Wir hatten damals Recht, wir haben heute Recht!

Jens Berger
Ein Artikel von:

Manchmal sehen bekanntlich auch politische Kommentatoren den Wald vor lauter Bäumen nicht. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet der bekannte britische Schriftsteller Frank Cottrell Boyce, der für den Independent in einem kurzen, dafür umso prägnanteren Aufsatz folgende Frage beantwortet hat: „Warum ist Corbyn so beliebt?“. Jens Berger hat den Aufsatz für die NachDenkSeiten ins Deutsche übertragen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Warum ist Corbyn so beliebt?

Nur 25 Prozent der britischen Bevölkerung verdienen mehr als £ 30.000 pro Jahr. Die meisten Kommentatoren in den Medien (mich eingeschlossen) gehören dazu. Für Leute wie mich funktioniert das Land im Grunde. Politik betrifft mich nicht. Für mich geht es bei Politik darum, wie andere Menschen behandelt werden. In meiner Echo-Kammer ist es auch einfach zu glauben, dass ich die Norm bin oder eben die Mitte. Leicht ist es, zu vergessen, dass es draußen auch noch andere Stimmen gibt.

Menschen in meiner Position halten die Kürzungspolitik zwar für bedauerlich, aber für pragmatisch. Aber für meine Freunde und Verwandten, die außerhalb der Blase leben, ist diese Politik nicht nur bedauerlich; sie ist schrecklich. Diese Politik ist auch nicht pragmatisch. Der unwissenschaftliche, lächerlich-ideologische Charakter der Kürzungspolitik wird umso deutlicher, je näher man den Einschlägen dieser Politik kommt.

Außerhalb der Blase weiß jeder, dass ein Wirtschaftssystem, in dem man Wohngeld beantragen muss, obwohl man 50 Stunden pro Woche arbeitet, ein kaputtes Wirtschaftssystem ist. Für diejenigen außerhalb der Blase ist ein Parlament, das genau weiß, dass es nicht genügend Wohnraum gibt, daran aber nichts ändern will, weil man ja schließlich „den Markt nicht stören“ darf, streng genommen überhaupt kein Parlament. Und Medien, die einen Spitzensteuersatz von 50%, öffentliche Investitionen und eine Wieder-Verstaatlichung der schlimmsten Auswüchse der Privatisierungspolitik (Eisenbahnen und Energie) als politisch gefährlich bezeichnen, sind Medien, deren Verständnis von Politik auf das Weiterverbreiten von Klatschgeschichten geschrumpft ist.

Die Leute vergleichen die Corbyn-Kampagne mit 1983. Der sicherlich treffendere Vergleich ist jedoch mit 2001. Damals wusste jeder in diesem Land – außer ein paar hundert Politikern –, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab und die Invasion des Irak eine haarsträubende Torheit ist, die in einer Tragödie enden wird. Im Jahr 2015 weiß jeder in diesem Land – außer ein paar hundert Politikern –, dass die Kürzungspolitik eine haarsträubende Torheit ist, die in einer Tragödie enden wird.

Wir hatten damals Recht. Wir haben heute Recht.

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