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Chile – Die palästinensische Diaspora am Fuß der Anden

Veröffentlicht in: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Länderberichte, Strategien der Meinungsmache

Als Präsident Donald Trump am vergangenen 6. Dezember mit üblichem medialen Tamtam die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem bekanntgab, zerrissen nicht nur in Gaza und im Westjordanland Worte des Zorns und Steine die dicke Luft, es brannten israelische Flaggen auch vor der US-Botschaft an den Ufern des Mapocho-Stroms im fernen Santiago de Chile. Eine Reportage von Frederico Füllgraf.


Wurde New York seit der Wende zum 20. Jahrhundert Zufluchtsort für nahezu 2 Millionen jüdischer Emigranten und ihre Nachkommen, so bot sich in der Folgezeit Santiago de Chile für mindestens 300.000 Palästinenser als Ersatzheimat in der Neuen Welt an. Doch aus umgekehrten Gründen: Während die Mehrheit der Juden vor europäischen Pogromen flüchtete, flohen die Palästinenser in sukzessiven Wellen, zuerst vor der Willkür des Osmanischen Reiches und anschließend als Opfer jener Katastrophe von 1948 – im Arabischen als Nakba bekannt – als nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 711.000 arabische Palästinenser mit der Gewalt aus Europa zugewanderter Juden von ihrem Heimatboden vertrieben wurden.

In den Regierungsbezirken Santiago, Viña del Mar, Valparaíso, La Calera, Quillota und Cabildo, bis ins zentral-chilenische Linares, ließen sie sich als arme Straßenhändler nieder und erlitten nun auch in der Emigration die soziale Verachtung und den kaum verhüllten Rassismus der weißen Eliten am Fuß der Anden. So wie ihre syrischen und libanesischen Nachbarn, die nach Argentinien und Brasilien ausgewandert waren, wurden auch sie jahrzehntelang vom chilenischen Volksmund irrtümlicherweise „Türken“ genannt, eine rüde Beleidigung für die Palästinenser, die mit unvermeidlichen Reisepässen der Okkupationsmacht Türkei eingereist waren.

Jedoch 100 Jahre danach und in leuchtendem Gegensatz zu ihren Landsleuten in Gaza wird der Durchreisende in Chile selten auf einen armen Palästinenser stoßen. Dank ihrer leidgeprüften Duldsamkeit, Erniedrigungen über sich ergehen zu lassen, ihrer Zielstrebigkeit und ihres Innovationsgeistes – zum Beispiel, als fahrende Bauchladenhändler das tiefe Hinterland Chiles mit Waren zu versorgen – gelang ihnen ein derart beachtlicher Aufstieg, dass heute der Finanzmarkt im Andenland ohne die Bank BCI mit Milliarden Dollareinlagen, die Medienszene ohne die Tageszeitung La Tercera und die Forbes-Liste ohne die Nennung von mindestens zwei chilenisch-palästinensischen Multimilliardären nicht als vollständig anzusehen wäre.

„Mehr Christen als in den palästinensischen Gebieten“

Doch die Palästinenser kamen in Chile nicht nur zu materiellem Vermögen. Eigentümlicherweise verlagerte sich in den mehr als einhundert Jahren palästinensischer Emigrationsgeschichte auch das Zentrum ihres christlichen Vermächtnisses nach Chile. Im Andenland leben mehr Christen, die von Arabern abstammen, als in ganz Palästina, eruierte Professor Eugenio Chahuán, ein Nachfahre der Immigranten, der mit dem Zentrum für Arabische Studien an der Universidad de Chile Studenten aus verschiedenen Teilen der Welt betreut, die sich von den religiösen Wurzeln der palästinensischen Gemeinde Santiagos als Forschungsgegenstand angezogen fühlen.

Untersuchungen ergaben, dass die palästinensischen Immigranten christlichen Minderheiten aus dem Gebiet religiöser Vermischungen rund um die Städte Beit Jala, Bethlehem, Beit Sahour und Beit Safafa entstammen. In Chile bauten sie „eine Art religiöses Exil” auf, erklärte Chahuán bereits vor Jahren gegenüber dem Sender BBC, der sich um die Beantwortung der Frage bemüht hatte, „Warum ist Chile das Land mit den meisten Palästinensern außerhalb der arabischen Welt und Israels? (Por qué Chile es el país con más palestinos fuera del mundo árabe e Israel – BBC Mundo, 14. August 2014).

Jedoch, obwohl Chile sich selbst im Spiegel der Religionen als katholisches Land wiedererkannte, war ihm die Orthodoxe Kirche unbekannt, sodass die palästinensische Emigration im Land auch eine Konzentration von orthodoxen Christen zur Folge hatte, deren Geschichte mit der 1917 im Bezirk Recoleta errichteten, ersten christlich-orthodoxen Kirche von San Jorge begann. Unweit davon, im Bezirksabschnitt Patronato, betrieb die Gemeinde ihre ersten Geschäfte, womit sich bald kommerzielles und religiöses Leben der Kolonie auf demselben Raum überlappten.

Der Aufstieg der Straßenhändler zur Wirtschaftselite

Die Geschichte des palästinensischen Aufstiegs begann als Basar-Viertel, das sich zwischen der historischen Plaza de Armas, dem Bodennullpunkt Santiagos, und dem eine U-Bahn-Haltestelle davon entfernten Museum für Moderne Kunst ausbreitet, dessen ursprüngliches Straßenbild mit dem exotischen Glamour arabischer Suqs jedoch von zugewanderten chinesischen und koreanischen Läden mit elektronischem Ramsch – manche sagen auch: Schmuggelware – längst ruiniert wurde.

Patronato entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als arabische Einzelwarenhändler die Jahrhunderte alte La Chimba der Inkas – nämlich das in der Quechua-Sprache mit „der anderen Seite“ benannte Nordufer des Mapocho – zur Besiedlung erhielten und in ein Geschäftszentrum mit Lagerhäusern für Textilien verwandelten. Jahrzehnte später wurde Patronato als Hochburg der palästinensischen Textilindustrie in Chile gefeiert.

Der Erfolg war der charakteristischen arabischen Sippe mit patriarchalischer Wurzel und den Großfamilien zu verdanken. Mit der stetigen Verbesserung ihrer Lage in Chile, die umgekehrt mit der Verschlechterung der Lebensbedingungen in Palästina kontrastierte, knüpften die Neuankömmlinge ein effektives Unterstützungs-Netzwerk, das bald tausende verbliebene Familienmitglieder und Vettern ins Andenland lockte und erfolgreich ansiedelte.

Vor diesem Hintergrund gründete der 1894 in Bethlehem geborene Abgänger des von deutschen Missionaren gegründeten Kaiser-Wilhelm-Kollegs und um 1915 nach Chile ausgewanderte Palästinenser Juan (Jun) Yarur Lolas 1935 das seinerzeit modernste Textilunternehmen Südamerikas, S.A. Yarur Manufacturas Chilenas del Algodón (S.A. Yarur Chilenische Bauwoll-Verarbeitungsbetriebe). Während seines zwanzigjährigen Zwischenaufenthalts in Bolivien, von 1914 bis 1934, gelang es Yarur während des Chaco-Krieges (1932-1935) zwischen Bolivien und Paraguay, sein erstes Grundkapital auf lateinamerikanischem Boden mit einer Textilfabrik in La Paz zu erwirtschaften, die Uniformen und Decken für die Hochlandarmee herstellte, womit der Palästinenser zum strategischen Verbündeten der Regierung und privilegierten Partner von US-amerikanischen Bankiers, Fabrikanten und Exporteuren aufrückte. Seine Blütezeit in Chile erreichte das Unternehmen in den 1960-er Jahren, als der Textilsektor 11 Prozent der gesamten chilenischen Industrie-Produktion ausmachte, an denen Yarur mit 70 Prozent beteiligt war.

Während dem arabischen Geschäftsmann von Zeitzeugen der Sinn für soziale Anliegen nachgesagt wurde, weil er für seine mehr als 4.000 Angestellten eine Kinderkrippe, ein Sportzentrum und eine moderne Klinik hatte bauen lassen, wurde Yarur aus bis heute nicht einwandfrei erwiesenen Gründen von der Regierung Salvador Allendes (1970-1973) im April 1972 enteignet, nachdem ein Jahr zuvor, am 26. April 1971, ein Schild die Besetzung des Betriebs angekündigt hatte: „Ex Yarur. Ein Territorium, frei von Ausbeutung”.

Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 wurde die Genossenschaft, die den Betrieb in Eigenverwaltung führte, von der Pinochet-Diktatur verhaftet und das Unternehmen an seine palästinensischen Eigentümer zurückerstattet. Dennoch, zehn Jahre später war Yarur bankrott. Die neoliberale, importorientierte Wirtschaftspolitik Pinochets öffnete der fernöstlichen Textilindustrie, vor allem Chinas, Tür und Tor und führte damit die Liquidierung der chilenischen Qualitätsunternehmen herbei.

In der Folge konzentrierte sich Juan Yarur Lolas auf die Geschäfte seiner bereits 1937 gegründeten Bank Banco BCI, die nach dem Tod des Patriarchen im Jahr 1954 und schweren, internen Familiendisputen gegenwärtig mit 10.500 Angestellten und mehreren Milliarden Dollar-Einlagen als drittgrößtes chilenisches Kreditinstitut rangiert. Kuriose Fußnote: BCI ist die einzige Bank auf der Welt, die eine Filiale in der Antarktis besitzt.

Ähnliche Narrative umranken die Familienclans der Abumohor, Hirmas, Said, Sumar und Saieh, palästinensische Vermögen, die im Laufe der Jahrzehnte ihre Investitionen in Finanzwesen, Immobilien, Landwirtschaft – insbesondere Weinbau und Nahrungsmittel-Herstellung – und Medien ausweiteten. Die Familie Saieh zum Beispiel mauserte sich vom Großhandel in der Provinzstadt Talca u.a. mit der Tageszeitung LA TERCERA zum zweitgrößten Medienunternehmen Chiles.

Gleichwohl wirft der Palästina-Konflikt lange Schatten bis nach Chile.

Vereinswesen als Brücke zum Widerstand

Auch wenn nicht alle Nachfahren der Ur-Einwanderer – wie zum Beispiel Daniel Jadue, Buch-Autor, Bezirksbürgermeister der Kommune Recoleta in Santiago und Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles – auf die Wirtschaftsimperien ihrer Landsleute stolz sind, vereint die chilenischen Politiker palästinensischer Herkunft, die quer durch das ideologische Parteienspektrum bis Ende 2017 auch 10 Prozent der Sitze im Parlament ausfüllten, die frontale Ablehnung der israelischen Besatzungspolitik und die Aberkennung eines autonomen palästinensischen Staates.

Als zum Beispiel das chilenische Außenministerium im Januar 2017 bestätigte, dass das Land an der Friedenskonferenz zwischen Israel und Palästina in Paris teilnehmen würde, bestand im Handumdrehen eine Gruppe von Geschäftsleuten der arabischen Gemeinden – darunter José Said, Präsident des Einkaufszentrums Arauco, Maurice Khamis, Vertreter der palästinensischen Gemeinschaft und selbst die ehemalige konservative Abgeordnete Mónica Zalaquett – auf eine Unterredung im Ministerium über „den Einfluss und die Rolle Chiles bei der Diskussion der UN-Resolution 2334, die die illegalen Siedlungen des israelischen Regimes in den palästinensischen Gebieten verurteilt”.

Dagegen erhebt sich in Chile das gesamte Vereinswesen der Einwanderer aus Nahost und ihrer Nachfahren, von der Palästinensischen Föderation über den chilenisch-palästinensischen Fußballverein bis hin zum Kinderhilfswerk Bethlehem 2000, das mit der Entsendung von chilenischen Ärzten, Sozialarbeitern und Medikamenten in Gaza und den besetzten Gebieten nachweislich mehreren hundert palästinensischen Kindern das Leben gerettet hat.

Bürgermeister Daniel Jadue wollte sich das aus der Nähe ansehen und erfüllte sich 2013 den Traum, das Land seiner Eltern und Großeltern zu besuchen. In Palästina erlebte er auf unmittelbare und dramatische Weise den Alltag unter israelischer Militärbesatzung, führte darüber Tagebuch und schrieb nach seiner Rückkehr das 2014 erschienene Buch „Palestina, Crónica de un asédio (Palästina, Chronik einer Demütigung), das die Erfahrungen und Beschreibungen einiger seiner Freunde aus der Palästinensischen Föderation – darunter die Historikerin Nadia Hasan Abdo – bestätigte, die in vorausgegangenen Jahren während ihrer Besuche im Land der Ahnen vom israelischen Militär verhaftet und deportiert worden waren.

Wiederum wird die Sympathie mit dem palästinensischen Widerstand von den 10.000 jüdischen Einwanderern und ihren Nachkommen in Chile anders ausgelegt. Militante pro-israelische Gruppen widmen sich der systematischen Diffamierung des palästinensischen Vereinswesens mit Unterstellungen, die von der längst diskreditierten Antisemitismus-Falle bis zur „terroristischen Unterwanderung“ reichen. Für große Aufregung unter den pro-israelischen Militanten sorgte eine Anzeige der Palästinensischen Föderation in der Tageszeitung El Mercurio mit dem Abdruck der seit 1948 auf brutale Weise schrumpfenden Landesgrenzen Palästinas und der provokativen Frage: „Hältst du es für gut, wenn man dich von der Landkarte tilgt?“. Für einen weiteren Skandal sorgte die Ausstattung des palästinensischen Fußballvereins mit Trikots mit der gleichen Landkarte über den Landraub.

Mit dem Ziel, in Chile einflussreiche Propagandisten mit Medienzugang zu gewinnen, wirbt Israel neuerdings auch mit kostspieligen Reise-Einladungen an chilenische Politiker und Journalisten, die das Narrativ von der Besatzungsmacht mit pro-israelischen Fake News widerlegen sollen. Zu den Werbern gehört Gerardo Gorodischer, Präsident der Jüdischen Gemeinde Chiles, der vor dreieinhalb Jahren während einer Protestveranstaltung in Santiago „gegen die Gewalt in Gaza“ erklärte, „an jenem Tag, an dem die Radikalen und Terroristen sich intensiver dem Volk und nicht dem Hass zuwenden, den sie für Israel empfinden, werden wir in der Lage sein, Frieden zu schaffen” (Comunidad judía en Chile se manifestó en las afueras de la Cepal en rechazo a la violencia en Gaza – La Tercera, 11.07.2014).

Nicht nur die Palästinenser Chiles fragten sich zu Recht, in welcher Welt Gorodischer lebt, derart auf den Kopf gestellt wirkte sein Palästina-Bild und seine hanebüchene, einseitige Gewalt-Zuweisung an die okkupierten Palästinenser, die nach einhelliger Meinung selbst jüdischer Intellektueller, darunter der Linguist Noam Chomsky, alles andere als Angreifer, auch nicht Leidtragende eines Krieges, sondern Opfer von „Apartheid” und „ethnischer Säuberung” sind (Noam Chomsky: Israel´s Actions in Palestine are “much worse than apartheid in South Africa” – Democracy Now, 08. August 2014).

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