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Osorno, Familie von Storch und der braune Fleck auf Chiles Landkarte

Veröffentlicht in: Erosion der Demokratie, Länderberichte

Frederico Füllgraf berichtet für NachDenkSeiten exklusiv aus Südamerika. Für seinen aktuellen Artikel hat er sich einmal in einer ganz besonderen Stadt in seiner Wahlheimat Chile umgeschaut. Die südchilenische Stadt Osorno gilt seit der Besiedlung als eine Art deutsche Kolonie und ist heute noch durch deutsche Einwanderer geprägt. Ein ehemaliger Bewohner Osornos mischt sogar sehr aktiv in der deutschen Politik mit – der rechte Medienunternehmen Sven von Storch, dessen Ehefrau Beatrix von Storch zum Führungszirkel der AfD gehört. Ein Geschichte über Aussiedler, Mörder, Folterknechte und das „Deutschtum“ fern der Heimat.

Warum interessieren Sie diese Fälle?“, fragte mich Pfarrer Vinzenz Gottschalk. Seine Gabel mit einem aufgespießten Stück Fisch hielt inne zwischen Teller und seinem Mund. Er schaute mich herausfordernd an. Bevor ich antwortete, schob er warnend nach:

„Das ist nämlich gefährlich, die zaudern nicht, Leute umzubringen, die ihnen in die Quere kommen!“

Wir saßen im kleinen Esszimmer neben der Küche der Pfarrei El Buen Pastor, in einem Außenbezirk Osornos, rund 1.000 Kilometer südlich von Santiago de Chile. Gottschalk hatte auf mich zum Mittagessen gewartet. Ich kam von Dreharbeiten auf der 300 Kilometer südlicher gelegenen, malerischen Insel Chiloé.

Der lange Arm der Colonia Dignidad in Osorno

Grund meiner Reiseunterbrechung in Osorno, auf dem Weg nach Concepción, war eine Notiz, über die ich im Internet gestolpert war. Darin hatte Gottschalk ein niederländisches Ehepaar darauf hingewiesen, dass ihr Sohn – der im Jahr 1985 angeblich beim Ersteigen des Vulkans Osorno verschwundene, 18-jährige holländische Tourist Maarten Melle Visser – allen Anzeichen nach von Häschern der Colonia Dignidad entführt und umgebracht worden sei.

Es gab allerdings noch ein zweites ungelöstes Rätsel, das mich zum Besuch Gottschalks angetrieben hatte. Hans Buss, ein geheimnisumwitterter, angeblicher Beamter der deutschen Botschaft in Santiago de Chile, war ebenfalls in Osorno verschwunden. Während eines Kurzurlaubes in der Gegend hatte sich Buss am 19. Dezember 1989 von seiner Familie am Hotelempfang verabschiedet und war zu einer risikolosen Alleinbesteigung des 2.200 Meter hohen und zu dieser Jahreszeit schnee- und eisfreien Vulkans Casablanca, 77 Kilometer von Osorno entfernt, aufgebrochen, von der er nie mehr zurückkehrte. Pfarrer Gottschalk hatte der Witwe Buss´ erzählt, dass er während einer Beichte Hinweise über den „langen Arm von Colonia Dignidad“ und den Aufenthaltsort des Beamten erhalten habe.

Die mutmaßliche Entführung der beiden Europäer zeigte allerdings Ähnlichkeiten mit dem modus operandi bei der im Januar 1985 erfolgten Festnahme des US-Amerikaners Boris Weisfeiler unweit von Parral, dem Sitz von Colonia Dignidad. Weisfeiler wurde von einer Patrouille des chilenischen Militärs zur deutschen Sekten-Kolonie verschleppt, wo seine Spuren für immer erloschen.

In allen drei Fällen sollen nach Auskunft von Informanten der deutschen Sekte die Opfer der „Spionage“ beschuldigt und im Verhör brutal misshandelt worden sein. In der Beschreibung des zwischenzeitlich verstorbenen deutschen Journalisten Gero Gemballa wird Hans Buss als konservativer und unbestechlicher Beamter erwähnt, der jedoch nicht mit den offiziellen Berichten der Botschaft an das Auswärtige Amt einverstanden war, denen er angeblich als „Spion der DDR“ bekannt gewesen sei. Gemballa will ermittelt haben, dass Buss deshalb eine inoffizielle Dokumentation über die stets systematisch geleugneten Verbrechen auf Colonia Dignidad erstellt hatte und damit in den Augen der Sektenführer sein Todesurteil unterschrieben hatte. Die Angaben Gemballas wurden Jahre später von Informanten meiner chilenischen Kollegin Pascal Bonnefoy Miralles bestätigt (El ocaso de Colonia Dignidad – La Nación, 02. Oktober 2004). Einer der Dignidad-Whistleblower beschrieb sich als „vereidigter Feldhüter“ und den vor der chilenischen Justiz flüchtigen, seit Jahren in Deutschland unbestraft lebenden und erst 2017 erstinstanzlich zu 5 Jahren Haftstrafe verurteilten Kolonie-Arzt Hartmut Hopp als seinen Chef.

Unter dem Aktenzeichen „Vulkan Osorno“ ruhen am Landgericht im südchilenischen Valdivia die in den 1990-er Jahren von Bundesrichter Juan Guzmán eingeleiteten Ermittlungen in der Causa Visser. Auch nach mehr als 30 Jahren ist der Fall keineswegs abgeschlossen.

Am Fall Buss erstaunte mich wiederum, dass die deutsche Botschaft in Santiago sich niemals zu dem verschollenen Beamten oder „Spion“ äußerte. Doch darf vermutet werden, dass mit aller Wahrscheinlichkeit der Aktenkeller des Geheimdienstes BND eine Erklärung verborgen hält, wo ungeahnter Sprengstoff nicht nur über die Geheimnisse der mörderischen Sekte, sondern auch über den BND als Mitwisser lauern.

Was hatten jedoch die Schergen von Colonia Dignidad im südlichen, 600 Kilometer entfernten Osorno zu suchen? Den Hintergrund bildete allen Anzeichen nach die Gefahr eines Krieges gegen Argentinien wegen dem Beagle-Kanal in Feuerland. Getrennte Aussagen hochrangiger Führer der deutschen Sekte bestätigten, dass zwischen 1977 und 1978 Paul Schäfer mit der chilenischen Armee eine Geheimvereinbarung zum Schutz strategisch relevanter Grenzgebiete getroffen hatte. Die damit errichtete Sicherheitszone wurde über mehrere hundert Kilometer entlang des Anden-Massivs ausgedehnt. Am Sitz der Sekten-Kolonie suchte derweil ein leistungsfähiger Radarschirm die Andenhänge nach Fremden im „Sperrgelände“ ab, die von entsendeten Posten in der Umgebung Osornos als „Spione“ oder „Guerilleros“ verhaftet und nach Dignidad verschleppt wurden.

Deutsche Pfarrer: Personae non gratae in der deutschen Gemeinde

Den Kontakt zu dem aus Oppum bei Krefeld stammenden Pfarrer Gottschalk, der nur ungern E-Mails schreibt und das Telefon scheut, hatte allerdings sein Kollege, der aus Schlesien stammende und in Hessen aufgewachsene Pfarrer Peter Kliegel hergestellt. Beide kamen vor mehr als 50 Jahren nach Osorno und hatten so manche Schwierigkeit mit der Pinochet-Diktatur, die sie jedoch als gefeierte Helden der Minderbemittelten überstanden.

Mit Spenden aus dem Oppumer Kreis, Benefizkonzerten der bekannten Cellistin Maria Kliegel, „sehr viel Gottvertrauen”, wie Gottschalk spaßt, vor allem jedoch mit der unermüdlichen Eigenarbeit chilenischer Slumbewohner gelang den beiden Priestern mit rund 481 Häusern – darunter Schulen, Jugenddörfern und Kirchen – der Bau eines ganzen Stadtteils in Osorno. Eine Schule für Tanz und Musik komplettierte das Mammutwerk um die chilenische „Maximilian-Kolbe-Siedlung“, die mit ihrem Namen des in Auschwitz ermordeten Paters Maximilian Kolbe gedachte.

Spätestens 2010 hatte sich der Einsatz Gottschalks und Kliegels für die Ärmsten der Armen bis zum ARD-Fernsehkanal Phoenix herumgesprochen, der dem Duo die Dokumentation „Der Häuslebauer am Ende der Welt“ widmete. Im Oktober 2017 wurde in Wiesbaden dem 78-jährigen Pfarrer Kliegel das Bundesverdienstkreuz verliehen, der im Anschluss mit Familie und Freunden seinen 50. Weihetag in Dillenburg feierte.

Als Dank für sein Engagement erhielt Kliegel die chilenische Staatsbürgerschaft. Auf der Suche nach einem neuen Weg müssten die Menschen aufeinander zugehen und dann eine gemeinsame Welt aufbauen, fordert der Pfarrer, der vor wenigen Tagen einen offenen Brief an die katholische Kirchenhierarchie verfasste.

„Ich habe nicht das Recht, jemanden zu richten, doch die unüberhörbaren Rufe der Opfer sexuellen Missbrauchs nicht zu berücksichtigen und nicht die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, ist eine gravierende Angelegenheit“, schrieb er als Protest gegen die Inschutznahme des Bischofs von Osorno, Juan Barros, durch Papst Franziskus. Der Bischof war bekanntlich Zeuge zahlreicher sexueller Übergriffe des berüchtigten Paters Fernando Karadima.

Die von Storchs und das „Deutschtum“ in Osorno

Doch was haben diese Horrorgeschichten mit der Familie von Storch zu tun? Ein Leser der NachDenkSeiten hatte u.a. die wohltemperierte Chronik Patrizia Troleses „Die „blaublütigen Schläfer“ um Beatrix von Storch“ gelesen und angefragt, ob Familie von Storch in die Nazi-Umtriebe im Chile der 1930-er Jahre und die Verbrechen der Diktatur Augusto Pinochets involviert sei.

Nach Darstellung Sven Andreas von Storchs – seit 2010 Ehemann Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storchs, geborene Herzogin von Oldenburg und „durchlauchtes“ Gründungsmitglied der AfD – soll, ganz im Gegenteil, seine Familie ein Opfer der Nazis gewesen sein und er verweist auf seinen Großvater, der wegen seiner ablehnenden Haltung zum Nationalsozialismus mit dem Konzentrationslager bestraft worden sei. Doch nach Kriegsende wurden die von Storchs auch zum Opfer der sowjetischen und künftigen DDR-Behörden, die ihren angestammten Besitz in Mecklenburg enteigneten. Das sei 1945 der Grund für die Auswanderung seiner Familie nach Chile gewesen.

Sven von Storch wurde 1970 in Osorno geboren und war gerade drei Jahre alt, als die Streitkräfte und die ultrakonservative Landes-Elite mit ihren Medien am 11. September 1973 gegen die demokratisch gewählte und handelnde Regierung Salvador Allendes putschten. Doch warum ließen die von Storchs sich ausgerechnet in Osorno nieder?

Osorno wurde 1558 vom spanischen Statthalter García Hurtado de Mendoza gegründet, der den Ort in Gedenken an seinen Großvater, Graf von Osorno, einem Landkreis nördlich Valencias, taufte. Abgesehen von Seeräuber-Überfällen und einem Ansturm von 8.000 Huilliche-Ureinwohnern unter Führung von Häuptling Pelantaro, pflegte der Ort unweit der Ufer des Pazifiks einen dreihundert Jahre langen Dornröschen-Schlaf, bis das unabhängige Chile gegen Mitte des 19. Jh. ein Kolonisierungs-Gesetz erließ und in Europa Siedler anlockte. Dem Ruf waren 1846 zunächst 9 Familien aus Kassel und Rotenburg an der Fulda gefolgt.

Weniger als 20 Jahre später lebten in Osorno 2.000 Einwohner, darunter 600 Deutsche. Gerbereien, Destillen, Brauereien (Aubel, 1892), Öl- und Weizenmühlen, Apotheken und Hotels schossen aus dem Boden. Das erste Dampfschiff auf dem Rahue-Strom legte 1877 in Osorno an und sein Horn signalisierte den Auftakt zum erbarmungslosen Einschlag des pazifischen Regenwalds. Deutsche Bürgermeister traten in Erscheinung, die freiwillige Feuerwehr, die deutsche Schule und der Deutsche Verein wurden gegründet.

Mit der expandierenden Holzindustrie, wegen der Nähe zum Pazifik und der unmittelbaren Nachbarschaft zu Argentinien, war Osorno bald intensiver mit der Außenwelt als mit dem übrigen Chile, geschweige denn mit der 1.000 Kilometer entfernten Hauptstadt Santiago, verbunden. Der Boom an Chiles patagonischer Seenplatte, genannt Los Lagos, sprach sich bald in deutschen Landen herum. Es kamen die Ansorges, Gruenwalds, Haentschels, Kiesslings, Schillings, Wedekinds und Zeidlers.

„Wir werden ehrenwerte und fleißige Chilenen wie jeder eingeborene Landsmann sein. Wir werden unsere Wahlheimat schützen, uns gegen alle ausländische Unterdrückung und mit der Entschlossenheit und Standhaftigkeit des Mannes, der sein Land, seine Familie und seine Interessen verteidigt, den Reihen unserer neuen Landsleute anschließen. Niemals wird dieses Land, das uns als seine Kinder adoptiert, Gründe haben, sein […] menschliches und großzügiges Verhalten zu bereuen!”, hatte Karl Anwandter, Begründer der berühmten Brauerei bei Valdivia, am 18. November 1851 seinen ersten Miteinwanderern gepredigt. Das Gelübde hatte jedenfalls den Klang eines Ehe-Schwurs des mitteldeutschen Patriotismus mit dem aufkommenden chilenischen Chauvinismus.

Wie Osorno einen gewissen „Reed Rosas“ versteckte

Osorno wurde bald nicht unwesentlich vom verarmten hessischen Adel geprägt. Zum Beispiel von den von Geysos. Die Geschichte ist bekannt.

Nach der Seeschlacht von Coronel am 1. November 1914 – als Graf von Spees kaiserliche Seeflotte eine britische Staffel versenkt, jedoch umgekehrt vor den Malvinen-Inseln am 8. Dezember 1914 besiegt wird – versteckt sich als einziges überlebendes Schiff der leichte Kreuzer MS Dresden monatelang in südchilenischen Fjorden, bis es schließlich mit Kurs auf den Archipel Juan Fernández von der lauernden britischen Armada eingekesselt wird. Kapitän Fritz Lüdecke befehligt seine 360 Offiziere und Matrosen an Land und lässt die Dresden vor den Augen der verblüfften Briten in die Luft sprengen und versenken.

Halb als Kriegsgefangene, halb als willkommene Gäste, wird die Besatzung der Dresden aufs Festland transportiert und bis Ende des Ersten Weltkrieges auf der Insel Quiriquina, 450 Kilometer südlich von Santiago, interniert. Unter den „gastierenden“ Gefangenen: der Nachrichtendienst-Offizier Wilhelm Canaris. Im Besitz eines legalen chilenischen Reisepasses, der ihm von Agenten der deutschen Botschaft in Buenos Aires besorgt worden war, gelingt Canaris am 6. August 1915 die Flucht mit dem Zug nach Osorno. Mit dem Alias „Reed Rosas“ und ausgezeichneten Spanisch-Kenntnissen betritt Canaris als unauffälliger Handelsreisender angelsächsischer Herkunft südchilenischen Boden und wird monatelang in der Villa der von Geysos verstecktgehalten.

Von Osorno bis Bariloche, an den argentinischen Andenhängen, hatten einflussreiche deutsche Einwanderer für Canaris ein wirksames Fluchthelfer-Netz gesponnen. Unter Anleitung von Geysos tauchten „Reed Rosas“ und neu dazugestoßene Kameraden auf dem Gut der Familie Eggers in Puyehue unter, wo sie sich auf die Überquerung der Anden, zu Fuß und auf Pferden, vorbereiteten. Auf der argentinischen Seite angekommen, erwartete sie ein anderes Mitglied der Familie Eggers am Ufer des Nahuel-Huapi-Sees. Dem Boot entstiegen, das sie nach San Carlos de Bariloche gebracht hatte, wurden die MS-Dresden-Flüchtlinge auf dem Landgut Ludwig von Bülows vom deutschen Konsul Karl Wiederhold empfangen, der Canaris nach Buenos Aires schleuste und auf einem niederländischen Frachter unterbrachte, von dem er in Rotterdam von Bord ging und trotz anhaltendem Krieg unversehrt Deutschland erreichte.

Das Übrige zur Biografie des legendären Chefs der Abwehr ist belesenen Deutschen bekannt, nicht aber, dass es Canaris dank seiner ausgezeichneten Kontakte nach Spanien, Argentinien und Chile gelang, hier vor und während des Zweiten Weltkrieges eines der beachtlichsten Spionage-Netze mit aktiver Beteiligung der Nachkommen deutscher Einwanderer zu spinnen, zu denen sich nach Kriegsende allerdings eine Großzahl flüchtiger Nazis gesellten. Wie Patrizia Trolese richtig vermutete, mutierte Osorno damit zur Hochburg der Exildeutschen, wo auch „der alte reaktionäre Geist des ostelbischen Adels konserviert“ blieb.

Verblasste Fotos aus der Vor- und Nachkriegszeit in Südchile zeigen gehisste Hakenkreuz-Fahnen über dem Deutschen Institut in Osorno und Umzüge des nationalsozialistischen “Deutschen Jugendbundes” in einschlägiger Nazi-Uniform im benachbarten Valdivia. Pfarrer Kliegel bestätigt den braunen Sumpf aus eigener Anschauung. Als er 1966 sein Priesteramt in Osorno antrat, hatte er die Idee zu einer Ausstellung über die Geschichte der deutschen Siedlungen. Als er auf dem verstaubten Dachboden der deutschen Schule nach historischen Unterlagen suchte, verschlug ihm ein Bild die Sprache:

„Da stand doch tatsächlich die versammelte Gemeinde stramm in SA-Uniform! Das Bild war als Plakat aufgerastert, 2 mal 1 Meter groß!“

Kliegels und seines Pfarrei-Kollegen, Vinzenz Gottschalk, tiefe Abneigung gegen die Nazi-Vergangenheit brachte sie in Verruf unter den Deutschstämmigen Osornos. „Bei denen haben wir‘s versch…ssen!“, erzählt er amüsiert. Das gegenseitige Unbehagen hinderte jedoch Sven von Storchs Mutter nicht am häufigen Besuch von Kliegels Gottesdiensten. „Die Dame hätte sicherlich so einiges zu erzählen“, sinniert Pfarrer Kliegel.

Sympathisierte die Familie mit dem verbrecherischen Pinochet-Regime? Die peinliche Frage steht seit mehr als 40 Jahren im Raum. Sven von Storchs älterer Bruder – der ehemalige Raumfahrtingenieur und Astronautenkandidat Klaus Bernhard von Storch Krüger – diente jedenfalls der blutigen Pinochet-Diktatur als Kampfpilot der chilenischen Luftwaffe.

Die Verbindungen der von Storchs zum Pinochetismus und dessen zivile Nachfolge-Organisationen sind unbestreitbar. Beatrix von Storchs Ehemann pflegt enge Beziehungen zu „Renovación Nacional“, der ersten politischen Partei, die von der Diktatur als Ihr liberales Deckmäntelchen zugelassen wurde, doch seitdem als verlängerter Arm der rechtsradikalen UDI-Partei mit ausgeprägtem faschistischen Profil operiert.

Vor zwei Jahren lancierte Renovación Nacional Sven von Storch als Herausforderer des Christdemokraten Jaime Bertin Valenzuelas zum Bürgermeister-Kandidaten für Osorno. Daraus wurde nichts, gegen den amtierenden Bertin Valenzuela hatte er keine Chance. Doch fragten sich einige Chilenen, wie von Storch den Plan mit seiner deutschen Staatsangehörigkeit und AfD-Mitgliedschaft vereinbaren wollte.

Folterknechte und Mörder mit deutschen Nachnamen – ein Schlusswort

Luftwaffen-General Fernando Matthei und die angeklagten Militärs Guillermo Aldoney Hansen, Sergio Arellano Stark, Sergio Barra von Kutschmann, Krantz Bauer Donoso, Alejandro Paulino Rehbein, Carlos Forestier Haensgen, Raúl Iturriaga Neumann, Jorge Paredes Wetzer, Claudio Kossiel Horning, Christopher Willige Flöhl und Ingrid Olderock – die makabre DINA-Agentin Pinochets, die inhaftierte weibliche politische Gefangene von dressierten Hunden vergewaltigen und misshandeln ließ – sind unvergessliche deutsche Familiennamen, die den Gräueltaten der Pinochet-Diktatur anhaften.

Ebenso unvergesslich haftet Sven von Storchs Geburtsort jenes Massaker vom September und Oktober 1973 an, als 24 ehemalige Carabinero-Polizisten 31 Allende-treue Landarbeiter teils zu Tode folterten oder auf der Brücke über den Fluss Pilmaiquén erschossen und in die treibenden Gewässer stürzten.

Doch das Gewehr, mit dem sie auf die sozialistische Bürgermeisterin Blanca Valderas abgedrückt hatten, stockte. Die Polizei schlug sie zusammen und warf sie in den Fluss. Valderas mimte ihren Tod, schwamm durch die Wellen und rettete ihr Leben. Fünf Jahre lang hielt sie sich unter falschem Namen mit ihren Kindern versteckt, bis sie Mut für die Anklage fasste. Die Häscher wurden erst 2008 zu durchschnittlich 15-jährigen Haftstrafen verurteilt.

Doch das ist ein unappetitliches Thema im feinen „Club Alemán“ Osornos, an dessen Stammtischen mit gestärkten, weißen Tischtüchern chilenische Heeresoffiziere mit deutschen Familiennamen sich wieder ein Stelldichein geben.

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