Trennung von Betrieb und Netz – Fortsetzung einer wichtigen Debatte

Ein Artikel von:

Bei der am 23. November in den NachDenkSeiten – Grüne Fehleinschätzung: Trennung von Netz und Betrieb der Bahn – aufgeworfenen Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, beim Schienenverkehr die Trennung von Betrieb und Netz anzustreben, gehen die Meinungen und Welten weit auseinander. Einer unserer Leser meint, bei modernen Bahnsystemen bildeten Netz und Betrieb eine informationstechnische Einheit. Ein anderer berichtet davon, die Verantwortlichen bei der Bahn hätten den Wettbewerbern bei der Nutzung des Netzes ständig Steine in den Weg gelegt. Ein anderer macht auf das analoge Problem bei der Trennung von Betrieb und Netz in der Energiewirtschaft aufmerksam. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

1. Leserbrief:

Liebe Nachdenkseiten

Ich bin Euch dankbar, dass Ihr die Forderung von Hofreiter, Netz und Betrieb bei der Bahn zu trennen, kritisiert habt. Das ist so eine Modelleisenbahnervorstellung, welcher Hofreiter da anhängt, die völlig vernachlässigt, wie bei modernen Bahnsystemen Netz und Betrieb eine informationstechnische Einheit bilden. Deshalb wird niemand in Japan oder Frankreich eine Trennung von Netz und Betrieb bei Hochgeschwindigkeitszügen, die Tempo 300km/h fahren, sich wünschen.

Wer auch nur ein wenig die Betriebsleittechnik moderner Bahnen kennt und sich dann vorstellt, was passiert, wenn etwas passiert und warum, der wird ganz schnell den Gedanken von Herrn Hofreiter nicht weiter verfolgen wollen.

Richtig ist, dass bei manchen regionalen Bahnstrecken, die noch traditionell betrieben werden, im Grunde mit einer Betriebsleittechnik wie vor hundert Jahren, eine Trennung von Netz und Betrieb möglich erscheint.

Richtig ist aber auch, dass eine moderne Bahn mit extrem schnellen und dicht aufeinanderfolgenden Zügen eine solche Trennung zu einem lebensgefährlichen Unterfangen macht.

Uwe Thomas
Landesminister für Wirtschaft, Technik und Verkehr a.D. von Schleswig-Holstein


2. Leserbrief von Dirk Löhr:

ich hatte ja in den 90er Jahren das zweifelhafte Vergnügen, drei Jahre lang für die kaufmännische Seite des Fernverkehrs in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland verantwortlich gewesen zu sein. Ich könnte Herrn Müller viele spannende Geschichten erzählen (aus einer könnte man wirklich einen Film machen), wie wir (auch ich) Konkurrenten Steine in den Weg gelegt haben. Das Recht auf freien Netzzugang war das Papier nicht wert, auf dem es stand. Ich gehe davon aus, dass es mittlerweile ein wenig besser geworden ist, aber wenn ich mit den Bediensteten von Vlexx etc. spreche, habe ich auch den Eindruck, dass die Konkurrenz von der DB AG immer noch sauber ausgebremst wird. Hier liegen die Grünen mal zur Abwechslung goldrichtig. Ein neutrales Netz, und Wettbewerb im Betrieb. Verhindern will dies eine unheilige Allianz aus den (ehemals) großen Parteien und Gewerkschaften, zu Lasten der Bahnkunden.

Beste Grüße
Dirk Löhr

Antwort Albrecht Müller:

Lieber Herr Löhr,

vielen Dank für Ihre Mail und die Kritik an meinem Eintrag. Wenn ich Bahnchef wäre, dann würde ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anweisen, genauso zu mauern, wie Sie das beschreiben. Denn die Trennung von Betrieb und Netz ist ein Abenteuer, dass weder technisch noch ökonomisch durchdacht ist. …

Mit freundlichen Grüßen
Albrecht Müller


3. Leserbrief:

Betreffend Energieversorger und die Trennung von Netz und Betrieb:

Hallo, ich war jahrelang Geschäftsführer eines Energieversorgers. Dort wurden Netz und Vertrieb auch getrennt, weil man durch Wettbewerb im Netz und im Vertrieb die Netznutzungsentgelte und Preise senken wollte. Es lohnt sich, auf die entsprechende Entwicklung zu schauen: die Netzentgelte sind unaufhörlich gestiegen, weil die Regulierungsanforderungen ständig neue Software und Prozesse erforderten. Im Vertrieb ist lediglich das „amerikanische Modell“ herausgekommen. Das bedeutet Verarschung der Kunden durch Verschleierung. Alle Billigangebote auf 3 Jahre gerechnet ergeben ganz normale Preise, wenn die Boni mit Preiserhöhungen relativiert sind. Neukundenpreise sind ein Unding. Usw. …

Liebe Grüße an die Redaktion und danke für Ihre unermüdliche Aufklärungsarbeit.

Nachtrag: Wir werden die Debatte fortsetzen. Vermutlich mit einer detaillierteren Beschreibung der Vorgänge bei der Energiewirtschaft.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!