Trumps Russland-Kontakte – Warum sehen wir den russischen Splitter im Auge der Anderen, bemerken aber den transatlantischen Balken im eigenen Auge nicht?

Jens Berger
Ein Artikel von:
Trumps Russland-Kontakte

Es gäbe zahlreiche Gründe, Donald Trump scharf zu kritisieren. In den Medien hört und liest man jedoch immer nur von angeblichen Verfehlungen, die eigentlich gar keine sind. Trump hatte geschäftliche Kontakte zu Russen? Ei der Daus! Aber warum soll das ein Problem sein? Und warum kritisiert eigentlich niemand seine geschäftlichen Verbindungen zu westlichen Konzernen? Gefährden die etwa nicht die Unabhängigkeit? Kontakte zu Russland sind offenbar per se böse und Grund genug, einen gewählten Präsidenten abzusetzen. Hier wird das „mit zweierlei Maß messen“ wirklich auf die Spitze getrieben und Tag für Tag wird die mediale Hexenverfolgung hysterischer. Zeit, einmal für einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, was der Unsinn überhaupt soll. Sind wir nun eigentlich komplett meschugge? Von Jens Berger

Donald jr., Ivanka und der goldene Premium-Wodka im Herzen von Mordor

Donald Trump hat also geschäftliche Kontakte zu Russland? Um was es dabei geht, erklärt ein eigens eingerichtetes Themenspecial auf Wikipedia. So soll er doch tatsächlich Immobilien an russische Geschäftsleute verkauft haben! Das ist ja ein ungeheuerlicher Vorwurf gegen einen Immobilienunternehmer. Und dann sollen seine Kinder, Donald jr. und Ivanka, auch noch bei einem geschäftlichen Aufenthalt in Moskau in einem Hotel genächtigt haben, das genau gegenüber dem Kreml, also quasi im Herzen von Mordor, liegt. Na wenn das kein Fall von Hochverrat ist? Das i-Tüpfelchen sind jedoch die mit 24karätigem Gold verzierten „Trump-Super-Premium-Wodka-Flaschen“, die 2007 auf einer Moskauer „Millionärsmesse“ angeboten wurden. Dass es solche grandiosen Geschmacklosigkeiten überhaupt gibt, ist für unsere Medien dabei freilich kein Problem. Dass sie aber in Moskau angeboten wurden, ist natürlich ein handfester Skandal.

Dabei könnte man sogar ernsthaft eine Debatte führen, ob die geschäftlichen Kontakte von Politikern aufgrund der daraus resultierenden Interessenkonflikte ein generelles Problem darstellen. Das trifft aber dann natürlich auf alle geschäftlichen Kontakte zu. Trumps geschäftliche Verbindungen mit amerikanischen und europäischen Banken, Kanzleien, Beratungsunternehmen oder Medienkonzernen sind in diesem Kontext kein Jota besser oder schlechter als seine – vom Volumen her zu vernachlässigenden – Geschäftskontakte nach Russland. Viel interessanter wären beispielsweise Hintergründe zu Trumps Beziehungen zu den reaktionären Koch-Brüdern, die ihn erst unterstützt haben und nun bekämpfen.

Oligarchen sind aber bekanntlich immer nur im Osten zu finden. Amerikanische und europäische Oligarchen sind schließlich fleißige und ehrenwerte Unternehmer. Eine zu große Nähe zur heimischen Wirtschaft oder gar zu Banken war für die inquisitorischen Chefankläger in den Redaktionsbüros ohnehin nie ein ernsthaftes Thema. Erst wenn „Russland“ draufsteht, wird aus der Meldung eine Schlagzeile.

Hat Michael Flynn auf Putins Gästecouch genächtigt?

Aber es geht ja nicht nur um Mr. President himself. Sein nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn musste nach wenigen Tagen im Amt zurücktreten – er hatte sich offenbar mit dem russischen Botschafter über die Sanktionen der US-Regierung unterhalten. Und Flynn ist da ein Wiederholungstäter! Er hatte bereits 2015 dem russischen TV-Sender RT ein Interview gegeben und dafür sogar Geld bekommen. Mit Russen sprechen? Das geht natürlich gar nicht und steht moralisch schon fast auf einer Stufe mit der freiwilligen Teilnahme am Robbenabschlachten im kanadischen Packeis. Von transatlantischen Think-Tanks hätte Flynn hingegen Millionengagen erhalten dürfen und Gespräche mit dem britischen oder israelischen Botschafter wären auch eher karrierefördernd gewesen. Aber mit dem Russen?

Trump, Kushner, Netanjahu

Hätte sich Flynn nur ein Beispiel an Trumps Schwiegersohn, Chefberater und Nahostbeauftragten Jared Kushner genommen. Der pflegt millionenschwere geschäftliche Verbindungen mit vorbestraften Geschäftsleuten aus dem Ausland, die weltweit mit Schmiergeldern um sich werfen – nur dass im Falle Kushner die Geschäftsleute nicht aus Russland, sondern aus Israel kommen. Das ist natürlich was ganz anderes und schließlich war bei Flynn ja auch noch der russische Botschafter im Spiel. Ok, bei den Kushners schläft dafür der israelische Präsident Netanjahu schon mal auf der Couch im Gästezimmer, aber der ist ja auch kein Russe. Wir haben gelernt: Interessenkonflikte drohen immer nur dann, wenn ein Berater sich mit den Russen einlässt. Man stelle sich nur vor, Putin hätte bei den Kushners auf der Gästecouch geschlafen! Das Impeachment-Verfahren wäre unausweichlich.

Zum Glück ist Merkel nur von transatlantischen Schattenmännern umgeben

Merkel Atlantik Brücke

Da kann dann auch Angela Merkel aufatmen. Einer ihrer wichtigsten Berater ist nämlich Alexander Dibelius – der war bis vor kurzem Deutschland-Chef von Goldman Sachs und steht nun bei einer milliardenschweren Private-Equity-Gesellschaft in Lohn und Brot. Über die Interessenkonflikte des Alexander Dibelius könnte man ganze Bücher schreiben. Aber zum Glück ist er wenigstens kein Russe, sondern Mitglied der Atlantik-Brücke … und transatlantische Interessenkonflikte gibt es ja zum Glück per Definition nicht.

Darum kann auch Gerald Knaus ruhig schlafen. Das Institut von Merkels Berater in Flüchtlingsfragen wird nämlich maßgeblich von ausländischen Think Tanks finanziert – zum Glück handelt es sich aber um die üblichen Verdächtigen (George Soros Open Society Institute, der Rockefeller Brothers Fund und der German Marshall Funds). Hätte Knaus auch nur eine Kopeke aus Moskau bekommen, wären er und Merkel nach der Hexenjagd-Logik unserer Medien nicht mehr haltbar. Da es sich aber nicht um Kopeken, sondern um US-Dollar handelt, findet auch unsere liebe Tagesschau das alles ganz toll.

Und wo wir schon bei den Medien sind. Warum ist die angebliche Wahlkampfhilfe, die Trump aus Moskau erhalten haben soll, eigentlich mittlerweile ein Evergreen im Phrasenkasten der Kommentatoren? Eine außenstehende Organisation soll Einfluss auf den Wahlkampf genommen haben? Das geht natürlich gar nicht, darauf haben schließlich unsere Medienkonzerne ein Monopol! Wer untersucht denn mal den Einfluss von New York Times, Washington Post, Fox News, CNN und Co. auf den Wahlkampf? Und wie sieht es in Deutschland mit Springer, Gruner und Jahr, Burda und den nach Parteiproporz besetzten Öffentlich-Rechtlichen aus? Warum sehen wir immer den russischen Splitter im Auge der Anderen, bemerken aber den transatlantischen Balken im eigenen Auge nicht?

Unsere Kanzlerin und unser Vizekanzler sind Mitglieder der Atlanik-Brücke, bei der auch die Top-Berater der Kanzlerin und das who is who der Medienkonzerne vertreten sind. Transatlantische Netzwerke und Finanzkonzerne sind engstens mit der Politik verwoben und wir haben tatsächlich nichts anderes zu tun, als uns lautstark und selbstgerecht über die bösen Russen aufzuregen? Wie heißt eigentlich der Superlativ von bigott? Wäre es nicht so ernst und so traurig – man könnte bitterböse über dieses unwürdige Schauspiel lachen.

Ceterum censeo: Der Umstand, dass Trump wegen lächerlicher Vorwürfe von den Medien verfolgt wird, macht ihn freilich um kein Jota besser. Trump muss hart kritisiert werden. Dies sollte man jedoch mit den richtigen Argumenten tun – es ist ja nicht so, dass seine Finanz-, Wirtschafts-, Sozial-, Außen-, Innen- und Sicherheitspolitik nicht eine Steilvorlage für eine Kritik nach der anderen liefern würden.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!