Dass die Mehrheit linken Positionen zustimmt, kann aus Vernunft nicht folgen – so die gängige Leere. Auch in der „Zeit“.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Einer unserer Leser, durch Ausbildung und Beruf kompetent in der Einschätzung sozialwissenschaftlicher Arbeit, schickte uns eine Bewertung der viel Aufmerksamkeit erregenden Zeit-Publikation über die linken Mehrheiten im Meinungsbild der Befragten. Wir übernehmen die Analyse als Kommentar zu diesem Zeit-Bericht über die Umfrage – einschließlich des freundlichen Lobs zu Beginn der Mail. Albrecht Müller.

Liebes Team von den Nachdenkseiten,

seit längerem bin ich dankbarer Nutzer Ihres Internetangebots, das für mich eine der ganz wenigen UNABHÄNGIGEN und denkerisch eigenständigen Informationsquellen unserer degenerierten Medienlandschaft darstellt.

Heute wende ich mich einmal an Sie, um Sie auf eine Zeit-Publikation hinzuweisen.

Da wird also ein über das gesamte Spektrum hinwegreichender Linksruck diagnostiziert im Sinne von: “Egal welcher Partei die Befragten nahe stehen, (fast) immer stimmen sie klassisch linken Positionen mit überwältigender Mehrheit zu”.
Das ist ja zunächst erst einmal in der baren empirischen Faktizität ein Ergebnis wie Donnerhall und der Zeit natürlich eine Schlagzeile wert. Immerhin, es ist ja schon löblich, dass dieses Ergebnis so überhaupt verkündet wird.

Nur: In der Analyse, bzw. daran, dass der Versuch einer ernsthaften Analyse schon im Ansatz scheitert, zeigt sich ein peinliches journalistisches Versagen, das man so von der Zeit nicht erwarten mochte. Wenn es wenigstens einen Kommentar oder auch nur eine Glosse gäbe, um diese Scharte zumindest teilweise auszuwetzen …
Den Zeit-Leuten fällt nichts anderes zu diesen drastischen Umfrageergebnissen ein, als der ganze schon endlos vorgekaute Brei von Unsinn im Stil von “Linke von heute sind weltfremde Ewiggestrige, die sich in die gute, alte Zeit der 70er Jahre zurücksehnen” oder “dieser Linksruck ist das Zeichen einer tiefen Verwirrung und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft” und so weiter … mit anderen Worten: Die große Mehrheit in der Bevölkerung, die den ganzen Reformlügenwahnsinn nicht mitträgt, sei einfach zu doof, um die alleinseligmachende Wahrheit des Neoliberalismus zu kapieren. Diese bei unseren gesellschaftlichen “Eliten” (also auch vielen Journalisten) so verbreitete Attitüde haben Sie ja dankenswerter Weise auch schon gebührend aufgespießt.

Es ist zum Verzweifeln!

Die Analyse kann schließlich doch nur lauten:
Das Umfrageergebnis zeigt eine deutsche Gesellschaft, in der über den grundlegenden politischen Kurs, der für das GEMEINWOHL nötig wäre, erstaunlich große Einigkeit herrscht – und die Politik schert sich einen Dreck darum! Eigentlich wollte ich den überstrapazierten Namen Lafontaine hier außen vor lassen, aber ich komme einfach nicht umhin, ihm in diesem Zusammenhang ausdrücklich in seiner Aussage zuzustimmen, dass seit Jahren in diesem Land die politischen Apparate konsequent Entscheidungen gegen den breiten gesellschaftlichen Konsens, gegen die große Mehrheit der Bevölkerung, nicht zuletzt gegen ihre eigene Basis, treffen.
Wie lange wollen wir schlaffen und trägen Deutschen uns das eigentlich noch bieten lassen?!
In Frankreich hätte der Protest auf den Straßen unsere Regierungen der letzten Jahre schon zehn Mal hinweggefegt …

Als Soziologe muss ich hier ganz klar sagen: Die deutsche Demokratie steckt, wie nicht nur die Zeit-Umfrage zeigt, tief in einer Systemkrise, die in der Herausbildung eines politischen Apparates gipfelt, der seit Jahren unter vollkommener Gesellschaftsferne politische (Fehl-)Entscheidungen trifft, die nicht mehr primär dem Gemeinwohl, sondern vorrangig den Interessen des globalisierten Großkapitals dienen.
Verantwortlich hierfür ist vor allem die den gesellschaftlich-medialen Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr entsprechende Ausgestaltung der Parteiendemokratie, die in Wahrheit zu einer Herrschaft der “Netzwerke” (besser: Seilschaften), der Hinterzimmerrunden und vor allem der Lobbys degeneriert ist. Dem entsprechen die defizienten Rekrutierungs- und Elitenbildungsprozesse, also die dysfunktionalen Selektionsmechanismen in den Parteien, die zuverlässig dafür sorgen, dass integre und unabhängige Personen in der Politik keine Chance haben, in Entscheiderpositionen zu gelangen. Diese stehen nur denjenigen offen, die dem Teufel ihre Großmutter verkaufen würden und ihr Gewissen im Tausch gegen das Parteibuch abgegeben haben.
So ist aber kein Staat zu machen!

Der Verhöhnung des erklärten politischen Willens der großen Mehrheit der Bevölkerung seitens der durch und durch mental wie moralisch korrumpierten Politik ist kein Ende.

Ändern kann man wahrscheinlich nichts daran, aber wenigstens laut und deutlich sagen muss man es.

Freundliche Grüße und ein dankbares “weiter so”
FB

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