Adenauer-Ruine: Verkauf an unbekannten Großunternehmer
Adenauer-Ruine: Verkauf an unbekannten Großunternehmer

Adenauer-Ruine: Verkauf an unbekannten Großunternehmer

Werner Rügemer
Ein Artikel von Werner Rügemer | Verantwortlicher: Redaktion

Werner Rügemer berichtet von Adenauers Regierungssitzgewohnheiten und den erkennbaren Abhängigkeiten. Wenn man das liest, könnte man fast auf die Idee kommen, die Zeiten seien schon mal schlimmer gewesen als heute. Noch schlimmer. Das geht eigentlich nicht. Albrecht Müller.

Von Werner Rügemer

Bundesdeutsche Industrielle bauten 1955 für Adenauer auf einem einsamen Hügel in der Südeifel heimlich einen Neben-Regierungssitz. Doch das drohte zum Skandal zu werden. Seit 1956 verrottet die dreistöckige 600 Quadratmeter-Luxusvilla vor sich hin. Adenauers Neben-Regierungssitz wurde schnell nach Cadenabbia in Italien verlegt. Jetzt, über sechs Jahrzehnte später, im Januar 2019, wurde die Eifel-Ruine verhökert – Symbol für das politische Erbe des Gründungskanzlers.

AEG-Konzernchef stellt Bauantrag

Am 11. Juli 1955 stellte Dr. Friedrich Spennrath aus Berlin beim Landratsamt Prüm den Bauantrag für ein Jagd-, Wochenend- und Gästehaus. Es sollte auf einem einsamen, 605 Meter hohen Berg zwischen den Dörfchen Steffeln und Duppach errichtet werden. Es sollte auf einem von Spennrath bereits gekauften Grundstück von 2040 Quadratmetern drei Stockwerke mit 600 Quadratmetern für zahlreiche Zimmer, auch für Bedienstete, den Hausmeister und drei Chauffeure umfassen. Eine überdachte Terrasse und stockwerkshohe Großfenster, die weiten Blick über die Landschaft ermöglichen sollten, gehörten ebenso dazu wie ein großer Innen- und ein Außenkamin. In einem stattlichen Blockhaus sollte des Kanzlers Leibwache ihre Schichten schieben. Auch ein atombombensicherer Bunker und ein Hubschrauberlandeplatz waren vorgesehen, berichtete jetzt das ZDF.[1] Der Bauantrag war bereits nach 12 Tagen genehmigt, obwohl es keinerlei Straßen-, Wasser-, Abwasser- und Elektroanschlüsse gab. Sofort rückten Baufirmen und Handwerker an.[2]

Antragsteller Spennrath war nicht irgendwer. Er war als Mitglied des katholischen Zentrums Beigeordneter im Leitungsgremium des Kölner Oberbürgermeisters Adenauer gewesen. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft. 1931 war Spennrath in den Vorstand des Elektrokonzerns AEG aufgestiegen. Dort verschaffte er 1934 Adenauers ältestem Sohn Konrad einen Managerposten. Adenauer und Spennrath blieben während der Nazizeit in Verbindung. Nach dem Krieg wurde der Freund AEG-Vorstandschef, Aufsichtsratsmitglied in zahlreichen Unternehmen, Präsidialmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Präsident der Berliner IHK. In Berlin war er Kontaktmann zu den westlichen Alliierten.

Spennrath handelte im Projekt der Eifel-Villa in Absprache mit anderen Industriellen, die seit den 1920er Jahren und dann auch wieder nach 1945 ihren politischen Liebling Adenauer und die neuen christlichen Parteien auf vielfältige Weise unterstützten. Das barmherzige christliche Mäntelchen, zunächst mit dem katholischen Zentrum, dann mit der überkonfessionellen CDU, war ideal für unbarmherzige Kapital-Interessen.

So war Spennrath auch Mitglied im Präsidium der Staatsbürgerlichen Vereinigung von 1954 e.V., zusammen mit Adenauers Finanzberater Robert Pferdmenges von der Bank Sal. Oppenheim: Über diese Vereinigung wurden durch illegale, aber steuerbegünstigte Spenden von Bayer, Bosch, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Siemens, Unilever, Henkel, Mannesmann, Reemtsma, VEBA, Otto Wolff von Amerongen, Zentis usw. die offiziellen wie schwarzen Kassen der CDU und die persönlichen des Bundeskanzlers gefüllt, über Stiftungen und Nummernkonten in Liechtenstein und der Schweiz. Man wollte (wieder) viel erreichen. Deshalb war Spennrath auch im Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung, zusammen mit Dr. Ernst, Hitlers Reichskommissar für Osteuropa.

Skandalgefahr: Projekt wird fluchtartig fallengelassen

Nach wenigen Monaten im März 1956 war der Rohbau fertig. Heizungen und ein Öltank im Keller waren eingebaut. Ein Teil der Elektroleitungen, Lichtschalter und Steckdosen war vergipst. Aber dann stellten zunächst regionale Medien wie der Trierische Volksfreund Fragen zu dem geheimnisvollen Bau. Sobald die Namen Adenauer und Spennrath fielen, wurde es brenzlig. Das Ansehen der mit Altnazis besetzten Regierung und der wieder führenden Ex-Wehrwirtschaftsführer in den Unternehmen war noch auf Kante genäht. Die Beteiligten waren dünnhäutig, überall drohten Skandale. Adenauer überzog damals zahlreiche Journalisten mit Strafanzeigen, sogar den harmlosen Kölner Karnevalisten Karl Küpper verklagte er.

Das Projekt „Camp Konrad“, wie es nach dem Vorbild „Camp David“ von US-Präsident Eisenhower bald genannt wurde, wurde fluchtartig aufgegeben. Adenauer wollte vom Eifel-Projekt nichts gewusst haben: Er, der das Volk als „strohdumm“ bezeichnete, hatte sich hier verschätzt. Die Handwerker wurden großzügig ausgezahlt und verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren.

Adenauer wusste sehr wohl Bescheid. Er traf sich mit dem engen Kreis der Industriellen, zu denen Spennrath wie der Chef der Deutschen Bank, Abs, der BDI-Vorsitzende Fritz Berg, der Klöckner-Chef Günter Henle und Pferdmenges gehörten, ohnehin häufiger als mit seinen Ministern. 1954 wohnte Adenauer bei einem Berlin-Besuch in der Grunewald-Villa von Spennrath, wie der Spiegel damals sofort berichtete. Zudem hieß der Architekt der Villenanlage Heribert Multhaupt und war mit Adenauers Tochter Lotte verheiratet. Ein Forstamtsrat aus Duppach berichtete später, er habe mit Adenauer und Tochter Lotte vor Ort den Bauplatz ausgesucht und mit Wünschelrute die nächste ergiebige Quelle aufgespürt.

Spennrath hatte in der Nähe des 300-Einwohner-Dörfchens Duppach schon früher ein Jagdrevier gepachtet. Schon da ging es in kleiner Runde um wichtige Regierungsentscheidungen. Die Jagdfreunde und Ex-Nazis wie der Atom-Minister Franz-Josef Strauß und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier waren hier eingeladen. Aber die Jagdhütte war ein bisschen klein und ungemütlich. So entwickelten die Geheimniskrämer das Projekt des größeren Neben-Regierungssitzes, der auch für einen größeren Kreis und die Hauptfigur attraktiv sein würde.

Adenauer war mit seinem wichtigsten Intimus Pferdmenges noch drei Jahre später intensiv damit befasst, die Sache endlich geräuschlos verschwinden zu lassen. Pferdmenges mahnte in einem Brief vom 6.8.1958 an Adenauer zu Geduld und Vorsicht: Man werde „noch eine gewisse Zeit benötigen, um eine vernünftige Bereinigung zu ermöglichen“.[3] Nur gelegentlich und verharmlosend kam die Provinzpresse darauf zurück. So fabulierte die klerikale Kölnische Rundschau am 10.1.2009 von einem „Schildbürgerstreich aus den frühen Tagen unserer Demokratie“.[4]

Erfolgreicher Arisierer als neuer Eigentümer

Die dann allmählich bröckelnde Ruine wurde von Einheimischen und Touristen immer wieder staunend aufgesucht. Doch das Landratsamt behandelte das Haus, das bis heute keine Hausnummer hat, jahrzehntelang wie ein extraterritoriales Fluggerät – nur zögerlich wurden in den letzten Jahren Sicherungsmaßnahmen angeordnet. Das hing auch mit den unklaren Eigentumsverhältnissen zusammen.

Zunächst kaufte der rheinische Kaufhausmillionär Dr. Hubert Kogge die Immobilie. Das NSDAP-Mitglied hatte 1938 durch die Arisierung des jüdischen Kaufhauses Carsch in Gelsenkirchen den Grundstein für seinen Aufstieg zum Großunternehmer gelegt. Ab 1939 kamen weitere arisierte Kaufhäuser im Rheinland dazu. Sie bestanden auch in der Bundesrepublik bis in die 1970er Jahre unter dem Namen Kogge, bevor sie an die größeren Kaufhausketten verkauft wurden.

Kogge kaufte einen Mischkonzern zusammen. Ihm gehörte eine Textilfirma, eine Hühnerfarm, eine Destillation mit Weinkellerei und ein Bauunternehmen. Er agierte als Generalkonsul von Zypern. Er wurde Großaktionär und Aufsichtsratschef der neu gegründeten Fluggesellschaft Atlantis. Die sollte u.a. die vielen damals in der Bundesrepublik, vor allem in der Eifel stationierten US-Soldaten zum Urlaub in die Heimat und zurück fliegen. Das Unternehmen ging pleite. Kogge verkaufte 1980 die bröckelnde Adenauer-Immobilie und seine nahegelegene Jagdpacht mit 270.000 Quadratmetern. Er gründete die Kogge-Stiftung, die seitdem veterinärmedizinische Forschung finanziert.

Über den neuen Eigentümer, einen Landwirt und Unternehmer namens Thurner, ist wenig bekannt. Er bekam Auflagen zur Sicherung des verfallenden Hauses, beachtete sie aber nicht. Das hatte möglicherweise damit zu tun, dass Thurner seinen Wohnsitz nach Diekirch, in die nahe Finanzoase Luxemburg verlegt hatte.[5] Als Thurner im Frühjahr 2018 starb, erbte Tochter Lissa Thurner das Objekt. Die Unternehmensberaterin, die deutsche Ärzte in die besser zahlende Schweiz vermittelt, wollte es möglichst schnell loswerden. Der Makler platzierte es bei ebay und verlangte keine Provision. Geboten werden konnte ab 1 Euro. Ein Prinz aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der 35.000 Euro bot, galt als unpassender Käufer. So kam schließlich, so die Erbin, mit geringem Aufschlag ein „Großunternehmer aus Köln“ zum Zuge, der gleichzeitig großer „Adenauer-Fan“ sei. Seinen Namen wolle er aber geheimhalten.

Die bessere Lösung: Cadenabbia am Comer See

Adenauer hatte schon in seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister die Gewohnheit, während vier- bis sechswöchiger „Urlaube“ im elitären Grandhotel Chandolin in den Schweizer Bergen mit großer Begleitung abseits der Öffentlichkeit wichtige Entscheidungen vorzubereiten.

So fand Adenauer sehr schnell nach dem Eifel-Desaster seinen definitiven Neben-Regierungssitz außerhalb der Hauptstadt Bonn, nämlich im Ausland, im ebenso christlich-korrupt regierten Italien. Vermittler war Heinrich von Brentano.

Brentano war der zweitwichtigste Intimus Adenauers beim Aufbau des bundesrepublikanischen Regierungssystems. Er war der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag von 1949 bis 1955. Nachdem zuerst Adenauer nach westalliierter Erlaubnis selbst das Amt des Außenministers übernommen hatte (1951) und das Amt wieder abgab, wurde Brentano Außenminister (1955-61). Als dieses Amt nach innen und außen stabilisiert war, wurde Brentano sofort wieder CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender (1961 bis 1964).

Brentano stammte aus dem uralten oberitalienischen Adelsgeschlecht der Brentanos. Der vollständige Name des nach Pferdmenges wichtigsten Adenauer-Intimus lautete Heinrich Joseph Maximilian Maria von Brentano di Tremezzo. Am Ufer des Comer Sees, im Friedhof von Griante, ragt das monumentale Grabmal der Familie über alle anderen. Der Vater Brentanos war wie Adenauer während des Kaiserreichs Mitglied des rechten Flügels der Zentrumspartei und nach dem 1. Weltkrieg zunächst rheinischer Separatist, passte sich dann wie Adenauer an die Weimarer Republik an, war hessischer Justiz- und Innenminister und Reichstagsabgeordneter.

In Cadenabbia, einem Ortsteil von Griante, hielt sich Adenauer seit 1957 zweimal jährlich vier bis fünf Wochen auf, insgesamt 18 Mal, seit 1959 in der Villa Collina. Die „Villa auf dem Hügel“ mit 34 Zimmern, zwei Appartments, Konferenzräumen, Restaurant, Swimming Pool und 27.000 Quadratmeter-Park gehört seit 1977 der Konrad Adenauer-Stiftung und dient als aufwendiges internationales Begegnungszentrum.

Ersatzkanzleramt in schöner Landschaft

Laut Hans-Gert Pöttering, Vorsitzender der Adenauer-Stiftung, war die Villa Collina „Ersatzkanzleramt“.[6] Ständig waren 3 Amts- und 17 Nebenleitungen nach Bonn freigeschaltet.[7] Die Bundesbahn stellte das Küchenpersonal und transportierte mit Sonderzügen Nachschub und Gäste. Geheime Kanzlerpost wurde per Boten überbracht.

Kabinettsmitglieder werden einbestellt
Adenauers Finanzberater und Kassenfüller Pferdmenges hat als Abgeordneter im Bundestag nie etwas gesagt – aber er war der Einzige, der in Cadenabbia immer anwesend war. Hier fanden Kabinettssitzungen statt. Hierhin wurden einzelne Minister zum Rapport einbestellt, allen voran Brentano; (im Folgenden werden die Ex-NSDAP-Mitgliedschaften nicht erwähnt, es wäre etwas langweilig) Herbert Blankenhorn, persönlicher Referent Adenauers und später zuständig für Militärfragen; Heinrich Krone, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, während Brentano Außenminister war, danach „Minister für besondere Angelegenheiten“ (=Bundeswehr); Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator Hans Globke.

Ebenso einbestellt, aber weniger häufig, wurden Wirtschaftsminister Ludwig Erhard; Innenminister Gerhard Schröder; der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Heinz Starke; der Bauminister und katholische Funktionär Paul Lücke, Ritter vom Heiligen Grab, Präsident des Deutschen Katholikentages; CDU-Bundesgeschäftsführer bzw. dann CDU-Generalsekretär Bruno Heck, der mit der CIA die psychologische Kriegsführung gegen die DDR koordinierte (Ost-Büro der CDU); Karl Carstens, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und zuständig für Westeuropa; Walter Scheel/FDP, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß, der vielverwendbare Minister für besondere Aufgaben, für Atomrüstung und für die Bundeswehr.

NATO und Außenpolitik
Am Comer See empfing der Bundeskanzler die wichtigsten Politiker aus den USA und Westeuropa. Außenpolitik, sprich Westbindung und NATO, war das wichtigste Thema, das Adenauer weitestgehend aus dem Bundestag und der deutschen Öffentlichkeit fernhielt. So kamen in die Villa Collina der US-Außenminister Dean Rusk; McGeorge Bundy, der außenpolitische Berater von US-Präsident Johnson; Jean Monnet, der US-Banker, der als erster Chef der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl den Grundstein für die Europäische Kommission und die Wirtschaftsintegration Westeuropas legte. Besonders gut verstand sich der Hausherr mit Amintore Fanfani: der mehrmalige Ministerpräsident, Außenminister und Vorsitzende der mindestens genauso korrupten Democrazia Christiana hatte seine antisemitischen und faschistischen Positionen während der Mussolini-Zeit wendig hinter sich gelassen und hatte in den Schoß des Polit-Katholizismus zurückgefunden. Mit ihm organisierte Adenauer die NATO-Zustimmung in Westeuropa.

So konferierten im September 1960 in der Villa Collina auch wichtige andere westeuropäische NATO-Politiker: Paul-Henri Spaak (Belgien), Dirk Stikker (Niederlande, NATO-Generalsekretär ab 1961), Herbert Blankenhorn (persönlicher Referent Adenauers, dann ständiger Vertreter der Bundesregierung bei der NATO, dann Botschafter in den wichtigsten europäischen NATO-Mitgliedsstaaten Frankreich, Italien und Großbritannien), wobei auch der NATO-Oberbefehlshaber, US-General Lauris Norstadt, nicht fehlte.[8]

Vatikan und BILD
Auch die Kontakte zum Vatikan und zur italienischen katholischen Kirche nahmen breiten Raum ein. Die Kardinäle Testa und Wendel sowie Erzbischof Bafile durften oder mussten schon mal sich als Boccia-Mitspieler fotografieren lassen. Der Mailänder Erzbischof Montini kam zu Besuch, bevor er zum Papst Paul VI. gewählt wurde. Von Cadenabbia nach Rom – das war ein kurzer Weg.

Auch BILD- und Welt-Herausgeber Axel Springer kam zusammen mit seinem Moskau-Korrespondenten zu Besuch, um etwa über den Handelsboykott gegen die Sowjetunion zu beraten. Das Gossenblatt BILD regierte im Adenauer-Staat mit. Springer war es, an den der vielbeschäftigte Urlauber aus Cadenabbia die meisten Briefe schrieb.

Fake reports in bundesdeutschen Zeitungen
Die Aufenthalte des CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers wurden für die bundesdeutsche Bevölkerung als gemütliche Urlaube inszeniert. In den Leitmedien wurden jedesmal dieselben fake reports mit wiederkehrenden Fotos gezeigt: Adenauer mit Sonnenbrille und Tochter in der Touristenfähre auf dem Comer See. Adenauer mit Tochter beim Boccia-Spiel. Adenauer mit Tochter beim sonntäglichen Kirchgang in Griante. Adenauer auf der Terrasse bei der Lektüre der Frankfurter Allgemeinen, immer jeweils mit der gut sichtbaren Titelseite und dem vertrauten Schriftzug. Dabei durfte auf Adenauers Kopf nie das Pepitahütchen fehlen, das ihm sein langjähriger Freund, der US-Unternehmer Dannie Heineman geschenkt hatte.

Nur christlich lackierte Lieblingszeitungen durften nach sorgsam arrangierten „Plauderstunden“ in der Villa Collina exklusiv-harmlose Reportagen veröffentlichen, so Christ und Welt, Die Welt, Schwäbische Donauzeitung, die Rhein-Zeitung, der Mühldorfer Anzeiger, Bonner und Kölnische Rundschau und FAZ mit den vom Bonner Bundespresseamt gehätschelten Hofschreibern wie Max Schulze-Vorberg und Walter Henkels.

Der Historiker Golo Mann durfte in Cadenabbia Empfehlungen mitnehmen, wie das Bild Adenauers mit wissenschaftlicher Weihe verbreitet werden konnte. So rühmte der Historiker, dessen Ressource in wenig anderem bestand, als Sohn des Schriftstellers Thomas Mann zu sein, dann: „Einer nach Millionen zählenden Schar von Menschen hat er nachweislich Gutes getan… die 28.000 in Rußland Gefangenen, die er aus Sklaverei befreite…“[9] Aus „Sklaverei“ befreit: Wehrmachtsoffiziere, die den mörderischen Überfall auf die Sowjetunion angeführt hatten…

Ewig dankbar
Zum 40. Todestag des Nebenregierers wurde am Ufer von Cadenabbia ein Bronze-Adenauer aufgestellt: Der Kanzler mit Pepitahut beim Boccia-Spiel. Finanziert vom Arbeitgeberverband Metall NRW.

Nachbemerkung: Wo trifft sich die Regierung mit BlackRock?
Heimlich neben der eigenen Regierung und neben dem Parlament regieren – das können auch die Nachfolger. Erst auf die ohnehin etwas defensive Anfrage der Linkspartei im Bundestag antwortete die Bundesregierung im Januar 2019: Seit 2015 trafen sich Staatssekretäre und Minister mit Vertretern von BlackRock, dem größten Kapitalorganisator des US-geführten Westens: Finanzstaatssekretär Meister mit BlackRock-Vizechefin Barbara Novick; Finanzminister Wolfgang Schäuble mit Chef Lawrence Fink; Finanzstaatssekretär Jörg Kukies mit ungenannten Blackrock-Vertretern. Ebenfalls trafen sich, unter gleichzeitiger Anwesenheit des BlackRock-Deutschland-Vorstandschefs Friedrich Merz, der Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun und Finanzminister Scholz mit Fink. Und auch Außenminister Sigmar Gabriel traf sich mit Merz und Fink zweimal zum „Gespräch“ – aha, auch für die deutsche Außenpolitik ist der größte Briefkastenorganisator der Welt aus den USA wichtig.

Übrigens: Die Bundesregierung teilte nicht mit, um welche Themen es ging und wo man sich getroffen hat. Vermutlich ja nicht in Cadenabbia, wo die Residenz auf Steuerzahlerkosten luxuriös und legendenhaft dahindämmert.

Letzte Buchveröffentlichung von Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Papyrossa-Verlag Köln 2018. 357 Seiten, 19,10 Euro.

Titelbild: Wolkenkratzer [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], von Wikimedia Commons


[«1] Neuer Besitzer für Adenauers „Bruchbude“, 23.1.2019

[«2] Die Ruine im Wald und der Kanzler, 18.11.2016

[«3] Adenauers Skandal-Villa, Der Spiegel 19.4.2017

[«4] Godehard Schramm: Der Kanzler und der See. Hamburg 2012, S. 82

[«5] Walter Schmidt: Adenauers Bruchbude, neues deutschland 24.10.2011

[«6] Schramm, S. 8

[«7] Schramm S. 82

[«8] Hans Dollinger / Thilo Vogelsang: Die Bundesrepublik in der Ära Adenauer, München 1966, S. 220

[«9] Zitiert nach Schramm S. 101