Die taz distanziert sich von sich selbst

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Wie weit das Druckpotential von Bertelsmann auch auf die Medien offenbar schon gehen muss oder die Schere im Kopf schon wirkt (was noch wahrscheinlicher ist), zeigt ein ziemlich einmaliger Vorgang. Die taz distanziert sich mittels eines Leserbriefes und einer Redaktionsnotiz von einer Besprechung des Buches von Thomas Leif „Beraten und Verkauft“ durch den Journalisten Holland-Letz, der einige bertelsmannkritische Akzente enthielt.
Siehe Hinweis Nr. 7 in den NachDenkSeiten und die Distanzierung der taz.
Meines Erachtens geht der Streit allerdings am Kern der notwendigen Frage an Thomas Leif vorbei.

Der unter der Überschrift

Absurde Thesen
betr.: “Fallstrick Recherche”, taz vom 4. 8. 06

abgedruckte Leserbrief beginnt mit folgendem Satz:

In dem Beitrag auf der Medienseite unterstellt der Autor Matthias Holland-Letz dem Vorsitzenden der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche, Thomas Leif, er habe in seinem Buch über Lobbyismus auf eine kritische Analyse der Bertelsmann-Stiftung verzichtet, weil er selbst mit dieser Stiftung zusammenarbeite.

Warum der Vorsitzende des Netzwerk Recherche die Bertelsmann Stiftung nicht ins Visier genommen hat, ist aus meiner Sicht zweitrangig. Die Kernfrage lautet: Kann man heute einen längeren Text über Beratung in Deutschland schreiben, ohne auf Bertelsmann einzugehen? Meines Erachtens nein. Denn Bertelsmann berät und steuert die Politik in Deutschland inzwischen auf allen Ebenen und zu den wichtigsten Themen unseres Lebens. Kombiniert mit der medialen Macht des Konzerns ist die beratende Macht von Stiftung und Konzern zu einer wirklichen Bedrohung der demokratischen Willensbildung geworden. Bertelsmann untergräbt das Funktionieren der parlamentarischen Demokratie und ist inzwischen eine anti-demokratische Einrichtung geworden. Die Beschreibung dieser Gefahr gehört in ein Buch mit dem Titel „Beraten und Verkauft“. Niemand sonst berät und „verkauft“ uns so sehr. Weder McKinsey noch Roland Berger. Gemessen an Bertelsmann sind diese Beratungsunternehmen geradezu harmlos.
Wer diese anti-demokratische Gefahr sieht, wird mit Bertelsmann übrigens auch nicht zusammenarbeiten. Dass Leif und sein Netzwerk Recherche, dass SPD- wie Unions-regierte Länder, dass die Hans-Böckler-Stiftung wie unzählige Professoren und Universitäten dies anders sehen, zeigt einerseits, wie mächtig und geschickt Bertelsmann ist, und andererseits, wie unsensibel wichtige Personen und Einrichtungen sind, wenn es „nur“ um Demokratie geht.

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