Schäuble nutzt den Wippschaukeltrick zur Beschönigung der Leistung des „Qualitätsjournalismus“ und zur  Anschwärzung der kritischen Medien im Netz
Schäuble nutzt den Wippschaukeltrick zur Beschönigung der Leistung des „Qualitätsjournalismus“ und zur Anschwärzung der kritischen Medien im Netz

Schäuble nutzt den Wippschaukeltrick zur Beschönigung der Leistung des „Qualitätsjournalismus“ und zur Anschwärzung der kritischen Medien im Netz

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Gestern erschien in der Stuttgarter Zeitung ein Beitrag von Bundestagspräsident Schäuble im Rahmen der Kampagne Journalismus zeigt Gesicht. Er lobt den sogenannten Qualitätsjournalismus als tragende Säule der Demokratie. Diese Beschönigung schafft er vor allem dadurch, dass er die kritischen Stimmen im Netz diffamiert. Er beruft sich auf den Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Im Netz herrsche ein ungleicher und ungezügelter Wettbewerb um Aufmerksamkeit. „Journalistisch aufbereitete Informationen, unreflektierte, oberflächliche Wortmeldungen und gezielte Desinformation“ würden miteinander konkurrieren und ein „Vexierbild von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten geschaffen“. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Den Medien werde auch heute wieder wie in der Weimarer Zeit Wahrheitsverdrehung unterstellt. „Von einer Gegenöffentlichkeit, die Meinungen und Fakten vermischt und ihre eigenen Wahrheiten absolut setzt, um sie in den Echokammern der sozialen Medien lautstark wiederhallen zu lassen.“

Hier werden von Schäuble die oft fragwürdigen und kritikwürdigen Einträge im Netz benutzt, um die Versuche zum Aufbau einer Gegenöffentlichkeit generell zu verurteilen, und dann wird dieses miese Bild benutzt, um die Qualitätsmedien außerhalb des Netzes in einem glanzvollen Licht erscheinen zu lassen. Das nenne ich in Kapitel III.9. meines neuen Buches „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ den Wippschaukeleffekt. Ich zitiere die einschlägige Passage:

„In den letzten Jahren begannen die etablierten Medien und ihre Vertreter die heranwachsenden Medien im Internet kritisch bis herablassend zu beäugen. Diese Kritik und die damit eintretende negative Etikettierung wirkt ebenfalls nach dem Schaukelprinzip. Die etablierten Medien erscheinen als das Wahre; sie erscheinen zugleich immer mehr als Einheit. Das Boulevardblatt Bild-Zeitung auf der einen Seite und zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit auf der anderen Seite wirken als einvernehmliche Gruppierung der wahren Medien.“ (Seite 44)

Die Realität sieht anders aus. Das Folgende ist der Aufmacher eines aktuellen Artikels der Bild-Zeitung, laut Schäuble auch ein Qualitätsmedium:

GERICHT KIPPT SANKTIONEN – DEUTSCHLANDS FAULSTER ARBEITSLOSER JUBELT„Jetzt gibt‘s Hartz IV auf dem Silbertablett!“
Kein Bock auf Arbeit … aber der Staat zahlt und zahlt!
06.11.2019 – 22:20 Uhr

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Hartz IV, das bei Verstößen statt harter nur noch geringe Sanktionen vorsieht, sorgt für Wirbel. Markus M., Deutschlands faulster Arbeitsloser, der die Unterstützung seit Jahren bezieht, ist dagegen begeistert, sagt: „Jetzt gibt‘s Hartz IV auf dem Silbertablett“.

Es gibt schlimme Artikel wie diesen in den normalen etablierten Medien und es gibt schlimme Passagen in den sogenannten sozialen Medien.

Es gibt gute, gut recherchierte und aufklärende Artikel in den etablierten Medien und es gibt gute, aufklärende Artikel, Audios und Videos in den Internetmedien, bei uns in den NachDenkSeiten, bei Makroskop, bei KenFm, bei Häring, Hinter den Schlagzeilen, bei Gellermann, bei Weltnetz TV usw.

Wenn man einen Strich unter den Aktivitäten der Gruppe kritischer Medien im Internet ziehen würde und einen solchen bei den etablierten Medien, dann würden wir auf keinen Fall schlechter abschneiden.

Wir sollten uns nicht diffamieren lassen, zumal nicht von Personen wie Wolfgang Schäuble, der an der Untergrabung des Rufs der Demokratie selbst aktiv mitgewirkt hat:

  • zum Beispiel durch Annahme einer 100.000-D-Mark-Spende im schwarzen Koffer durch den damaligen CDU-Vorsitzenden Schäuble,
  • zum Beispiel dadurch, dass er genauso wie die gesamte CDU über Jahrzehnte hinweg und bis heute von Millionenbeträgen schwarzen Geldes profitiert hat.

Von 200 Millionen ist hier die Rede. In diesem Text wird berichtet, dass die CDU zwischen 1969 und 1980 auf diese Weise 200 Millionen D-Mark bekommen hat. Wer Teil dieses Milieus zutiefst antidemokratischer Machenschaften ist, sollte sich mit Wertungen über kritische Medien zurückhalten. Eigentlich hätte dieser Mann, wenn er Charakter hätte, die Position des Bundestagspräsidenten gar nicht annehmen dürfen.

Die Kenntnis des Wippschaukeleffektes hilft auch zur Klärung und zum Verständnis eines anderen, verwandten Phänomens: Ein weiter Kreis von Politikern einschließlich Politikern der Union und von Journalisten beklagt das Phänomen, dass die AfD viel Zustimmung von Wählerinnen und Wählern erhält. Diese Klage ist angebracht. Aber wenn diese Kritik und damit die negative Etikettierung der AfD von Leuten betrieben wird, die wie zum Beispiel Schäuble genug Gründe zur Selbstkritik hätten, dann erscheinen sie spiegelbildlich in glänzendem Licht: Je tiefer sich die Schaukel zulasten der AfD neigt, umso höher steigt das Ansehen der Kritiker, also auch einer Partei wie der CDU und von Politikern wie Schäuble. Die Stuttgarter Zeitung kann dann einen Politiker mit dieser beschämenden Geschichte zu einem „Gastbeitrag über die tragenden Säulen der freiheitlichen Demokratie“ – wie es in der Unterzeile zur Überschrift des Artikels von Schäuble heißt – einladen. Der Wippschaukeleffekt machts möglich.

Mein Fazit und meine Empfehlung: es ist allerhöchste Zeit, den Charakter und die Machenschaften der Partei zu untersuchen, die die längste Zeit in Deutschland regiert hat, der Union aus CDU/CSU. Dafür sprechen nicht nur die antidemokratischen Machenschaften mit Spenden und schwarzen Kassen. Dafür spricht auch die herausragende Rolle der Union bei der Rückkehr zum kalten Krieg und dafür spricht das, was wir inzwischen über die ausbeuterischen Machenschaften beim Prozess der Vereinigung beider Teile Deutschlands wissen.

Titelbild: YiAN Kourt / Shutterstock