„Integriert doch erst mal uns!“

Udo Brandes
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So heißt „Eine Streitschrift für den Osten“ (Untertitel), die von der sächsischen SPD-Politikerin Petra Köpping verfasst wurde. Sie ist seit 2009 Mitglied des Sächsischen Landtages und seit 2014 Staatssekretärin für Gleichstellung und Integration bei der sächsischen Landesregierung. In ihrem Buch geht sie der Frage nach, warum das Misstrauen und die Distanz zur Demokratie in Ostdeutschland so groß sind und woher die dort immer wieder zu beobachtende Wut kommt. Udo Brandes hat das Buch für die NachDenkSeiten gelesen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Auslöser für Köppings Buch war ihre Leipziger Rede am Reformationstag 2016. Darin forderte sie, dass die Nachwendezeit wieder auf den Tisch müsse, um die vielfältigen Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten aufzuarbeiten. Denn darin sah sie aufgrund ihrer Erfahrungen aus einer Vielzahl von Gesprächen mit sächsischen Bürgern – unter anderem am Rande von Pegida-Demonstrationen – die eigentliche Ursache für die enorme Wut in Ostdeutschland. Auf einer dieser Demonstrationen hatte ihr ein aufgebrachter Bürger zugerufen: „Sie immer mit Ihren Flüchtlingen! Integriert doch erst mal uns!“ Diese zwei Sätze waren für sie ein Schlüsselerlebnis:

„Diese Aussage brachte es auf den Punkt: Hier (gemeint sind die Demonstrationen; UB) geht es anscheinend bei vielen gar nicht um das Thema Flüchtlinge. Diese waren nur Projektionsfläche für eine tiefer liegende Wut und Kritik. Damit will ich überhaupt nicht die vielen echten Rassisten entschuldigen oder relativieren. (…) Mir ist klar, wir haben ein dramatisches Rechtsextremismus-Problem“ (S. 9).

Die Leipziger Rede von Petra Köpping löste ein enormes Echo aus:

„Ich hatte einen wunden Punkt getroffen. Seitdem habe ich Hunderte von Briefen, E-Mails und Nachrichten bekommen, zumeist gefüllt mit Tränen, Wut, Fragen und Hoffnungen. Ich bekam viele Briefe, die mich unterstützen. Übrigens auch aus Westdeutschland. Viele Gesprächspartner waren völlig überrascht, als sie etwa von dem ‚Problem der geschiedenen Frauen in der DDR’ hörten. Davon hatten sie nie etwas erfahren“ (S. 10).

Im Westen weiterhin Häme und Spott

Allerdings, so Köpping, sei diese Debatte seit 2016 fast ausschließlich in Ostdeutschland geführt worden. Im Westen habe davon kaum jemand etwas mitbekommen:

„Im Gegenteil. Im Zuge der Aufmärsche von Pegida und der Wahlerfolge der AFD ergoss sich erneut Spott, Schulmeisterei und Häme über den Osten, was hierzulande zu einer typischen Wagenburgmentalität – wie meist in solchen Fällen – führte. In Wagenburgen beginnt man aber keine kritischen Diskussionen unter sich, sondern man verteidigt sich verbissen gegen alle Angriffe. Aber so kommen wir nicht weiter“ (S. 11).

Deshalb habe sie beschlossen, die Debatte über das Thema mit einem Buch deutschlandweit zu forcieren. Mit vielen Beispielen, von der Politik der Treuhand bis hin zu den Folgen des Scheidungsrechts und des Rentenrechts, der Dominanz der Wessis in den Führungspositionen ostdeutscher Unternehmen und Institutionen und der Arroganz der „Sieger“ belegt sie anschaulich, dass die ostdeutsche Bevölkerung völlig zu Recht Wut im Bauch hat. Weil in ganz vielen Fällen ganze Leben entwertet und ruiniert wurden:

„Von manchen wird der wirtschaftliche Zusammenbruch 1990 als normale ‚schöpferische Zerstörung’ beschrieben, wie sie nun einmal im Kapitalismus stattfindet. Doch diese allein auf ökonomischen und manchmal auch ökologischen Argumenten erfolgte Zuschreibung macht Millionen von Beschäftigten zu bloßen Kollateralschäden. Doch gerade weil die Arbeitsstelle in der DDR einen enormen Stellenwert hatte, resultieren aus der Ignoranz gegenüber dem Schicksal vieler Ostdeutscher nachhaltige Kränkungs- und Demütigungsgefühle. Und selbst bei jenen, die sich letztlich wirtschaftlich erfolgreich durchgekämpft haben, steckt weiterhin dieser Stachel im Fleisch. Viele im Westen wissen zudem nicht: Der Betrieb bedeutete viel mehr: Er war Anknüpfungspunkt für den Sportverein, das Kulturhaus, die Apotheke und das gesamte soziale Umfeld. Nicht nur der Betrieb wurde also 1990 geschlossen, sondern auch das soziale Umfeld litt darunter. Vieles verschwand von einem Tag auf den anderen“ (S. 34-35).

Ist es da ein Wunder, dass die Demokratie in Ostdeutschland keineswegs nur Begeisterung auslöste? Zumal die Diktatur ja in anderer Form wieder zurückkehrte. Das Zitat eines Ostdeutschen bringt diese Erfahrung vieler gut auf den Punkt:

„Früher durfte ich auf der Arbeit alles sagen, musste aber den Mund halten, wenn es gegen die Regierung ging. Heute ist es umgekehrt“ (S. 54).

Ganze Fabriken wurden an Westdeutsche verschenkt

Die vielen Demütigungen der ostdeutschen Bevölkerung dokumentiert Köpping eindrucksvoll. Immer wieder bekamen Ostdeutsche im Alltag der Nachwendezeit eine Botschaft vermittelt: Ihr seid nicht gleichwertig. Ihr seid Menschen zweiter Klasse. Dazu mal einige Beispiele. Ostdeutsche hatten im Regelfall keine großen Besitztümer geerbt und bekamen deshalb keine Kredite,

„während so mancher westdeutscher Glücksritter jede Förderung bekam. Ich erinnere mich, wir hatten damals in Colditz ein Konzept für eine Emaille-Fabrik: Wir haben keine Kredite bekommen. Wir sind an der Finanzierung gescheitert, nicht am Konzept oder am Kaufpreis“ (S. 183).

Die Treuhand habe die Fabrik dann an einen westdeutschen Unternehmer verkauft – für genau eine Deutsche Mark. Solche Erlebnisse und Erfahrungen gab es massenhaft. Hier ein weiteres Beispiel:

„Nehmen wir die ehemalige Margarethenhütte im sächsischen Großdubrau. Sie war damals Arbeitsstätte für 800 Menschen in einer strukturschwachen Region bei Bautzen. Diese Keramikfabrik hat zu DDR-Zeiten Hochspannungsisolatoren hergestellt, die zu 80 Prozent in die ganze Welt, und also auch in den kapitalistischen Westen exportiert wurden. Laut den damaligen Ingenieuren war die Fabrik mit modernen Maschinen aus der Schweiz ausgestattet. Wahrscheinlich war vielen Mitarbeitern nach der Wiedervereinigung klar, dass einige Arbeitskräfte wegfallen. Aber die meisten waren eben doch überzeugt, dass man für die neue Zeit gut aufgestellt wäre. Plötzlich hieß es aber über Nacht, der Betrieb müsse geschlossen werden. Es wurde behauptet, alles sei völlig veraltet und marode. Doch das ist nicht alles: Die ehemaligen Ingenieure erzählten mir, wie nachts die wichtigsten Betriebsunterlagen und Porzellan-Rezepturen sowie die letzten Mitarbeiterlöhne samt Tresor weggeschleppt und auch die wichtigsten Maschinen ausgebaut wurden. Ich kann nur wie die ganze Belegschaft vermuten: das geschah zugunsten der Konkurrenz. Bis heute erleben die Betroffenen die Ereignisse von damals als Betrug: Als Betrug an ihrer Region und ihrem Leben. Als Betrug von westdeutschen Kapitalisten an ostdeutschen Arbeitern, die damals hoffnungsfroh in die Deutsche Einheit starten wollten. Aber eben auch als Betrug an ihrer Lebensleistung, denn die neuen, meist westdeutschen Eigentümer hatten auch ihre Entwicklungsleistungen wie zum Beispiel die Patente einfach mitgenommen. Die ostdeutschen Entwickler blieben zurück und standen vor dem Nichts“ (S. 25).

Was damals gesellschaftlich passierte, veranschaulicht eine Zahl sehr gut: Bis 1994 fielen 80 Prozent des von der Treuhandanstalt verwalteten ehemals ostdeutschen Produktionsvermögens an Westdeutsche, 14 Prozent an Ausländer und sechs Prozent an DDR-Bürger. Begleitet wurde dieser Enteignungsprozess von herabsetzenden medialen Debatten. Etwa wenn die prominente Schauspielerin Uschi Glas in der Talkshow „Markus Lanz“ behauptete, im Osten seien die Menschen zu unterqualifiziert, um einen Mindestlohn zu rechtfertigen. Und Uschi Glas ist nur ein Beispiel für herabsetzende Debatten über Ostdeutsche. Ich habe es nicht mehr genau in Erinnerung, halte es aber für sehr wahrscheinlich zutreffend, wenn Köpping in diesem Zusammenhang mit der Studie des Historikers Philipp Ther argumentiert. Dieser ist zu dem Ergebnis gekommen ist, dass Helmut Kohl in seinem Wahlkampf 1994 die „Probleme im Osten“ zu „Problemen des Ostens“ gemacht habe – und dass Kohls Wahlkampfberater die Erfinder des „Jammer-Ossies“ gewesen seien.

Zu Recht erinnert Köpping uns Westdeutsche daran, dass auch wir uns in Bezug auf die Flüchtlinge aus Ostdeutschland seinerzeit nicht mit Ruhm bekleckert haben. Sie zitiert dazu aus einem Spiegelbericht von 1990:

„Vor allem bei den Ärmeren im Lande, die sich durch die Konkurrenz aus dem Osten noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt sehen, kocht nun der Hass hoch. (…) Immer häufiger reagierten ortsansässige Wohnungssuchende mit ‚nackter Wut’ auf die DDR-Konkurrenz“ (S.81).

Köppings Schlussfolgerung:

„Die Westdeutschen haben damals uns Ostdeutsche so schäbig behandelt wie manche Ostdeutsche heutige Flüchtlinge. ‚Dunkeldeutschland’ (ein Begriff, den Ex-Bundespräsident Joachim Gauck verwendete; UB) gibt es in Ost und West“ (S. 81).

Wie wahr!

All diese Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten, die den Ostdeutschen angetan worden sind, erforderten, so Köpping, eine systematische Aufarbeitung. Denn:

„Kränkungen vergisst man nicht – sie prägen weiter, wenn sie nicht bearbeitet werden. Und werden weitergegeben“ (S. 144).

Dazu macht sie eine Vielzahl von Vorschlägen, die ich hier im Detail aus Platzgründen nicht mehr aufführen kann. Zum Schluss möchte ich aber noch eine wichtige Stelle aus ihrem Buch zitieren. Die Autorin geht in einem Kapitel der Frage nach, warum die Aufarbeitung der Nachwendezeit in Ostdeutschland bisher nicht funktioniert hat. Unter anderem nennt sie folgenden Grund:

„Und nicht zuletzt haben die Konservativen und Wirtschaftsliberalen keinerlei Interesse an der Aufarbeitung der Wendezeit, da sich gerade in der Nachwendezeit die enorme soziale Ungerechtigkeit und die gesellschaftlichen Verwerfungen einer ungezügelten Marktwirtschaft zeigten. Und man darf gern beiläufig mit einer Mär aufräumen: Die CDU hat sich nie ‚sozialdemokratisiert’, wie das in den Medien immer wieder behauptet wird. Das ist schlicht falsch. Sie hat sich lediglich liberalisiert, wie beim Familien-Thema etwa. Hingegen hat sie sich immer gegen jede Umverteilung und damit auch gegen die soziale Reparatur der Nachwendefolgen gewehrt: Sie war lange Zeit gegen einen in Ost und West einheitlichen Mindestlohn, gegen die Rentenangleichung von Ost und West, und sie ist weiterhin gegen Steuererhöhungen für Reiche und Vermögende“ (S. 134).

Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen!

Köppings Buch bietet jedem, der sich für diese Thematik interessiert, einen guten Einblick in die Probleme der ostdeutschen (und damit letztlich auch der westdeutschen) Gesellschaft. Die vielen Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten, die die Ostdeutschen ertragen mussten, sind im Westen kaum bekannt. Dadurch wird verständlich, warum es insbesondere im Osten gesellschaftlich so rumort und kracht. Gleichzeitig lernt man als Westdeutscher, dass die DDR in vielen Bereichen sehr modern und fortschrittlich war, und vieles was heute als „Innovation“ verkauft wird, in Ostdeutschland schon längst existierte. So war zum Beispiel das DDR-Schulsystem die Blaupause für das weltweit gelobte finnische Schulsystem. Das Buch von Petra Köpping trägt so auch zu einem differenzierteren Bild der DDR bei, die im Westen oft nur einseitig unter dem Aspekt „Dikatur“ und „Unrechtsstaat“ gesehen wird. Ich kann das Buch deshalb nur empfehlen, auch wenn es stilistisch bisweilen etwas holprig geschrieben ist.

Bei der Rezension eines Buches muss immer eine Auswahl wichtiger Inhalte getroffen werden, da der Text ansonsten unendlich lang würde. So eine Auswahl ist aber zwangsläufig immer auch etwas subjektiv. Deshalb hier noch als Service für den Leser ein ausführliches Inhaltsverzeichnis. So kann sich jeder Leser ein eigenes Bild vom Inhalt machen.

Ausführliches Inhaltsverzeichnis

  1. Ist nicht alles schon gesagt?
    Warum eine Streitschrift über den Osten Deutschlands notwendig ist
  2. Totengräber der ostdeutschen Wirtschaft?
    Die Treuhandanstalt und die Folgen ihrer Politik
  3. Konkrete Folgen der Nachwendezeit
    Ungerechtigkeiten, die bis heute bestehen
  4. Von Aufstiegen und Abstiegen
    Die Entwertung des ganzen Lebens
  5. Wo sind die ostdeutschen Eliten?
    Warum der Westen noch immer den Osten beherrscht
  6. „Es ändert sich doch sowieso nichts“ – oder doch?
    Folgerungen und Forderungen für den Osten Deutschlands
  7. Anhang
    Rede zum Politischen Reformationstag der SPD 2016
  8. Anmerkungen
  9. Literaturverzeichnis
  10. Angaben zur Autorin

Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten, Christoph Links Verlag, Berlin, 3. Auflage 2018, 204 Seiten, 18,00 Euro.

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