bekanntenkreis aus Akademikern. Da gibt’s ja so etwas gar nicht.“ Wie wichtig ist doch die Einrichtung einer Bannmeile und eines Phrasenschweins für Politiker, wenn sie über „Bildung schwafeln“. Die Anzahl der Schweine, die dazu nötig wären, entsprächen dem tatsächlichen Bestand eines Schweinebauern aus dem Kreis Vechta. Das so erhaltene Geld wäre eine echte Finanzspritze für die zerbröckelnden Schulen.
Stephan Ebers




