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Ein neuer “Zwischenfall” könnte ein wenig Licht in die mysteriöse Affäre rund um den vergifteten Agenten Skripal bringen

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Innere Sicherheit, Länderberichte

Die englische Fußballmannschaft erreicht bei der WM in Russland das Viertelfinale und zeitgleich melden Nachrichtenagenturen einen „Zwischenfall“ in der Gegend von Salisbury, der starke Parallelen zum Fall Skripal aufweist, der die Beziehungen der EU zu Russland vor ein paar Wochen zerrüttet hat. Während Polizei und Medien erst einmal versuchen, die Sache herunterzuspielen, zeigt ein Blick auf die Berichterstattung der Lokalzeitungen vom Wochenende, dass hier womöglich doch größerer Klärungsbedarf besteht, als man denken mag. Auch wenn man momentan nur spekulieren kann – die ersten Reaktionen der britischen Behörden zeigten, dass die Öffentlichkeit offensichtlich viele Aspekte des Falles Skripal noch gar nicht kennt. Die Zahl der offenen Fragen wächst. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die aktuellen Agenturmeldungen über einen “ernsten Zwischenfall” in der englischen Kleinstadt Amesbury wirken wie ein Déjà-vu. Zwei oder drei Menschen wurden mit unklaren, aber offenbar sehr schweren Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Polizei und diverse Dienste sperren derweil zahlreiche Örtlichkeiten ab, rufen zur Gelassenheit auf und untersuchen dabei die abgesperrten Areale mit Chemieschutzanzügen. Amesbury liegt – das macht die Sache so interessant – nur wenige Kilometer nördlich von Salisbury, der Kleinstadt also, in der vor vier Monaten angeblich der russische Überläufer Sergej Skripal und seine Tochter Julia mit einem Nervengift der Nowitschok-Klasse vergiftet wurden. Ebenso interessant ist, dass der Fundort der beiden Opfer nur wenige hundert Meter vom britischen Chemiewaffenzentrum „Porton Down“ entfernt ist und gleichzeitig fast direkt vor dem Grenzzaun des Militärstützpunktes „MoD Boscombe Down“, der mittlerweile vom privaten Rüstungsforschungsunternehmen QinetiQ betrieben wird, das auch auf dem Gebiet der Spionage tätig ist. Auf all diese Punkte gehen die Agenturmeldungen übrigens nicht ein.

 
Die offizielle Story und die Story hinter der Story

Den Behörden zufolge hat man am Samstagabend zwei bewusstlose Menschen Mitte 40 in einem Haus im Neubauviertel „Kings Gate“ nahe der englischen Kleinstadt Amesbury aufgefunden. Zuerst ging man angeblich von einem „Drogen-Zusammenhang“ aus. Die Rede war von verunreinigtem Crack, Heroin oder Kokain. Weitere Tests hätten jedoch diese Thesen widerlegt und nun prüfe man laut Behörden einen Zusammenhang zu „unbekannten Substanzen“. Gleichzeitig werden zur Zeit in Amesbury und in Salisbury zahlreiche Gebäude und Gelände weiträumig abgesperrt – darunter die Queen Elizabeth Gardens in Salisbury. Die Agenturen melden, dass es sich um einen Einsatz handele, an dem mehrere nicht namentlich genannte Behörden beteiligt seien, dass es zu einer erhöhten Polizeipräsenz kommen könne und dass die Bevölkerung sich ansonsten keine Sorgen machen müsse. Ein klassischer Fall von Überreaktion? Das mag sein. Interessant sind in diesem Zusammenhang jedoch einige Meldungen lokaler Medien vom Wochenende – also zu einem Zeitpunkt, an dem noch keiner an eine Parallele zum Fall Skripal denken konnte.

So meldete das „Salisbury Journal“ noch am Samstagabend, drei Personen seien nach einem „Zwischenfall“ in Amesbury ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dieser „Zwischenfall“ stehe in einem Zusammenhang mit Drogen; es scheine so, als hätten drei Personen, die Drogen konsumiert hätten, gesundheitliche Probleme bekommen und seien daraufhin ins Krankenhaus gebracht worden. So weit, so gewöhnlich. Was jedoch bereits hier aufmerken lassen muss, ist, dass die Zeitung Zeugenaussagen wiedergibt, nach denen zahlreiche Anwohner aus der Nachbarschaft von Feuerwehrmännern evakuiert wurden und mehr als acht Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Ambulanz vor Ort waren. Ferner berichteten die Augenzeugen von Personen in Chemieschutzanzügen am Tatort. Wohlgemerkt – diese Aussagen stammen vom Samstagabend und es ging zu diesem Zeitpunkt nur um einen „Drogenfall“. Ist es in England normal, dass bei einem Fall von kranken Drogensüchtigen die ganze Nachbarschaft evakuiert wird und Männer in Schutzanzügen vor Ort Messungen vornehmen?

Einen verstörenden Einblick liefert auch der lokale Radiosender Spire FM. Der meldete am Samstagabend, dass mehr als zehn Einsatzfahrzeuge vor Ort seien und zahlreiche Straßen abgesperrt wurden. Fotos zeigen auch einen mobilen Unterstützungs-LKW (Operational Support) der Feuerwehr, der laut Spire FM aus der mehr als 60 Kilometer entfernten Stadt Swindon angefordert wurde. Ein überregionaler Großeinsatz für zwei oder drei Junkies, die schlechten Stoff gespritzt haben? Das klingt doch ziemlich absurd.

Natürlich kann man momentan auf Basis der wenigen Meldungen nur spekulieren. Die „offizielle Story“, nach der man erst davon ausging, dass drei Süchtige sich durch verunreinigte Drogen vergiftet haben, ist jedoch ziemlich sicher falsch. Denn bei einem solchen Fall würden die Behörden weder die Nachbarschaft evakuieren, noch Straßen absperren oder gar mit Schutzanzügen Messungen unternehmen. Der Einsatz sieht eher danach aus, dass man seitens der Behörden einen Verdacht hatte, dass es zu einem “zweiten” Einsatz des Nervengifts kam, das bereits im Fall Skripal eingesetzt wurde. Ob dieser Verdacht nun begründet oder unbegründet war, ist freilich ebenfalls spekulativ. Vielleicht wird sich der Nebel ja nun lüften. Die ersten lammfrommen Reaktionen der Medien, die die offizielle Version nicht hinterfragen, lässt jedoch Gegenteiliges vermuten.

Offene Fragen

Nach wie vor sind so ziemlich alle zentralen Fragen im Fall Skripal unbeantwortet. Besonders erstaunlich ist, dass offenbar niemand die interessante Frage stellt, was Sergej Skripal eigentlich vor dem Anschlag beruflich gemacht hat. Womit hat der sein Geld verdient? Die NachDenkSeiten stellten diese Fragen bereits im allerersten Hintergrundartikel zum Thema am 14. März. War Skripal für die private Sicherheitsfirma “Orbis Business Intelligence” tätig, die massiv in die Kampagnen verwickelt ist, die westliche Dienste gegen Russland fahren? Diese Frage erscheint doch zentral, wenn man einmal die Verschwörungstheorie von einer russischen Strafaktion beiseite lässt. In den offiziellen Darstellungen klafft bei der Personalie Skripal eine zeitliche Lücke von rund siebeneinhalb Jahren zwischen dem Agentenaustausch und dem vermeintlichen Anschlag auf sein Leben. Was hat Sergej Skripal in dieser Zeit gemacht? Wieso geht niemand dieser offensichtlichen Frage nach? Stattdessen wird gemauert und verschleiert. Vater und Tochter Skripal dürfen mit niemandem sprechen und sollen wohl schon bald in ein US-Zeugenschutzprogramm überstellt werden. Das Haus von Sergej Skripal hat mittlerweile der britische Staat aufgekauft – will man Beweise vernichten? Fragen über Fragen.

Ob und in welchem Zusammenhang der aktuelle „Zwischenfall“ etwas mit dem Anschlag auf die Skripals zu tun hat, ist unbekannt; auch wenn die britischen Behörden in ihrer ersten Reaktion wohl davon ausgegangen sind. Um hier mehr Klarheit zu bekommen, sind weitere Informationen nötig. Wer waren die – je nach Meldung – zwei oder drei Personen, die in Amesbury gefunden worden und nun angeblich im Krankenhaus von Salisbury behandelt werden? Typische „Junkies“ werden es wohl kaum sein, da es sich beim Fundort um eine vergleichsweise teure Neubaugegend handelt. Hatten die Personen vielleicht etwas mit dem Chemiewaffenzentrum Porton Down zu tun, dass bei den Behörden gleich die Alarmglocken schrillten? Oder gibt es einen Zusammenhang mit Orbis Intelligence oder QinetiQ? Die Gegend rund um Stonehenge scheint ja ein modernes Zentrum privater Geheimdienste und staatlicher Chemiewaffenforschung zu sein. Es gibt zahlreiche interessante Fragen in diesem Kontext. Schade, dass weder die Politik noch die Medien sie stellen und stattdessen immer noch vergleichsweise dümmlichen Verschwörungstheorien hinterherlaufen. 

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