Wo Neonazis ungeniert auftreten dürfen – So verraten die Rechtsextremen in der Ukraine ihre Sympathien zu den Nazis

Ein Artikel von Christian Müller | Verantwortlicher:

Christian Müller / 04. Jan 2020 – In der Ukraine Alltag, in Deutschland verboten, in den Ländern dazwischen halbwegs versteckt: Die Neonazis geben sich zu erkennen.
Vallecas ist ein Vorort von Madrid, 300’000 Einwohner, aber mit einer eigenen Fussball-Mannschaft – und mit einer eigenen Fan-Gemeinde. Die nahm sich die Freiheit, an einem 2. Liga-Fussballspiel den ukrainischen Spieler Roman Sosulja als «Nazi» auszupfeifen. Der Schiedsrichter entschied darauf, die zweite Spielhälfte abzublasen.

Roman Sosulja ist kein unbeschriebenes Blatt. Er hat tatsächlich als Freiwilliger am Bürgerkrieg in der Ostukraine teilgenommen und dies auch mit Bildern öffentlich dokumentiert: Roman Sosulja mit einer automatischen Waffe in der Hand, zusammen mit anderen Kriegern. Und er tritt offensichtlich auch ganz gerne im Umfeld der Zahlen 8, 14, 18 oder 88 auf, wie das russische Fernsehen in Beispielen zeigte.

Roman Sosulja, ganz zufällig im Umfeld der Zahlen 14 und 88 …

Zur Erklärung: H – wie Hitler – ist der achte Buchstabe im Alphabet. Die Zahl 8 bedeutet in der «Szene» Hitler. Die Zahl 88 heisst entsprechend HH und bedeutet «Heil Hitler». Die Zahl 14 verweist auf einen berühmt-berüchtigten Satz mit 14 Wörtern: «We must secure the existence of our people and a future for white children», «Wir müssen die Existenz unserer Bevölkerung und eine Zukunft mit weissen Babys sicherstellen». (Siehe dazu weiter unten.)

Der ukrainische Präsident Volodymr Selenskij nahm Roman Sosulja in Schutz und schrieb auf Facebook: «Roman Sosulja, nicht nur Dein Team unterstützt Dich, die ganze Ukraine unterstützt Dich! Du bist nicht nur ein grosser Fussballer, sondern ein echter Patriot, der sein Land liebt und unseren Soldaten hilft. Wir sind bei Dir! Drücke die Hand!»

Szenenwechsel

Auch der deutsche Botschafter in Prag, Christoph Israng, nutzte die Sozialen Medien und twitterte, allerdings in umgekehrter Richtung. Zu einem Schaufenster in Prag, in dem eine Hitler-Maske zum Verkauf angeboten wurde, schrieb er: «Die Tschechen haben so unter den Nationalsozialisten gelitten. Warum wird solcher Schund mitten in Prag verkauft?» Und tatsächlich, die Polizei kam, der Laden wurde dicht gemacht.

Ein Souvenir-Shop in Prag mit Hitler-Maske. Hier wurde tatsächlich von Amtes wegen eingegriffen. (Foto Deutsche Botschaft in Prag)

Szenenwechsel

Dass der ukrainische Ministerpräsident an einer Neonazi-Veranstaltung in der Konzerthalle Bingo mitten in Kiew teilnahm – Infosperber berichtete ausführlich – war in Kiew kaum ein Thema. Rücktrittsforderungen blieben aus, Oleksiy Honcharuk sah sich nicht einmal veranlasst, sich für seinen Auftritt an dem Anlass zu entschuldigen. Nicht zufällig, denn solche Veranstaltungen sind in Kiew an der Tagesordnung. Mitte Dezember war es «asgardsrei», die so ein Black-Metal-Konzert mit Neonazi-Formationen durchführte, im kommenden Mai ist es «Fortress Europe», die das macht. Siehe dazu oben das Aufmacher-Bild – und siehe vor allem die beiden auf dem Plakat gross mitpropagierten Plattformen «MILITANT.ZONE» und «SVASTONE.COM». Beides sind die Namen von Online-Shops, die Kleider mit Neonazi-Symbolen und -Grafiken verkaufen. Und Fortress Europa hat auch Bürogemeinschaft mit SVASTONE.COM, wie man an der Email-Adresse von «Fortress Europe» sehen kann: info(at)svastone.com. Es braucht auch nicht viel Phantasie, um im Namen «Svastone» die Anlehnung an «Svastika» – das Hakenkreuz – zu erkennen.

Soweit der Einstieg zu einem Artikel von Christian Müller im Infosperber, den wir auf den NachDenkSeiten mit einem dicken Dankeschön an den Autor übernehmen.

Fortsetzung hier.

P.S.: Die Hinweise von Christian Müller auf die Bedeutung der Rechtsradikalen in der Ukraine sind auch als Gegengewicht zu der verharmlosenden Propaganda anderer Medien wichtig. Am 5. Januar erschien zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Seite 6, ein ganzseitiger Artikel mit der Überschrift: „Krieg und Pizza“ und folgender Einführung:

„Fünf Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ist das Land voll von traumatisierten Veteranen. Einer hat sich eine Therapie ausgedacht: Tomaten, Mozzarella und Speck. Von Sofia Dreisbach“

Leider war kein Link auf diesen Propaganda-Artikel zu finden. Dafür waren bei einer Google Recherche gleich eine Latte von Artikeln und Sendungen aufgelistet, die die gleiche Story zum Thema haben, von 2016 bis heute. Sie schreiben also alle voneinander ab.

Drei dieser Quellen sind unten aufgeführt. Soweit es dabei um die Bewältigung von Kriegstraumata geht, sind diese Texte nicht zu kritisieren. Aber deutlich sichtbar am Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spielt Militarismus eine Rolle und es wird durchgehend manipuliert, vor allem durch Verkürzung der Geschichte und durch Geschichtsfälschung. Die Ukraine-Krise hat nicht wie die FAS behauptet mit „dem russischen Überfall auf die Ukraine“ begonnen. Und darüber, woher die Scharfschützen auf dem Maidan kamen, wird anders als es die FAS darstellt, gestritten.

Hier die Links zu drei weiteren Artikeln mit dem gleichen Thema

  1. Bento 05.04.2016
    Diese Hipster haben eine Pizzeria eröffnet, um ehemaligen Soldaten zu helfen
  2. jungle world 17.08.2017
    Trauma und Alltag in der Ostukraine
    Vom Trauma zur Pizza
  3. Deutschlandfunk 20.11.2018
    Veteranen in der Ukraine
    Von der Kriegsfront an den Pizzaofen
    Ein Job als emotionaler Zufluchtsort – für Veteranen in der Ukraine ist ihre Arbeitsstätte, eine Pizzeria, etwas Besonders. Mit Militärinsignien an der Wand versuchen die Ex-Soldaten mit dem Restaurant einen Neustart ins normale Leben. Das Modell macht Schule.
    Von Peter Sawicki