Das ist die Überschrift eines neuen Artikels von Winfried Wolf. Die NachDenkSeiten haben zwar schon einiges über den Aufruf „Solidarität statt Heimat“ geschrieben – im Wesentlichen sehr Kritisches. Winfried Wolf gehört zu den Unterzeichnern und hat sich jetzt dennoch kritisch geäußert. Wir geben hier seinen Essay wieder, am Ende dann nicht nur mit einem Link auf das schon einmal in den Hinweisen des Tages verlinkte Gedicht von Kurt Tucholsky, sondern mit vollem Text. Viele Leser gehen erfahrungsgemäß an einem Link vorbei, an einem Text weniger. Albrecht Müller.

Solidarität STATT Heimat – wirklich?

Der Aufruf „Solidarität statt Heimat“ fand viele „Unterstützerinnen und Unterstützer“. Ich zähle zu ihnen. Die Grundaussage, die von vielen getragene Stellungnahme gegen Fremdenhass und Rassismus, die vehemente Forderung „ausgehetzt!“, wie dies in München am vergangenen Sonntag, dem 22. Juli, Zehntausende forderten, ist jede Unterstützung wert.

Inzwischen hat sich eine engagierte Debatte um diesen Aufruf entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei offensichtlich die Debatte innerhalb der Partei DIE LINKE. Gefragt, was er von dem Aufruf halte, antwortete das IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban: „Großartig! Wenn Menschen ihre Stimme gegen einen Rassismus erheben, der bis weit in die Mitte der Gesellschaft hineinragt, dann können es nicht genug sein.“ Auf die Nachfrage von Johannes Schulten im „Freitag“, warum er selbst den Aufruf nicht unterzeichnet habe, antwortete dieser: „Weil dieser Aufruf neben den offenkundigen antirassistischen Botschaften, denen ich mich anschließe, auch eine versteckte Agenda enthält […] Die Subbotschaft des Aufrufs zielt auf eine innerlinke Kontroverse. Sein Anlass war offenbar die Auseinandersetzung in der Partei Die Linke um Migration […] Der Aufruf stellt sich in diesem Konflikt auf eine Seite und bezichtigt […] einen Teil der Linken des Rassismus.“ (siehe hier)

Nun dürfte diesen Teil der Debatte nur ein kleiner Teil der Öffentlichkeit, die diesen Appell zur Kenntnis nimmt, nachvollziehen können. Dies ist eine – berechtigte – innerlinke Debatte, die auch auf den Nachdenkseiten intensiv geführt wurde.

Aber wie kommt die Überschrift zu dem Appell zustande? Warum soll es diese Art Gegensatz zwischen „Solidarität“ und „Heimat“ geben? Das stieß mir sehr früh in Diskussionen über den Appell und nach der Frage eines Freundes, warum ich denselben denn unterzeichnet hätte, auf. In der Überschrift ist das Wort „Heimat“ nicht in Anführungszeichen gesetzt. Im Appell selbst taucht nur ganz kurz ein teilweise nachvollziehbarer Bezug auf: „Heimatministerium, Abschiebeoffensiven, Hetzkampagnen und institutioneller Rassismus gehören zum Alltag…“

Doch dann heißt es dort auch: „Der deutsche Pfad von Sparpolitik und einseitiger Exportorientierung […] schafft prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen und nährt Zukunftsängste. Seine Probleme lassen sich nicht durch […] nationalistische Wohlfahrtsstaatlichkeit lösen, die auf […] Abschottung setzt – und auf weltfremde Phantasien einer ´Steuerung´ von Migration und des wohligen Privatglücks in der ´Heimat´“.

Einmal abgesehen von der verqueren Sprachführung (auf den „Problemen des Pfads“ möchte man nicht ernstlich wandeln; der Genitiv am Satzende bezieht sich auf „Phantasien“; bei derlei „Phantasien […] des Privatglücks in der ´Heimat´“ wird einem ganz schwummerant) – die negative Konnotation von „Glück“ beziehungsweise „Privatglück“ einerseits und „Heimat“ – nun in Anführungszeichen – andererseits ist ungut. Dies stellt eine fatale Kapitulation vor den Söder, Seehofer & Salvini dar.

Fragte mich jemand, was denn meine „Heimat“ sei, würde ich vielleicht kurz zögern, aber dann doch antworten: „Oberschwaben“ und „Bodensee“. Zögern, weil das Substantiv inzwischen doch etwas fremd – weil CSU-belastet – erscheint. Wobei mir dann auch wieder die wunderbare TV-Serie von Edgar Reitz einfällt, die just den Titel „Heimat“ trägt: Und die in keiner Weise mit rechten Positionen belastet, sondern voll von solidarischer – gemeinschaftlicher – Liebe zur Heimat Hunsrück erfüllt ist.

Spätestens bei einer abgewandelten Adjektiv-Frage, der Frage, wo ich mich „heimatlich“ oder „heimatlich verbunden“ fühlte, gäbe ich ohne jegliches Zögern die genannte Antwort. Und ich würde an den 1. Mai in diesem Jahr erinnern, als es in meiner HEIMATstadt Ravensburg einen alternativen Ersten Mai zu feiern gab, den die Leute vom „Politischen Wohnzimmer“ in Ravensburg um Micha und Frank Matschinski und viele andere phantasiereich, bunt und heimatverbunden gestalteten; unter den mehr als hundert Anwesenden waren gut zwei Drittel Geflüchtete. Der Clown, der die Flüchtlingskids bespaßte, sprach schwäbisch – doch, was wunder: Er ward von den afghanischen, palästinensischen und irakischen Kindern sehr wohl verstanden.

Und wie sah das am vergangenen Sonntag auf dem Königsplatz in München aus, als fünfzigtausend gegen Söder, Seehofer & Salvini demonstrierten? Da gab es – wiedergegeben in der „Süddeutschen Zeitung“ (23.7.) – ein Transparent mit der Aufschrift „Home is where the Seehofer not is“. Diese Zeitung berichtet von einer Stefanie Stohwasser, „die vom Chiemsee gekommen ist und ein traditionelles Dirndl trägt. […] Das Dirndl hat sie extra angezogen: um zu zeigen, dass sie ´Bayern sich nicht wegnehmen lässt´“. In der Demo wurde – ganz bewusst getragen – eine Bayern-Fahne mitgeführt. Sein Träger wird zitiert mit: „Damit ich mich für Bayern nicht nur schämen muss“. Der von Josef Wirnshofer verfasste, verdienstvolle Seite-Drei-Artikel der SZ endet wie folgt: Die Kulturwissenschaftlerin Simone „Egger will gerade aufbrechen, da sammelt sich plötzlich eine Hochzeitsgruppe um die Bavaria. Männer in Dreadlocks und Trachtenjacken. Üppig tätowierte Frauen, deren Dirndlschürzen flattern, wenn sie lachen. Egger zückt ihr Smartphone, das muss sie fotografieren, genau das meint sie: Die Leute wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie Heimat aussieht.“

Ach ja. Und dann las ich gestern zu Bette in meiner derzeitigen nächtlichen Lust- und Pflichtlektüre Sätze, die mich förmlich elektrisierten und eine gute Stunde Schlafs kosteten: „Nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja -: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. […] Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rande der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. […] So widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Land lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht […] nehmen wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben.“

Kurt Tucholsky schrieb diese Sätze in einem Beitrag mit Titel „Heimat“ im Jahr 1929, angesichts eines damals aufziehenden Nationalismus. Man lese die zwei Seiten in Band 7, Gesammelte Werke (Rowohlt 1981), Seite 312 oder HIER und hier der Text:

Heimat

Aber einen Trost hast du immer, eine Zuflucht, ein Wegschweifen. Selbst auf Umgebungsflachheiten stehen Bäume, Wasseraugen schimmern dich an, Horizonte sind weit, und auch durch düstere Verhängung kommt noch Feldatem.
Alfons Goldschmidt: ›Deutschland heute‹

Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja –: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.

Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.

Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern –? Es gibt so schöne.

Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache – wir sagen ›Sie‹ zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das.

Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames – und für jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten Büchern, in noch dümmeren Versen und in Filmen schon so verfälscht, dass man sich beinah schämt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt … nein, wer gar nichts andres spürt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt … es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen – aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewußt sind und die doch tief im Blut sitzen.

Wir lieben es, trotz der schrecklichen Fehler in der verlogenen und anachronistischen Architektur, um die man einen weiten Bogen schlagen muß; wir versuchen, an solchen Monstrositäten vorbeizusehen; wir lieben das Land, obgleich in den Wäldern und auf den öffentlichen Plätzen manch Konditortortenbild eines Ferschten dräut – laß ihn dräuen, denken wir und wandern fort über die Wege der Heide, die schön ist, trotz alledem.

Manchmal ist diese Schönheit aristokratisch und nicht minder deutsch; ich vergesse nicht, dass um so ein Schloß hundert Bauern im Notstand gelebt haben, damit dieses hier gebaut werden konnte – aber es ist dennoch, dennoch schön. Dies soll hier kein Album werden, das man auf den Geburtstagstisch legt; es gibt so viele. Auch sind sie stets unvollständig – es gibt immer noch einen Fleck Deutschland, immer noch eine Ecke, noch eine Landschaft, die der Fotograf nicht mitgenommen hat … außerdem hat jeder sein Privat-Deutschland. Meines liegt im Norden. Es fängt in Mitteldeutschland an, wo die Luft so klar über den Dächern steht, und je weiter nordwärts man kommt, desto lauter schlägt das Herz, bis man die See wittert. Die See – Wie schon Kilometer vorher jeder Pfahl, jedes Strohdach plötzlich eine tiefere Bedeutung haben … wir stehen nur hier, sagen sie, weil gleich hinter uns das Meer liegt – für das Meer sind wir da. Windumweht steht der Busch, feiner Sand knirscht dir zwischen den Zähnen …

Die See. Unvergeßlich die Kindheitseindrücke; unverwischbar jede Stunde, die du dort verbracht hast – und jedes Jahr wieder die Freude und das »Guten Tag!« und wenn das Mittelländische Meer noch so blau ist … die deutsche See. Und der Buchenwald; und das Moos, auf dem es sich weich geht, dass der Schritt nicht zu hören ist; und der kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die Mücken tanzen – man kann die Bäume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust, verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ›Deutschland, Deutschland über alles‹ bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem – niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll:

Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.

Kurt Tucholsky
Aus: Deutschland, Deutschland.

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