Bloß keine Gleichmacherei! Gerd Scobels subtiles Plädoyer für soziale Ungleichheit

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Udo Brandes hat sich mit der Sendung „Scobel“ näher beschäftigt. Dort war soziale Ungleichheit das Thema. Das Fazit von Udo Brandes: An der sichtbaren Oberfläche war dies eine Sendung, die soziale Ungleichheit anklagt. Aber wer genauer hinschaute, konnte auch ganz andere Botschaften entdecken. Albrecht Müller.

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Bloß keine Gleichmacherei!
Gerd Scobels subtiles Plädoyer für soziale Ungleichheit

Am 16. Februar Februar war in der 3sat-Sendung „Scobel“ soziale Ungleichheit das Thema. Die Scobel-Redaktion offenbarte dabei unfreiwillig die Ressentiments des Bildungsbürgertums. Gleichzeitig konnte man eine ideologische Überzeugungstechnik beobachten, die Bourdieu schon vor Jahrzehnten in seiner Schrift „Über das Fernsehen“ beschrieben hat: Die Fassade der Sendung war gesellschaftskritisch, die transportierten Botschaften aber letztlich konservativ.

Dies funktionierte zum einen über die eingeladenen Gäste. Ein Gast war der Politologe und Armutsforscher Christoph Butterwegge. Er kritisierte in der Tat von links kompetent, argumentativ fundiert und prägnant auf den Punkt gebracht die gesellschaftlichen Verhältnisse. Sein Tenor: Armut wurde bewusst durch neoliberale Politik produziert und ist durch die Strukturen der Gesellschaft bedingt, z. B. durch das Schulsystem, das so angelegt ist, dass es soziale Ungleichheit systematisch reproduziert.

Dann waren da noch Dorothea Siems von der Tageszeitung „Die Welt“ und der Soziologe Steffen Mau von der Humboldt-Universität Berlin. Dorothea Siems äußerte Verständnis für das Problem sozialer Ungleichheit, sah darin aber kein grundsätzliches, durch die gesellschaftlichen Strukturen bedingtes Problem – und lenkte von den eigentlichen Problemen mit fadenscheinigen Detail-Argumenten ab, wie z. B. dass durch eine unzureichende Integration von Migranten Armut importiert werde.

Steffen Mau schließlich, Soziologie-Professor an der Humboldt-Universität, kann man als typischen Linksliberalen ansehen, der zwar soziale Ungleichheit durchaus kritisiert, aber alle politischen Vorstellungen jenseits von offener und globalisierter Gesellschaft als „rückwärtsgewandte Rezepte“ stigmatisiert. Im Grunde erfüllt er damit genau das, was Bernd Stegemann in seinem Essay „Das Gespenst des Populismus“ kritisierte: Dass die Linksliberalen sich vor den Karren der Neoliberalen spannen ließen und so etwas wie ein linker Flügel des Neoliberalismus seien (siehe dazu auch die Rezension auf den Nachdenkseiten).

Während Siems ziemlich eindeutig als Konservative identifizierbar war, wirkten Mau und Scobel auf den ersten Blick so, als seien sie links verortet. Denn sie positionierten sich erkennbar links von Siems. Als Zuschauer konnte man also den Eindruck haben: Hier wird soziale Ungleichheit im Verhältnis 3 (Butterwegge, Mau und Scobel) zu 1 (Siems) kritisiert. Hier findet also deutliche Gesellschaftskritik statt.

In Wirklichkeit fand hier aber eine subtile ideologische Beeinflussung statt, wie sie Pierre Bourdieu in seinem Buch „Über das Fernsehen“ für Diskussionsrunden und Talkshows thematisiert hat. Deren Manipulation funktioniere, so Bourdieu, über die nicht sichtbare Arbeit:

„Die Runde selbst ist das Ergebnis einer unsichtbar bleibenden Arbeit. Da ist zum Beispiel die ganze Arbeit der Einladung: Manche Leute lädt man gar nicht erst ein; andere lädt man ein, und sie lehnen ab. Schließlich steht die Runde und das Sichtbare verbirgt das Unsichtbare. Ein konstruiertes Sichtbares zeigt die sozialen Voraussetzungen seiner Konstruktion nicht.“ (Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen, S. 46-47).

Mit anderen Worten: Die Zuschauer können nicht wahrnehmen, wie der Diskussionsverlauf schon vorab strukturiert wurde. Welcher Diskutant warum eingeladen wurde, sprich: Welche Rolle er nach den Vorstellungen der Redaktion besetzen soll.

Die unterschwellige Botschaft dieser Scobel-Sendung über das Sichtbare: Ein Linker (Butterwegge), eine Konservative (Dorothea Siems) und zwei weitere Linke, nicht ganz so links wie Butterwegge, aber links, nämlich der Soziologe Mau und Moderator Scobel. Also: Eine Rechte gegen drei Linke. Noch gesellschaftskritischer geht es doch wirklich nicht!

Aber wer die Sendung genauer analysiert, stellt fest: Ein Linker gegen eine Konservative und zwei Liberale, die die Verhältnisse zwar kritisieren, aber im Unterschied zu Butterwegge nicht wirklich in Frage stellen – und eigentlich auch die konservativen Botschaften der Neoliberalen vermitteln. Wie z. B. Prof. Mau, der Kritik an der Globalisierung als „rückwärtsgewandte Rezepte“ in eine nicht wieder herstellbare Vergangenheit kritisierte. Man müsse stattdessen nach vorn schauen, wie eine Gesellschaft das Problem der Ungleichheit angehen und unter den Bedingungen der Offenheit, der internationalen Vernetzung und internationaler Märkte angehen könne. Freihandel und gesellschaftliche Offenheit ist in dieser typisch liberalen Sichtweise offenbar ein unverrückbares Dogma. Ein Dogma, das nach bisheriger historischer Erfahrung soziale Ungleichheit und Armut massiv gefördert hat.

Die unterschwellig konservative Botschaft wurde auch über die Einspielfilme vermittelt: In einem Einspieler wurden die Folgen sozialer Ungleichheit analysiert. Also zum Beispiel, dass Kinder aus sozial benachteiligten Klassen weitaus weniger Mittel und Möglichkeiten haben, sich Bildung anzueignen, als Kinder aus der Mittel- und Oberschicht. Im sachlichen Kern stimmten alle Aussagen. Was ich aber sehr bemerkenswert fand, war die klischeehafte und ressentimentgeladene szenische Darstellung der sozialen Klassen, die von Armut betroffen sind:

Da wurde in der Wohnung ein Aschenbecher gezeigt, der von Zigarettenkippen überquoll. Die Mädchen und jungen Frauen im Film ernähren sich von Pommes, Hamburgern und Cola, rauchen und sitzen vor der Glotze. Dieser Effekt über die gezeigten Bilder wurde noch durch die musikalische Unterlegung dramaturgisch gesteigert: Als im Kontrast dazu die kultivierte Welt des Bildungsbürgertums vorgeführt wurde, setzte eine Heile-Welt-Musik ein. Was kommt rüber?

Auf der einen Seite sehen wir eine kultivierte, sich gesund ernährende und um ihre Kinder kümmernde Bourgeoisie (Mutter bringt der Tochter einen Obstteller), auf der anderen Seite, eine primitive Unterschicht, die sich ungesund ernährt, raucht und Fernsehen glotzt. Im völligen Kontrast dazu, der verständnisvolle Erzählerton aus dem Off.

Unterschwellige Botschaft: Es ist kein Wunder, dass es diesen unkultivierten Menschen schlecht geht. Soziale Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit hat eben auch etwas mit Charaktereigenschaften zu tun.

Wenn man sich diese unterschwelligen Botschaften bewusst macht, kommt man zum Ergebnis, dass dies im Grunde keine Sendung gegen soziale Ungleichheit war. Sondern eine Sendung, die soziale Ungleichheit bzw. die bestehenden Machtverhältnisse eher legitimierte und die Botschaft vermittelte: Man muss zwar die Auswüchse korrigieren. Aber ansonsten kann alles so bleiben, wie es ist.

Dafür spricht auch Scobels Schlusswort, das sich gegen „Gleichmacherei“ richtete, wobei er in einem kurzen Nebensatz zu Unrecht auch noch Christoph Butterwegge für seine Position vereinnahmt, obwohl dieser nichts Dementsprechendes gesagt hatte:

„Der Philosoph Harry Frankfurt argumentiert, wie ich finde zu Recht, dass ökonomische Gleichheit kein moralischer Wert an sich ist. Nicht nur weil Gleichmacherei unrealistisch ist, vor allem, weil nicht alle Menschen, Herr Butterwegge hat’s gerade gesagt, dasselbe wollen und sich mit unterschiedlichen Dingen durchaus zufrieden geben. Also alles gut? Nein! Denn empörend bleibt die Armut Vieler: Und das ist das eigentliche Thema: Nicht die Forderung nach Gleichheit, sondern der Abbau der Armut. Alle zusammen müssen endlich eine Gesellschaft reparieren, in der viel zu viele viel zu wenig besitzen, während andere deutlich mehr als genug haben. Schauen wir also anders als Trump in den USA hier den Realitäten ins Auge. Schauen wir auf die, deren Realität wirklich bedroht ist und verbessern wir gemeinsam ihre Situation. Wenn Armut abgeschafft ist, kann man entspannt Unterschiede akzeptieren und sogar genießen.“

Was ich an diesem Statement gegen „Gleichmacherei“ bemerkenswert finde: Für das Bildungsbürgertum sind Unterschiede, die Individualität ausdrücken, offenbar letztlich immer materielle sprich Einkommensunterschiede. Theodor Fontane meinte mal spöttisch über die Bildungsbürger, dass diese auch nur Geldsäcke seien. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er Recht hatte.