Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um unsere „unverbrüchliche Solidarität“ mit dem von Russland angegriffenen Land. Von Leo Ensel.
anpacken und mithelfen
„Wir brauchen jeden, der anpacken kann, mithelfen kann bis hin zum Militärdienst in der Ukraine.“ Kanzler Merz wollte damit sagen: „Wir – Präsident Selenskyj und ich, nein: der gesamte kollektive Westen – dulden es nicht mehr, dass aus der Ukraine ‚zu einem beachtlichen Teil junge Männer im Alter zwischen 18 und 24‘ nach Deutschland kommen, weil der Wehrdienst in der Ukraine erst mit 25 beginnt. Wir werden ab sofort anpacken und mithelfen, diese vaterlandslosen Verräter dorthin zu deportieren, wo sie hingehören: an die Front!“ (vgl. „personelle Grenze“)
Busifizierung
Zur Abwechselung mal kein Lügenwort! Es beschreibt absolut korrekt die Menschenjagd auf offener Straße in dem berühmten, von Russland angegriffenen Land: Das Kidnapping und anschließende Verfrachten in Busse von kriegsunwilligen – oder -unfähigen – Männern aller Alters- und Gesundheitsstufen im Dienste der ukrainischen Armee. Postsowjetisches Planziel: 30.000 frische Männer pro Monat fordert der menschenfressende Moloch! (Kleine Einschränkung: Sollten die „Busifizierten“ zufälligerweise gerade 50.000 bis 70.000 US-Dollar dabei haben, werden Sie von den Jägern auch gerne direkt ins – sichere? – Ausland eskortiert.) (vgl. „anpacken und mithelfen“)
europäische Front
„Es sind die Ukrainer, die die europäische Front halten“, deklarierte Wolodymyr Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 und verwies auf die hohen Opfer, die das Land gebracht habe. Hinter der Ukraine stünden „ein unabhängiges Polen, die freien baltischen Staaten, Moldau, Rumänien – ohne Diktatoren“. (Die alle ein süßes Leben führen, dank hunderttausender toter ukrainischer Helden.) – Und damit bereitete Selenskyj en passant schon mal die fällige Dolchstoßlegende für die kommende ukrainische Niederlage vor. Es ist der slawische Klassiker: Ob Russland im 13. Jahrhundert in seinem Abwehrkampf gegen die Mongolen, ob Serbien 1389 in der (verlorenen) Schlacht am Amselfeld gegen die Osmanen, ob einige Jahrhunderte später Polen als „Christus unter den Völkern“ oder nun die Ukraine „in ihrem Abwehrkampf gegen die angreifende russische Diktatur“ – stets waren (und sind) es die slawischen Völker, die das christliche Abendland (oder dessen Werte) gegen die aus den endlosen Steppen des unzivilisierten Ostens vorrückenden barbarischen Horden gerettet haben. Und – der entscheidende Kern des Mythos – Europa hat es ihnen nie gedankt! – Eine Legende, die sich lohnen wird: Sie wird nicht nur die ukrainische Schuld kaschieren – immerhin führte Kiew bis zur russischen „Vollinvasion“ im Februar 2022 fast acht Jahre lang Krieg gegen die eigene Bevölkerung im Donbass, um die 14.000 Menschen kamen ums Leben –, sie wird das ideale Erpressungsmittel sein, um das westliche schlechte Gewissen ad infinitum zu melken. Nun, so wird man lärmen, muss der Westen für das von ihm angerichtete Desaster wenigstens kräftig zahlen! In Gestalt (EU hin) des teuren Wiederaufbaus der Restukraine und (NATO her) von noch teureren endlosen Waffenlieferungen und „Sicherheitsgarantien“ für den ewigen europäischen Frontstaat. (vgl. „östliche Horde“)
gewinnen
Wird diese „militärische Auseinandersetzung“ vor unserer Haustür natürlich – die Ukraine! Das wusste bereits am 22. August Außenminister Wadephul.
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
Der Senat sei nicht zu der Überzeugung gekommen, dass dem Kläger „mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit“ drohe, gegen seinen Willen als „Vertragssoldat“ verpflichtet zu werden und ernsthaften Schaden zu erleiden, befand im Mai das Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin-Brandenburg. Als Wehrdienstleistender [der weder töten noch sterben will] drohe dem jungen Russen nicht per se, in der Ukraine eingesetzt zu werden. Zudem: Während des einen Jahres Grundwehrdienst bestehe keine Gefahr der Folter, der unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung oder der Bestrafung. (Brave new Russian Army!) Weshalb wehrpflichtige Russen, die in den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine geschickt werden könnten, nun problemlos aus der deutschen Freiheit in Putins Reich abgeschoben werden können. (Parallel zu ihren kampfesunwilligen ukrainischen Kameraden, die hier in Restaurants oder Schwimmbädern einen auf Dolce Vita machen.) (vgl. „anpacken und mithelfen“, „personelle Grenze“, „zurückholen“)
mit Gottes Hilfe
Und zusammen mit der „heiligen Mutter der Helden“ wird uns alle der ukrainische Faschist Dmytro Jarosch vor der „östlichen Horde“ beschützen.
personelle Grenze
„Die Rechnung im Ukraine-Krieg geht nur noch knapp auf – vielleicht zu knapp: 27.000 gefallene und verwundete ukrainische Soldaten pro Monat. Mindestens 30.000 neue Rekruten braucht es, um die Front zu halten.“ Da kommt die Ukraine mittlerweile an ihre „personelle Grenze“! So die Plattform Telepolis am 18. September, den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk zitierend. – Eine seit zweieinhalb Jahren bewährte polnisch-litauische Unterstützungsmaßnahme: „Tod statt Restaurant“! (Schließlich, so der frühere ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba, sei es inakzeptabel, dass ukrainische Männer außerhalb des Landes „in Restaurants sitzen“, während andere sterben.) Konsequenz: „Polen und Litauen haben angeboten, den Behörden der Ukraine zu helfen, ukrainischer Männer, die in ihrem Einflussbereich leben, habhaft zu werden. Das Ziel sei, diese Männer der Armee zuzuführen.“ Schließlich seien – Skandal!! – viele Ukrainer im wehrfähigen Alter aus dem Land geflohen, um nicht an die Front zu müssen. (Angenehmer Kollateralnutzen für unseren hilfsbereiten Nachbarn im Osten: Damit wird auch die zunehmende „Ukraine-Müdigkeit“ in der polnischen Gesellschaft etwas gelindert.) (vgl. „anpacken und mithelfen“, „Busifizierung“)
personeller Verschleiß
Feinfühlige verbale Differenzierung bei Telepolis: Die Ukraine kommt an ihre „personelle Grenze“, Russland dagegen muss seinen „personellen Verschleiß“ ausgleichen.
Putins Binnenmeer
Ist neuerdings laut Berliner Zeitung das Asowsche Meer.
Sicherheitsexport
Sicherheit – will sagen: Söldner mit Kampferfahrung – will die Ukraine, laut Präsident Selenskyj, nach dem baldigen Sieg des von Russland angegriffenen Landes in alle Welt exportieren. Eine „echte Geschäftsmöglichkeit“, fürwahr!
Siegesplan (Victory Plan)
Der Ukraine, natürlich! Mit einem solchen ging im Herbst 2024 Wolodymyr Selenskyj wochenlang bei seinen westlichen Alliierten hausieren. (An der Umsetzung wird immer noch gearbeitet.)
Tiefenangriffskampagne
„Auch die eigene Tiefenangriffskampagne der Ukraine gegen russische Erdölraffinerien wurde fortgesetzt.“ Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj eine „sehr bedeutende Errungenschaft“! (vgl. „gutes Resultat“)
Ukraine-Müdigkeit
Hilfsbereitschafts-Defaitismus unseres Nachbarn jenseits der Oder.
ungedeckter Verteidigungsbedarf
Wurde kürzlich mal wieder in der Ukraine gesichtet. Diesmal sind es 27 Milliarden fehlende Dollar. (Während die EU derzeit noch in Tranchen ihren auf zwei Jahre angelegten Kredit über 90 Milliarden Euro auszahlt.) „Die Mittel werden in diesem Herbst gebraucht“, mahnte Verteidigungsminister Jewhen Chmara. Frohe Botschaft: Das unsere Freiheit gegen Russland verteidigende Land will von den 27 erstmal nur 20 Milliarden von seinen westlichen Partnern! (Den Rest stemmen die tapferen Ukrainer irgendwie selbst.) – Derweil drängt Finanzminister Serhij Martschenko schon mal auf einen Zugriff auf die mehr als 200 Milliarden Euro an eingefrorenen russischen Zentralbankgeldern in der EU: „Unsere Freunde, die europäischen Politiker, müssen mutig genug sein, kühne Schritte zu unternehmen.“ (Für das kommende Jahr bezifferte Martschenko den Hilfsbedarf gegenüber Gebern in Brüssel auf 52,6 Milliarden Dollar, von denen rund 32,6 Milliarden noch nicht gedeckt seien.)
Winterpaket
„Sollte sich der Krieg bis zum Winter ziehen, und danach sieht es aktuell [wie jedes Jahr] aus, brauchen wir ein ‚Winterpaket‘!“ So Wolodymyr Selenskyjs jüngste Forderung Anfang September an den Westen. Da alle Akteure zur preiswertesten Lösung – sämtliche Kampfhandlungen umgehend zu stoppen – derzeit nicht bereit sind, empfehlen wir ein „Winterhilfswerk 2.0“!
wir Europäer
Man sollte nicht „den Dingen Vorschub leisten, vor denen wir Europäer uns eigentlich schützen sollten: vor Autokratie, vor Ausländerhass, vor der Billigung von Kriegsverbrechen, vor Aggression“. Warnte neulich Oleksii Makeiev, seines Zeichens ukrainischer Botschafter in Deutschland. (Und fasste sich dabei vermutlich an die eigene Nase.) – „Wir Europäer“. Man beachte den engen Schulterschluss! Dass es sich bei dem Feind des „angegriffenen Landes“ definitiv um „keine Europäer“ handelt, wissen wir ja spätestens seit Florence Gaub! (vgl. „Erwachsene im Raum“, „solche Persönlichkeiten“)
zurückholen
Die deutsche Regierung könne Kiew helfen, ukrainische Männer im wehrfähigen Alter aus Deutschland zurückzuholen, versprach kürzlich in einem BILD-Interview Außenminister Wadephul: „Wir wissen ja, wer hier lebt. Wer zum Beispiel die Sozialleistungen bezieht oder wer hier angemeldet ist, wer einen Aufenthaltsstatus hat.“ Anhand dieser Daten könnten diese Männer „von der ukrainischen Regierung angeschrieben werden, dass sie herangezogen werden sollen. Ich finde, dass man das thematisieren kann und dass man es auch thematisieren muss.“ Wichtig: Die Rückkehr in die Ukraine solle jedoch „ohne Zwang“ erfolgen. (Keine peinliche „Busifizierung“ also – da seien unsere Werte vor!) (vgl. „anpacken und mithelfen“, „mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit“, „personelle Grenze“)
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.






