Brasilien – Alle eineinhalb Stunden ein Frauenmord

Frederico Füllgraf
Ein Artikel von Frederico Füllgraf | Verantwortlicher:

Die Zahl der in Brasilien getöteten Frauen ist elfmal so hoch wie im vom Krieg zerrütteten Syrien. Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem, das vor allem in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien dramatisch zugenommen hat, wie unser Südamerika-Korrespondent Frederico Füllgraf zu berichten weiß.

Silvesternacht in Campinas, eine Großstadt im brasilianischen Südosten, eine Autostunde von São Paulo entfernt. Ein mit zehn selbstgebastelten Bomben am Gürtel und einer Pistole in der Hand, bewaffneter Mann springt in den ersten Minuten des Neuen Jahres über die Mauer eines Hauses, mitten in eine Gartenparty, und eröffnet das Feuer. Er erschießt die von ihm getrennt lebende, ehemalige Ehefrau – die 41jährige Isamara Filier – ihren gemeinsamen, 8jährigen Sohn und zehn Familienangehörige der Gastgeber, darunter neun Frauen. Anschließend jagt sich der Mörder selbst eine tödliche Kugel in den Kopf. Das Gemetzel war kein Produkt eines Amoklaufs, sondern ein von langer Hand vorbereitetes und schriftlich angekündigtes Attentat.

In Kurzbotschaften an Freunde, insbesondere jedoch in einem von Gewaltbereitschaft und Todesdrohungen strotzenden Brief an den von ihm umgebrachten, 8jährigen Sohn, begründete der 46jährige Sidnei Ramis de Araujo, bereits Tage zuvor die Tatplanung mit betonter Feindseligkeit. Als einer jener, die sich als “Kämpfer wider die Korruption” an Aufmärschen gegen Präsidentin Dilma Rousseff feierten, schrieb der Laborangestellte: “Ich hasse die Schlampen, deren Zahl von Tag zu Tag zunimmt und die sich Vorteile holen vom Schlampen-Gesetz… Ich fühle mich längst tot, weil ich Dich nicht in der Nähe haben und das Leben genießen darf – alles nur wegen eines feministischen Systems und irren Weibern”.

Araujos Jargon ist ein unverkennbares Echo aus der rechtsradikalen Szene Brasiliens. Sein besonderer Hass galt der gestürzten und von ihm im Brief als “Oberschlampe” beschimpften Präsidentin.

Seine Wut auf Rousseff richtet sich gegen die von ihr erwirkten Strafmaß-Verschärfungen des im Jahr 2006 von ihrem Vorgänger, Präsident Luis Inácio Lula da Silva, erlassenen, sogenannten “Maria da Penha-Gesetzes” zur Ahndung von Gewaltverbrechen gegen Frauen. Der Gesetzesname ehrte die Brasilianerin Maria da Penha M. Fernandes, die 23 Jahre lang, bis zur Querschnittslähmung, das Opfer von Gewalttaten ihres Ehemannes war, bis sie Mut fasste und Anzeige erstattete.

Die politische Dimension des “Feminizids”

Unter dem Eindruck der sich wenige Tage später ereigneten Gefängnis-Aufstände in Manaus und Roraima, mit der wortwörtlichen Abschlachtung von 81 Insassen, fand der Feminizid von Campinas kaum Beachtung in den internationalen Medien.

Der Begriff Feminicídio wurde zum ersten Mal 1976 von der südafrikanischen Frauenrechtlerin Diana Russel vor dem Brüsseler Internationalen Tribunal zur Bekämpfung von Verbrechen gegen Frauen verwendet.

Jedoch nach Meinung der mexikanischen Ethnologin und Schriftstellerin, Marcela Lagarde, beschränke sich Feminicídio nicht nur auf den männlichen Tötungsakt im längst überschrittenen, innerfamiliären Bereich. Vielmehr hafte ihm eine zutiefst politische Dimension an: Regierungen und Justiz bagatellisierten und ermutigten die massenhafte Hinrichtung von Frauen, die dem Genozid vergleichbar sei.

Hintergrund bilden Lagardes private Recherchen der entsetzlichen Schändung, Hinschlachtung und Verstümmelung von 800 jungen Frauen, deren tödliche Reste in den 1990er Jahren in Abwasserkanälen, Müllkippen und der Sandwüste bei Ciudad Juárez, an der Grenze zu den USA, gefunden, deren Täter jedoch niemals angeklagt wurden. Feminicídio sei also auch die bewusste Verschleppung gerichtlicher Untersuchungen, die Straflosigkeit der Täter und die daraus folgende Mitverantwortung des Staates.

Brasilien: Elfmal mehr tote Frauen als im Krieg in Syrien

Dem Jahresbericht 2015 (Informe anual 2014–2015 | ONU Mujeres – Sede – UN Women) der UN-Frauenorganisation zufolge befinden sich 14 der 25 gegen Frauen gewalttätigsten Länder der Welt im lateinamerikanischen und karibischen Raum. Die Liste wird angeführt von Honduras, El Salvador und Guatemala, bis vor kurzem noch gefolgt von der Russischen Föderation auf Rang Nummer 4.

Nach Untersuchungen der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialstudien (Flacso) vom November 2015 (“Mapa da Violência 2015 – Homicídios de Mulheres no Brasil – Landkarte der Gewalt 2015 – Tötung von Frauen in Brasilien”) nimmt das südamerikanische Land den fünften Rang in der Welt bei der gewaltsamen Tötung von Frauen ein.

Mit Blick auf Brasilien ist Massenhinrichtung von Frauen kein übertriebenes Wort, ebenso trifft die juristische und politische Mitverantwortung des Staates zu. Die Lage der Frauen, insbesondere armer Afro-Brasilianerinnen, erlaubt gar die Analogie mit einem Kriegszustand.

In Gegenüberstellung mit dem von tatsächlicher und entsetzlicher Kriegsgewalt geschüttelten Syrien verbleicht selbst die Zahl der dort getöteten Frauen – 0,4 Tote je 100.000 Einwohner – gegenüber dem 11fachen der brasilianischen Statistik: 4,4 Tote auf die gleiche Einwohnerzahl.

Rasanter Anstieg von Morden an Afro-Brasilianerinnen

Alle eineinhalb Stunden wird in Brasilien eine Frau von ihrem Ehemann, Freund oder verlassenen Liebhaber ermordet. Im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums wurden 45.000 Frauen und Mädchen umgebracht. Erschossen, erstochen, totgeschlagen – die Population einer mittelgroßen Stadt im Blutrausch ausradiert.

Doch während die Morde an weißen Frauen in den vergangenen Jahren um 10 Prozent zurückgingen, nahm die Zahl getöteter schwarzer Brasilianerinnen um 54 Prozent zu – eine alarmierende Bestätigung dafür, dass afrobrasilianische Jugendliche und Frauen im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums die überwiegende Mehrheit der Gewaltopfer ausmachten; Erstere durch selektive Polizeigewalt, Letztere als Opfer von Gewalt in der Ehe.

Dramatische Zunahme von Kriminalität und Gewalt: Erklärungsversuche

„Egal von welchem Standpunkt aus betrachtet, das Land verwandelte sich in ein Paradoxon”, kommentierte die progressive Wochenzeitschrift Carta Capital bereits Mitte 2014 (“A taça de assassinatos é nossa – Das Mord-Pokal gehört uns”, 03.07.2014).

Mit dem Satz thematisierte die Zeitschrift einen scheinbaren Widerspruch. Damals regierte noch Dilma Rousseff, die zusammen mit ihrem Vorgänger Luis Inácio Lula da Silva immerhin Brasilien zu einer erheblichen und weltweit anerkannten Verbesserung seiner Sozialindikatoren verholfen hatte.

Wenn also, wie herkömmlich erklärt, Armut der Nährboden von Gewalt und Kriminalität ist, wie vertrug sich die Befreiung von beachtlichen 40 Millionen Brasilianern aus der Armut mit dem gleichzeitigen und blitzartigen Anstieg der Gewalt-und Mordstatistik? Wie ist die schauderhafte Zahl von 600.000 Morden in einem einzigen Jahrzehnt zu deuten, wenn die Löhne höher als die Inflationsrate und die Arbeitslosigkeit niedriger wie nie zuvor war?

Eine generelle, zulässige Erklärung ist, dass die Regierungen der Arbeiterpartei (2003-2016) im Sicherheitsbereich nicht prospektiv geplant und investiert hatten; vor allem jedoch eine demokratische, bürgerfreundliche Ausbildung der Polizeikräfte vernachlässigten, die nach wie vor von der aus den USA in den 1960er Jahren importierten, militärischen Doktrin der “nationalen Sicherheit” beeinflusst sind. Afrobrasilianer und Millionen Slumbewohner, zum Beispiel, gelten im Polizeijargon grundsätzlich als “verdächtige Beobachtungsobjekte”.

Wiederum, gegen jede fortschrittliche Gesetzesinitiative der PT-Regierung zum Schutz von Kindern, Jugendlichen, Frauen und Afro-Brasilianern – so die empfohlene, humanistische Gender-Aufklärung – erhob sich im Parlament eine militante Abgeordneten-Front aus Evangelikalen und ehemaligen Polizeiangehörigen gegen die Ausweitung der Sozialrechte. Hasspredigten wie “ein guter Krimineller ist ein toter Krimineller!” oder “Frauenrechtlerinnen sind Schlampen!” machten die Runde, fraßen sich quer durch die sozialen Klassen und nisten im öffentlichen Bewusstsein als Freibrief für den systematischen Angriff auf besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen.

Schließlich fühlte sich der jahrhundertealte und längst totgeglaubte Machismo – die ibero-amerikanische Variante der Frauenfeindlichkeit – von der neokonservativen Welle wieder ermuntert.

Selbst die vergleichsweise bescheidenen Fortschritte der Frauen wurden als Bedrohung empfunden, diesmal vor allem in den ärmeren Schichten. Zum Bespiel sind inzwischen 61 Prozent der erwerbstätigen Brasilianerinnen nach 11 Jahren Schulunterricht für die Aufnahme in einer Universität qualifiziert, hingegen bei den Männern nur 53 Prozent. Rund 45 Prozent der Arbeitsplätze in Brasilien sind mit Frauen besetzt, 21 Prozent der Unternehmensvorstände werden von Frauen mit Hochschulabschluss angeführt, jedoch nur von 14 Prozent der Männer;

“Selbstverständlich” werden die Frauen zu niedrigeren Löhnen als die Männer genötigt. Doch die Erwerbstätigkeit außer Haus, die finanzielle Unabhängigkeit, ja die leiseste Andeutung selbstständigen Handels der Frauen stürzte die patriarchalische Rollen-Missdeutung in die Krise. Und es tobt die Gewalt.

„Verteidigung der männlichen Ehre“

Frida Kahlo, die berühmte und mit einer Querschnittslähmung gehandicapte, mexikanische Kunstmalerin, schuf 1935 ein denkwürdiges Bild mit dem makabren Titel “Unos cuantos piquetitos – Nur ein paar Piekser”. Es zeigt eine nackt auf einem Bett liegende, blutüberströmte, mit Messerstichen ermordete Frau. Danebenstehend ein Mann mit der Mordwaffe in der Hand und leerem Gesichtsausdruck.

Anlass für das Motiv war Kahlos tiefe Trauer über die Affären ihres Ehemannes, Diego Rivera. Ihren Schmerz überspielte sie mit einer Zeitungsmeldung: Ein eifersüchtiger Mexikaner hatte seine Frau erstochen und sich vor Gericht damit herausgeredet, er habe seinem Opfer doch „nur ein paar Piekser“ zugemutet.

Mit ihrem Bild veranschaulichte die weltweit beachtete Künstlerin ihre Abscheu der selbst von Richtern kleingeredeten Gewaltverbrechen, die aus so vielen lateinamerikanischen Familien ein Schlachthaus gemacht hatte.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!