Caracas. Samstag, 4. August 2018, 5:41 Uhr des späten Nachmittags. Auf der über die Landesgrenzen hinaus bekannten Avenida Bolívar ehrt die venezolanische Regierung mit einer festlichen Gala-Parade den 81. Jahrestag der Gründung der Bolivarischen Nationalgarde. Auf einer Tribüne hält Präsident Nicolás Maduro eine kämpferische Festrede mit einem Aufruf, nun sei die Zeit für die wirtschaftliche Erholung Venezuelas gekommen. Ein Bericht von Frederico Füllgraf.

In der Video-Live-Übertragung ist plötzlich ein Knall zu hören. Maduro und die ihn Umgebenden, darunter seine Ehefrau Cilia Flores, zucken zusammen, schauen besorgt nach oben. Für Momente wird die Rede unterbrochen. Im Schnittbild einer zweiten Kamera ist zu sehen, wie die auf der Allee strammstehenden Soldaten die Reihen der Gedenkfeier brechen und in sämtliche Himmelsrichtungen davonlaufen, um in Deckung zu gehen. Die Übertragung wird nun endgültig unterbrochen.

Über soziale Netzwerke wird Minuten später ein Videoausschnitt verbreitet, der die blitzschnelle Sicherung Maduros mit Schildern und selbst einem Regenschirm durch seine Leibwächter zeigt. Im Hintergrund sind der geschriene Befehl „In Deckung, in Deckung – abschotten, Castillo!“ und die aufheulenden Sirenen losbrausender Regierungsfahrzeuge zu hören.

Drohnen mit Sprengstoff und offizielle Reaktionen

In einer schon kurze Zeit später landesweit ausgestrahlten Fernsehübertragung erklärte Informationsminister Jorge Rodríguez, erste Untersuchungen hätten „eindeutig belegt, dass es sich um ein Attentat mit drohnenähnlichen Fluggeräten auf die Person des verfassungsmäßigen Präsidenten der Bolivarischen Republik Venezuela, Nicolás Maduro Moro”, gehandelt habe. Laut Rodríguez hätten „mehrere Fluggeräte in der Nähe der Präsidenten-Tribüne und Teilbereichen der Parade Sprengladungen detonieren lassen”. Innenminister Néstor Reverol machte am 5. August nähere Angaben zum Geschehen. So seien zwei Drohnen, beladen mit je 1,0 Kg des C4-Plastiksprengstoffs, explodiert, bevor sie ihr Ziel erreichten. Der Anschlag habe niemanden getötet, jedoch sieben Gendarmen der Bolivarischen Nationalgarde verletzt.

In einem halbstündigen Fernsehauftritt am späteren Samstagabend schilderte der Staatspräsident die Vorgänge aus erster Hand. „Ein Fluggerät explodierte vor mir – eine beeindruckende Explosion, Kameraden! … Zunächst dachte ich, da seien Feuerwerke außer Kontrolle geraten oder so ein Ding sei zum Abschluss des Festakts abgefeuert worden … Doch dann bemerkte ich, dass alle Soldaten noch strammstanden, als plötzlich – innerhalb weniger Sekunden, vielleicht Bruchteilen von Sekunden – eine zweite Explosion hinter der Tribüne zu hören war, wo die Vertrauten und ihre Familienangehörigen auf meiner rechten Seite standen; was Sie auf den Bildern sehen können, in denen Menschen vor der Druckwelle davonlaufen…”.

Überraschend – man könnte auch sagen, etwas überstürzt – wirkte allerdings Innenminister Reverols Mitteilung auf einer Pressekonferenz, sechs der am Attentat Beteiligten seien bereits verhaftet, „des Terrorismus und des missglückten Magnizids” angeklagt worden. Gegen einen der Inhaftierten lägen seit August 2017 Haftbefehle für die Teilnahme am Angriff auf die Militärkaserne Paramacay vor. Bei einem zweiten Beschuldigten handele es sich um einen Gewalttäter aus dem Umfeld der als Guarimbas bekannten Straßensperren, der 2014 zwar festgenommen, doch mit einem Verfahrensvorteil wieder auf freien Fuß gesetzt worden war. Über die übrigen Beschuldigten machte Reverol keine Angaben, erklärte jedoch, weitere Verhaftungen seien nicht ausgeschlossen.

Präsident Maduro und Außenminister Jorge Arreaza beeilten sich mit der Unterstellung, die Ermittlungen deuteten auf das benachbarte Kolumbien und das US-amerikanische Florida als Brennpunkte der Verschwörung (Venezuela. Arreaza: Las investigaciones arrojan como puntos focales de la conspiración a Florida y Bogotá – Resumen Latinoamericano, 05. August 2018). Maduro begründete seinen Vorwurf gegen Kolumbien mit Verweis auf Worte des noch amtierenden Präsidenten Juan Manuel Santos, wonach die venezolanische Regierung auf dem Sterbebett läge. „Santos brauchte solch ein Erfolgserlebnis, bevor er am 7. August abdankt“, provozierte der venezolanische Präsident während seiner Fernsehansprache.

Es steht zwar außer Zweifel, dass Kolumbiens rechtsradikaler Ex-Präsident Álvaro Uribe in der Vergangenheit in die Anheuerung von Killern für Anschläge in Venezuela involviert war, doch die Vorlage, wenn nicht von Beweisen, so doch von einwandfreien Indizien, hätte wohl der Anschuldigung gegen Santos die erwünschte Glaubwürdigkeit verliehen.

Journalisten-Festnahmen

Während der Wirren über den Anschlag berichtete vom Samstag auf Sonntag die venezolanische Bundesgewerkschaft der Medien-Angestellten (SNTP), sieben Journalisten seien für mehrere Stunden während und nach dem Attentat vom Militär in Caracas festgenommen worden. Zunächst twitterte SNTP, Journalisten und Angestellte von VIVOPlay und TV Venezuela – darunter Neidy Freytes, Cesar Diaz und Alfredo Valera – würden an unbekanntem Aufenthaltsort festgehalten. Dem folgte die Mitteilung, César Saavedra, Kameramann des privaten TV-Senders Telemundo, der die Explosionen aufgezeichnet hatte, sowie Kameramann Yornel Morales vom Sender Caracol und die Reporter Alejandro Carreño und Fernando Llano von Globovisión und Associated Press seien auch „verschwunden”.

Nach SNTP-Angaben hätten „Beamte der Bolivarischen Nationalgarde (GNB), nachdem die erste Explosion in der Nähe der Avenida Bolivar zu hören war, Kamera und Übertragungstechnik der Teams von VIVOPlay und TV Venezuela beschlagnahmt”. Wenige Stunden später bestätigte SNTP „die Freilassung aller inhaftierten Medienmitarbeiter … Die sieben, die von der Generaldirektion für militärische Spionageabwehr festgenommen wurden, sind bereits in Sicherheit” (La prensa venezolana denuncia que siete periodistas fueron detenidos durante el atentado contra Maduro – ABC Internacional, 05. August 2018).

Jedoch mit einem letzten Tweet vom 5. August um 12:02 Uhr mittags, mit dem Hashtag #ALERTA, warnte die Gewerkschaft, in Wirklichkeit seien insgesamt „11 Journalisten und Medienschaffende willkürlich festgenommen worden, von denen einige geschlagen, andere beraubt” wurden. „Wir lehnen diese Umtriebe ab und fordern die Bestrafung der Verantwortlichen für die Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Opfer und des gemeinschaftlichen Anrechts auf Information”, hieß es in der Erklärung.

Gänsefüßchen trotz Bekenner-Manifest: Relativierungen und Verschwörungstheorien

Kurz nach den Explosionen stellten die überwiegend regierungskritischen einheimischen und internationalen „Leitmedien” die offizielle Version infrage. Von der US-amerikanischen CNN über die Londoner BBC (Venezuela: lo que se sabe del “atentado” en contra del presidente Nicolás Maduro y del grupo que se lo atribuyó – 05. August 2018) und dem Guardian (Venezuela’s Nicolás Maduro survives apparent assassination attempt – 05. August 2018) bis zur Berliner Morgenpost des Springer-Konzerns (War Vorfall in Venezuela Attentat oder Inszenierung? – 05. August 2018) wurde das Attentat entweder mit Anführungszeichen oder mit Adjektiven wie „mutmaßlich” und „angeblich” relativiert.

Zunächst wurden vermutliche Augenzeugen, darunter Feuerwehrleute, zitiert, die behaupteten, es habe sich nicht um mit Sprengstoff bestückte Drohnen gehandelt, sondern um die Explosion eines Gasbehälters in einem Gebäude an der Avenida Bolívar. Obwohl diese Version sehr bald mit der Dokumentation vom Einschlag einer Drohne in ein Mietshochhaus (siehe Foto) entkräftet wurde, führten Vertreter der Theorie eines selbstinszenierten Anschlags ins Feld, damit habe die Maduro-Regierung von der Warnung des IWF ablenken wollen, der Ende Juli erklärt hatte, die Inflation in dem südamerikanischen Ölstaat werde eine Million Prozent zum Jahresende 2018 erreichen.

Dies sei nicht das erste Mal, dass Präsident Maduro einen Anschlag gegen sich anprangere und auch diesmal keine Beweise zur Unterstützung seiner Anschuldigungen
vorgelegt habe, monierte BBC. Skeptizismus sei zum Teil deshalb berechtigt, weil die offizielle Übertragung der Veranstaltung keine Drohne gezeigt habe, noch sei nach lokalen Medienberichten solch ein Flugkörper von Beteiligten an der Gedenkfeier gesehen worden. Dabei fragt sich doch auch der erfahrene Leser, unter welchen Umständen und wieviel Zeit gewissenhafte Redakteure für Internationales mangels eigener Vor-Ort-Korrespondenten sich – wenn überhaupt – für ihre Recherchen nehmen.

Auch diese Schlussfolgerungen waren überstürzt. Sie wurden ein zweites Mal mit der Verbreitung eines Drohnen-Videos des u.a. für die Zeitschrift Vice und Amnesty International tätigen Fotojournalisten und Kameramanns Daniel Blanco entkräftet.

Klaus Ehringfeld von der Berliner Morgenpost leistete sich ein Oxymoron mit Lachnummer. „Nicolás Maduro ist wohl einem Angriff auf sein Leben entgangen. Doch gab es wirklich ein Attentat auf den venezolanischen Präsidenten?”, schrieb er in seinem Einleitungssatz.

Noch gäbe es „mehr Fragen als Gewissheiten im Zusammenhang mir [sic!] den beiden Detonationen, durch die auch sieben Mitglieder der GNB verletzt wurden und die Panik bei Tausenden Soldaten und Nationalgardisten”, führte Ehringfeld zur Bekräftigung der Skepsis an der Version der Regierung an, relativierte jedoch zum Schluss seine eigene Vorbehalte mit dem Hinweis, „der Theorie der Selbstinszenierung widerspricht aber ein Bekennerschreiben einer abtrünnigen, bisher unbekannten Gruppe Militärs auf [sic!], die sich ´Soldados de franela´ (Stoff-Soldaten) nennen, weil sie sich das Gesicht angeblich mit einem Stück Stoff vermummen …”.

Die “Flanell-Soldaten”

Mit dem Tweet vom 4. August 2018 20:18 Uhr bekannte sich eine auf Twitter unter dem Namen “Flanell-Soldaten” auftretende Gruppe zu dem Attentat und erklärte: „Mit dem Unternehmen sollten 2 mit C4 beladene Drohnen fliegen. Ziel war die Präsidenten-Tribüne. Scharfschützen der Ehrengarde schossen die Drohnen ab, bevor sie das Ziel erreichten. Wir haben dennoch gezeigt, dass sie verwundbar sind. Es (das Ziel) wurde heute nicht erreicht, es ist aber nur eine Frage der Zeit”.

Die „Flanell-Soldaten“ behaupten, ihre Reihen setzen sich aus „patriotischen und loyal zu den Menschen in Venezuela stehenden, militärischen und zivilen Mitgliedern” zusammen, die von „Rechts- und Verfassungsloyalität“ bewegt seien (El grupo que se atribuye el presunto atentado contra Maduro en Venezuela – La Tercera, 05. August 2018). Obwohl Propagandazwecken dienlich, ist der Hinweis der Gruppe, sie sei unter „Offizieren, Unteroffizieren, Klassen und Soldaten, die bereit sind, ihr Leben aufzuopfern” verankert, durchaus glaubhaft. Querverbindungen zu bzw. Rekrutierungen im Umfeld der Hubschrauber-Attentäter vom Juli 2017 sind jedenfalls naheliegend. Sie erklären die verständliche, jedoch restriktive Informationspolitik der Regierung Maduro über die Hintermänner des Anschlags und das eventuelle Ausmaß abtrünniger Militärs im Bündnis mit rechtsradikalen Barrikaden-Helden.

Die „Flanell-Soldaten“ sprechen bekanntermaßen und fatalerweise „im Namen” der
Bolivarischen Nationalen Streitkräfte (FANB), auf deren Treue Präsident Maduro schwört, auf deren zunehmender Untreue umgekehrt die in covert operations des Irak-Krieges erprobte Agentur Stratfor wettet, worauf ich vor einem knappen Jahr auf den NachDenkSeiten hingewiesen habe.

Die Attentäter prangern an, dass „viele staatliche Einrichtungen Buchstabe und Geist der Verfassung ignoriert haben”, weshalb „die FANB beschlossen” hätten, „einen Kampf zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit, Unabhängigkeit, Souveränität der Nation, der territorialen Integrität und der öffentlichen Ordnung“ zu führen. Bei erstem Hinhören ein durchaus anerkennenswertes Gelöbnis auf den demokratischen Rechtsstaat – bei genauerem Hinschauen eine denkbare Falle der rechtsradikalen Opposition im Verbund mit US-amerikanischen Regime-Changern.

Im Redeschwall der Schwüre und Wetten darf angenommen werden, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Sicherheitsapparat der Maduro-Regierung seit geraumer Zeit prüft, welche Durchschlagskraft solche patriotisch und verfassungstreu tönenden Bekenntnisse in der Truppe besitzen.

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