Colonia Dignidad: ¿donde están – wo sind sie? – Ein Erlebnisbericht

Frederico Füllgraf
Ein Artikel von Frederico Füllgraf | Verantwortlicher:

Am Vorabend des 43. Jahrestags des Militärputsches vom 11. September 1973 fuhren 50 Vertreter von chilenischen Menschenrechts-Organisationen und der “Familienverband verschwundener und hingerichteter Gefangener Talcas, Linares´ und Parrals” (Familiares de detenidos desaparecidos y ejecutados de Talca, Linares y Parral) zur Ehrung ihrer Toten nach Colonia Dignidad. Von Frederico Füllgraf.

Der erste Teil („Villa Baviera ist obszön!“) erschien gestern auf den NachDenkSeiten

Nach staubiger Anfahrt aus Parral, 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile gelegen, nähert sich gegen 1 Uhr mittags der Bus der Eingangspforte von “Villa Baviera”. Doch in einer Kurve, wenige hundert Meter vor dem Ziel, werden die Familiares von einem erstaunlichen Polizeiaufgebot der Carabineros – Motorräder, Streifenwagen und Gefangenen-Transporter – erwartet.

Als Gast der Delegation war ich in Parral in den aus Santiago kommenden Bus zugestiegen und vermutete zunächst, die Polizei sei zur Begrüßung und zum Schutz der Anreisenden vorgefahren. Immerhin wird Chile von einer ehemaligen politischen Gefangenen regiert, deren Vater, der Allende-treue Luftwaffen-General Alberto Bachelet, von Augusto Pinochets Schergen umgebracht wurde.

Welch´ naive Schlussfolgerung!

Als die Pforte erreicht wird, klärt sich das grobe Missverständnis: die Ordnungshüter wollten umgekehrt das Aussteigen und Betreten des Dignidad-Wellness-Resorts durch die Familienangehörigen verhindern.

Die Schranke, die für Personalien-Überprüfung die Durchfahrt zum Freizeit-Resort blockiert, verblieb in der Waagerechten. Offenbar fürchtete der Empfang eine Störung des Fremdenverkehrs und funkte Polizeischutz herbei.

Nach resolutem Auftreten Myrna Troncosos – Sprecherin der Familienangehörigen und Schwester eines Verschwundenen, die der Polizei die Genehmigung von Untersuchungsrichter Mario Carroza entgegenhält – wird der Restweg freigegeben.


“Bei Betrachtung dieses Stroms erblickst Du die Schatten unserer Angehörigen und Freunde auf ihrer Wanderung durch die Erinnerungen unseres Volkes”

Das Massengrab

Als einzigen ausländischen Journalisten bat mich Troncoso kommentarlos, in den Wagen eines Dignidad-Siedlers einzusteigen. Ich verstand schnell: als offiziell akkreditierter Korrespondent sollte die Geste Polizei und Siedlern Respekt abgewinnen.

Nun begann die Anfahrt auf einem engen, kurvenreichen und steinigen Waldweg zum eigentlichen Ziel.

Zur Verscheuchung meines mulmigen Gefühls ermutigte ich ein Geplänkel über den Touristenverkehr. Zu meinem Erstaunen stellt sich der Fahrer, den ich als Deutschen vermutete, als fließend sprechender Chilene vor: José Patricio Schmidt. Den Ursprung des deutschen Familiennamens klärt ein späteres Video-Interview. Seine Begleiterin mit indianischen Gesichtszügen und zuständig für die Restaurant-Werbung, zählt mir die Leckerbissen des deutschen Menüs auf, dessen sich überwiegend Chilenen erfreuen sollen.

Wie in sämtlichen deutschen Zuwanderungsgebieten Südamerikas, wird auch auf “Villa Baviera” mit peinlichsten Klischees bajuwarische Bierseligkeit feilgeboten. Samt Schweinshaxe, Sauerkraut und Bierkrügen auf dem Tablett tänzeln die Nachfahren der überwiegend von Vertriebenen aus ehemaligen deutschen Ostgebieten gegründeten Kolonie, in Lederhosen und Dirndlkleidern zu alpiner Jodelmusik heran und verkaufen den Einheimischen ihre Szenerie als “typisch deutsch”. Im kommenden Monat, eine Nummer größer, mit nachgeahmtem “Oktoberfest”.

Nach etwa 12 Kilometern Waldweg durch das 160 Quadratkilometer messende Koloniegebiet erreichten wir im Feldbereich Chenco die Fosa ein 2006 von Dignidad-Siedlern an die Justizbehörden verratenes Riesengrab vom Ende der 1970er Jahre, in das Teile zerlegter PKWs samt ihrer zur Kolonie verschleppten Besitzer heimlich begraben wurden.

Doch 1978 befürchtete Chiles Junta-Chef Augusto Pinochet, die landesweit verstreuten Massengräber könnten entdeckt werden, und beschloss mit Kodewort “Abschaltung der Fernsehgeräte” (“Operativo Retiro de Televisores”) die Austrocknung der Gräber und die Exhumierung der Gefangenen-Leichen.

Mit kaum zu überbietender Abscheulichkeit wurden damit in ganz Chile annähernd 150 politische Gefangene aufs rüdeste “entsorgt”, ihre Leichen u.a. mit Eisenbahnschienenteilen belastet, in Plastiksäcke verpackt, auf Militärflugzeuge geladen und über dem Pazifik abgeworfen. In einem Interview vom April 1995, suggerierte Osvaldo Romo – berühmt-berüchtigter, inhaftierter Folterer von Pinochets Geheimpolizei DINA – in einigen Fällen “könnten” Gefangene in den Vulkankrater gestürzt worden sein, weil einzelne Leichen trotz Ballast vom Meer angeschwemmt wurden.

Doch wegen des bergigen und holprigen Geländes auf Chenco befahl, nach Absprache mit DINA-Kommandeur Manuel Contreras, Paul Schäfer seinen Wachmännern, die verwesten Leichen in vier Öfen zu verbrennen und – zur Ausradierung jeder Spur des Verbrechens – die Asche in den Fluss Perquilauquén zu streuen.

Der “Leichen-Entsorger”

Im Sommer 2013 erfuhr ich vom Umzug eines dieser Wachmänner in die 170 Kilometer südlicher gelegene Stadt Los Ángeles. Die bloße Erwähnung seines Namens – Willy Malessa – sorgt für Entsetzen unter eingeweihten Chilenen.

Malessa war es, der 1978 im Auftrag Erwin Feges – dem Chef von Schäfers Sicherheitsdienst – die makabere Leichenausgrabung, -verbrennung und -einäscherung am Perquilauquén durchgeführt hatte. Die mit pyschopathischer Menschenverachtung durchgeführte Spurenbeseitigung wurde im März 2004 vom Kolonie-Flüchtling José Efraín Vetter Veuhof dem Fernsehsender Chilevisión geschildert und nachträglich vor Richter Zepeda bezeugt. “Auf Befehl Paul Schäfers vergrub Willy Malessa 15 Wagen verschwundener Häftlinge mit einem Bagger vom Typ K-235… Eine ganze Woche lang war er allein in einem entlegenen Tal damit beschäftigt. Malessa und Fege dürften wissen, wo sich die Verschwundenen befinden”, warnte Veuhof vor 12 Jahren.

Auf der Suche nach Malessas Werkstatt-Adresse ergab sich an einem Samstagnachmittag eine Zufallsbegegnung mit dem Dignidad-Wachmann, der sofort ein Gespräch mit mir über das Verbrechen scharf ablehnte.

Im Bericht der chilenischen Kommission für Wahrheit und Wiederversöhnung, vom Februar 1991, über Menschenrechtsverletzungen der Pinochet-Diktatur werden mindestens 34 verschwundene politische Gefangene auf dem Gebiet von Colonia Dignidad genannt. Ferner gestanden angeklagte Vorstandsmitglieder gegenüber Richter Zepeda die Hinrichtung von mindestens 22 Gefangenen aus den umliegenden Kreisstädten Parral und Linares, denen acht weitere, aus den Folterzentren Cuatro Álamos und Villa Grimaldi herangeschleppte Gefangene zugerechnet werden.

Gerhard Mücke, ein anderer Wachmann, gestand im Juli 2005, Zeuge vom Antransport von 20 bis 30 Gefangenen und von Schüssen gewesen zu sein. Das Eingeständnis erfolgte allerdings, nachdem Mücke zwei Monate zuvor behauptet hatte, von Umtrieben chilenischer Militärs und der Folterung politischer Gefangener auf dem Siedlungsgelände nichts gewusst zu haben.

“Ich weiss nix!”, war auch die Antwort eines befragten Werkstatt-Meisters der Siedlung im Dokumentarfilm “Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad” (2009), von Matthias Zuber, Martin Farkas und Britta Buchholz. Mit Sätzen wie “Warum sollte ich das wissen?”, “Schwamm drüber!” und “Vergangenheit begraben!”, wich der deutsche Siedler den bohrenden Fragen darüber aus, ob er politische Häftlinge auf dem Gelände gesehen habe. Mit flüchtenden Blicken gab er schließlich zu, einen mit Augenbinde eingekerkerten, chilenischen Gefangenen “betreut” zu haben. Der Häftling verschwand. Doch davon wusste er wieder nichts. “Es ist besser, nicht viel zu wissen”, war sein Resümee.

Ähnlich offenbarte sich auch Kurt Schnellenkamp vor der Kamera.

Das ehemalige Mitglied der Waffen-SS, weitgereister Waffenhändler im Auftrag Schäfers und dessen engster Mitarbeiter, agierte als eine Art “Wirtschaftsminister” der deutschen Enklave. Mit dem Blick des lauernden Fuchses und inszenierter Zufälligkeit – “ja, da war so was…” – gab er zu, hinter einem Vorhang das Verhör eines in der Nacht herangeschleppten Chilenen beobachtet zu haben, ohne daran persönlich beteiligt gewesen zu sein.

Mit 21 weiteren Hierarchen und Wachmännern der Siedlung wurde Schnellenkamp 2006 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilt, doch im Rahmen einer Kronzeugen-Abmachung von Richter Zepeda bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Ebenso “Leichen-Entsorger” Malessa, der seit seinem Freispruch mit gespenstig temperiertem Zynismus spottete, schließlich “ist es nicht verboten, Autos zu begraben!”.

Im Austausch für Strafmaß-Linderungen oder Freispruch verrieten Siedlungs-Direktoren und Wachmänner das geheime Bunkersystem, ferner das beachtliche Waffenarsenal samt Waffenschmiede, die systematisch angewendeten Psychopharmaka, das Lauschsystem mit geheimen Mikrophonen, Kameras und Trittsensoren im Wald. Schließlich auch das Massengrab mit Autowracks und den Überresten von mindestens sechs Verschwundenen.

Allerdings soll Schnellenkamp sich unter Siedlern damit gebrüstet haben, das entscheidende Waffenlager befinde sich weiterhin an sicherem Ort unter der Erde. Nur zufällig erfuhr Zepeda, dass Schnellenkamp und Mücke auch maßgeblich an der Entführung, der barbarischen Folterung und dem Verschwinden des chilenischen Medizin-Studenten Alvaro Modesto Vallejos Villagrán beteiligt waren.

Und dann Schnellenkamps Credo: “Trotz allem, meinen Eid auf Paul Schäfer werde ich niemals widerrufen!”.

Malessas Spott und Schnellenkamps Gelübde lesen sich wie Wiederholungen des reuelosen Adolf Eichmann in Hannah Arendts Reportage »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen.«

»Reue ist etwas für kleine Kinder«, sagte Eichmann einst in einem Verhör. Mit seinem Verweis auf die Befehle seiner Vorgesetzten, die er gedanken- und widerspruchslos ausführte, versuchte er seine Rolle zu verharmlosen. Mit vergleichbarer Banalisierung ihrer Verbrechen wiederholten in Chile die Dignidad-Killer die Geschichte.

Die black box und die Unfähigkeit zu trauern

In den Darstellungen über Colonia Dignidad gehen oft die Unterschiede zwischen den Verbrechen gegen die internen Sektenmitglieder und die nach außen gerichtete kriminelle Vereinigung unter, wie die aktive Beteiligung am Vernichtungs-Feldzug gegen Oppositionelle der Pinochet-Diktatur, Waffenhandel und Spionage.

Herman Schwember, von der chilenischen Regierung für die Betreuung der geschädigten Sektenmitglieder beauftragter Wissenschaftler und Buchautor (siehe “Delirios e Indignidad – El Estéril Mundo de Paul Schäfer” // “Wahn und Unwürde – Die sterile Welt des Paul Schäfer” – Santiago, 2009), warnte kurz vor seinem 2008 erfolgten Tod: “Die Preisgabe der schrecklichen Kolonie-Geheimnisse war selektiv. Richter Zepeda erfuhr nur, was die Sektenmitglieder ihm erzählen wollten, und nicht, was sie tatsächlich wissen. Damit stehen die Ermittlungen vor einer black box!”. Über die circa 140 auf Dignidad verbliebenen Siedler sagte Schwember: “Wenn man sieht, was alles geschehen ist, und wie es geschehen ist, kann es nicht sein, dass sie nichts gewusst haben. Wenn sie nicht rekonstruieren, was tatsächlich passiert ist, werden sie keine Fortschritte machen”.

Schwembers Warnungen werden von zwei erschwerenden Ermittlungsbehinderungen ergänzt.

Zum einen wollen die Menschenrechts-Organisationen weder die Freisprüche Zepedas für die Dignidad-Täter noch die Entscheidung des Richters akzeptieren, jene 40.000 vom Siedlungs-Theologen Gerd Seewald insgeheim angelegten Karteikarten, mit Personaldaten von Freunden und Feinden, unter Verschluss zu halten.

Die Karteikarten bestätigen u.a. Hinweise von Zeugenaussagen auf mindestens neun weitere Massengräber, in denen 100 vermisste Opfer vermutet werden. Mehr noch: als Hauptgrund für den Verschluss wird die Auflistung einer breiten Schar von bisher unbehelligten Politikern, Wirtschaftskapitänen und Diplomaten als Dignidad-Förderer und Drahtzieher genannt.

Zum anderen hat das Auswärtige Amt mit dem Bescheid vom April 2016 längst nicht alle Enthüllungsakten freigegeben – ganz zu schweigen vom seit den 1970er Jahren nachweislich in die Waffengeschäfte der Terrorsekte involvierten und in deren Menschenrechts-Verbrechen eingeweihten Bundesnachrichtendienst (BND).

Was Schwember die erforderliche “Rekonstruktion” nennt, umschrieben in den 1970er Jahren die Frankfurter Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich in einem Schlüsseltext für die „Bewältigung” der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik mit „Die Unfähigkeit zu trauern”. Nämlich die Gefahr, dass an die Stelle von Trauerarbeit gemäß Freuds Formel „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten”, eine Verleugnung der Vergangenheit treten könne.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!