Erich-Fromm-Preis für Eugen Drewermann und Konstantin Wecker

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In seiner Laudatio begründete Norbert Copray, von der Frankfurter Fairness-Stiftung, die diesjährige Vergabe des Preises mit dem furchtlosen Auftreten der Preisträger gegen Antisemitismus und Fremdenhass und ihrem Einsatz für eine humane Zukunft der Menschheit und gegen eine Praxis, die den Menschen nur noch als Ware, Kostenfaktor und Konsument sieht. Die Erich-Fromm-Stiftung ehrte mit der Auszeichnung zwei Persönlichkeiten für ihre Verdienste um einen Aufrechten Gang für Humanität, Mitgefühl, Mitverantwortung und Courage im Sinne des radikalen Humanismus Erich Fromms. Ein Bericht von Christine Wicht.

Erich-Fromm-Preis für Eugen Drewermann und Konstantin Wecker

von Christine Wicht

Am 29. März wurden der Kirchenkritiker Eugen Drewermann und der Liedermacher Konstantin Wecker in Stuttgart den mit 10.000 Euro dotierten Erich-Fromm-Preis geehrt. Die Erich-Fromm-Gesellschaft vergibt jedes Jahr diesen Preis an Menschen, die mit ihrem wissenschaftlichen, sozialen, gesellschaftspolitischen und journalistischen Engagement Hervorragendes für den Erhalt oder die Wiedergewinnung humanistischen Denkens und Handelns im Sinne Erich Fromms geleistet haben.

In seiner Laudatio begründete Norbert Copray, von der Frankfurter Fairness-Stiftung, die diesjährige Vergabe des Preises mit dem furchtlosen Auftreten der Preisträger gegen Antisemitismus und Fremdenhass und ihrem Einsatz für eine humane Zukunft der Menschheit und gegen eine Praxis, die den Menschen nur noch als Ware, Kostenfaktor und Konsument sieht. Die Erich-Fromm-Stiftung ehrte mit der Auszeichnung zwei Persönlichkeiten für ihre Verdienste um einen Aufrechten Gang für Humanität, Mitgefühl, Mitverantwortung und Courage im Sinne des radikalen Humanismus Erich Fromms.

Norbert Copray führt das Publikum in seiner Rede zurück in das Jahr 1968. Erich Fromm veröffentlichte 1968 seine visionären Vorstellungen einer Gesellschaft – die Vision einer dehumanisierten Gesellschaft im Jahr 2000 unter dem Titel „Die Revolution der Hoffnung“.

Copray zitiert aus dieser Schrift: “Wenn die Menschen wüssten, welchen Weg die amerikanische Gesellschaft vermutlich einschlagen wird, wären viele, wenn nicht die meisten, so entsetzt darüber, dass sie wohl geeignete Vorkehrungen treffen würden, den Kurs zu ändern. Wenn sie sich dagegen nicht darüber klar sind, in welcher Richtung sie sich bewegen, dann werden sie erst erwachen, wenn es bereits zu spät ist und wenn ihr Schicksal unwiderruflich besiegelt ist. (…) Sie sehen nicht, dass das Jahr 2000 nicht die Erfüllung und der beglückende Höhepunkt einer Epoche sein könnte, in welcher der Mensch um seine Freiheit und sein Glück kämpfte, sondern der Beginn einer Epoche, in welcher der Mensch aufhört menschlich zu sein und sich in eine denkunfähige und gefühllose Maschine verwandelte”. (E. Fromm 1968a, GA IV, S. 280 f).

Eugen Drewermann und Konstantin Wecker seien „Brüder im Geiste“, sie vereine Wut und Traurigkeit über das, was Menschen Menschen an Leid antun, über die Dehumanisierung von Gesellschaft und Menschen durch eine entfesselte Technik, Wirtschaft und Kriegsmaschinerie, der offenbar keiner der Machthaber wirklich Einhalt gebieten wolle. In Anlehnung von Wolfgang Borcherts „Dann gibt es nur eins – sag nein“ zitierte Copray Passagen aus dem Lied von Konstantin Wecker: „Sage nein!“:

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Mit bewährten Kriegsparolen
Scheinheilig zum Höchsten beten
Und das Recht mit Füßen treten
Wenn sie dann in lauten Tönen
Einzig ihrer Machtgier frönen
Denn am kriegerischen Wesen
Muss nun mal die Welt genesen
Dann steh auf und misch dich ein
Sage nein
Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
Die Geschichte wieder richtig
Und behauptet nur mit Kriegen
Ließe sich die Welt befrieden
Diese fleischgewordne Lüge
Ach man kennt es zur Genüge
Mach dich stark und misch dich ein
Zeig es diesem dummen Schwein
Sage Nein

Copray zitierte aus dem Tagebuch von Konstantin Wecker den Kabarettisten Gerhard Polt: „Diese Pazifisten haben doch noch nie einen Krieg verhindert. Oder können Sie mir einen Krieg nennen, den die verhindert haben?“

Die Irak-Reise von Konstantin Wecker Anfang 2003 war eine symbolische Handlung gegen den Angriff der Aggressoren. Er wollte sich ein eigenes Bild von der Situation verschaffen und vor allem mit Menschen im Land reden. Der Schriftsteller Helmut Krausser übte heftige Kritik an der Irak-Reise und nannte den Liedermacher einen Friedensverbrecher. Copray griff die eigenwillige Wortkreation „Friedensverbrecher“ in seiner Rede wieder auf und hob hervor, dass der Künstler nicht aus Naivität das Kriegsgebiet bereiste, sondern aus Überzeugung, dass dieser Krieg der irakischen Gesellschaft die Demokratie nicht näher bringen werde.

Konstantin Wecker begleitete den Abend musikalisch und beklagte die Reformpolitik Deutschlands und die damit einhergehende destruktive Auswirkung auf den Sozialstaat und auch das Wort „Reformen“ könne er schon nicht mehr hören. Vor vierzig Jahren sei er angetreten um die Welt zu verändern. Sie sei zwar verändert worden, aber eindeutig nicht durch ihn. Konstantin Wecker vertritt trotz der ständig zu überwindenden Hürden auf dem Weg seiner politischen Arbeit die Ansicht „Es geht um’s Tun und nicht um’s Siegen.

Eugen Drewermann, engagierter Theologe, Philosoph und Psychologe, mischt sich ein in die Politik, prangert Umweltzerstörung und Tierquälerei an, kritisiert die katholische Amtskirche, wirft ihr Angstverwaltung, Dogmatismus und die Ausblendung wissenschaftlicher Erkenntnis vor. Er setzt sich ein für den Frieden in der Welt, für eine humane Gesellschaft, gegen Antisemitismus und Fremdenhass. Zur Preisverleihung hielt Drewermann eine bewegende Ansprache über Krieg, Menschenrechtsverletzungen und Kapitalismus. Der kritische Theologe nannte die Gewinnmaximierung als Haupttriebkraft des Kapitalismus. Eine „verlogene Humanität” nannte Drewermann die Forderung der USA nach einer Entwaffnung des Iraks, da die USA selbst die größte Gefahr darstellten.
Drewermann monierte in seiner Rede den Mangel an kritischer Berichterstattung in den Medien über Kriege und ihre Folgen. Viele Journalisten würden gefällige Texte schreiben, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. In seiner Fromm-Lecture zum Thema „Schwerter zu Pflugscharen … – es duldet keinen Aufschub mehr“ kritisierte Drewermann die weltweite Aufrüstung und die Ausbildung von Soldaten, und betonte, dass dies keine Sicherheitspolitik sei. „Mit Drill zum Gehorsam und Schikane werde Soldaten überall das Denken abgewöhnt“, sagte der Theologe.

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