Zum Gedenken an Tomi Ungerer: Zeugnisse seiner Arbeiten für Willy Brandt

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Tomi ist tot. Das ist schade, denn es gibt so wenige von seiner Sorte, seinem Charakter, seiner Kreativität, seiner wohltuenden Offensivität und seiner Lebenslust. Eine seiner letzten Weisheiten: „Lebe wohl und stirb noch besser“. Wunderbar. – Was Tomi Ungerer geschaffen hat, ist vielen geläufig. Das trifft aber für sein Wirken als politischer Kopf nicht zu. Deshalb berichte ich, belegt mit Dokumenten aus seiner Feder, über einige seiner Arbeiten für die politische Aufklärung. Ich traf ihn zum ersten Mal an einem sonnigen Spätnachmittag im Juli 1972 im Hotel Hugenpoet bei Kettwig an der Ruhr. Albrecht Müller.

Ich war damals verantwortlich für den Wahlkampf der SPD. Auf Vorschlag der Mitarbeiter der Agentur ARE, Harry Walter und Nils Johannisson, planten wir eine Kampagne für Multiplikatoren. Tomi Ungerer war bereit, einige Plakate und Anzeigenmotive zu illustrieren. Das tat er, weil Willy Brandt zur Wahl stand. Nach allem, was er und seine Elsässer unter den Nazis erlitten haben, hätte er nach meiner Kenntnis für keinen anderen deutschen Politiker gearbeitet.

In der geplanten Anzeigenkampagne für Multiplikatoren sollten Vorurteile und Fehlurteile aufgegriffen und gekontert werden. Dazu hatten wir damals den zu erwartenden Wahlkampf der Union analysiert und vorausgedacht. Wir wollten die potentiellen Wählerinnen und Wähler der SPD und vor allem die Multiplikatoren gegen die erwarteten massiven Attacken und Verleumdungen immunisieren. Jetzt, an diesem Juli Spätnachmittag und Abend sollte Tomi Ungerer damit bekannt gemacht werden. Es sollte ein Briefing werden, so würde man heute sagen.

Tomi Ungerer hat in knapp 3 Stunden in sich aufgesogen und verstanden, mit welchen Vorurteilen und Parolen einschließlich der davon betroffenen Sachfragen sich Willy Brandt und die damalige SPD im Wahlkampf herumschlagen mussten. Und wie unsere Gegenstrategie aussehen sollte. Die hier wiedergegebenen Anzeigenmotive belegen, wie meisterhaft Tomi Ungerer umsetzte, was uns damals bewegte und wir im Schloss Hugenpoet besprochen hatten.

Die Ungerer-Kampagne war ein wichtiges Element des damaligen, wegen der verkürzten Legislaturperiode aus dem Stand zu planenden und umzusetzenden Wahlkampfes. Die Anzeigen waren attraktiv und hintersinnig, sie wurden gelesen; wir „hörten“ das Klicken und das „Ach-so-ist-das“ bei den angesprochenen Bürgerinnen und Bürgern. Außerdem waren die Anzeigen dank des guten Rufes von Tomi Ungerer ein erfolgreicher Sympathieträger.

Nach dem Briefing zogen sich dann Mitarbeiter der Agentur mit Tomi Ungerer zur grafischen Umsetzung für einige Tage in die Eifel zurück. Die hier eingestreuten Fotos stammen aus dieser Klausur. Das war das Haus für die Klausur in der Eifel, eine Skizze von Tomi Ungerer:

Die Ungerer Anzeigen-Kampagne:

In Sachen SPD: Wir gegen uns.

Zum Hintergrund:

Weil es in der damaligen Sozialdemokratischen Partei viel Diskussion und auch Streit gab, sprachen die Gegner von Selbstzerfleischung und mahnten Geschlossenheit an. Das ist wie heute. Geschlossenheit wird zum Selbstzweck erklärt. Wir haben damals stattdessen aus der internen und heftigen Diskussion etwas Positives gemacht: Lebendigkeit, Vielfalt, Streit um die Sache und den richtigen Weg.
Tomi Ungerer hat die Situation meisterhaft ins Bild umgesetzt. Selbstironisch. Selbstkritisch und selbstbewusst zugleich.

Die Anzeigen bestanden übrigens alle aus drei Elementen: der Illustration, einem Haupttext mit Headline, einer Spalte an der Seite mit Informationen zur Sache. Auf der Spalte am rechten Rand hatten wir Planer in der Parteizentrale bestanden und uns mit der Agentur kritisch/freundschaftlich darauf verständigt. Der Dreiklang passte, klang selbstbewusst, lustig, informativ, selbstironisch. Ohne Tomis wunderbare Skizzen undenkbar.

Krise, wo bist du?

Zum Hintergrund dieser Anzeige:
Es zeichnete sich ab, dass CDU und CSU die Verhältnisse in unserem Lande schwarz malen und dass sie dabei massive Unterstützung aus der Wirtschaft erhalten würden. Am Ende hatten finanzkräftige konservative Zirkel 100 verschiedene Anzeigen geschaltet und Millionen ausgegeben, um das Land und vor allem Brandt schlechtzumachen. Mit dieser Anzeige konterten wir rechtzeitig, immer wieder mit dem geplanten Versuch, die eigenen Anhänger und potentiellen Wähler zu immunisieren. So zu immunisieren, dass auch die mehrfache finanzielle Potenz der Gegenseite keine Wirkung mehr entfalten konnte.

Die Wirtschaft blüht.

Zum Hintergrund:
Schon damals gab es eine Wachstumsdebatte. Die SPD hatte sich, lange vor dem Aufstehen der Grünen, um Umweltschutz und mehr Lebensqualität gekümmert. Leider ist dieser Pluspunkt dann in einer sinnlosen Verteidigung der Kernenergie verspielt worden. Da war allerdings Willy Brandt schon nicht mehr Bundeskanzler.
Schauen Sie sich die Anzeige genau an. Es ist wirklich ein Zeitdokument.

Das Märchen vom reichen Onkel, seinen armen Erben und der bösen SPD.

Zum Hintergrund:
Im Jahr vor der Wahl hatte die SPD eine sehr fortschrittliche Steuerreform beschlossen. Mitten im Wahlkampf tagte eine Bodenrechts-Reformkommission. Ich selbst hatte dafür schon einige Jahre zuvor mit einem Kollegen das Konzept für eine Bodenwertzuwachssteuer entwickelt. Die SPD trat offen dafür ein, dass der Staat mehr Geld braucht. „Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten“ war unsere offensive Parole. Die Gegner der SPD glaubten, sie könnten aus diesen fortschrittlichen Vorstellungen eine Kampagne formen – mit Parolen von Enteignung usw.
Tomi Ungerer half mit, diese Aggression ins Leere laufen zu lassen.

Pappkamerad Staatsbankrott.

Zum Hintergrund:
Auch damals schon gab es Bewunderer der schwarzen Null. Der Unterschied zu heute: die SPD hat damals nicht mit den reaktionären Wölfen geheult.

Rettet die Marktwirtschaft vor ihren Rettern.

Zum Hintergrund:
Wenn schon Marktwirtschaft, dann aber wirklich auch Wettbewerb. Deshalb haben wir damals das Notwendige gefordert und auch gefördert: den Schutz des Wettbewerbs, die Schärfung des Kartellgesetzes.
Diese Anzeige ist auch deshalb interessant, weil sie zeigt, wie vielfältig und tiefgründig selbst in Wahlkämpfen die Sachdebatte geführt wurde.

Rosa Zeiten für Bodenspekulanten.

Zum Hintergrund:
Der Kampf gegen Spekulation, insbesondere die Bodenspekulation, war ein wichtiger Teil der Programmatik. Herausragender Träger dieser Debatte war Hans-Jochen Vogel, vor kurzem gerade 93 Jahre alt geworden.
Wenn die SPD mit demselben Biss an die Spekulation der Finanzwirtschaft in der Finanzkrise 2007 und danach herangegangen wäre, dann stünden wir und auch diese Partei heute besser da. Schröder und Steinbrück haben dereguliert, wo eine spürbare Regulation und das Abschöpfen von Spekulationsgewinnen notwendig gewesen wäre. Vor allem wäre es wichtig gewesen, nicht auch noch die Wettschulden der Spekulanten zu bezahlen.

Wer hat Angst vorm bösen Juso?

Zum Hintergrund:
Damals waren die Jusos ein Teil des fortschrittlichen Flügels der SPD. Sie waren verhasst bei konservativen Medien und Politikern. Statt nun in den Chor der Feindseligen einzustimmen, was auch einige Spitzenvertreter der SPD verlangten, haben Willy Brandt und der Bundesgeschäftsführer Holger Börner wie auch wir Wahlkampfmacher dagegengehalten. Auch hier der deutliche und übrigens auch erfolgreiche Versuch der Immunisierung unserer Anhänger gegen die Parolen der Reaktion.

Das Ergebnis, auch mithilfe von Tomi Ungerer: 45,8 % am Wahltag des 19. November 1972.

Das war eine kleine Präsentation des Wirkens von Tomi Ungerer für die Sozialdemokratie und insbesondere für Willy Brandt. Er war ein Aufklärer mit spitzer Feder. Mit Dank und Freude denken wir an ihn.

Willy Brandt bedankte sich nach getaner Arbeit für die große Hilfe:

P.S.: Die Trauerfeier für Tomi Ungerer fand heute Mittag in Bantry im Südwesten Irlands statt. Moritz Müller (NachDenkSeiten) und seine elsässische Lebensgefährtin waren mit dabei.
Hier ist die Todesanzeige.

P.S.2: Einige weitere Informationen zu Tomi Ungerer, für alle seine Freunde zur Vertiefung:

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