Ergänzung und ein Leserbrief zum Artikel „Russland hackt zurück“

Jens Berger
Ein Artikel von:

Nachdem unser Artikel „Russland hackt zurück“ alleine auf Facebook fast 200.000mal gelesen wurde, erreichen uns natürlich auch interessante Leserzuschriften. Eine besonders interessante Zuschrift von unserem Leser Tilo Gräser möchten wir Ihnen heute vorstellen. Zuvor dürfen wir Sie jedoch darauf hinweisen, dass nun auch der Riese SPIEGEL Online aufgewacht ist und sich des Themas angenommen hat. Unter der Überschrift “Das ist nichts, wofür man sich schämen muss” geht man in die Vorwärtsverteidigung und rechtfertigt das Doping der genannten US-Stars. Schauen Sie sich ruhig auch die Leserkommentare unter dem Artikel an – zumindest so lange sie dort noch stehen.

Lieber Jens Berger,

vielen Dank für die Informationen. Das erinnerte mich an etwas, was ich dachte und in meinem Umfeld auch kundtat, als ich die von Ihnen angesprochene Berichterstattung über das mutmaßliche Doping russischer und anderer Sportler zu Olympia miterlebte:
In gewisser Weise ist das Doping mit chemischen/biologischen Mitteln und die Debatte darum aus meiner Sicht eine Ablenkung, gewollt oder ungewollt, von dem Grundproblem des Leistungssports. Nicht “Dabei sein ist alles” oder der reine Wettkampf miteinander sind das, was zählt, sondern eben das “Schneller, Höher, Weiter” um jeden Preis. Und längst sind eben damit veritable wirtschaftliche Interessen verbunden, was in der modernen kapitalistischen Gesellschaftsform nicht verwunderlich ist, da zu ihren Eigenschaften zählt, noch jeden gesellschaftlichen Bereich der ökonomischen Verwertung zuzuführen und unterzuordnen und noch nach der letzten Möglichkeit zu suchen, wo sich Geld und Profit schöpfen lassen. Doping ist dabei nur ein Mittel. Aber niemand redet über das “technische Doping” wie ich es nenne, das sich reiche Staaten leisten, vor allem die westlichen, die den Leistungssport wissenschaftlich und technisch mit allen Mitteln und neuesten Erkenntnissen hochrüsten und den Sportler endgültig zur Leistungsmaschine degradieren, der nicht mehr mit anderen im gleichberechtigten Wettkampf um Sieg und Platzierung steht, sondern dazu gebracht, noch jede bisherige Leistungsgrenze für ominöse Rekorde zu überwinden. Dazu gab es im TV, u.a. bei arte und 3sat, in letzter Zeit immer wieder hochinteressante Dokus, wie die Wissenschaft die Leistungsfähigkeit von Sportlern optimieren hilft.

Die angesprochenen Dokus auf arte:

Dass andere Staaten und deren Sportorganisationen mit geringeren finanziellen Ressourcen, eher zu kostengünstigeren Mitteln der Leistungssteigerung, wie eben den chemischen, greifen, verwundert mich in dem Zusammenhang nicht. Es ist eben auch eine Geldfrage, welche leistungssteigernden Mittel und Methoden angewandt werden. Und auch hier sind die finanzkräftigeren Akteure im Vorteil, da deren Wissenschaftler ausgeklügeltere chemische und biologische Mittel zur Leistungssteigerung und ausgeklügeltere Methoden, deren Einsatz zu vertuschen, erforschen und entwickeln können. Wer in diesem “Wettkampf” nicht mithalten kann, der hat das Nachsehen, Dopingagenturen am Hals und hinten dran die Medienmeute und manchesmal auch sportliche und politische Konkurrenten im Nacken.

Dass da irgendwer nicht dopt, das glaube ich keinem der Akteure im Leistungssport. Sicher ist die Frage, wie Doping definiert wird. Wo es um Profit geht, wird möglichst nichts dem Zufall überlassen. Das ist auch im ökonomisierten Sportbetrieb so. Es wäre verwunderlich, wenn es anders wäre. Den “sauberen” Sport gibt es vielleicht noch unter Kindern, die auf einer Dorfwiese oder in einer Favella Fußball spielen, auf einer afrikanischen Wüstenstraße um die Wette laufen, auf einem zugefrorenen sibirischen See mit selbstgebastelten Schlägern Eishockeyschlägen den Puk jagen oder irgendwo anders irgendwie ihre Kräfte messen. Alles andere ist idealistischer Glaube an etwas Unreales.

Ganz real, kritikwürdig und auch ätzend ist die elende mediale und politische Heuchelei in der Doping- und Sportberichterstattung, wie sie sich eben bei Olympia und im Fall der mutmaßlichen russischen Dopingfälle gezeigt hat. Und die Heuchler gehören immer wieder vorgeführt!

Natürlich geht es nicht nur allein um Rekorde, sondern nicht minder darum, sich einen (unnatürlichen) Vorteil gegenüber den Konkurrenten zu verschaffen, um zu siegen oder besser zu sein. Und natürlich ist das nicht allein abhängig von Staaten oder nationalen Institutionen, sondern auch individuell und gefördert von Unternehmen mit ihren direkten und indirekten wirtschaftlichen Interessen im und am Sport. Und nicht zuletzt ist natürlich nicht einfach dem einen erlaubt, was der andere sich rausnimmt. Wer was darf, das wird auch im Sport, vor allem im ökonomisierten Hochleistungssport, nicht nach dem Gleichheitsgrundsatz entschieden. Auch hier entscheiden Ressourcen sowie Macht- und Kräfteverhältnisse. Und immer wieder die Politik, da Sport auch immer wieder als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachten und missbraucht wird. Herzlichen Dank auch in diesem Fall für die Anregungen zum Nachdenken.

Das musste ich mal als einstiger aktiver Leichtathlet (ohne Doping!) dazu loswerden.

Tilo Gräser

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