James Dean und der Poker um Griechenland

Jens Berger
Ein Artikel von:

In den Verhandlungen zwischen Griechenland und der „Brüsseler Gruppe“ bleiben die beiden Kontrahenten auf ihrem Kollisionskurs. Wenn sich die Finanzminister der Eurozone am Donnerstag treffen, könnte es zum Frontalzusammenstoß kommen. Man kann zwar davon ausgehen, dass beide Seiten darauf aus sind, dies zu vermeiden – eine Prognose, wie die jüngste Zuspitzung der Krise ausgehen wird, ist jedoch nahezu unmöglich. Die Verhandlungsstrategie beider Seiten wird nämlich offensichtlich von der Spieltheorie bestimmt. Die Troika und Griechenland spielen das Chicken Game (auf deutsch: „Feiglingsspiel“) und sind mittlerweile in ihren eigenen spieltheoretischen Strategien derart gefangen, dass eine Katastrophe keineswegs mehr auszuschließen ist. Oder ist das genau die Strategie, mit der beide Seiten das Spiel gewinnen wollen? Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wenn Sie jemals den Filmklassiker „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (orig.: „Rebel Without a Cause“ gesehen haben sollten, können Sie sich sicherlich an die wohl berühmteste Szene des Films erinnern: James Dean und sein Kontrahent rasen in gestohlenen Autos auf den Rand einer Klippe zu. Wer zuerst aus dem Wagen springt, ist bei dieser Mutprobe der Feigling. Im Film gewinnt James Dean, weil sein Kontrahent mit dem Jackenärmel am Türgriff hängen bleibt und so in den Tod stürzt. Die Mutprobe hat er damit jedoch verloren. Was in Nicolas Rays Film von 1955 in den Kinos gezeigt wurde, ist eine Variante der Spieltheorie, die wenige Jahre zuvor zunächst die Wissenschaft eroberte und während des Kalten Krieges zur nuklearen Globalstrategie der beiden Supermächte werden sollte.

Beim klassischen „Chicken Game“ fahren die beiden Autos nicht auf eine Klippe sondern aufeinander zu. Wer zuerst den Kollisionskurs verlässt, hat verloren. Lenken beide Seiten nicht ein, kommt es zum Frontalzusammenstoß, bei dem beide Seiten verlieren. Es gibt sogar mathematische Formeln, wie beispielsweise das „Nash-Gleichgewicht“, die den Spielern (Fahrern) den idealen Punkt nennen sollen, an dem sie das Lenkrad herumreißen sollten. Diese Modelle haben jedoch ihre Grenzen. Immer wenn in der großen Politik das „Chicken Game“ gespielt wird, geht es vor allem um Psychologie. Die wichtigste Währung in diesem Spiel ist dabei die Glaubwürdigkeit. Als sich Amerikaner und Russen während der Kubakrise gegenüberstanden, gehörte es zur amerikanischen Strategie, keinen Zweifel daran zuzulassen, dass man voll und ganz bereit war, einen globalen Atomkrieg zu starten, wenn die Russen nicht einlenken sollten. In der Spieltheorie wird diese Strategie als „Brinkmanship“ bezeichnet. Im Grunde passten Amerikaner und Russen während des gesamten Kalten Krieges ihre Politik der Spieltheorie an. Hier ging es jedoch nicht um eine Mutprobe rund um den Zusammenstoß zweier aufeinander zu fahrender Autos, sondern um den Fortbestand der Menschheit.

So groß ist der Einsatz beim Poker um die Rückzahlung der griechischen Staatsschulden zwar nicht. Auch bei diesem „Spiel“ steht jedoch für Europa und Griechenland sehr viel auf dem Spiel. Und auch dieses „Spiel“ ist im Rahmen der Spieltheorie ein „Chicken Game“, bei dem es vor allem um Psychologie geht. Beide Seiten pokern darauf, dass der Gegner kurz vor dem Frontalzusammenstoß das Lenkrad herumreißt. Wie bei jedem „Chicken Game“ besteht jedoch auch die Gefahr, dass keine der Parteien das Lenkrad herumreißt und es zum Frontalzusammenstoß kommt. Und auch in anderen Punkten weisen die Verhandlungen eine frappierende Ähnlichkeit zur Spieltheorie auf.
Ein elementarer Bestandteil des spieltheoretischen „Chicken Game“ ist es, den Gegner glauben zu machen, man selbst sei für den Frontalzusammenstoß bereit. Beim klassischen „Chicken Game“ ist beispielsweise das Verbinden der Augen oder das Verriegeln der Autotüren eine denkbare Strategie. Eine weitere Strategie ist es, dem Gegner den Eindruck zu vermitteln, man handele irrational. Bei „Chicken Game“ wäre dies beispielsweise das echte oder vorgetäuschte Betrinken vor der Fahrt, das dem Gegner davon überzeugen soll, zuerst einzulenken, da er denkt, sein Gegenüber sei nicht dazu in der Lage, rational zu entscheiden. Auch dies wurde im Kalten Krieg bereits ausprobiert, als Nixon im Vietnamkrieg den Anschein erweckte, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein. Nixons Strategie, die im übrigen gescheitert ist, ging als „Madman-Theory“ (deutsch: Theorie vom Verrückten) in die Geschichte der Spieltheorie ein.

Viele dieser Elemente lassen sich auch im aktuellen Euro-Poker zwischen Griechenland und der Troika wiederfinden. Ist der IWF beispielsweise wirklich nicht (mehr) kompromissbereit oder hat Frau Lagarde damit die Fahrertür des Troika-Wagens verriegelt, um den Griechen zu signalisieren, es sei besser, das Lenkrad herumzureißen? Sind Berlin und Brüssel wirklich für einen „Grexit“ bereit oder ist dies „Brinkmanship“, die strategische Drohung, im Zweifel gemeinsam in den Abgrund zu gehen? Und einige Äußerungen von deutschen Politikern aus der zweiten Reihe erinnern tatsächlich an die „Madman-Theory“, die den Griechen den Eindruck vermitteln soll, man habe es mit Verrückten zu tun, die nicht rational entscheiden können, wann sie das Lenkrad herumreißen. Vor allem die „Brüsseler Gruppe“ macht öffentlich den Eindruck, sie sei zu Allem entschlossen. Aber auch das gehört natürlich zur spieltheoretischen Strategie.

Alexis Tsipras und die „Gang“ um Wolfgang Schäuble fahren also, um im ursprünglichen Beispiel zu bleiben, frontal aufeinander zu und hoffen, dass der jeweilige Gegenspieler im letzten Moment das Lenkrad herumreißt. Dieses „Spiel“ ist jedoch für alle Seiten brandgefährlich und von außen ist es unmöglich zu sagen, wer hier blufft und wer wirklich zu allem bereit ist. Wenn beiden Seiten zu allem bereit sind, verlieren beide Seiten beim „Chicken Game“. Der Frontalcrash könnte bereits am Donnerstag stattfinden. Ein in diesem Kontext sicher interessanter Randaspekt: Die Spieltheorie ist das Spezialgebiet des Ökonomen Yanis Varoufakis. Aber das ist natürlich nur ein weiterer Parameter in der Gleichung des momentan stattfinden „Spiels“.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!