Im September war Essen Austragungsort eines dreifach vernetzten Veranstaltungspakets des militärisch-industriellen Komplexes: Die zivilmilitärische Doppelmesse der Rüstungsindustrie (namens „Eurodefenceexpo/EUDEX“) und der sogenannten Sicherheitsbranche (namens „Security“) sowie in Kombination damit die Jahreskonferenz der NATO-Luftwaffen-Strategieschmiede JAPCC – das war ein in dieser Form erstmaliges Zusammenwirken im Sinne der Militarisierung. Von Bernhard Trautvetter.
Ein hochkarätiges Rahmenprogramm von Vorträgen mit Diskussionsmöglichkeiten machte aus den zwei Messen auch eine militärische Fortbildungsveranstaltung, einen inhaltlichen Höhepunkt der Militarisierung. Es ging unter anderem um die Integration von Drohnendetektion und Robotik, portable Open-Source-Cloud-Plattformen für Command und Control im Kampfgeschehen, die Absenkung der Radarerfassbarkeit unbemannter Systeme, KI in der Kriegsstrategie sowie um Zivilschutz bei Angriffen mit Massenvernichtungsmitteln. Referenten kamen u.a. aus der Industrie, dem Militär, der Politik und auch aus solchen Einrichtungen wie der Feuerwehr. Der Vortrag über ABC-Schutz im Krieg vermittelt schon im Titel die Illusion, im Atomkrieg gäbe es noch Hilfe, obwohl nicht nur aus der Ärzteschaft Warnungen kommen, dass es dann für jede Hilfe zu spät ist.
In der Doppelmesse mit der NATO-Strategie-Konferenz verharmlosten die Akteure dann auch noch die aktuell zunehmenden Gefahren, die von der Kombination von Kriegsstrategien und künstlicher Intelligenz ausgehen – etwa während die NATO-Luftwaffen-Strategen in der für Großveranstaltungen ausgelegten Grugahalle über die Anwendung von KI in der Kriegsführung berieten. Zitat von der Konferenz-Website der NATO-Strategieschmiede JAPCC:
„Selbst wenn KI-gestützte Systeme, Autonomie und fortschrittliche Entscheidungshilfe-Werkzeuge immer ausgereifter werden, bleibt der menschliche Faktor die entscheidende Variable …“
Es gehe um menschliche Fähigkeiten und Konzepte in der Mensch-Maschine-Interaktion. Die zivilmilitärische Doppelmesse bezog ebenfalls die künstliche Intelligenz mit in die Beratungen ein: Der Abschlussbericht besagt: „Drohnen, KI und Vernetzung prägten beide Fachmessen“.
Ein Hewlett-Packard-Experte für unbemannte Systeme führte aus, dass künftige ‚Konflikte‘ durch selbstständig agierende Systeme ausgefochten werden. Es sei wichtig, bei der Entwicklung von KI die Kontrolle zu behalten. Es gehe darum, unbeabsichtigten Aktionen der KI vorzubeugen. Er thematisierte, dass KI unbemerkt in Systeme eindringen und Abläufe verändern kann; es gehe deshalb darum, diesen von ihm „Halluzinationen“ genannten Vorgängen präventiv zu begegnen.
Dafür musste er über die Warnungen vieler KI-Experten hinweggehen, denen zufolge die KI-Prozesse bereits auf der aktuellen Entwicklungsstufe Programmierungen übergehen, was in Kombination mit Kriegsstrategien in unserer global vernetzten Welt die Gefahr des Zusammenbruchs der Infrastruktur unserer Zivilisation heraufbeschwört.
Von der Waffenschmiede zur Rüstungsplattform
Diese erstmalige und einzigartige Verbindung aus Kriegswaffenverkaufsmesse und Strategiekonferenz der NATO-Luftwaffe fand am einst von Kaiser Wilhelm „Kanonenstadt” und von den Nazis „Waffenschmiede des Reiches” genannten Ort statt. Aktuell avanciert Essen damit wieder als sogenannter Marktführer zu einer „zentralen Plattform der Rüstungsindustrie“, wie es die Regionalzeitung des Ruhrgebiets WAZ betitelte.
Die mit dieser Einordnung verbundene Geschichtsverleugnung im Kontext mit „EUDEX”, „Security” und JAPCC-Konferenz blendet die Rolle Essens und der Rhein-Ruhr-Region in den zurückliegenden großen Kriegen in Europa aus, als Essen vor allem wegen der Krupp-Fabriken „Kanonenstadt“ oder auch „Waffenschmiede des Reiches“ genannt wurde. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war Essen eine Ruinenlandschaft aus Schutt und Asche mit unzähligen Toten infolge der 242 Luftangriffe von 1939 bis 1945.
Der Luftkrieg hat inzwischen die Dominanz der Kriegsstrategien übernommen; die Strategiekonferenz der NATO-Luftwaffe während der Messetage befasste sich mit dem Thema „Air Power at the Edge: Securing NATO’s New Frontier” – also mit der Kriegsführung unmittelbar an der russischen Westgrenze. Damit zeigt sich, dass die Strategen den Untergang der Zivilisation in Kauf nehmen. Ein Krieg mit der größten Atommacht der Gegenwart ist ein existenzielles Risiko für die Zivilisation.
In seiner Bilanz der Ereignisse sprach der Geschäftsführer der Rüstungsschmiede Heckler & Koch, eines der zehn größten Rüstungskonzerne Deutschlands, Essen habe „in Deutschland früh den Lead übernommen“, wie es im Abschlussbericht der Messe Essen heißt, der von einer erfolgreichen Premiere des vernetzten Veranstaltungspakets spricht: Zwei Messen unter den Titeln „Eurodefenceexpo” und „Security” mit circa „900 Ausstellern aus 49 Nationen und 30.000 Fachbesuchern aus 96 Ländern“ kamen in Austausch mit über 400 Militärvertretern auf der NATO-Luftwaffen-Konferenz, die zeitlich parallel und direkt neben der Messe Essen in der für Großveranstaltungen ausgelegten Grugahalle in Anbindung an die Messen stattfand.
Der automatisierte Krieg
Im Abschlussbericht der Messe Essen heißt es:
„Besonders sichtbar wurde die inhaltliche Schnittmenge beim Thema Drohnen: Auf der EUDEX waren ferngesteuerte Systeme für Aufklärung, Versorgung und weitere militärische Anwendungen zu sehen. Ein Aussteller stellte erstmals seine neue Langstreckendrohne für Aufklärungszwecke mit einer Flugzeit von bis zu acht Stunden vor. Auf der „Security Essen” zeigten Unternehmen unter anderem Lösungen für Überwachung, …“
Die Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik veröffentlichte vor einem Jahr ein Grundsatzpapier, das hier sicher einen Bezugsrahmen darstellt: Es listete „Erkenntnisse für die anstehende Erarbeitung einer NATO-Nuklearstrategie“ auf: „Erstens muss sich diese Strategie vor allem gegen Russland richten …“, Nuklearschläge dürften nicht über „unbewohntem Gebiet erfolgen“, und das durchaus auch mit dem „nach wie vor gültigen Konzept des ‚First Use‘ …“
Neue alte Art zu leben
Als Legitimationsrahmen für die drei miteinander vernetzten Veranstaltungen diente das sogenannte veränderte Sicherheitsumfeld durch die Invasion Russlands in die Ostukraine.
Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Grüne Mona Neubaur formulierte es bei der Eröffnung der Ereignis-Serie so: „Die EUDEX steht für unsere neue Art, zu leben.“ Zur neuen Realität gehöre es notwendigerweise, verteidigungsfähig zu sein.
Trotz geheimdienstlicher Erkenntnisse des Nationalen Sicherheitsrats der USA, denen zufolge keine Informationen ein solches Szenario erwarten lassen, wiederholten die Akteure auch in Essen das Mantra der militärischen Sicherheit durch Abschreckung Russlands.
Mona Neubaur, die auch NRW-Wirtschaftsministerin ist, erklärte auf der Eröffnungspressekonferenz genauer, was sie mit der neuen Art, zu leben, meint:
„Die EUDEX verkörpert eine neue europäische Denkweise: den klaren Anspruch, die technologische Souveränität zu stärken, die industrielle Basis auszubauen und die europäische Sicherheitsarchitektur zu modernisieren. Sie zeigt, wie schnell die Nachfrage nach fortschrittlichen Sicherheits- und Verteidigungslösungen wächst … Diese Mischung macht NRW zu einem idealen Standort für Unternehmen, die an der Schnittstelle von Digitalisierung, Sicherheit, Mobilität, Energie und Verteidigung tätig sind.“
Tradition der Kriege
Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen weitete diesen Blick dadurch, dass er die Kombination aus Messen und Strategietagung in einen historischen Bezug stellte, der von Geschichtsvergessenheit geprägt ist: In seinem Grußwort an die Akteure nahm er Bezug zur „reichhaltigen industriellen Tradition Essens“ und betonte, die „industrielle DNA bleibe Unternehmergeist, technologische Expertise und Willenskraft …“ (CPM-Magazin EURODEFENCEEXPO SHOW DAILY Day 3, 24. September 2026, S. 6)
Acht Jahrzehnte nach der Pariser Friedenskonferenz zur Neugestaltung Europas nach dem Sieg über den Faschismus übergeht Essens Oberbürgermeister in seinem Grußwort die Gewaltspuren der Kriege, wenn er dieTradition reichhaltig nennt.
Bilanz der Strategietagung – Gefahr des Endes der Menschheit aus Versehen
Im Magazin 141 der Strategieschmiede JAPCC lesen wir, worum es bei den neuen Grenzen ging, die die NATO sicherstellen will: Zuallererst geht es um den Einsatz der Luftwaffe in Osteuropa, wo durch die Aufnahme vieler Staaten eine neue Grenze im Vorhof des NATO-Gegners Russland entstanden ist. Aber auch das Rote Meer ist im Visier, seit der Angriffskrieg der USA zur Blockade der freien Schifffahrt führte. Planungen zum Einsatz der Luftwaffe reichen auch zu dieser neuen Grenze.
Eine andere neue Grenze sehen die Militärs in der Arktis, wo durch die Erderwärmung neue Möglichkeiten für die Schifffahrt entstehen. Mit dem Indopazifik als weiteste östliche Grenze umfasst das NATO-Gebiet fast den ganzen Planeten. Was mit dem Nordatlantik-Pakt begann, ist inzwischen global. Hinzu kommt die vertikale Grenze, sie reicht ins All, vor allem in den die Erde umspannenden Orbit, von dem aus sich der Krieg des 21. Jahrhunderts noch auf ganz innovative Weise führen lässt. Die Strategen schreiben:
„Über Geografie und das Orbit hinaus haben wir uns auch mit digitalen Grenzen zu befassen. Zukünftige Konflikte werden eine robuste Datenverarbeitung an der taktischen Front erfordern, anstatt sich auf zentralisierte Leitzentralen zu verlassen. (…)
Eine beschleunigte Einführung künstlicher Intelligenz in die Luft- und Raketenabwehr der NATO ist alternativlos. Der Einsatz von weit reichenden Unmanned Air-Systems, … und vom gegnerischen Radar schwer erfassbarer Langstreckenwaffen verkürzt Reaktionszeiten für die integrierten Luft-Verteidigungs-Systeme (IAMD-Systeme), unabhängig davon, welche Entscheidungen die Bündnispartner hinsichtlich der Einführung treffen.“
Bezüglich der kognitiven Grenzen kommen die Militärs zur Aussage, dass „sich das Tempo der Kampfhandlungen beschleunigt“ – somit „werden Entscheidungen in Maschinen-Geschwindigkeit getroffen und das Personal wird mit einem größeren Druck konfrontiert sein“. Auf diese neuen Herausforderungen stimmt die Strategieschmiede die Soldaten auf allen Ebenen der Hierarchie ein.
Mit dieser Beschleunigung der Abläufe und damit des Entscheidungsdrucks sind Fehlreaktionen vorprogrammiert. Die Technikentwicklung erzwingt insofern einen Ausstieg aus der Militarisierung, da andernfalls das Schicksal der Menschheit am seidenen Faden hängt, da Befehlshaber in Augenblicken, in denen sie keine Zeit haben, Entscheidungen treffen müssen, die über Sein oder Nichtsein der Menschheit entscheiden können. (Übersetzungen: B.T.)
Im Anschluss an das Essener Auftreten der High-Tech-Kriegsstrategen aus Militär, Politik und Industrie folgte wenige Tage später am Stationierungsort der JAPCC-Strategieschmiede in Kalkar eine Weltraumrüstungsmesse.
Auch das fand in einem langfristigen Plan der Kriegsvorbereitung für das 21. Jahrhundert statt: Das Handelsblatt berichtete am 8. Juli 2026 über die Weltraumpläne der Bundeswehr, für die innerhalb der Jahre bis 2030 „mindestens 35 Milliarden Euro“ vorgesehen seien. Beteiligt sind einige der Konzerne, die auch in Essen auftraten, darunter natürlich Rheinmetall, das vor der Eröffnung eines Werkes bei Düsseldorf steht, in dem ein Satellit pro Woche gefertigt werden soll. Zulieferer werden Start-ups für Sensor-, Software- und Plattform-Innovationen.
Gleichzeitig entsteht bei Wismar unter der Regie der Thyssenkrupp-Tochter TKMS eine „Fertigungslinie für U-Boote, Fregatten und Spezialschiffe“. Die Anwerbung von Arbeitskräften führt dazu, dass aus allen Parteien außer von Linken und BSW Unterstützung für diese Planungen kommt.
Der technologische Druck, fehlende Diplomatie und die hohe Abhängigkeit von digitalen und Weltraumsystemen beschränken die Möglichkeit, in Spannungssituationen auf Missverständnisse und Fehlalarme reflektiert zu reagieren. Der militärisch-industrielle Komplex steigert somit die Wahrscheinlichkeit eines Weltkrieges aus Versehen.
Abrüstung und Kooperation statt Konfrontation und Eskalation
Schlussfolgerung: Es gibt nur mit Abrüstung, Diplomatie und Verhandlungen über die Bewahrung der Lebensgrundlagen eine Aussicht auf Zukunft für die Menschheit. Die Essener Friedenskonferenz aus Anlass des EUDEX-JAPCC-Security-Pakets verabschiedete in diesem Sinn eine Essener Erklärung zum Stopp der Militarisierung.
Die nächste Essener NATO-Luftwaffen-Strategie-Konferenz ist für den 21. bis zum 23. September 2027 geplant. Die nächste „Security” Essen und die nächste „EUDEX” kündigt die Messe Essen für die Tage vom 19. bis 22. September 2028 an.
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